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Marc Scheloske ist Sozialwissenschaftler und Wissenschaftsjournalist. Nach dem Studium an der LMU München war er an einer Studie zur Risiko- kommunikation für die EU beteiligt. Von 2008-2010 war er verantwortlicher ScienceBlogs-Redakteur. Seit 2011 ist er mit seiner Wissenswerkstatt als Berater für digitale Wissenschafts- kommunikation tätig.
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12.05.09 · 06:00 Uhr
Der Vitamin-Mythos: Über positiven oxidativen Stress und die negativen Effekte von Antioxidantien
Kategorie: Medizin · Kommentare: 17
Wahrscheinlich ist Linus Pauling an allem Schuld. Die Erfolgsgeschichte der Vitamine begann jedenfalls Mitte der 60er Jahre, als Nobelpreisträger Pauling auf die Theorie seines Kollegen Irwin Stone aufmerksam wurde, der eine hochdosierte Vitamin-C-Kur gegen Erkältungen empfahl.
Doch Linus Pauling ging einen Schritt weiter: für ihn war Vitamin C eine Allzweckwaffe gegen das Altern und gegen Krebs. Und Linus Pauling machte die Vitamine in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft so richtig populär. Täglich 18g Vitamin C - so lautete seine Empfehlung. In dieser extrem hohen Dosis, das steht heute fest, ist auch die Einnahme von Vitamin C keineswegs sinnvoll. Und in den letzten Jahren mehren sich die Zweifel, ob die Vitamine tatsächlich soviel Nutzen stiften. Möglicherweise sind - wie aktuelle Studien zeigen - sogar einige der grundlegenden Prämissen der Vitamin-Apostel falsch.
Perspektivwechsel: Der oxidative Stress ist gar nicht so "böse"
Weshalb wir altern und krank werden ist bis heute nur ansatzweise verstanden. Schon in den 50er Jahren war bekannt, daß der sog. "oxidative Stress" hierbei eine Rolle spielt. Immer dann, wenn innerhalb des Stoffwechsels durch die Mitochondrien mehr reaktive Sauerstoffverbindungen gebildet werden, als gleichzeitig oxidiert bzw. reduziert werden können, liegt ein Ungleichgewicht, oder eben: oxidativer Stress vor.
Das Problem an der Sache ist, daß die überzähligen freien Radikalen eben eine zellschädigende Wirkung entfalten. Genau das war zu Paulings Zeiten bekannt und das sollen - so die Hypothese - die Vitamine als Radikalfänger verhindern.
Und daß oxidativer Stress unerwünscht ist, daran besteht kaum Zweifel, wie man u.a. an dieser Abbildung aus einem aktuellen Lehrbuch (Hartig/Adolph: Ernährungs- und Infusionstherapie: : Standards für Klinik, Intensivstation und Ambulanz, Thieme-Verlag, 2004, S. 40) sehen kann.

Wie jedoch jüngere Studien an Ratten und Fadenwürmern nahelegen, ist der "oxidative Stress" keineswegs so zentral, wenn es um Alterungsprozesse geht. Beim Fadenwurm haben Forscher die Gene ausgeschaltet, die für den zelleigenen Reparaturprozeß zuständig sind (Bspw. SODs). Die Fadenwürmer wurden allerdings genauso alt, wie ihre Artgenossen.
David Gems vom Londoner University College, der seit Jahren zu diesen Fragen arbeitet, ist sich sicher, daß die Bedeutung des oxidativen Stresses überschätzt wurde. Er erklärt gegenüber der WELT:
"Je nachdem welchen Teil der Zelle man betrachtet und um welche Art Tier es sich handelt, kann ein Ausfall der SODs das Leben verkürzen oder nicht. Eines der Kennzeichen des Alterns ist, dass sich Schäden an den Molekülen häufen. Aber was verursacht diese Schäden? Nach dem, was wir jetzt wissen, kann Peroxid daran höchstens einen kleinen Anteil haben. Andere Faktoren, wie etwa chemische Reaktionen mit Zuckern, spielen dagegen ganz klar eine Rolle."
Perspektivwechsel: Wie aus den "bösen" freien Radikalen plötzlich sinnvolle Akteure werden
Und ebenso, wie im Hinblick auf den oxidativen Stress und seine Rolle im Alterungsprozeß ein Umdenken stattfindet, werden momentan auch die freien Radikalen - wenigstens teilweise - rehabilitiert.
Für Christian Leeuwenburgh von der University of Florida steht fest, daß es ganz verschiedene Varianten von Radikalen gibt. Und nicht alle sind schädlich. Das legen auch die jüngsten Studien von Michael Ristow von der Universität Jena nahe; Ristow hat mit Kollegen aus Leipzig, Potsdam und von der Harvard Medical School eine Studie mit 39 Sportlern durchgeführt. Über vier Wochen hinweg wurden bestimmte Parameter bei den Probanden erhoben.
Wer Sport treibt und zusätzlich Vitaminpräparate einnimmt, der macht bestimmte positive Effekte wieder zunichte.
Die Ergebnisse sind hochinteressant, denn körperliche Beanspruchung hat u.a. zwei bekannte Effekte: erstens werden von den Mitochondrien vermehrt potentiell schädigende Sauerstoffradiale produziert. Zweitens verbessert regelmäßiger Sport den Blutzuckerstoffwechsel und damit das Diabetesrisiko.
Ristow und sein Team stellten nun allerdings fest, daß die Studienteilnehmer, die zusätzlich zu ihrem Sportprogramm noch Vitaminpräparate einnahmen, keine positiven Effekte auf ihren Insulinhaushalt erzielten. Für Ristow liegt auf der Hand, daß die Vitaminpräparate Schuld sind, da sie die wünschenswerten (Neben-)Effekte der freien Radikalen unterbinden. Offenbar - so die Erklärung der Wissenschaftler - ist eine gewisse Menge an oxidativem Stress notwendig, um bestimmte körpereigene Prozesse in Gang zu setzen. Die beim Sport freigesetzten Sauerstoffradikale wirken ganz ähnlich wie ein Impfstoff: sie mobilisieren die Körperabwehrkräfte, die gegen Radikale wirken. Ristows Fazit:
"Die gesundheitsfördernde Wirkung von körperlicher Bewegung wird durch die Einnahme von sogenannten Antioxidantien in Form von Vitamin C und E sogar unterdrückt."
Damit mehren sich die Indizien dafür, daß die Einnahme von Vitaminpräparaten (von Ausnahmefällen abgesehen) sinnlos und im Einzelfall schädlich ist. Ähnliche Ergebnisse lieferten u.a. die großangelegten Meta-Studien von Goran Bjelakovic, der mehrmals ein höheres Krebsrisiko durch Vitamine konstatierte.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, daß Obst und Gemüse offenbar so gesundheitsförderlich sind, nicht weil, sondern obwohl sie Vitamine und Antioxidantien enthalten. Und die teuren Vitaminpillen kann man sich getrost sparen.
Links:
- Michael Ristow et. al.: Antioxidants prevent health-promoting effects of physical exercise in humans. PNAS published online before print May 11, 2009, doi:10.1073/pnas.0903485106
- Goran Bjelakovic: Mortality in Randomized Trials of Antioxidant Supplements for Primary and Secondary Prevention, in: JAMA, Vol. 297 No. 8, February 28, 2007
- Heinen, Nike: Die Mär von den schützenden Vitaminpillen, Die Welt, 11.5.2009
- Lars Fischer: Warum Antioxidantien die Lebenserwartung reduzieren, in: Fischblog, 2.10.2007
Autor: Marc Scheloske· 17 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (17)
Mit anderen Worten: Man sollte am Besten in Ernährungsfragen,solange man gesund ist, nur auf seinen gesunden Menschenverstand hören, nichts übertreiben und nichts auslassen. Und das Geld, was man für Gesundheitsratgeber ausgeben könnte, in hochwertige Lebensmittel aller Art investieren.
@Jörg:
Stimmt, weshalb schreibe ich so einen langen Artikel, wenn man es doch auch so einfach formulieren kann. ;-)
Die Antwort ist sehr einfach: Weil mein Kommentar nur eine unbelegte Behauptung ist, dein Artikel ist der Beleg dazu ;-)
Da war ich dann doch etwas verwundert und habe mich aus eigenem Interesse schlau gemacht, denn auch ich nehme ab und zu mal nen ACE-Mix wenn gerade kein Saft im Haus ist und zwar ganz gezielt nach dem Sport.
Meine Recherche hat zu Tage gefördert, dass die ganze Geschichte wie so oft nicht so einfach ist. In der vorgestellten Studie neutralisieren bestimmte Antioxidantien einen positiven Effekt auf den Insulinhaushalt. Gut - oder besser gesagt: Schlecht!
Wenn man allerdings die Fachliteratur durchstöbert, liest man, dass diese Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich einen positiven Effekt auf die muskuläre Leistungsfähigkeit haben. Im Grunde schützen sie die Muskeln und beugen Ermüdungserscheinungen und Muskelkater vor. Dadurch wird die Regenerationsphase verkürzt. Gerade im Alter scheint das jetzt wichtig zu sein ;o) Das ist auch der Grund weshalb ich ab und zu mal ergänze.
Es gibt also mehrere Seiten der Medaille und es ist ebenso unsinnig Vitaminepräparate zu verdammen, wie sie als Allheilmittel zu loben. Zum Schluß noch eine von vielen Referenzen .
Ich vermisse in dem Artikel die Unterscheidung von künstlichen und natürlichen Vitaminenpillen. Der FOCUS tut dies, Bild + Ärzte Zeitung tun es nicht.
Es gibt auch Vitaminpillen aus getrocknetem Obst und Gemüse - nur die gibt es in der Regel nicht in der Apotheke, Drohmarkt usw..
Über die Herstellung künstilicher Vitamine finden Sie einen Artikel bei Öko-Test:
Elektronisches Archiv
ÖKO−TEST Verlag GmbH
Thema: Multivitamin−Präparate
Ausgabe: ÖKO−TEST Juli 97
Erschien am: 01.07.1997
…… Vermutlich würde den meisten sowieso die Lust auf die Gesundheit aus der Dose vergehen, wenn sie wüßten, wie die handelsüblichen Vitamine hergestellt werden: Hinter den allermeisten steckt Erdöl. Für die Produktion von Vitamin A benötigt die BASF beispielsweise insgesamt 14 Schritte − »ein Meisterwerk der Synthesechemie«, lobt der Chemiekonzern in einer Broschüre. …..
Na dann guten Ap.....
Informieren Sie bitte Ihre Leser auch über Vitaminpillen aus zertifiziertem biologischem Landbau - denn Sie schreiben:
"Zusammenfassend lässt sich feststellen, daß Obst und Gemüse offenbar so gesundheitsförderlich sind, nicht weil, sondern obwohl sie Vitamine und Antioxidantien enthalten."
Werfen Sie bitte nicht alles in einen Topf!
Mit vielen freundlcihen Grüßen
Thomas Behn· 15.05.09 · 09:36 Uhr:
"Es gibt auch Vitaminpillen aus getrocknetem Obst und Gemüse - nur die gibt es in der Regel nicht in der Apotheke, Drohmarkt usw.."
Sondern?
Ich kanns mir schon denken.
Das gibts bei irgendeinem Bekannten, der beim NEM-Pyramidenspiel Networkmarketing mitmacht.
@Thomas Behn
und was unterscheidet "künstliche" von "natürliche" Vitaminen? Warum sollen die einen besser als die anderen sein?
@Thomas Behn
Es ist nicht nötig hier eine esoterische Komponente ins Spiel zu bringen.
Es kann Ihnen völlig egal sein, ob das Kohlenstoffatom in Ihrem Vitamin früher mal Erdöl war, denn davor war es in einer Pflanze aus der das Erdöl entstand und davor war es vielleicht ein CO2-Molekül im Atem eines Dinosauriers. Es ist deshalb auch nicht von belang, ob das Vitamin in den Kesseln der BASF oder in der Biofabrik Pflanze hergestellt wird - solange es nicht verunreinigt ist. Aus Letzterer muss es ja ohnehin durch chemische Extraktion gewonnen werden. Moleküle haben kein Karma!
Finden Sie sich damit ab, dass auch Ihr Körper eine chemische Fabrik und "Chemie" nichts schlechtes ist, sondern nur die Lehre von den Stoffen und Stoffveränderungen. Nicht alles was aus der Natur kommt ist vorbehaltlos gut (z.B. Strychnin), und ebenso ist nicht alles menschsynthetisierte schlecht.
Guten Appetit!
"Weshalb wir altern und krank werden ist bis heute nur ansatzweise verstanden."
Vielleicht liegt es am Vitaminmangel: "Objective— To evaluate the association between 25-hydroxyvitamin D [25(OH)D] and metabolic syndrome (MetS) in Chinese population.", siehe http://care.diabetesjournals.org/cgi/content/abstract/dc09-0209v1
@alchemist:
Im Prinzip einverstanden, aber kürzlich las ich einen Satz, der mir spontan einleuchtete: nicht Omega³-Fettsäuren sind gesund, sondern Makrelen. Das ist zugegebenermaßen nicht eine Frage des Karma von Fettsäuren, wohl aber eine Frage der Vollständigkeit unserer biochemischen Modellvorstellungen. Bei Vitaminen dürfte das nicht wesentlich anders sein.
In diesem Sinne: Gäbe es synthetische Makrelen - oder Zitronen - gäbe ich Ihnen völlig recht, und nicht nur cum grano hydrochloridis :-)
@klauszwingenberger
Keine Einwände! Allerdings ging es Thomas Behn um jeweils isolierte "künstliche" und "natürliche", Präparate. Nicht um Vitamin-C-Pille gegen Kiwi oder Kalium-Tablette gegen Banane. Zumindest hatte ich es so verstanden. Sicher ist, dass es Geschäftsmodelle gibt, die auf dem Konzept "natürlicher" Vitamine aufbauen.
PS Ich spreche leider nur lebende Sprachen.
@alchemist
Dann sind wir uns sogar noch etwas einiger. Wenn es nur um isolierte Substitutionspräparate geht, sehe ich auch nicht recht, worin der Unterschied zwischen künstlich und natürlich liegen soll.
Und, um auf den Eingangsartikel zurückzukommen, selbst in den Jahren engagierten Ausdauersports war für mich Vitaminsubstitution nie ein Thema, die somatische Intelligenz hat es schon irgendwie gerichtet: man hatte einfach mehr Lust und Appetit auf Frisches und Leichtes. Schön zu sehen, dass sich das mit einigem Nachlauf als gar nicht so verkehrt herausstellt.
@klauszwingenberger
Naja, so kann man das Ergebnis auch nicht interpretieren. Es ist ja durchaus denkbar, dass viel Obst und Säfte den positiven Insulin-Effekt ebenso dämpfen. Gilt zu klären von welchen Mengen wir reden. Ist aber auch egal: Was man auf jeden Fall lernt ist, dass man sich nicht ständig verrückt machen muss.
Konkretes Beispiel aus meinem Umfeld: Die Schweizer essen tatsächlich Unmengen an Käse und Schokolade, aber hier ist komischerweise niemand dick. Am Ende ist die Kombination noch der Schlankmacher schlechthin. Vielleicht sollte ich da eine Diät vermarkten...?
Guten Appetit!
schwachsinniger Artikel.
Vitamine sind die heilmittel von morgen das werden viele bald noch verstehen...
der Artikel ist leider sehr einseitig geraten. Gerade die Studie von Rustow ist sehr fragwürdig und auch nur auf den Fadenwurm anwendbar! Es ist doch evident, dass wenn man bei hohem oxidativen Stress willkürlich hohe Dosen Vitamin E zugibt, eine Verschlechterung (Verkürzung der Lebensspanne) zu erwarten ist. Vitamin E sorgt in diesem sehr speziellen Fall, dass freie Radikale in der Zellmebran zu einer unheilvollen Kettenreaktion führen. Wer sich ausführlicher mit dem Thema beschäftigen will, dem sei das Lehrbuch free radicals in biology and medicine ans Herz gelegt (oxford science, 750 Seiten). Mehr zum Nachweis von oxidativem Stress findet man u.a. auf den Seiten der Firma Bioradicals. Dort gibt es z.B. 440 Studien (alle mit dem gleichen Verfahren durchgeführt), die zu dem Schluss kommen, dass oxidativer Stress zu diversen Erkrankungen führt (oxidative stress related diseases), aber auch zu dem Ergebnis (bei der Parodontose), dass die Verminderung von oxidativem Stress zu einer Verbesserung des klinischen Bildes führt (Parodontose verbessert sich).
Wie entstehen Freie Radikale?
Freie Radikale entstehen im Körper bei der Weiterverarbeitung von Sauerstoff zum Zwecke der Energiegewinnung. Freie Radikale sind daher zunächst einmal ganz normale Zwischenprodukte des Stoffwechsels.
Sämtliche Prozesse der Immunabwehr begünstigen die Bildung von Freien Radikalen. Eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Freien Radikalen spielt daher die Einwirkung von Belastungsfaktoren auf den Organismus.
Quelle: http://www.intragen.de/oxidativer-stress-freie-radikale.html
@Markus:
Ach herrje, ist das Dein ernst? Oben im Text werden wissenschaftliche Studien zitiert und verlinkt und Du konterst mit einem Link auf die Website eines Pharmaherstellers bzw. Produktwebsite für ein Präparat, das angeblich irgendwie den Stoffwechsel anregen soll, die "Entgiftung" beschleunigen und freie Radikale bekämpfen soll?
Das ist ungefähr so lächerlich, wie wenn in der Diskussion um die Folgen von Alkoholmißbrauch auf die Website einer Brauerei verlinkt wird.