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Marc Scheloske ist Sozialwissenschaftler und Wissenschaftsjournalist. Nach dem Studium an der LMU München war er an einer Studie zur Risiko- kommunikation für die EU beteiligt. Von 2008-2010 war er verantwortlicher ScienceBlogs-Redakteur. Seit 2011 ist er mit seiner Wissenswerkstatt als Berater für digitale Wissenschafts- kommunikation tätig.
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02.06.09 · 19:00 Uhr
Rekordjagd: Warum die chinesischen Keramikfunde nicht die ältesten der Welt sind
Kategorie: Kultur
Wissenschaft ist in den Medien häufig genau dann präsent, wenn sich Forschungsergebnisse in irgendeiner Weise mit Begriffen wie "Durchbruch", "Fortschritt" oder "Rekord" kombinieren lassen. Superlative machen jede Schlagzeile zum Hingucker. Das gilt natürlich auch für den Wissenschaftsjournalismus. Heute wurde wieder eine der bekannten Rekord-Meldungen verkündet: Archäologen haben die angeblich älteste Keramik der Welt gefunden. Doch so einfach ist es mit diesem vermeintlichen Rekord-Fundstück natürlich nicht.
Es wird der Fund der ältesten Keramik der Welt vermeldet. Wer recherchiert stellt fest, daß diese Behauptung nicht zutrifft...
Es ist keine der weltbewegenden Nachrichten, aber das ist auch nicht das Ziel von Forschung, die nach Spuren kultureller Zeugnisse frühester Gesellschaften sucht. In der chinesischen Yuchanyan-Höhle wurden jedenfalls bereits Mitte der 1990er Jahre verschiedene Knochen und auch Tonscherben gefunden. Nun konnte deren Alter mittels der Radiocarbon-Methode genauer bestimmt werden.* Die Datierung des Forscherteams um Elisabetta Boaretto von der isrealischen Bar-Ilan-Universität ergab ein Alter der Scherben von 17.500 bis 18.300 Jahren.
Rekord! So vermeldet etwa Spiegel Online. Strenggenommen stimmt das aber nicht...
Der Mensch erscheint im Holozän, Keramik bereits im ausgehenden Pleistozän
Über die nun datierten Fundstücke aus der chinesischen Höhle in der Provinz Hunan berichten die Wissenschaftler in einem Artikel in den aktuellen Proceedings of the National Academy of Sciences. (PNAS online). Und klar ist, daß die Funde zu den ältesten Zeugnissen menschlicher Geschirr- oder Gefäßherstellung aus gebranntem Lehm und Ton gehören.
Im Artikel ist u.a. auch folgender Satz zu lesen:
These ceramic potsherds therefore provide some of the earliest evidence for pottery making in China.
Daran, so zeigt eine kurze Recherche, gibt es auch gar keine Zweifel. Bei SpiegelOnline liest es sich allerdings recht eindeutig so, als wären die Funde damit die ältesten bekannten Keramikstücke. Man liest bei SpOn:
"Älteste Keramik der Welt stammt aus China. (...) Die bisher ältesten Hinweise auf Töpferei stammen aus dem heutigen Japan und sind etwa tausend Jahre jünger. "
Diese Behauptung kann aber nur aufrechterhalten werden, wenn man als Keramik nur Gefäß-Keramiken meint.
Gefäßkeramik und figürliche Keramik
Strenggenommen ist die Meldung - wenn man sie so formuliert wie Spiegel und die Agenturen - allerdings falsch. Denn es gibt sehr wohl Keramiken, die älter sind. Es handelt sich hierbei freilich um figürliche Darstellungen.
Die bekannteste davon ist die Venus von Dolní Věstonice. Daß solche Keramiken deutlich älter sind, ist allgemein bekannt und auch in der Literatur hinreichend dokumentiert. (Vgl. etwa: Mämpel, Uwe: Keramik. Kultur- und Technikgeschichte eines gebrannten Werkstoffs, Hohenberg 2003, S. 8)
Die Venus von Dolní Věstonice, die bereits 1925 bei Ausgrabungen in Mähren entdeckt wurde, ist mindestens 22.000 Jahre alt und übertrifft die chinesischen Scherben um viele, viele tausend Jahre. Und schöner ist diese sinnliche Venus doch auch, oder?
Dr. Sally Schöne, Keramikexpertin vom Deutschen Keramikmuseum in Düsseldorf, bestätigt diesen feinen Unterschied zwischen Gefäß- und figürlicher Keramik. Und auf diese Unterscheidung kommt es in diesem Fall eben an...
Die Funde in China lassen sich als frühester Nachweis dafür deuten, daß menschliche Gruppen "getöpfert" haben. Aber Keramik(en) gab es eben schon früher.
Links:
- Elisabetta Boaretto et al.: Radiocarbon dating of charcoal and bone collagen associated with early pottery at Yuchanyan Cave, Hunan Province, China, in: PNAS, doi: 10.1073/pnas.0900539106
* Für "jüngere" Keramiken steht neuerdings auch eine andere Datierungs-Methode zur Verfügung, wie bei Diax's Rake zu lesen ist.
Autor: Marc Scheloske· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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