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Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und Mit-Gründer der HarzOptics GmbH - einem auf die Photonik spezialisierten An-Institut der Hochschule Harz - sowie einer der Manager des Telepflege-Netzwerks TECLA. Neben der Arbeit studiert er seit 2009 Umweltwissenschaften an der FernUniversität Hagen.

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28.01.08 · 20:13 Uhr

Wie sicher sind Wahlen per Computer?

Kategorie: Politik  ·  Kommentare: 11

Die Hessen haben gewählt, auch wenn über die politische Zukunft des Landes nun noch in Koalitionsgesprächen verhandelt werden muss. Erfreulich war schon mal, dass der Themenbereich 'Erneuerbare Energien' in diesem Landtagswahlkampf sehr präsent war, obwohl in den letzten Wochen viele Diskussionsthemen durch die Jugendgewalt-Debatte nach hinten geschoben wurden.

Als Informatiker beschäftigt mich jedoch noch ein weiterer Aspekt dieser Wahl: Die in einigen Wahlkreisen eingesetzten Wahlcomputer. Über diesen Einsatz hat es in den letzten Stunden einige beunruhigende Berichte gegeben, auf die ich hier kurz eingehen möchte.

Zunächst ein paar Hintergrundinformationen: In Hessen wird nicht flächendeckend am Bildschirm gewählt, sondern bislang nur in acht Wahlbezirken. Zum Einsatz kommen dabei Systeme des niederländischen Unternehmens NEDAP, die teilweise auch schon in der Bundestagswahl 2005 verwendet wurden – ein entsprechendes Wahlprüfungsverfahren ist übrigens seitdem anhängig und soll Anfang diesen Jahres vor dem Bundesverfassungsgericht entschieden werden.

Weil die Verwendung von Wahlcomputern als umstritten gilt, da eine technische Manipulation der Wahlergebnisse von vielen Experten für möglich gehalten wird, hat der Chaos Computer Club (CCC) vor der Hessen-Wahl interessierte Bürger dazu aufgerufen, sich als Wahlbeobachter zur Verfügung zu stellen und in den Wahllokalen zu beobachten, wie sich der Einsatz der Rechner praktisch gestaltet.

CCC – das sind doch aber eigentlich die bösen Jungs – oder nicht? Nun, der CCC ist offiziell eine Vereinigung zur Förderung von Datenschutz und Kommunikationsfreiheit, die ursprünglich in den 80er Jahren als eine Art „Hacker-Club“ ins Leben gerufen wurde. Diverse fragwürdige Aktionen und Personen werden mit dem CCC in Verbindung gebracht, darunter beispielsweise der als „Dr. Kimble“ bekannte Kim Schmitz. Nichtsdestotrotz steht außer Frage, dass in der CCC sehr viele talentierte Experten für Computersicherheit organisiert sind, so dass ihrem Urteil hinsichtlich der Wahlcomputer einiges Gewicht beigemessen werden sollte.

Diese Wahlbeobachtungs-Aktion hat nun einige unschöne Vorkommnisse ans Tageslicht gebracht, über die inzwischen dankenswerterweise auch in Mainstream-Medien wie dem FOCUS oder dem Handelsblatt berichtet wird:

1) Alle neun Wahlcomputer der Gemeinde Niederhausen wurden vor der Wahl in den Privathäusern lokaler Ortspolitiker gelagert – Politiker, deren Parteien selbst bei der Wahl antraten. Dies ist ein eklatanter Regelverstoß, der aber wohl häufig vorkommt – so gaben Mitarbeiter des Ordnungsamtes gegenüber Wahlbeobachtern zu Protokoll, dass mit den Geräten vor einer Wahl generell so verfahren werde. [Quelle]

2) In Obertshausen wurden die Wahlbeobachter vor dem Wahllokal abgefangen und durften dieses nicht betreten. Anschließend wurden ihre Personalien aufgenommen und ihnen mit einer Anzeige wegen Störung der Wahl gedroht – wobei ihre einzige Verfehlung bis zu diesem Zeitpunkt darin bestand, dass sie darauf pochten, den Aufbau und die Inbetriebnahme der Computer mit ansehen zu wollen. Ihr Hinweis auf die Paragraphen im Wahlgesetz, in denen die Öffentlichkeit der Wahlvorbereitung festgelegt ist, wurde mit der Aussage „Sie haben hier gar keine Rechte“ quittiert. Anschließend wurden die Beobachter auch aus dem Umkreis des Wahllokals verbannt und mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. [Quelle]

3) In Viernheim versagte der Wahlcomputer – ein Ersatzgerät war nicht verfügbar und konnte erst nach einer Stunde Wartezeit in Betrieb genommen werden. Wählern, die z.B. aus beruflichen Gründen diese Stunde nicht erübrigen konnten, wurde damit effektiv die Möglichkeit zur Ausübung ihres Wahlrechtes genommen – etwas, dass bei einer „Papierwahl“ niemals hätte passieren können. [Quelle]

4) Den schlimmsten bisher bekanntgewordenen Schnitzer leistete man sich in Lampertheim: Dort wurden die vor dem noch verschlossenen Wahllokal wartenden Wahlbeobachter von den Lieferanten der Wahlcomputer irrtümlich für Wahlhelfer gehalten. Das NEDAP-Gerät wurde ihnen daraufhin ohne Überprüfung der Personalien oder auch nur die Frage nach dem Namen einfach ausgehändigt, woraufhin sie es eine Viertelstunde bis zum Eintreffen des ersten „echten“ Wahlhelfers bewachen durften. [Quelle]

Insgesamt taten sich auf der einen Seite etliche Möglichkeiten der Manipulation auf, während auf der anderen Seite einfache Anfragen oft recht harsch beantwortet und diversen Beobachtern mit Anzeigen und Strafverfolgung gedroht wurde. Der hessische Wahlleiter, Bernhard Emrich, soll vor der Wahl ein Schreiben verfasst haben, von dem inzwischen ein unscharfes, heimlich im Wahllokal geschossenes Foto im Netz aufgetaucht ist. [Quelle] Hierin warnt er vor Störaktionen von CCC-Mitgliedern, die „sich als Wahlhelfer ausgeben“ und beabsichtigen „Unregelmäßigkeiten mittels Fotos [zu] dokumentieren“. Da diese Absicht zwangsläufig „zu Störungen im Wahllokal“ führe, werden die Wahlleiter im Schreiben dazu aufgefordert, die Beobachtungsaktionen zu unterbinden.

Aus der Tatsache, dass im Schreiben relativ offen gesagt wird, dass es wohl durchaus zu Unregelmäßigkeiten kommen könnte (zumindest lässt es sich so interpretieren) mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen. Fest steht, dass hier die Beobachtung eigentlich öffentlich stattfindender Vorgänge unterbunden werden soll. Unabhängig davon, wie man zu der Aktion des CCC stehen mag, wird der Wahlvorgang offenbar auch von berufener Stelle als „gefährlicher“ als eine Urnenwahl eingestuft, da man ja entweder Angst vor tatsächlichen Manipulationen zu haben scheint, oder die Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten befürchtet. Alles Sorgen, die sich bei einer Wahl mit Kugelschreiber und Papier gar nicht erst auftun.

Neben den bereits angeführten Problemen ist es darüber hinaus auch zu weniger schlimmen und eher zu erwartenden Technik-Ausfällen gekommen: Viele ältere Mitbürger kamen mit der Bedienung des Wahlcomputers nicht zurecht und mussten sich von den Wahlhelfern assistieren lassen, die selbst manchmal nicht so richtig Bescheid wussten. [Quelle] Auch bei der Veröffentlichung der Ergebnisse hakte scheinbar die Technik: Die Ergebnisse für Lampertheim wurden gegen 19.20 auf der Seite des Hessischen Wahlleiters bekanntgegeben [Quelle], da im Vergleich zu 14.641 Wählern in 2003 aber nur 1.689 in die aktuellen Ergebnisse eingingen, und die Wahlbeteiligung bei aller Politikverdrossenheit nicht so stark gesunken ist, konnte dieses vorläufige Ergebnis noch nicht so recht passen. Um 19.21 wurde die Freigabe dann auch wieder zurückgezogen [Quelle], und die etwas später erneut veröffentlichten vorläufigen Ergebnisse sahen dann schon ganz anders aus [Quelle].

Keines dieser Probleme deutet auf eine Manipulation oder eine aus anderen Gründen ungültige Wahl hin. Sie verdeutlichen aber, dass die Anfälligkeit einer Computerwahl sowohl für gezielte Manipulationen als auch für technische Ausfälle wesentlich höher ist, als dies bei einer „traditionellen“ Wahl der Fall wäre. Als Informatiker bin ich alles andere als technikfeindlich und sehe durchaus die Vorteile einer Computerwahl. Die Wahlen sind aber nicht ohne Grund eines der kostbarsten Güter unserer Demokratie – und wir sollten erst dann dazu bereit sein, auf Urnen und Wahlzettel zu verzichten, wenn wir ganz sicher sein können, dass wir es richtig hinbekommen. Wenn auch nur an der Hälfte der Geschichten, die zur Zeit in Blogs und Foren diskutiert werden, und die ich in diesem Post längst nicht alle berücksichtigen konnte, tatsächlich etwas dran sein sollte, dann hat der hessische Versuchsballon den Beweis dafür erbracht, dass wir es momentan noch nicht können. Und das sollte uns allen vor der nächsten Wahl eine Denkpause wert sein.

 

Autor: Christian Reinboth· 11 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (11)

Kommentar-Direktlink valerija· 29.01.08 · 11:34 Uhr

Ich finde man sollte immer persönlich hingehen und wählen. Wahlen per Computer finde ich persönlich etwas gefählich.

Kommentar-Direktlink be.sva· 29.01.08 · 15:41 Uhr

danke für die schöne Zusammenfassung. Ein Detail noch: in Viernheim war einer der Computer kaputt, richtig. Die Wähler wurden auf die Briefwahl im Rathaus verwiesen. dh es ist nicht so, dass sie dann gar keine Möglichkeit hatten, zu wählen (was du auch nicht schreibst, aber man könnte dies so verstehen)

Kommentar-Direktlink ruebezahl· 29.01.08 · 15:50 Uhr

Als kleine Ergänzung: zwielichtige Gestalten wie Kim Schmitz haben auf CCC-Veranstaltungen Hausverbot. Siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Chaos_Computer_Club#Trittbrettfahrer

Kommentar-Direktlink Tim Pritlove· 29.01.08 · 16:02 Uhr

Zunächst: Wer bitte bringt bitte "Kim Schmitz" mit dem CCC in Verbindung? Diese Unperson ist jemals Mitglied im CCC gewesen, noch auch nur im entferntesten Dunstkreis des Clubs geduldet. Er ist darüberhinaus zur Zeit immer noch die einzige Person mit explizitem Hausverbot auf CCC-Veranstaltungen. Kim Schmitz ist ein klassischer Krimineller und hat mit der Hackerszene nichts gemeinsam.

Desweiteren verwehre ich mich auch gegen die Bezeichnung "böse Jungs" für den CCC. Wir haben Mädels, die genauso fit sind :)

Zum Inhalt: gute Zusammenfassung. Ich persönlich finde allerdings Punkt 1 den "schlimmsten bisher bekanntgewordenen Schnitzer" und nicht Punkt 4. Auf zufälliger Basis lässt sich kaum ein gut gemachter Betrug durchziehen. Das "Aufbewahren" von Wahlcomputern bei Parteifunktionären würde ich allerdings als das ideale Szenario für einen Wahlbetrug durch Innentäter werten.

Ich bestreite alle "Vorteile" einer Computerwahl. Es gibt schlicht keine. Wahlen mit Computern sind teurer, komplexer in der Vorbereitung und Sicherung und dem Wähler schwer zu erklären. Der "Assistenzbedarf" war auch in Hessen deutlich sichtbar.

Hauptproblem ist und bleibt aber die Unmöglichkeit des Nachzählens. Nur eine Papierwahl kann die gebotene Transparenz herstellen. Dies ist mit einem Computer nicht machbar, da sich die interenen Prozesse schlicht nicht beobachten lassen.

Eine Wahl muss daher langsam sein. Wir haben auch alle Zeit der Welt. Was soll uns eine um eine Stunde früher mitgeteiltes Endergebnis auch bringen, wenn danach die Koalitionsgespräche eh wochenlang andauern. Oder sollte man die auch durch Computer ersetzten?

Author Profile Page Christian Reinboth· 29.01.08 · 16:09 Uhr

@be.sva: Vielen Dank für diese Ergänzung - dies war mir in der Tat nicht bekannt, so dass ich befürchtet hatte, den Wählern wäre außer einer Wartepause nichts anderes übrig geblieben. Zwar vermute ich, dass gerade weniger stark motivierte Wähler weder den Trip zum Rathaus noch die Wartezeit in Kauf nehmen würden - allerdings ist das dann wieder die Entscheidung der Wähler selbst, so dass ich mich zumindest in diesem einen Kritikpunkt revidieren muss. Dennoch ein ziemliches Spektakel, dass sich da am Sonntag in Hessen abgespielt hat. Mir persönlich wird Angst und Bange wenn ich mir vorstelle, dass in 10 Jahren vielleicht im ganzen Bundesgebiet per Computer gewählt wird...

Author Profile Page Christian Reinboth· 29.01.08 · 17:00 Uhr

@ruebezahl & Tim Pritlove: Ich stimme der Einschätzung vollkommen zu, dass Kim Schmitz und der CCC schon allein aufgrund ethischer Grundsatzfragen nicht zusammenpassen. Dies bedeutet aber nicht, dass Personen wie Schmitz nicht das Bild vom "Hacker" (den sie ja auch selbst gerne geben) auf bestimmte Art und Weise prägen. Bei Menschen, die sich mit der Hacker-Szene nicht auskennen, kann man vermutlich nicht erwarten, dass sie hier differenzieren können.... Der entscheidende Satz im Wikipedia-Artikel zum CCC ist ja auch "Häufig im CCC-Umfeld anzutreffen war in dieser Zeit Kim Schmitz....". Natürlich wird auf auf das Hausverbot etc. eingegangen, es wird jedoch auch deutlich, dass man Schmitz und den CCC eben doch fälschlicherweise in Verbindung bringen könnte. Und da wollte ich eben vorbeugen...

Zum Thema "schlimmster Schnitzer": Ich bin vermutlich zu gutgläubig was das betrifft, aber ich halte organisierten Wahlbetrug durch irgendwelche Ortsvorsitzende in diesem Land (noch) für unwahrscheinlich. Prinzipiell muss ich aber zustimmen: Die Tatsache, dass man die Geräte ausgerechnet bei Politikern zu Hause deponiert, ist im Grunde die größte Verfehlung. Die Übergabe des NEDAPs an die CCC-Wahlbeobachter in Lampertheim hat mich aber persönlich noch mehr geärgert, da der Vorfall zeigt, wie unprofessionell teilweise mit den Geräten umgegangen wird.

Soweit es die Vorteile einer Computerwahl betrifft: Sie ist weder sicherer noch spart sie Geld, das dürfte wohl inzwischen hinreichend bewiesen sein. Die Zeitersparnis ist auch aus Sicht des Wählers längst nicht so wichtig wie ein unverfälschtes Ergebnis, von daher ist auch das kein Argument. Als Vorteil könnte man m.E. sehen, dass die Computerwahl möglicherweise "interessanter" wirkt und die Wahlmüdigkeit ein wenig zurückgehen lässt - was transparentere Politik oder bessere Wahlprogramme natürlich auch könnten...

Insgesamt wiegen weder die Zeitersparnis noch der "Spassfaktor" die schweren Nachteile auf, die mit dem Einsatz von Wahlcomputern verbunden sind. Um so mehr hoffe ich, dass der inzwischen recht fest eingeschlagene Kurs in Richtung eines flächendeckenden Einsatzes noch vor der nächsten Bundestagswahl überdacht und revidiert wird. Alternativ bliebe natürlich auch das Wahlprüfungsverfahren vor dem BVerfG eine Möglichkeit, aber wie sagt man so schön: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand...

Kommentar-Direktlink Kumple· 29.01.08 · 17:31 Uhr

Darum ist in Viernheim auch die Wahlbeteiligung so gering. 50%+1 Stimmen.

Kommentar-Direktlink Monika Armand· 29.01.08 · 20:06 Uhr

Toller Beitrag. Nachtigall ich hör dich trabsen...... Da kann man sich um unsere Demokratie wirklich Sorgen machen. Angesichts des "patten" Wahlergebnisses wäre sowieso eine Wahlwiederholung besser.
Ob tatsächlich manipuliert worden sein könnte? Für denkbar halte ich das schon, die Versuchung war ja da und wenn die Geräte zuhause bei den Politikern stehen.......
Wenn man selbst einmal als Wahlhelfer tätig war, dann weiß man, dass alles von der absoluten Integrität der Wahlleiter in den jeweiligen Wahllokalen abhängt...

Author Profile Page Christian Reinboth· 29.01.08 · 20:54 Uhr

Genau dieser "Verlust" der integeren Wahlhelfer ist das Problem - Wahlen in denen per Stimmzettel gewählt wird lassen sich viel schwieriger manipulieren, da man zig Wahlhelfer mit einbeziehen oder hinters Licht führen müsste. Bei einer Computerwahl reicht es jedoch schon, wenn im Gerät etwas nicht so läuft wie es sollte - im Wahllokal kann es da ganz vorschriftsmäßig zugehen. Und dass man NEDAPs wirklich manipulieren kann, hat der CCC bereits ausführlich dargelegt:

http://www.ccc.de/press/releases/2007/20070609/nedapReport54.pdf

Angesichts der vielfältigen Probleme kann man sich wirklich nur wünschen, dass wir zur nächsten Bundestagswahl noch mit dem Stift wählen dürfen...

Kommentar-Direktlink Tim Pritlove· 06.02.08 · 19:38 Uhr

Du schreibst, Du hältst "organisierten Wahlbetrug durch irgendwelche Ortsvorsitzende in diesem Land (noch) für unwahrscheinlich".

Tatsächlich sind Manipulationen durch Amtsinhaber auf kommunaler Ebene die bei weitem häufigste Form von Wahlbetrug. Das wird dadurch befördert, dass hier die sozialen Netzwerke so überschaubar (und beherrschbar) sind und die Zahl der Wahllokale gering ist. Was auf kleiner Ebene noch funktioniert, ist in größerem Massstab zunehmend schwerer durchzuführen.

Genau hier setzt auch eine zentrale Kritik an Wahlcomputern an: das, was derzeit nur in kleinen Verschwörungen auf lokaler Ebene an Wahlbetrug organisiert werden kann, wird mit Wahlcomputern auf die nicht-lokale Ebene erweitert. Wahlcomputer erlauben einen im wahrsten Sinne des Wortes "programmierten" Betrug mit dem besonderen Feature, dass der Betrug selbst - wenn überhaupt - nur unter größtem technischen und organisatorischen Aufwand entdeckt werden kann.

Jeder korrupte Machtinhaber, der das irgendwann verstanden hat, wird diese Möglichkeit nutzen. Warum sollte man zweistellige Summen in einen Wahlkampf investieren, wenn man auch mit einer einstelligen Summe zum Ziel kommen kann?

Das große Problem bei Wahlcomputern ist ihr Missbrauchspotential. Haben wir uns die Systeme einmal eingetreten werden wir sie nicht mehr los und irgendwann werden wir unsere Machthaber nicht mehr los. Das Grundgesetzt ist so wie es ist gemacht, damit der Bürger sich immer gegen den Staat wehren kann. Wahlcomputer sind in der Hinsicht der Anfang vom Ende.

Author Profile Page Christian Reinboth· 06.02.08 · 21:32 Uhr

@Tim: Ich bin vielleicht idealistisch, aber aufgrund meiner eigenen Erfahrungen im politischen Bereich halte ich organisierten Wahlbetrug in größerem Umfang (also vor allem auf Landes- oder Bundesebene) momentan tatsächlich für kaum vorstellbar, und zwar bei keiner Partei. Der "Ortsvorsitzende" bezog sich nicht auf die Kommunalwahl an sich, sondern eher auf die Horrorstory mit den zu Hause gelagerten Wahlcomputern...

Insgesamt kann ich Deinen Aussagen aber nur zustimmen: Mit den Computern wird eine Manipulation auch in größerem Stil einfacher, und sobald sowas einfacher wird, steigen auch die Chancen, dass es jemand wirklich versucht. Aus vielen anderen Gründen halte ich die Einführung von Wahlcomputern für einen gewaltigen Fehler (Transparenz des Wahlprozesses, Nachprüfbarkeit der Ergebnisse, permanente Zweifel an jedem - auch legitimen - Ergebnis, Manipulation durch Innentäter, Hacker etc. pp.). Mehr zu dem Thema habe ich inzwischen auch hier geschrieben:

http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/2008/01/wer-entscheidet-uber-wahlcomputer.php

Eins steht für mich jedenfalls fest: Einen Betrug im größeren Stil auf Landes- oder Bundesebene zu organisieren ist bei einer "Papier-Wahl" fast unmöglich, da man zu viele Wahlleiter, Wahlhelfer etc. mit einbeziehen müsste und die Manipulation auch nachvollzogen und damit aufgedeckt werden könnte. Bei einer Wahl am Computer müssen sehr viel weniger Personen an einer Manipulation beteiligt sein, zudem ist das Risiko, dass das Verbrechen juristisch sauber nachgewiesen werden kann, sehr sehr gering. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Manipulation erfolgreich durchführen ließe - und leider steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es auch irgendwann einmal versucht wird (von wem auch immer) im gleichen Maße.

Die Aussage vom "Anfang vom Ende" unterschreibe ich daher sofort.

Leider sehen die meisten Volksvertreter dies momentan noch anders:

http://www.abgeordnetenwatch.de/ulla_schmidt-650-5611--f65560.html#frage65560

"Vor diesem Hintergrund ist es meines Erachtens hinnehmbar, dass beim Einsatz von Wahlcomputern nicht jeder Teilaspekt des Wahlvorgangs für jeden transparent ist..."

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