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Marc Scheloske ist Sozialwissenschaftler und Wissenschaftsjournalist. Nach dem Studium an der LMU München war er an einer Studie zur Risiko- kommunikation für die EU beteiligt. Von 2008-2010 war er verantwortlicher ScienceBlogs-Redakteur. Seit 2011 ist er mit seiner Wissenswerkstatt als Berater für digitale Wissenschafts- kommunikation tätig.
Er twittert als Werkstatt.


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29.01.10 · 14:30 Uhr

Nerd Nite: Wissenschaft, Kneipenkultur und Rock'n'Roll

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 4

IMG_7083_220.jpg"Die Großhirnrinde ist eine Verstehensmaschine", erklärt Tobias Hürter, als er aktuelle Studien von Neurowissenschaftlern vorstellt. In seinem Vortrag beschäftigt er sich mit der Frage, unter welchen Bedingungen wir uns an unsere Träume erinnern und was bei sogenannten Klarträumen passiert.

Die Ausführungen von Tobias werden von mehr als hundert Zuhörern aufmerksam verfolgt. Der Ort des Geschehens ist allerdings kein Hörsaal und keine Fachkonferenz. Das Publikum sitzt in bequemen Sesseln oder steht in Grüppchen beisammen, gelegentlich klirren Bierflaschen. Es ist Donnerstagabend in der Münchner "Repüblik" und heute findet hier wieder die "Nerd Nite" statt.

It's like Discovery Channel with beer

Patrick Gruban ist der Macher dieser spannenden Veranstaltungsreihe. Die Idee hat er sich aus den USA geholt: in New York findet seit 2006 regelmäßig eine Nerd Nite statt. "It's like Discovery Channel with beer", lautet das Motto. Und seit Juni 2009 versammelt sich dazu nun auch in München jeden Monat eine stetig wachsende Fangemeinde.

Das Konzept ist leicht erklärt: jedesmal stehen drei kurze Vorträge auf dem Programm. Thematisch recht das Spektrum von der Quantentheorie über die Architekturgeschichte bis zu Ausführungen darüber, welche Modelle der Spieltheorie beim Poker mitentscheidend sind. Das war gestern etwa das Thema von Stephan Dürr, der eigentlich Wissenschaftler an einem Max-Planck-Institut ist, dessen Leidenschaft allerdings den Spielen und eben vor allem dem Pokern gilt.

Und weil er sich damit mit dem notwendigen wissenschaftlichen Ernst beschäftigt, ist er geradezu prädestiniert, um als Nerd auf die Bühne zu steigen und sein Wissen weiterzugeben. Wobei diese Bühne - das ist der zweite entscheidende Faktor - im Fall der NerdNite eben in einer Kneipe und Bar aufgebaut ist.

Nerd Nite München: Begeistertes Stammpublikum

Und das Konzept funktioniert. Seit dem Start im letzten Sommer hat sich die Zahl der Besucher mehr als verdoppelt. Thomas, der gerade seine Diplomarbeit als Medieninformatiker schreibt, ist zum zweiten Mal als Zuhörer mit dabei. In seinen Augen zeigt die Nerd Nite, daß sich die einstige Nerd-Kultur verändert und selbstbewußter wird. Er würde sich selbst durchaus auch als nerdig bezeichnen und er steht dazu: "Ich bin clever und ich interessiere mich für abgefahrenen Scheiß."

Nerd-Selbstbewußtsein: "Ich bin clever und ich interessiere mich für abgefahrenen Scheiß."

Und diese abgefahrenen, speziellen Themen, mit denen sich die haupt- und nebenberuflichen Nerds befassen, sind im Kneipenkontext wunderbar aufgehoben. Nach jedem Vortrag kommen interessierte Nachfragen aus dem Publikum und es wird in Grüppchen weiterdiskutiert.

Über die Thesen von Tobias Hürter etwa, der am gestrigen abend u.a. die Studie von Ursula Voss von der Uni Bonn präsentierte, die feststellte, dass der frontale Cortex aktiviert sein muß, wenn wir unsere Träume halbwegs bewußt wahrnehmen und vielleicht sogar gestalten wollen. Dazu - also zur Erhöhung der "Klartraum-Wahrscheinlichkeit" - gibt es ein gezieltes Training. Tobias Hürter hat das auch selbst ausprobiert. Für einen Nerd ist das wohl Ehrensache. Und er empfiehlt allen Zuhörern, daß sie das auch ausprobieren sollen: "Es lohnt sich!"

Die Quadratur des Kreises

IMG_7056_240.jpgGenauso lohnend wie eben ein Besuch bei der Nerd Nite. Denn bei welch anderer Gelegenheit bekommt man so sympathisch und kompetent die Gedankenwelt und Arbeiten eines Nicolaus von Kues vorgeführt? Marco Böhlandt, promovierter Wissenschaftshistoriker und ausgewiesener Fachmann, sprach über "Wege ins Unendliche - Das Problem der Kreisquadratur bei Nicolaus Cusanus (1401-1464)". Hört sich vielleicht trocken an, war es aber keineswegs. Denn Böhlandt erfreute nicht nur mit einen wunderbar nerdigen Erscheinungsbild, sondern skizzierte auch für Nichtmathematiker verständlich, womit sich Cusanus beschäftigte: damit daß eine Gerade und eine Kreistangente eben (fast) in eins fallen, wenn der Kreisdurchmesser ins Unendliche wächst.

Als Besucher der Münchner Nerd Nite sollte man also auf alles gefasst sein. Gute Unterhaltung und Lerneffekte sind nicht ausgeschlossen.

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Autor: Marc Scheloske· 4 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (4)

Kommentar-Direktlink miesepeter3· 29.01.10 · 18:22 Uhr

und wer hat den Rock`n Roll gespielt?

Author Profile Page Marc Scheloske· 29.01.10 · 19:51 Uhr

@miesepeter3:

Rock'n'Roll ist immer eine Form der Haltung. Dazu braucht es gar nicht aus den Lautsprechern zu rumpeln.

Und - sei ehrlich - wenn Du das Photo von Marco Böhlandt sehen würdest und im Untertitel stehen würde, daß es sich bei ihm um den Sänger einer Indie-Rockband handelt, dann würdest Du kaum Zweifeln, oder? :-)

p.s.: Hier das Photo in groß --> http://twitpic.com/10b9il

Kommentar-Direktlink miesepeter3· 30.01.10 · 17:48 Uhr

Naja, `ne Amateur - Indie-Rockband.
Wir haben seinerzeit anders ausgesehen als Rockmusiker.

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