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23.01.11 · 12:30 Uhr
Sekundäraufreger und Invers-Offene
Kategorie: Kultur · Kommentare: 18
Ich habe mir zwei neue Begriffe einfallen lassen für Arten an Kommentatoren und Meinungsabgeberinnen, die man oft antrifft.
Der erste Begriff ist der oder die
Invers-Offene: Ein Mensch, der oder die postuliert, dass man nichts absolut beweisen kann oder dass man noch nicht alles weiß, um seine festgefahrene Meinung nicht überprüfen zu müssen und als gleichwertig in die Diskussion einbehaupten zu können.
Beispiele sind hier:
Eine Dynamik des Lebens samt seiner Gene in einer Biosphäre, die wir Menschen (einschließlich ihnen und mir und der anderen hier) hoffentlich gerade erst anfangen zu verstehen. Verstehen sie - wir haben zwar viel gelernt aber vieles ist noch nicht und in seiner ganzen Tiefe und Bandbreite verstanden worden.
oder hier:
Aussage b ist falsch, weil nichts in sich Widersprüchliches und auf die Zukunft Bezogenes jemals ausgeschlossen werden kann. Wer bspw. auf der Erde einen Stein in der sich nach unten öffnenden Hand hält, kann nicht ausschließen, dass er sich nicht auf den Boden fallen wird. - Zumindest gilt das als erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Konsens.
Dies ist meistens ein zweistufiger logischer Fehlschluss. Ganz unabhängig davon, wie viel man wirklich über ein Thema weiß (was meistens deutlich mehr ist als der Invers-Offene weiß oder zugibt), impliziert die Invers-Offene, dass irgendein Mangel an perfektem Wissen gleichbedeutend damit ist, dass man überhaupt nichts weiß. Und als zweite Folgerung steht dann noch unausgesprochen im Raum, dass daher auch, was weiß ich, Homöopathie wirkt oder wirken kann oder dass Klimamodelle keine Prognosen oder Projektionen schaffen können.
Die zweite Kategorie, die entweder gerade in Mode kommt oder mir deutlicher auffällt, ist der
Sekundäraufreger: Ein Mensch, der oder die sich aufregt, wenn jemand extrem dumme Mensch als dumm bezeichnet oder den Papst beleidigt.
Beispiele sind hier:
es geht nicht drum, ihnen alles durchgehen zu lassen, sondern darum, nicht zu den gleichen mitteln hass und diffamierung zu greifen.
oder hier:
„Ausdruck von Bosheit und Dummheit", „niveaulos und absolut primitiv". Die CDU-Politiker Martin Lohmann und Norbert Geis haben einen Sketch bei der Kölner Stunksitzung über Homosexualität und Missbrauch in der katholischen Kirche scharf kritisiert.
Man kann zwei Kategorien von Sekundäraufregern erkennen. Das zweite Zitat fällt in die Kategorie von Menschen, die dooftreu und dogmatisch z.B. den Papst verteidigen, und dazu "Untaten" erheblich unterschiedlichen Ausmaßes (die Beraubung der Menschenwürde für alle Homosexuellen vs. Kappensitzungs-Späße über den Papst).
Die Unterkategorie von Sekundäraufregern, die man eher hier in den Kommentaren findet, sind oft Kommentatoren, die vorher noch keine konstruktiven Beiträge geleistet haben. Dann aber plötzlich taucht die Sekundäraufregerin auf, um zur Ordnung zu rufen. In dieser Kategorie kann man eine grundlegende Sympathie für die Anliegen des Autors wahrnehmen, aber die Art und Weise wird kritisiert; siehe z.B. auch die "Don't be a dick"-Debatte oder Tone Trolling.
Hier liegt ein Missverständnis zugrunde, nämlich dass nur weil man selbst einem höflichen Umgangston hohe Priorität zumisst, jeder sich so verhalten müsse. Außerdem noch das Missverständnis, dass nur weil man ein gemeinsames Anliegen hat, sich jemand andere automatisch derart Gruppen zugehörig weiß, dass man anders mit ihr umgehen kann.
Im Grunde ist dies nämlich ein selbstzerstörerischer Weg: Ich zumindest fühle mich schon beleidigt, wenn jemand der vorher nicht in Erscheinung getreten ist plötzlich auftaucht und als einzige Botschaft am Umgangston zu meckern hat. Das setzt nämlich, wie in der ersten Unterkategorie, unterschwellig die Schwere der "Untaten" gleich. Kurz gesagt: Man sagt jemanden unfreundlich, dass er doch freundlich sein sollte, um effektiver zu sein.
Und wenn Menschen unglaublich dumme und verachtende und gefährliche Dinge sagen oder tun, dann ist es nicht ok, zu fordern dass man da sachlich bleibt. Und: Angriffe sind nicht deswegen weniger verletzend oder akzeptabel, weil man keine Kraftausdrücke verwendet oder doppelzüngig redet.
Invers-Offene schreibe ich übrigens mit Bindestrich, weil man sonst In-Versoffene lesen könnte. Nicht, dass das nicht auch passen würde ;)
Autor: Jörg· 18 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (18)
Ja, die Gruppe der "Die Wissenschaft weiß noch nicht alles - deswegen kann alles was ich mir so ausdenke auch richtig sein"-Argumentierer kenne ich aus meinen Blog nur zu gut ;)
Es gilt, die Welt zu verändern, nicht zu interpretieren! Der Wahrheit kann sich ein Mensch nur asymptotisch nähern. Ein pseudowissenschaftliches Video gefällig? http://www.youtube.com/watch?v=qCzbNkyXO50
Ohne vorherigen konstruktiven Beitrag zur Ordnung rufen habe ich auch schon gemacht. Und zwar um festzustellen, ob der Ton zu einem bestimmten Blog gehört. Gehörte er. Schade. Die Themen waren nämlich interessant, die Sprache aber inakzeptabel.
...
@Jörg Rings
"Und wenn Menschen unglaublich dumme und verachtende und gefährliche Dinge sagen oder tun, dann ist es nicht ok, zu fordern dass man da sachlich bleibt."
Doch, finde ich schon. Zumal das so in den Hausregeln steht:
"Die Blogkommentierung bietet Ihnen die Möglichkeit, Ihre Meinung zu einem Eintrag zu äußern oder Informationen zu ergänzen. In diesem Sinne ist ein sachlicher Stil der Kommentare geeignet, der den Respekt vor anderen Meinungen wahrt."
http://www.scienceblogs.de/netiquette.php
Oder gilt die etwa nicht für die Autoren?
Mal davon abgesehen dass, auch wenn man im absolutem recht ist, seiner Sache keinen gefallen tut wenn man ausfallend wird. Das wirkt auf aussenstehende sehr arrogant und hindert sie vielleicht sogar daran sich mit Argumenten auseinanderzusetzen.
Addendum
Und wenn ein Kommentar nicht den Regeln entspricht dann kann er ja gelöscht oder nicht freigeschaltet werden.
Wichtig ist dabei natürlich auch die korrekte Einordnung in den größeren trolltaxonomischen Kontext: Sind invers-offene Kommentatoren automatisch identisch mit der caudal-offenen Variante und so...
egal, was jemand sagt, ist sachlichkeit immer geboten.
wer die sachebene verlässt und ebenfalls unglaublich dummes oder verachtendes sagt, disqualifiziert sich selbst.
beim tun kann es anders aussehen. das nennt sich dann notwehr.
„Nicht mit dem Ersten dem Besten zu disputieren; sondern allein mit solchen, die man kennt und von denen man weiß, dass sie Verstand genug besitzen, nicht gar zu Absurdes vorzubringen und dadurch beschämt werden zu müssen; und um mit Gründen zu disputieren und nicht mit Machtsprüchen, und um auf Gründe zu hören und darauf einzugehen, und endlich, dass sie die Wahrheit schätzen, gute Gründe gern hören, auch aus dem Munde des Gegners, und Billigkeit genug haben, um es ertragen zu können Unrecht zu behalten, wenn die Wahrheit auf der anderen Seite liegt. Daraus folgt, dass unter Hundert kaum Einer ist, der es wert ist, dass man mit ihm disputiert.” (Aristoteles)
Argh, ja.
Aber wie soll man mit invers-offenen Kommentatoren umgehen? Meistens ist es fruchtlos, logische Fehlschlüsse zu erklären, und und trotz der fehlerhaften Prämissen bleiben die Leute dann auf ihren Pseudoargumenten sitzen. Eigentlich ist es völlig sinnlos. Manchmal bereut man es schon etwas, dass man Kommentare erlaubt, aber manchmal sind auch wirklich kluge Dinge darunter ....
Also über Nashörner und deren Probleme bloggt es sich sehr entspannt...
Die Sekundäraufreger ist einer "Concern Troll.
inversoffene *lol*
Schöner Artikel auf jeden Fall...
xxx
Mir fallen in letzter Zeit immer häufiger Leute auf, die sich darüber aufregen, worüber sich andere Leute aufregen. Z.B. Jemand, der sich echauffiert, weil sich jemand anders über den Tonfall einer Diskussion ärgert.
Nix für ungut, ist nur eine Beobachtung :-)
Daraus folgt, dass unter Hundert kaum Einer ist, der es wert ist, dass man mit ihm disputiert.” (Aristoteles)
-> Wie kommt der alte Herr auf hundert? Sind es die zu seiner zeit wenigen Menschen dieses Volkes und zudem mehr gebildet als ... oder ist sein ihm zugänglicher Personenkreis entsprechend klein, dass ...
Oder ist das zu wissende zu dieser Zeit von geringer Menge und Umfang gewesen, dass es zu wissen und beherrschen leicht gewesen...
Oder liegt es noch ganz anders begraben?
Mancher mag es sicher gerne sehen, dass es beim Invers-offenen Typs zwischen den Satzteilen ".... Meinung nicht überprüfen zu müssen und ..... als gleichwertig in die Diskussion einbehaupten zu können...."
...vielleicht besser ein "trotzdem" stehe. ...?
vielleicht hat er mit dieser schätzung seinem optimismus ausdruck verliehen.
Na, ... könnte auch Sarkasmus gewesen sein.
Wo er doch vorher recht deutlich aufgezählt hat, worum es ging bei der Auswahl.