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Marc Scheloske ist Sozialwissenschaftler und Wissenschaftsjournalist. Nach dem Studium an der LMU München war er an einer Studie zur Risiko- kommunikation für die EU beteiligt. Heute lebt und arbeitet er als ScienceBlogs-Redakteur in München.
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22.01.10 · 15:30 Uhr
Teures Armutszeugnis: Peter Sawicki muß Chefposten beim IQWiG räumen
Kategorie: Medizin · Kommentare: 19
Peter Sawicki ist ein unbequemer Kerl. Das muß er freilich auch sein, sonst hätte er seine Aufgabe als Chef des „Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen" (IQWiG) auch verfehlt. Und an Selbstbewußtsein mangelt es Sawicki auch nicht. Was ebenfalls nicht schlecht sein muß. Und doch - oder gerade deswegen? - ist Sawicki nun vorläufig gescheitert. Sein Vertrag beim IQWiG wird nicht verlängert. Ein Armutszeugnis. Bei den Pharmaunternehmen dürften heute nachmittag die Korken knallen.
In den letzten Tagen war es bereits abzusehen: der Vertrag von Peter Sawicki, der seit 2004 Chef des Kölner Instituts war, wird am 31. August 2010 enden. Das hat heute der fünfköpfige Vorstand des IQWiG einstimmig entschieden. Sawicki, gern als Deutschlands oberster Pharmaprüfer tituliert, ist damit seinen Posten los.
Die Pharmaunternehmen frohlocken; ihnen war Sawicki, der sich an den Standards der "evidenzbasierten Medizin" orientierte, seit Jahren ein Dorn im Auge. Denn wirtschaftliche Erwägungen, das Interesse der Hersteller, war Sawicki vollkommen gleichgültig. Ihm ging es um eine nüchterne Bewertung des Nutzens von Arzneimitteln und Behandlungsmethoden. Welche Therapien sind wirklich sinnvoll? Sind neue Medikamente wirklich besser, als bewährte (und meist günstigere) Vorgängerpräparate? Das waren die Fragen, mit denen sich Sawicki und seine rund 100 Mitarbeiter beschäftigten.
Empfehlungen des IQWiG: Ärgernis für Pharmabranche, Segen für das Gesundheitssystem?
"Wissenschaftlich unabhängig", so steht es im Auftrag des Instituts, sollen die Bewertungen vorgenommen werden. Und die Berichte des IQWiG gefielen den Pharmaunternehmen häufig nicht, denn von den IQWiG-Urteilen hängt es ganz maßgeblich ab, ob bestimmte Medikamente oder Leistungen von den Kassen gezahlt werden. Es ist ein Geschäft, in dem es um hunderte Millionen geht. Und Sawicki betätigte sich hier gelegentlich als Spielverderber.
In einem Geschäft, in dem es um Milliarden geht, war Sawicki der große Spielverderber.
Kein Wunder also, daß man in einschlägigen Lobbykreisen seit längerem auf eine Ablösung Sawickis hinarbeitete. Und das nicht ohne Erfolg. Letztes Jahr formulierten die Wirtschaftsminister der Länder - darunter der heutige Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) - ein Papier, in dem sie eine Neuausrichtung des IQWiG unter Berücksichtigung, der "Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere der heimischen pharmazeutischen Unternehmen" forderten. Sind noch Fragen offen, welche und wessen Motive hier dahinterstecken?
Schnapsidee: IQWiG soll künftig "Interessen" der Pharmafirmen berücksichtigen
Im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und FDP ist dann zu lesen, daß die Arbeit des IQWiG „auch unter dem Gesichtspunkt stringenter, transparenter Verfahren (zu) überprüfen und damit die Akzeptanz von Entscheidungen für Patienten, Leistungserbringer und Hersteller (zu) verbessern [ist]". Na Bravo! Die Institution, die einen kritischen Blick auf die Produkte der Pharmaindustrie werfen soll, der soll gleichzeitig von derem Wohlgefallen bzw. deren Akzeptanz abhängig gemacht werden?
Blöd: Sawicki lieferte mit Spesenschlamperei seinen Kritikern Munition. Erbärmlich: Wie die Politik ein unabhängiges Institut beschädigt.
Ärgerlich an der Sache ist freilich, daß Sawicki es seinen Feinden nun auch relativ leicht gemacht hat. Es gab kleinere Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Spesenabrechnungen. Schlampereien von Sawicki, wie es aussieht. Und eine Regelung darüber, welchen Dienstwagen der Chef beanspruchen darf, war in seinem Arbeitsvertrag auch nicht zweifelsfrei geregelt.
Daß in der Sache das Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO im wesentlichen zum Schluß kam, daß sich Sawicki höchstens blöd verhalten habe, kaum aber sich persönlich bereicherte, ändert nichts daran: Sawicki lieferte seinen Kritikern eine Steilvorlage. Sawicki stand auf der Abschußliste, daran änderte auch ein Solidaritätsschreiben von 600 Ärzten nichts mehr.
Insofern ist die Geschichte ein doppeltes Armutszeugnis: für Sawicki, der so naiv und doof war, sich angreifbar zu machen. Erst recht aber für eine Gesundheitspolitik, die einen kritischen und für das System absolut wertvollen Experten wie Sawicki beschädigt und von seinem Posten entfernt.
Für das Gesundheitssystem insgesamt könnte diese Personalie sehr teuer werden. Ein schlechter Tag für alle, die Krankenkassenbeiträge zahlen.
--
Zu den Hintergründen empfehle ich folgende Artikel:
- Immer Ärger mit dem Pillen-Prüfer, FAZ, 13.12.2009
- Woratschka, Rainer: Streit um Chef des Medikamenten-''Tüvs'', Tagesspiegel, 20.1.2010
- W. Bartens und G. Bohsem: Pharmakritiker muss Posten räumen , SZ, 20.1.2010
Autor: Marc Scheloske· 19 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (19)
Wenn man sich als Qualität sicherndes Institut um die Wettbewerbsfähigkeit derer schert, denen man auf die Finger schaut, damit Sie vor lauter Wettbewerb eben nicht die Qualität vergessen, dann kann man's aber auch gleich lassen.
Jep. Deswegen schrieb ich ja von "Schnapsidee". Ausgesprochen lächerlich und durchsichtig und wehleidig. Aber es geht um Geld. Und teure Medikamente, in deren Entwicklung man viele Millionen gesteckt hat. ;-(
Für die Regierung ist das IQWiG offenbar ein wirtschaftspolitisches Steuerungsinstrument, das jetzt dazu benutzt wird, von den Kassenbeitragszahlern zur heimischen Pharmaindustrie umzuverteilen. Ob das politisch klug ist, darf bezweifelt werden.
Da hat sich aber mal jemand von der einseitigen Presse anstecken lassen. Letztlich ist es so, dass Sawicki sich auch wissenschaftlich nicht mit Ruhm bekleckert hat. Ich möchte nur das angebliche Krebsrisiko von Langzeitinsulinen. Die "Studie" die das IQWiG dazu vorgelegt hat war derart dilletantisch angefertigt, dass man schon generell an den Methoden zweifeln möchte, derer sich das IQWiG bedient. Nur weil jemand kritisch ist, taugt er noch längst nicht zum Arzneimittelbewerter. Erst Recht nicht, wenn er durch seine Kritiklust betriebsblind wird. Die Ablösung Sawickis war schlicht richtig, wenn auch nicht populär.
wir werden uns noch umschauen, die FDP macht Klientelpolitik vom aller feinsten. Ärzte, Apotheker und Pharmaindustrie lachen sich ins Fäustchen und wir Beitragszahler werden ordentlich zur Kasse gebeten über höhere Beiträge. Siehe auch Spiegelartikel: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,673227,00.html
@ Florian:
Bei den Langzeitinsulinen wird der Konflikt exemplarisch deutlich: An den modifizierten Insulinen verdienen die Firmen gut.
Der "Fehler" vom IQWiG war, dass sie eine (in Zahlen: 1) methodisch fragwürdige Studie bezüglich der Langzeitsicherheit in ihrer Aussagekraft falsch eingeschätzt haben.
Gut, dass die, die jetzt laut "Ablösung von Sawicki" schreien, nie Fehler machen und auch nie Studien zu ihren eigenen Gunsten auslegen. Nie. NIE. Das wäre ja unehrlich.
Es drängt sich der Verdacht auf, dass das IQWiG zu einem weiteren Posten verkommt, auf den man altgediente Parteigänger der zweiten und dritten Reihe abschiebt, damit sie fürderhin Ruhe geben und sich weiterhin wichtig fühlen können, ohne ernsthaft arbeiten zu müssen.
"Der "Fehler" vom IQWiG war, dass sie eine (in Zahlen: 1) methodisch fragwürdige Studie bezüglich der Langzeitsicherheit in ihrer Aussagekraft falsch eingeschätzt haben."
Du vergisst, dass sie diese Studie selber gemacht (und entworfen!) haben und in der Verbreitung ihrer Ergenisse nicht gerade zimperlich waren. Ich habe nicht studiert und nur ein Grundwissen in Statistik, aber selbst mir war nach Durcharbeiten der Studie klar, wie dämlich die Schlussfolgerungen waren.
Es ist nicht ok, dass Pharmakonzerne vor einem staatlichen Institut Angst haben müssen, weil es beliebige Produkte unbegründet, aber publikumswirksam in den Abgrund zieht. Kein Wunder, dass man Herrn Sawicki skeptisch beäugt.
Im übrigen: wenn Arbeitnehmer xy mit einem Diesel-Dienstwagen Benzin abrechnet, dann wird er auch mal fristlos entlassen. Selbst, wenn es nur um 5L geht.
Hi Tina, zeig mir doch bitte mal genau die Stelle, wo diese Fehleinschätzung offenbar wird. Das hast Du meineserachtens auch =»drüben noch nicht gemacht.
@rolak
das würde mich auch interessieren. Ich warte heute noch ...
Übrigens: Das IQWiG besteht nicht nur aus Sawicki, da gibt es eine Menge gute und auch unabhängige Leute. Es muss sich erstmal noch zeigen, wie der neue Chef/die neue Chefin mit denen zurecht kommt.
Ich dachte, ich hätte das verständlich ausgedrückt:
Das Krebsrisiko ist ein berechnetes, nämlich nur aus der Dosis (sie vergleichen Dosis, Dosis-Alter, Dosis-Alter-Geschlecht usw). Bei den absoluten Zahlen gibt es kein erhöhtes Risiko. Für das ehöhte Krebsrisiko wurde eine sehr hohe Dosis Insulin-Glargin zugrundegelgt (in niedrigen und mittleren Dosen gibt es kein erhöhtes Risiko) und diese hohe Dosis wurde 1:1 mit Humaninsulin verglichen. Nur braucht ein Insulin-Glargin Anwender im Verhältnis eine niedrigere Dosis als ein Humaninsulin Patient (wie drüben: vergleich mal 500 mg ASS mit 500 mg Diclophenac).
Die Studie zeigt, dass Glarginanwender weniger und kürzere Krankenhausaufenthalte haben als Humaninsulinanwender. Warum nur wurde dieser nicht in die Öffentlichkeit gebracht?
@ Tina: Der vom IQWiG veroeffentlichte Artikel ist ein Uebersichtsartikel, der mehrere Studien zusammengefasst hat. Das war bisher uebrigens die uebliche Arbeitsweise des Instituts. Dabei wurden die unerwuenschten Wirkungen mit einer Einschaetzung versehen, die mit den statistischen Daten nicht begruendet werden kann.
Und so ganz sicher ist man sich bei dem Krebsrisiko bei Insulin noch nicht. Mangels Behandlungsalternative steht das aber nicht im Mittelpunkt.
Es ist zwar richtig, dass ein Diabetiker weniger Glargin braucht als Humaninsulin oder NPH-Insulin (gemessen als Dosis ueber den Tag). Das liegt aber daran, dass die meisten Diabetiker neben Glargin noch ein Sprintinsulin fuer die bedarfsadaptierte Steuerung brauchen. Zusammen sind wir wieder auf der gleichen Dosis Tagesdosis wie Humaninsulin! Die Insuline unterscheiden sich nicht in ihrer Wirkstaerke, sondern in ihrer Wirkdauer. Insofern hinkt der Vergleich ASS-Diclofenac ein wenig (voellig andere Rezeptoraffinitaet dieser beiden Stoffe).
Ums kurz zu machen: man kann das IQWiG fuer diese Sache kritisieren, das war keine besonders gute Arbeit - aber daraus gleich abzuleiten, dass der Scheff gehen muss, geht fuer mich zu weit.
@Florian (v. 22.01.2010):
Du schreibst:
Naja, das ist ja jetzt mal ausgemachter Blödsinn. Ich will jetzt gar nicht auf die inhaltliche Dimension eingehen und Belege dafür liefern, daß die Arbeit von Sawicki über Jahre hinweg hochangesehen und im wesentlichen über jeden Zweifel erhaben ist.
Wäre - das nur als zusätzlicher Hinweis - an der Qualität der IQWiG-Gutachten tatsächlich substantiell etwas auszusetzen gewesen, dann wäre genau dieses Argument auch bemüht worden, um seine Demission zu rechtfertigen. Genau das war aber nicht der Fall. Es mußten schon Nachlässigkeiten bei Spesenabrechnungen bemüht werden, um ihm an den Karren zu fahren.
Die weitere Diskussion erübrigt sich da eigentlich fast. Und auf die Kritik von @Tina hat ja MoritzT schon angemessen geantwortet. Danke dafür.
Wie schön einfach ist doch die Welt!
Sawicki als armes Opfer der FDP-Klientelpolitik.
Ich war selber bei den Grünen, habe bei Komunalwahlen kandidiert, und sehe die FDP auch als Klientelpartei. Ich sehe auch, was die Pharmaindustrie für unverantwortliche Lobbyarbeit macht und auch ungerechtfertigte gigantische Gewinne einstreicht und dass es notwendig ist dem etwas entgegenzusetzen.
Ich habe Diabetes. Meine Lebensqualität ist dadurch eingeschränkt. Sie war derart eingeschränkt, dass ich in Ulm am Diabetesinstitut an Studien teilgenommen habe für "Designerinsuline", Humalog, damals noch LysPro.
Diese Medikamente erlauben mir eine Lebensqualität, wie ich sie mit anderen Insulinen nicht kannte. Unkontrollierbare Unterzuckerungen verursachten bei mir Epileptische Anfälle, z.T. stationäre Aufenthalte im Krankenhaus. Dieses Problem habe ich nicht mehr mit den neuen Insulinen. Europaweit wird der Nutzen dieser Insuline anerkannt, nur Sawicki, als Fachmann auf diesem Gebiet und das IQWIG erkennen dies nicht an. Das ist einfach Sawickis kleiner Privatkrieg gegen die Pharmaindustrie.
Und der geht auch gegen die Patienten.
Ich lasse von mir von keinem Sawicki vorschreiben, welches Medikament für mich gut ist und welches nicht. Das ist Entscheidung von mir und meinem Arzt, nach den Regeln der ärztlichen Kunst.
Und ich lasse mir durch keine Presse und keine noch so überhebliche Öffentlichkeit unterstellen, dass ich das Insulin brauche, weil mir die Prospekte der Pharmafirma so gut gefallen. Diabetes ist ein Defekt an der Bauchspeicheldrüse und nicht am Gehirn.
Wenn auch in der Presse Diabetiker in diesem Sinne als Trottel dargestellt werden, so wird es nicht mehr lange dauern und wir haben wieder Zustände wie in den 30-er und 40-er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Gesteht mir die Öffentlichkeit in diesem Forum ein lebenswertes Leben zu ?
Die Vorwürfe gegen Sawicki sind sicher lächerlich und auch Vorwand.
Trotzdem muss sich Sawicki an seinen eigenen Vorgaben messen lassen. Un da ist der "Saubermann" halt doch kein Ehrenmann und ihm kann genau das zum Vorwurf gemacht werden, was er der Pharmaindustrie vorwirft.
Nur die machen es halt professioneller.
@Marc
Ich wäre mit Kommentaren wie
"Naja, das ist ja jetzt mal ausgemachter Blödsinn." und
"Wäre - das nur als zusätzlicher Hinweis - an der Qualität der IQWiG-Gutachten tatsächlich substantiell etwas auszusetzen gewesen ..."
etwas vorsichtiger.
An der Qualität gab es auszusetzen, nachzufragen beim Diabetes-Journal, bei Diabetikern selber, bei Endokrinologen als Fachärzten, ...
Ein bißchen Googeln und Recherche, auch einmal Nachfragen bei Betroffenen Diabeteskliniken (z.B. Bad Mergentheim, Prof. Haak), Diabtikern die sich organisiert haben .... hilft hier ab.
Ich hoffe Du begehst jetzt (als hoffentlich gesunder Mensch - und das soll so bleiben) nicht den Fehler, mir und allen anderen an Diabetes erkrankten Menschen unsere Diabetes-Erkrankung erklären zu wollen.
@Michael:
Nein, die Welt ist nicht schwarz-weiß, das habe ich nicht behauptet. Und für mich ist Sawicki auch kein Heiliger. Aber der Umstand, daß es Kritik am IQWiG gibt und gab (egal ob von Patientenverbänden, Fachärzten oder Klinikvertretern, und erst recht seitens der Industrie) ist doch bitte kein Beleg dafür, daß die Mannschaft um Sawicki ihre Arbeit nicht sauber und unabhängig gemacht hat.
Ich glaube Ihnen gerne, daß Sie persönlich gute Erfahrungen mit Analoginsulinen gemacht haben, aber in die IQWiG-Analyse wurden mehrere hundert Studien einbezogen. Und wenn es dort in der Gesamtschau keine Vorteile gegenüber den Humaninsulinen gab und gibt, dann ist es gerechtfertigt, daß dies vom IQWiG an den GBA mitgeteilt wird. Und das GBA trifft ja dann letztlich die Entscheidung, ob ein Medikament oder eine Medikamentengruppe weiter als reguläre Kassenleistung übernommen wird.
Ich bleibe dabei: die Arbeit des IQWiG ist absolut notwendig und wertvoll. Und Sawicki hat einen guten Job gemacht.
@Marc
doch es ist ein Beleg, weil die Kritik der Patienten und Ärzte immer die gleiche war, weil der Fehler also nicht auf Einzelmeinungen beruht, sondern systematisch ist, weil Patientenmeinungen bewußt nicht einbezogen wurden, obwohl dies auch Vorgaben Sawickis Arbeit waren und weil komischerweise nur das IQWIG zu diesen Ergebnissen kommt. Europa- und weltweit kommt man zu ganz anderen Ergebnissen.
Merkwürdig.
Außerdem gibt es viele Untersuchungen die zu ganz anderen Ergebnissen kommen.
Komisch, dass in Sawickis Auswahl nur Untersuchungen vorkommen, die ihm genehm sind, während in anderen Ländern ganz andere Studien gewichtet worden sind.
Ich bin selber Betroffener, aber ich habe auch an Forschungsprojekten teilgenommen, ich habe die Presse verfolgt und speziell auch das geschehen um Analoginsuline.
Wenn ein Diabetes-Patient sagt: "Ich kann meinen Stoffwechsel besser steuern mit diesen Insulinen, ich fühle mich sicherer, habe keine Angst mehr vor Unterzuckerungen, habe eine wesentlich höhere Lebensqualität, bin beruflich wesentlich besser einsetzbar, und fühle mich bedeutetend sicherer bei Tätigkeiten, die mit Gefahren verbunden sind, wie z.B. Autofahren, wenn ich die Analoginsuline spritze (Anmerkung: Diese bessere Lebensqualität bedeutet immer noch deutliche Einschränkung im Vergleich zum Leben eines gesunden Menschen), so ist dies in meinen Augen die allererste Indikation für diese Medikamente.
Wenn ich allerdings diese Aussagen der Patienten nicht ernstnehme (was ich nicht Ihnen sondern dem IQWIG vorwerfe), sondern Diabetiker allgemein für vertrottelt halte, so sollte ich mir doch mein Menschenbild überlegen.
Es gab doch diesen unsäglichen Artikel, ich glaube im Stern - bitte notfalls selber recherchieren ;-) -, indem behauptet wurde, dass Diabetiker nur das neue Insulin haben wollen, weil sie der Pharmaindustrie auf den Leim gegangen sind und weil die so tolle Prospekte und so tolle Bilder haben. Völlig abgesehen davon, dass solch eine "Argumentation" jeder vernünftigen Auseinandersetzung den Boden entzieht, so ist sie doch sehr entlarvend, nicht für Diabetiker, sondern für denjenigen, der so etwas entweder im geistigen Tiefflug oder vielleicht für entsprechendes Entgelt verbreitet hat. Ich persönlich reagiere darauf jedenfalls sehr sauer. Gerade nach Mengele und dem Stürmer hätte ich mir heute doch einen etwas anderen Umgang mit kranken Menschen gewünscht, sowohl von Ärzten wie Herrn Sawicki als auch von der Presse.
Wie erklären sie sich z.B., dass bei einer Umstellung von Analoginsulinen auf Humaninsuline während der Umstellung der Patient nicht mehr autofahren darf, dass Analoginsulin auf der anderen Seite aber nicht wirklich etwas anderes als herkömmliches Insulin sein soll. Merkwürdig
Es gibt viele Untersuchungen und Erfahrungsberichte europa- und weltweit, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen, wie Prof. Sawicki und die in der Verwendung analoger Insuline einen massiven wirtschaftlichen Vorteil sehen:
1.) Weniger Krankenhausaufenthalte durch weniger Hypoglykämien.
2.) Erhaltung der Arbeitsfähigkeit auch in Berufen mit besonderen Anforderungen, wie Schichtbetrieb, Bedienung von Maschinen, führen von Kfz, Schiffen, ...
und
3.) potentiell, wenn auch nicht nachweisbar die Verhinderung oder Verzögerung von Spätfolgen wie Nierenversagen (Dialyse), Erblindung oder Amputation von Füßen.
Die Umsetzungen Sawickis Vorstellungen stellen also nicht nur ein menschliches Armutszeugnis dar, sie sind auch unter rein wirtschaftlichen Punkten ein Fiasko, zumindest auf lange Sicht, wenn Herr Sawicki nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann, weil er nicht mehr im Dienst ist, nach ihm die Sintflut.
Dies alles wäre auch durch Nachfragen bei Betroffenen, Diabeteskliniken (z.B. Bad Mergentheim, Prof. Haak, o.a.) recherchierbar, wenn man will.
Diabetes ist eine Erkrankung, die sehr viel Mitarbeit und Verantwortung der an ihr erkrankten Menschen erfordert. Wenn man Menschen aber die Werkzeuge zur Steuerung wegnimmt (gut steuerbare Insuline und Teststreifen zur Kontrolle ihres Blutzuckers) und sie dann hinterher wohlmöglich noch für die daraus folgenden Konsequenzen verantwortlich macht (z.B. ein Autounfall der durch eine Hypoglykämie verursacht wurde), so ist das einfach nur verlogen, schäbig und frustrierend.
Was ich Prof. Sawicki ankreide ist, dass er nicht aus reiner Dummheit Untersuchungen willkürlich aussucht. Er ist nicht dumm, weiß sehr wohl wovon er redet, hat die Entwicklung analoger Insuline mitverfolgt, mitbegleitet, weiß um die Ängste seiner Patienten auf der einen Seite vor Spätfolgen (siehe oben) auf der anderen Seite vor Hypoglykämien. Er setzt sich bewußt über das alles hinweg, da er zu recht der Annahme ist, dass die Insuline (analog oder nicht) zu teuer sind.
Er spielt ganz bewußt das Wohlbefinden der Patienten gegen die Pharmaindustrie aus. Und das ist nicht dumm sondern bösartig.
In einem Punkt hat Sawicki aber recht:
Die Pharmaindustrie diktiert die Preise in unangemessener Weise.
Wurde Insulin früher aus Schweine- und Rinderpankreas hergestellt, so erfolgt die Herstellung heute gentechnisch durch gentechnisch veränderte Bakterien oder andere Mikroorganismen. Etwas platt: Die Herstellung von Insulin und Insulinanaloga ist eigentlich nichts anderes, wie die Herstellung von Joguhrt auf einem bestimmten Träger mit bestimmten Kulturen. Insulin und Insulinanaloga können in jeder beliebigen Menge hergestellt werden.
Da Insulin Leben rettet, stellt sich natürlich die Frage, wie gehen einige wenige Pharmafirmen damit um, wie sieht es mit Patentrechten aus und Preisgestaltung einerseits, wie mit der Verantwortung für die Allgemeinheit, auch für die dritte Welt andererseits aus.
Es stellt die Frage nach der Berechtigung des Kapitalismus in brutalster Form, wenn Menschen sterben, weil sie keine Medizin bekommen zur Gewinnmaximierung von Konzernen.
Es stellt sich die Frage, wie es möglich sein kann, dass Blutzuckerstreifen zum hundertfachen des Herstellungspreises verkauft werden und wieso hier kein Markt herrscht.
Sawickis Weg den Kranken hierzulande ihre wichtige Medizin wegzunehmen, um diese (ehrenwerten) Ziele durchzusetzen, halte ich jedoch für falsch und stößt bei mir wie allen anderen Betroffenen auf größten Widerstand, ebenso wie jeder Versuch einen kranken Menschen zu diskreditieren.
@Marc
ich bin in die ganze Thematik sehr stark selber involviert auf jeder Ebene.
Ich erinnere mich, wie ich am Diabeteszentrum Ulm das erste mal Humalog gespritzt habe. Ich erinnere mich, wie das Humalog, damals noch LysPro streng geheim im Safe gelagert wurde. Ich erinnere mich, wie dieses Insulin mein Leben auf den Kopf gestellt hat. Ich erinnere mich, wie alle beteiligten Probanden, als Sie das LysPro am Ende der Studie abgeben sollten plötzlich alles "verbraucht" hatten. Es wurde unter Augenzwinkern der Ärzte hinausgeschmuggelt. Es war wertvoller als Diamanten. Ich erinnere mich, wie ich alles unternommen habe um in eine Anschlußstudie zu kommen. Und ich erinnere mich, dass mir an dem Tag, als ich in die Anschlußstudie kam, das Humalog ausgegangen ist, ich aber kein Normalinsulin gespritzt habe sondern nichts gegessen habe, weil ich Normalinsulin einfach nicht mehr spritzen wollte.
Es ist für mich unvorstellbar, wenn ein Institut die Macht haben soll, mir dieses Medikament wegzunehmen und erzeugt in mir einen "heiligen Zorn".
Wenn ich heute aus politischen Gründen kein Humalog mehr bekäme, so würde ich aufhören Insulin zu spritzen, mich ins Krankenhaus einweisen lassen und einen Insulinstreik machen, mich auch der Gefahr aussetzen, zu sterben, und hoffen, dass sich dadurch etwas bewegt (ähnlich wie bei Gandjis Hungerstreiks ;-) ).
Auf der anderen Seite sehe ich natürlich auch den großen Aufwand, der zu meiner Gesunderhaltung betrieben wird und weiß, dass dieser Aufwand für viele Menschen nicht getrieben wird und diese Menschen einfach sterben, verhungern, ...
Ich schreibe gerne direkt und auch etwas schroff.
In der Sache stehe ich zu allem. Es ist aber nicht persönlich gemeint.
In diesem Sinne freue ich mich auf eine Antwort.
@ Marc
ich gehe mal davon aus, dass Sie die Arbeit Sawickis bezüglich der Analoginsuline immer noch als wissenschaftlich hochwertige Arbeit sehen, was ich nicht mache, da sie jeder Erfahrung, die ich in meinem Leben gemacht habe zu 100% widerspricht. Und dies ist für mich zumindest ein Indiz, dass Sawickis Theorien über den Unnutz von Analoginsulinen nicht stimmen können, denn die Theorie muss sich, wie jeder im Studium lernt, an der Wirklichkeit messen lassen, sonst taugt sie nichts.
Aber ich denke wir können uns auf einem anderem wissenschaftlichen Punkt treffen, der auch Ihrem Fachgebiet als Sozialwissenschafler mehr entspricht als der Medizin, wir sind ja beide keine Mediziner.
Ich spreche von der Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann (z.B. Kneer G. & Nassehi A., 1993, Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme).
Wir haben es hier mit mehreren strukturell gekoppelten sozialen Systemen zu tun: Das Wirtschaftssystem, das Gesundheitssystem, die Politik, die Wissenschaft, die Moral und das Rechtssystem (u.U. noch weitere). Jedes System funktioniert nach eigenen Gesetzmäßigkeiten und hat eigene Leitdifferenzen als exklusives Wahrnehmungsschema. Und jedes System versucht das andere System im eigenen Sinne zu beeinflussen, ohne jedoch direkte Einflussmöglichkeit zu haben.
Nach dem SGB V, insbes. § 27, besteht der Anspruch eines Kranken in Sach- und Dienstleistungen, nicht in Geldleistungen. Dies hat gewichtige Vorteile, aber auch Nachteile: Neben einem komplizierten Dreiecksrechtsverhältnis zwischen Arzt, Patient und Krankenkasse schaltet dieses Dienstleistungsprinzip marktwirtschaftliche Kontrollmechanismen bezüglich des Preises mehr oder weniger aus. Dies führt zu einer Überteuerung der Leistungen, wie z.B. der Medikamente.
Das fehlende Kontrollelement aus dem Wirtschaftssystem führt jetzt zu einer extremen Schieflage und wird jetzt versucht durch Elemente aus anderen Systemen wie Politik oder Wissenschaft abzufangen. Die anderen Systeme haben hierfür aber nicht die nötigen Werkzeuge, sonst wären sie ja nach Luhmanns Theorie das Wirtschaftssystem, das sie aber nicht sind.
Jetzt wird getrickst: Z.B. Sawicki weiß, dass Analoginsuline mit Gewinn auch zum Preis von Humaninsulinen verkauft werden können, kann dies aber nicht durchsetzen. Also versucht er zu argumentieren, dass Analoginsulin keine Vorteile zum Humaninsulin haben, wohlwissend, dass dies nicht stimmt, aber mit der Absicht über diesen Trick sein eigentliches Ziel der Kostenreduktion durchzusetzen, indem Pharmahersteller auf einen Teil ihres Gewinnes verzichten müssen, indem sie die Analoginsuline zum Preis von Humaninsulinen verkaufen müssen (dies wiederum politisch durchgesetzt).
Läßt sich die Pharmaindustrie darauf ein, so ist das Ziel erreicht. Läßt sie sich nicht darauf ein, so gehen die Ärzte und vor allem die Patienten auf die Barikaden. Ein spannendes Pokerspiel mit sehr hohem Einsatz.
Müsste dieses Spiel der Sozialen Systeme sie auf ihrem ureigenen Fachgebiet, der Sozialwissenschaften, der Soziologie nicht viel mehr interessieren, wie in diesem Streit selber Stellung zu betiehen, auf Seiten Sawickis oder auf Seiten der Patienten ist dabei völlig egal. Sie sind weder Patient noch Mediziner, noch Pharmaindustrie. Begeben Sie sich doch nicht auf Schauplätze, auf denen sie nicht Fachmann sind, sondern betrachten sie das Problem aus soziologischer, sozialwissenschaftlicher Perspektive, aus Ihrer wissenschaftlichen Perspektive, die Sie in Ihrem Studium gelernt haben. Das ist doch viel spannender.
@Marc
O.K.
keine Antwort.
Ich dachte der soziologische Aspekt in meinem letzten Posting wäre ein guter Ansatzpunkt, der Sache mal von wissenschaftlicher Seite in Ihrem Fachgebiet auf den Grund zu gehen (Interesse an dem Thema, über das sie ja schreiben, vorausgesetzt).
Aber das ist wohl zu anstrengend.
Ich für meinen Teil bin beruhigt, wenn gesunde Wissenschaftler, Politiker, Journalisten, Normalbürger, Spiegel-, Stern- und Bildzeitungsleser, einfach jeder, der sich dazu berufen fühlt, mehr über mich und meine Krankheit wissen, darüber, wie es mir geht, wie sich Unterzuckerungen anfühlen usw. usw., als ich und mein Arzt (der im übrigen auch Diabetiker ist) selber. Ich werde in Zukunft die Behandlung meiner Krankheit wohl nicht mehr in Abstimmung mit meinem Arzt machen, sondern in die Hände dieser wirklich kompetenten Leute geben und sie über meine Medikation entscheiden lassen, damit es mir so richtig gut geht.
Michael.