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20.02.10 · 10:55 Uhr
Warum streiken die Klimaforscher nicht?
Kategorie: Kultur·Politik·Umwelt · Kommentare: 19
Klimaforscher leisten für den IPCC eine Höllenarbeit freiwillig und unbezahlt. Auf der anderen Seite werden sie für einen Zahlendreher in einer Zeile auf einer von 2800 (!) Seiten vom millionenfachen fackeltragenden Lynchmob gejagt, unterstützt von den Medien. Sie verfügen aber über keine Mittel für ordentliche Öffentlichkeitsarbeit. Da möchte ich einfach mal fragen: Warum streiken die Klimaforscher nicht einfach, bis die Verhältnisse sich bessern?
Es ist ein offenes Geheimnis (und wenn mir oder jemandem eine Quelle dafür einfällt, könnte ich sie hier verlinken), dass man mehr Beachtung für seine Arbeit findet (z.B. beratende Tätigkeit), wenn man dafür Geld nimmt. Die Klimaforscher arbeiten zum Großteil kostenlos und neben ihrer normalen Arbeit, die wahrscheinlich eh schon so oder ähnlich aussieht, am IPCC-Report mit. Der IPCC verfügt nur über ein kleines Büro mit wenigen festen Mitarbeitern. Es ist nicht möglich, die Öffentlichkeitsarbeit zu machen die man möchte, weil es kein Personal und Geld dafür gibt. Auf der anderen Seite stehen "Think Tanks", die mit Kommunikationsspezialisten und viel Kohle dahinter (oder Öl?) die PR-Atombomben zünden können wo die Forscher nur Feuerzeuge haben - und die Fakten, aber die interessiert niemanden. Die Medien hauen munter mit drauf, mit so kotzeschlechten Artikeln wie in der Welt oder im Spiegel. Oder Journalisten wie Jonatahn Leake, die sich nachweislich ihre Wahrheit bauen wie sie wollen - und damit leicht durchkommen.
Das Interview mit Michael Mann von Randy Olson bei The Benshi fasst es eigentlich gut zusammen: Die Forscher haben die Gegenbewegung zunächst unterschätzt, und jetzt sind sie ihr fast ausgeliefert. Es geht nicht um einen Zahlendreher zwischen 2035 und 2350, es geht um Krieg gegen Wissenschaft. So ist es - schlicht und einfach.
Da eh zu befürchten ist, dass jetzt weniger Forscher bereit sind, am nächsten IPCC-Bericht oder an Reformen des Review-Prozesses mitzuarbeiten, ergibt sich die Frage: Warum macht ihr das noch, liebe Klimaforscher? Ich bewundere eure Motivation, und den Fleiß und die Arbeit die ihr freiwillig hineinsteckt. Aber seid ihr euch sicher, das das der beste Weg ist? Warum sagt ihr nicht: "Meine Arbeit muss wertgeschätzt werden? Und deswegen streike ich jetzt, ich werde nicht mehr am IPCC mitarbeiten bis
- der IPCC umgebaut ist, zu einer internationalen Organisation, die über mehr feste Mitarbeiter und vor allem einen ordentlichen Stab und ordentliches Geld verfügt um Wissenschaftskommunikation zu betreiben
und/oder
- ich für meine Arbeit eine Aufwandsentschädigung erhalte"
Wenn ihr etwas für die Arbeit bekommt, steckt es in ein zusätzliches Jahr für einen eurer Doktoranden, oder ein neues Messgerät, es wird sich immer etwas finden. Aber verkauft euch doch nicht so unter Wert.
Autor: Jörg· 19 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
Trackbacks (2)
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Kommentare (19)
Raten Sie mal, wer den nächsten IPCC-Report erstellen würde, wenn sich keine seriösen Forscher mehr melden würden...
Im übrigen ist die UNO chronisch unterfinanziert, eine Mittelaufstockung für das IPCC ist illusorisch und müßte im übrigen auch mit interessierten Seiten wie Saudi-Arabien, Rußland, China oder den USA abgestimmt werden. Und gar eine Vergütung der Mitarbeit ist nun gar nicht machbar. Wenn Mittel vergeben werden, führt das automatisch zu dem ganzen Zirkus der überwachten Mittelvergabe und dem Wettbewerb um diese Mittel. Je nach Finanzierung würden zusätzliche Honorare mit anderer Förderung verrechnet werden müssen oder würde andere Forschungsförderung entsprechend gekürzt werden, wenn es UNO-Mittel gäbe.
Am ehesten realisierbar wäre vielleicht ein Pressesprecher für das IPCC, aber das eigentliche Problem sind eher die Presseabteilungen der Universitäten und Forschungseinrichtungen. Und einfach mal lügen, wie es für eine Patrick Michaels oder einen Monckton möglich ist, ist dann trotzdem (zum Glück) nicht drin, und damit ist immer noch keine Waffengleichheit gegeben.
Man kann es drehn wie man will, die Situation ist schlecht und das bleibt so. Wir können nur auf einsichtige Regierungen hoffen. In Europa immerhin hören zumindest die Entscheidungsträger im Prinzip auf die Wissenschaftler, so lange es nicht zu unpopulär ist. Das eigentliche Problem für die öffentliche Meinung, die miese Qualität des Journalismus, wird allerdings von den Lesern und Zuschauern gesteuert, und da sind beide in einem selbstverstärkenden Verdummungskreislauf, gegen den ich kein Mittel sehe.
"Es geht nicht um einen Zahlendreher zwischen 2035 und 2350, es geht um Krieg gegen Wissenschaft. So ist es - schlicht und einfach."
Dies ist sehr gut erkannt. Man muss sich nur den Inhalt der gestohlenen mails ansehen.
Also dieser Zahlendreher wurde echt total fertig gamcht, das war für mich unverständlich. Ich denke aber mal, dass den Klimaforschern ihr Themengebiet zu sehr am Herzen liegt und sie total darauf geprägt sind, den Klimawandel zu analysieren und sich deswegen irgendwoie durchschlagen. Ihr Herz hängt einfach dran, sonst würde doch niemand daran arbeiten ohne irgendwelches Geld zu bekommen. Ich denke aber auch, dass das Theme Klimawandel mittlerweile zu oft zu vielseitig in den Medien und überall diskutiert wurde, so dass keiner mehr wirkliches Interesse zeigt (die Bevölkerung zumindest nicht) und men evtl. deswegen nicht bereit ist, die Klimaforscher besser auszustatten. Nicht zu letzt weil sie eben dieses Zahlendreher hatten. Ich hoffe einfach, dass sich die Bedingungen bessern und die Leute weiter mit ihrem Herzen dabei sind, denn sich unterkriegen lassen, ist keine Option!
Wie sollen denn die Klimaforscher oder Wissenschaftler allgemein streiken? Sollen die sich hinsetzen und sagen "so, ich schreib keine Publikationen mehr!" Ein Streik ist nur dann sinnvoll, wenn die Gesellschaft merkt, dass ihr da was abgeht. Ich hatte mal vor einiger Zeit eine nette Unterhaltung mit einem israelischen Wissenschaftler. Die haben mal tatsächlich gestreikt. Aber "nur" in der Lehre. Nach dem Motto: "Wenn die Kinder von Politikern, Ärzten, Rechtsanwälten keinen Abschluss kriegen, weil die Profs in den Streik gehen, DANN merken die das. Wenn aber die Forscher aufhören zu forschen, merkt das keine Sau."
Wobei ich denke, dass hierzulande erst gar nicht bis zum Streik kommen würden.
1. sind Professoren immer noch verbeamtet und
2. würde man ja damit den Werdegang eines jungen Menschen massiv beeinflussen. Da hätte ich moralisch Bedenken, den Streik auch durchzuziehen.
Gibt es den da noch Forschungsbedarf? Welche überraschenden Erkenntnisse könnten wir in neuen IPCC-Berichten denn noch erwarten?
@Ludmilla: Ja, stimmt...ich erinnere mich daran. Eine geniale Aktion, aber hie rin Deutschland zu streiken ist echt schwer, da stellt das Verbeamtetsein einem echt ein großes Bein. Ich erinner emich an die Studentenproteste vor einigen Wochen hier: Die Uni hat den Profs Redeverbot gegeben und denen gsagt, sie dürfen sich nicht dazu äußern, sonst würden sie nämlich erhebliche Probleme bekommen. Das schüchtert leider ein.
@antiangst: Naja, Daten und Ergebnisse können immer noch ein Stück präzisiert werden...oder durch zusätzliche Berechnungen/Modelle widerlegt/konkretisiert werden.
Gegenfrage: Warum stellen Sie nicht die richtigen Fragen?
Es liegt ja nicht am Unwillen der Klimaforscher, dass
Journalisten z.B. im Fall Jones derartigen Blödsinn schreiben.
Und nicht nur da. Immer wenn der Schlagzeile-generiert-Umsatz-Faktor groß genug ist, vergisst die Journaille ihre Grundsätze.
offtopic: Könnte sich mal jemand mit folgender Pseudostudie über den Klimawandel beschäftigen und die falschen Schlussfolgerungen darin in einem Beitrag widerlegen? http://www.ke-research.de/downloads/klimaretter-1-3.pdf
Übrigens möchte ich diese Idee jetzt nicht bis auf den Tod verteidigen, mir fielen nur gerade viele Gründe dafür (auch dagegen ein), und da hab ich sie mal gestellt.
@Ludmila
Nein, die sollen ihre normale Arbeit natürlich machen. Aber die Zusatzarbeit am IPCC-Bericht ist ja freiwillig, die könnte man erstmal verweigern. Und wenn man die Zeit einsetzen will, könnte man ja mehr Paper schreiben. Oder ein Blog.
@Jörg Zimmermann
Das finde ich jetzt nicht leicht zu beantworten. Vermutlich einfach niemand. Die Leugner haben kein Interesse daran, die haben wesentlich effektivere Methoden.
Stimmt, das darf nicht Sinn der Sache sein. Dann ist es wohl sinnvoller, vor allem mehr Personal und Outreach zu fordern.
Ne, ein Pressesprecher ist nichts. Da müsste eine richtige Abteilung her, das komplette Programm der Kommunikation. Michael Mann sagt im Interview mit Randy Olson, dass Al Gore 300 Millionen gesammelt habe. Aber bei RealClimate kommt nichts an. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass es nicht zu jedem Thema NPOs gibt die Aktionen machen - aber effektive Kommunikation und gute Arbeit kostet Geld und vielleicht auch mal ein paar ganz neue Ideen - um nicht das Wissen, sondern die Methoden zu kommunizieren.
Naja, und wie lange? Die Regierungen werden dann wechseln, und die Wissenschaftsfeindlichkeit womöglich noch stärker zunehmen. Gut, viel schlechter als Kopenhagen kanns nicht laufen, aber das kann ja auch auf andere Wissenschaft umschlagen.
Doch, ich denke schon dass die vernetzte Welt und die Blogs einen Beitrag liefern können. Es wäre z.B. gut, wenn die großen Wissenschaftsorganisationen Kommunikation stärker belohnen würden.
Ich sehe, im Vergleich zu Ihnen wirke ich wie ein Pessimist. Hoffen wir mal, daß das so stimmt, wie Sie es sagen, und die Blogs zur öffentlichen Meinungsbildung signifikant positiv beitragen. Im Grundsatz stimme ich Ihnen zu, Wissenschaftler brauchen effiziente Methoden, ihre Ergebnisse populär zu machen, und nur ein Pressesprecher oder ein Pressestab sind dafür noch zu wenig. Wenn ich das Interview mit Michael Mann sehe, dann ist da ja in der Richtung etwas in der Bewegung. Es kommt nur leider ziemlich spät, denn aufgrund der akkumulativen Wirkung des CO2 läuft uns die Zeit davon.
@Jörg Zimmermann: Nein, ich glaub ich bin auch pessimistisch, aber auch nicht so dass ich nicht Wege suche auf denen noch etwas zu holen ist. Eher um zu verhindern, dass die Unwissenschaftlichkeit in 20 Jahren alle Bereiche der Forschung blockiert.
Beim CO2 ist es wirklich leider zu spät. Es wird nichts wesentliches passieren. Schlimmer noch - die ganzen Schreibacken werden auch nicht mehr sehr davon betroffen sein. Die Millionen, die in ärmeren Ländern vom Wagen fallen, gehen denen eh am Arsch vorbei :(
Und weil dieser Artikel für den Rake zu trollig ist, wird er wahrscheinlich gelöscht.
Stimmt auffallend
War klar. :-). Was jedoch nicht heißt, das ich Unrecht habe.
Ah, dieses Zitat aus einem neuen Artikel bei The Benshi fasst meine Verwirrung gut zusammen
http://thebenshi.com/2010/02/22/15-speed-what-the-world-of-science-communication-needs/
Warum Streik? Gleich völlig aufhören mit dem ganzen Unsinn!
"Gleich völlig aufhören mit dem ganzen Unsinn!"
Schön, daß Sie noch mal klarstellen, worum es Leugnern eigentlich geht - nicht darum, daß die Wissenschaftler besser abgesicherte Resultate liefern, sondern daß es keine Wissenschaft mehr gibt, die eventuell zu Ergebnissen kommen könnte, die den Betroffenen nicht paßt, kurz Wissenschaftsfeindlichkeit.
Es ist völlig irrelevant, ob die Klimaforscher streiken. Die Darstellung der Sachverhalte in den Medien, aber auch die Ergebnisse von Kopenhagen (und Kyoto) zeigen, das die Wissenschaft gegen die Kampgne der Skeptiker (i.e. Erdöl-Firmen, religiöse Extremisten und Wirtschaftslobbyisten) völlig hilflos ist. Die Basis unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ist Geld, und nicht Wissenschaft.
Es ist der Wissenschaft in mehr als 10 Jahren nicht gelungen, gegen die - millionenschweren - Kapagnen der Skeptiker eine Strategie zu entwickeln (was IMHO systemimmanent ist). Und das wird auch in Zukunft nicht passieren. Denn Wissenschaft bezieht sich (notwendigerweise) auf sich selbst. Wohingegen die wissenschaftlichen Fakten für die Skeptiker vollkommen irrelevant sind, denen geht es um die politischen Entscheider und - vor allem - um die Öffentlichkeit.
Insofern ist völlig klar, das genau dann (und nicht einen Tag vorher) etwas substantielles gegen den Klimawandel unternommen werden wird, wenn die Interessen anderer, stärkerer Lobbys bedroht sind. Also die Effekte des Klimawandels so stark sein werden, das die Gewinnmargen signifikanter Bereiche unter den Effekten des Klimawandels leiden.
Vergleicht man die aktuelle Kampagne der "Klimaskeptiker" mit jener gegen die Schädlichkeit des Rauchens (in die ja sowohl Singer als auch das Heartland-Institute involviert waren / sind), so sieht man im Effekt das es auch dort - bei ungleich geringerem finanziellen Aufwand - gelungen ist, die Wahrheit über Jahrzehnte zu negieren. Und noch immer gelingt es vielfach, Massnahmen zu verhindern.
Insofern darf man getrost prognostizieren, das es völlig irrelevant ist, was die Klimaforscher tun. Passieren wird ohnehin nichts, was den Interessen der Geldgeber der Skeptiker-Kampagne schaden könnte.
Die Wissenschaft wird in frühestens 30-40 Jahren wieder zu Wort kommen, wenn andere Wirtschaftinteressen die Ergebnisse benötigen. Bis dahin darf man sich getrost in den Elfenbeinturm zurückziehen. Das entsprechende Engagement ist witzlos und frustriert nur.
Trolle sind hier unerwünscht
Ist doch toll - wenn Sie streiken würden, dann hätte der ganze Mist bald ein Ende.
Die Politiker (s. Merkel und Konsorten) stören sich doch überhaupt nicht mehr an irgendwelche Ergebnisse bzw. neue Erkenntnisse...denen wurde das $-Zeichen regelrecht eintätowiert. Es geht geradezu in die Ökodiktatur, nur die meisten Bürger
merken es nicht einmal.