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Marc Scheloske ist Sozialwissenschaftler und Wissenschaftsjournalist. Nach dem Studium an der LMU München war er an einer Studie zur Risiko- kommunikation für die EU beteiligt. Von 2008-2010 war er verantwortlicher ScienceBlogs-Redakteur. Seit 2011 ist er mit seiner Wissenswerkstatt als Berater für digitale Wissenschafts- kommunikation tätig.
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02.03.10 · 18:00 Uhr
Body-Mass-Index: Abgesang auf eine irrelevante Meßgröße
Kategorie: Medizin · Kommentare: 15
Den Body-Mass-Index können wir getrost vergessen. Er hat - das ist eine der Meldungen des heutigen Tages - als Kriterium für bestimmte (koronare) Krankheiten keine Aussagekraft. Das ist das interessante Resultat einer Langzeitstudie, deren Ergebnis jetzt vorab bekannt wurde. Allerdings wird es auch in Zukunft nicht egal sein, wieviel Fett wir auf den Hüften haben - an die Stelle des ausrangierten BMI tritt die WHtR...
Mehr als 10.500 Teilnehmer wurden über viele Jahre gewogen, vermessen und hinsichtlich ihres Risikos für Herz- und Kreislaufkrankheiten untersucht. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, daß ausgerechnet der weitverbreitete BMI quasi keine Aussagekraft hat.
"Der BMI spielt keine Rolle für das Schlaganfall-, Herzinfarkt- oder Todesrisiko eines Menschen"erklärte Studienleiter Harald Schneider von der Universität München.
Dafür ergab die Auswertung der Studie, daß ein anderer Wert durchaus prädiktiven Wert besitzt. Hinter dem Kürzel WHtR verbirgt sich die "waist-to-height-ratio". Wenn man den Taillenumfang durch die Körpergröße teilt, dann lassen sich nämlich durchaus Rückschlüsse auf gewisse gesundheitliche Risiken ziehen.
Im Kern zeigt die Studie, daß das reine Körpergewicht zunächst einmal keine Bedeutung hat, wenn es um die Einschätzung geht, welches Risiko die einzelne Person für koronare Krankheiten hat. Entscheidend ist die Verteilung des Körperfetts. An Oberschenkeln oder Po ist es kaum kritisch, am Bauch allerdings schon. Der Taillenumfang ist entscheidend.
Je höher der Wert des "WHrT", desto höher ist die Sterblichkeit durch Herz- und Gefäßerkrankungen. Das ist der Befund der Studie, die in der kommenden Ausgabe des "Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism" veröffentlicht wird.
Die unheimliche Karriere des BMI
Interessant an der Sache ist, daß der BMI in den letzten 20 Jahren eine mehr als beachtliche Karriere gemacht hatte. Der Body-Mass-Index (Gewicht durch Körpergröße in Metern zum Quadrat) ist ja allgegenwärtig. Im Internet gibt es hunderte Rechner, mit denen man seinen individuellen BMI ermitteln kann.
Wie konnte die untaugliche Kenngröße BMI überhaupt so einen riesigen Stellenwert bekommen?
Und auch im Gesundheitssystem selbst war der BMI eine zentrale Größe. Natürlich war der BMI - weil zu unspezifisch - unter Fachleuten seit langem umstritten, aber die Einteilung der Bevölkerung in Gruppen mit Untergewicht, Normalgewicht und (krankhaftem) Übergewicht wird eben dennoch genau mit und durch den BMI bestimmt.
Die Adipositas-Klassifikation der WHO orientiert sich genauso am BMI, wie etwa die Einstellungsuntersuchungen für deutsche Beamte. Wer einen zu hohen BMI aufweist, der muß im Extremfall den Traum einer Verbeamtung begraben.
Jetzt sieht es so aus, daß der BMI beerdigt wird. Zumindest ist er als untaugliche Meßgröße entlarvt. Es wurde allerhöchste Zeit.
--
Studie:
- Harald J. Schneider, Nele Friedrich, Jens Klotsche et. al.: The Predictive Value of Different Measures of Obesity for Incident Cardiovascular Events and Mortality. in: J. Clin. Endocrinol. Metab. published February 3, 2010, doi:10.1210/jc.2009-1584
Autor: Marc Scheloske· 15 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (15)
Danke für diesen Artikel! Hi HI hI!
Eigentlich hätte es dafür keine Studie gebraucht. Der BMI nimmt keine Rücksicht auf physiologische Gegebenheiten wie den Knochenbau, damit gebietet der gesunde Menschenverstand seine Untauglichkeit, Übergewicht bleibt dennoch gefährlich, aber wer ein breites Kreuz hat, ist nun einmal auch etwas schwerer.
Sind wir statistisch weniger fettleibig, wenn wir jetzt nach WHtR klassifizieren? Für die individuelle Beurteilung dürfte das kaum eine Rolle spielen, man weiß ja, ob man schwanger oder Bodybuilder ist. Auch sind koronare Erkrankungen längst nicht alles: Den Knien dürfte es egal sein, ob sie zu viel Fett oder zu viel Muskeln tragen müssen. Gesund oder nicht wird sich nicht in eine statistische Größe packen lassen.
Auch wenn die Masse eine zentrale Rolle spielt, ist es ein Body-Maß-Index, mit langem a - daher gefolgt von einem Konsonant, wie in Straße.
Das entscheidende ist eben die Tatsache, dass es in erster Linie auf das Bauchfett ankommt - und da ist der WHtR eben ein geeigneter Faktor zur Bestimmung.
Hier übrigens noch ein schneller Rechner:
http://www.umstellung.info/gesundheit/das-richtige-gewicht/gewichtsrechner/whtr-rechner/
@Frosch:
Naja, wenn man mich gefragt hätte, dann hätte ich dieselbe Antwort gegeben. Aber mich fragt ja niemand. ;-)
Im Ernst: hinterher ist man immer schlauer, interessant und teilweise etwas befremdlich ist einfach, daß WHO und Co. auf der Basis des BMI ihre (Präventions-)Maßnahmen gebastelt haben.
@Karsten:
Das ist ja nochmal eine andere Frage, ob die Gesamtpopulation gemessen am WHtR weniger fettleibig wäre. Allerdings ist die individuelle "Beurteilung" (wie Du schreibst) die eine Sache, die Einordnung durch Gesundheitsbehörden und/oder Arbeitgeber in eine vermeintliche Risikogruppe eine andere. Ich habe das Bsp. Verbeamtung genannt.
Letzte Anmerkung: es ist durchaus ein Unterschied, ob für Stützapparat und Gelenke (Knie etc.) das Körpergewicht in Form von Fett um den Bauch oder durch Muskelmasse zustande kommt. Denn: der Sportler mit dem breiten Kreuz hat eben auch in der Regel entsprechend gut ausgebildete Muskulatur etwa im Bein-/Kniebereich, so daß die Belastung für das Kniegelenk teilweise auch wieder abgefedert wird. Das macht schon einen Unterschied.
Ich bin mal einfach davon ausgegangen, dass man (ein Arzt) sich bei einem Beamten-Anwärter mehr als nur ein paar Zahlen ansieht und dass daher die Anzahl derer, die durch Bewertung auf Basis der HWtR statt des BMI risikoärmer eingeschätzt werden (würden), eher gering sein dürfte. Also sind die interessanten Fragen, wie sich die Erkenntnis auf Betrachtungen von Menschengruppen auswirkt (z.B. die Lebenserwartung aller Beamten) und was man messen muss, damit man die übrigen Risiken der Fettleibigkeit besser ableiten kann.
Verstehe nicht, warum man BMI gleich verteufeln muss. Mit BMi 25 ist man so gut wie immer zu fett, es sei denn, man ist ein Bodybuilder, der Anabolika löffelweise gefressen hat...
@Stefan W.:
Das ist allerdings falsch. Der Body-Mass-Index wird genauso geschrieben, wie ich es mache. Es ist ein englischer Begriff, der aber im Deutschen als Fachbegriff gebraucht wird. Deshalb "Body-Mass-Index (BMI)".
@Karsten:
Ich wäre mir da nicht so sicher: es gibt in manchen Bundesländern feste Vorgaben, was den BMI-Wert und die Verbeamtung angeht. Der liegt (so meine Info) in Bayern etwa bei 27. Es ist sicher so, daß die allermeisten sowohl nach WHtR, als auch nach BMI in die Gruppe der Übergewichtigen fallen. Aber wenn man persönlich betroffen ist und meinetwegen einen BMI von 27.5 hat, gleichzeitig aber nach WHtR in die Gruppe der Normalgewichtigen fällt, dann ist das schon ein Grund, um sich zu ärgern.
@femidav:
Ach, "verteufeln" tue ich den BMI doch nicht. Ich habe nur angemerkt, daß der BMI keine Aussagekraft hat. Und das finde ich schon beachtlich genug, oder? Und es geht hier eben nicht darum, daß es Personen gibt, die einen hohen BMI haben und auch tatsächlich (krankhaft) übergewichtig mit den entsprechenden Gesundheitsrisiken wären. (Denn die gibt es natürlich).
Es geht darum, daß allein die Kenntnis des BMI keine (!) Rückschlüsse auf evtl. erhöhte Risiken für Herz-/Kreislauferkrankungen erlaubt. Die Erhebung des BMI ist sinnlos. Das sagt die Studie. Und darauf habe ich hingewiesen.
Es gibt auch viele Studien, die besagen, dass BMI sehr wohl eine Rolle spielt.
Schwarzeneggers BMI ist bestimmt genausos miserabel wie der von Bud Spencer.
@femidav
Eine einzelne Studie ist in der Tat (fast) keine Studie. Daher haben in der Epidemiologie Metaanalysen und systematische Reviews so einen hohen Stellenwert gewonnen. Davon abgesehen, ist die Kritik am BMI nicht neu. Allerdings: In der zitierten Studie weisen die Autoren selbst auf Einschränkungen ihrer Befunde hin, z.B. was die Effekte sehr hoher BMI-Werte angeht.
Und was einen BMI von 25 angeht: das sollte man wirklich gelassen sehen. Das Sterberisiko in der Gruppe BMI 25-30 ist, darauf deuten z.B. Daten einer großen CDC-Studie (Flegal et al. JAMA. 2005;293:1861-1867) hin, geringer als das der sog. "Normalgewichtigen".
@ Karsten
In Bayern wird bei der Verbeamtung der BMI stets zusammen mit anderen Risikofaktoren bewertet. Ein BMI von 27 ist in Bayern kein Verbeamtungshindernis.
@Karsten
Es ist sicher schwierig "Gesundheit in eine statistische Größe zu packen".
Nur geht es hier ja nicht um Gesundheit allgemein - sondern im speziellen Bezug zu Herz-Kreislauferkrankungen.
Es verhält sich da ein wenig so wie mit Ihrem Knie-Beispiel. Den Knien ist es nicht egal, ob sie "totes Gewicht" (Fett) transportieren, oder Gewicht, welches sich selbst aktiv stützt.
Es geht eben nicht um Masse allein, um Quantitäten - sondern vorrangig um Qualitäten.
Das unterscheidet auch den BMI vom WHrT.
Wir sind - gemessen mit dem WHtR - leider nicht besser im Rennen, sondern schlechter. Denn es zeigt sich, dass auch Menschen, die nur gering übergewichtig sind nach BMI, beim WHrT noch schlechter abschneiden.
@femidav
der BMI ist ja auch nicht vollkommen sinnlos.
Wer sich für seinen persönlichen Index interessiert, um zum Beispiel eine Verlaufskontrolle über die Gewichtsentwicklung vorzunehmen, kann sich ja daran halten. Oder an die Waage. Oder den Spiegel. Oder das Körperempfinden.
In Bezug auf die Herz-Kreislauferkrankungen (Thema) hat er sich als schlechter Maßstab erwiesen.
Qualität zählt mehr als Quantität:
Die Fettverteilung hat größere Bedeutung, größere Aussagekraft als das Gesamtvolumen. BMI als Maßeinheit für ein Erkrankungsrisiko dieser Art ist nicht geeignet.
Verteufeln muss man ihn nicht.
Aber man kann ihn getrost vergessen.
@Marc Scheloske,
interessanter Bericht von Ihnen, danke.
Leider stell ich grad fest, dass der letzte Kommentar ja schon knapp 100 Jahre her war...
Wer zu spät kommt...
Macht nix,
Gruß, K.