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06.02.12 · 21:10 Uhr
Einsteins Relativitätstheorie als Stummfilm aus dem Jahr 1923
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 14
Es gibt kaum einen Wissenschaftler, der die moderne Physik so sehr geprägt hat wie Albert Einstein. An beiden großen Theorien, die im 20. Jahrhundert entwickelt wurden - der Relativitätstheorie und der Quantentheorie - war er maßgeblich beteiligt. Die beiden Relativitätstheorien haben eindrucksvoll demonstriert, dass das Universum ganz anders ist, als wir uns es bis dahin vorgestellt haben. Unser alltägliches Verständnis der Welt ist kein brauchbarer Maßstab um die Realität des Kosmos zu beschreiben. Sowohl Relativitätstheorie als auch Quantenmechanik sind teilweise enorm kontra-intuitiv. Das macht natürlich auch den großen Reiz dieser Theorien aus. Einerseits haben sie die Wissenschaft völlig revolutioniert. Andererseits sind sie schwer zu verstehen und voll mit äußerst geheimnisvoll und mysteriös anmutenden Phänomen die so gar nichts mit dem zu tun haben, wie wir uns die Welt normalerweise vorstellen. Heute ist die Relativitätstheorie physikalisches Standardwissen und Teil jeder Einführungsvorlesung an den Universitäten. Für die Physikerinnen und Astronomen sind Einsteins Thesen völlig normal. Für die breite Öffentlichkeit ist die Relativitätstheorie aber immer noch so seltsam und faszinierend wie zur Zeit ihrer Entstehung. Und schon damals gab es Versuche, die Theorien von Albert Einstein massentauglich aufzubereiten.
In der August-Ausgabe von "Scientific American" des Jahres 1922 erschien ein Artikel mit dem Titel "Relativity in the Films" (verfasst von einem geheimnisvollen "Einstein Editor"). Darin wird über die Möglichkeit spekuliert, die Relativitätstheorie in einem Film zu erklären. "Film" war damals meistens gleichbedeutend mit "Stummfilm", denn Tonfilme wurde gerade erst entwickelt. Um Einsteins Theorie vernünftig zu erklären, so "Scientific American", bräuchte man so viel erläuternden Text, dass der Film damit völlig überladen wäre. Ein Relativitätsfilm erschien also nicht sinnvoll. Trotzdem hat der deutsche Regisseur Hanns-Walter Kornblum einen solchen Film gedreht. "Die Grundlagen der Einsteinschen Relativitäts-Theorie" wird von "Scientific American" aber eher zwiespältig besprochen.
Angespornt vom Erfolg des deutschen Films haben die amerikanischen Fleischer Studios (die später dann unter anderem auch die Popeye-Filme produzierten) 1923 den Film "The Einstein Theory of Relativity" herausgebracht, der viele Elemente des deutschen Films übernommen hat. Von dem Film sollen eine 20-Minuten-Version und eine mit 50 Minuten Länge existieren. Die 20-minütige Ausgabe ist mittlerweile im Internet verfügbar. Hier ist sie:
The Einstein Theory of Relativity 1923 from ricordidimenticati on Vimeo.
Gut, die Effekte sind aus heutiger Sicht nicht sonderlich beeindruckend. Aber der Aufbau des Filmes ist recht interessant. Ich finde die Einleitung recht nett, in der uns erklärt wird, dass wir uns nicht auf unsere Sinne verlassen sollten, wenn es darum, die Welt zu verstehen. Natürlich bleibt uns oft nichts anderes übrig. Aber wir müssen uns immer bewusst sein, wie schnell und einfach wir uns täuschen lassen. Wissenschaft ist eigentlich nichts anderes, als eine Methode, um aus unseren subjektiven Sinneseindrücken objektives und verlässliches Wissen über die Welt zu gewinnen. Selbst wenn dieses Wissen dann unserer Intuition so stark widerspricht wie die Relativitätstheorie.
Ein paar Fehler sind natürlich auch enthalten. Der Größenvergleich zwischen Sonne und Erde stimmt nicht ganz. Und die Geschichte mit den davonfliegenden Jahren und dem Astronauten, der diese Jahre "überholt" ist etwas kontraproduktiv und verwirrend. Aber alles in allem ist dieser alte Film ein interessantes Stück Geschichte.
Und es kommen keine Raketen drin vor! Ich weiß nicht warum, aber ich hasse die Raketenerklärungen, die sich in jedem modernen Text über die Relativitätstheorie finden. "Rakete A fliegt mit Geschwindigkeit X in die eine Richtung. Eine Uhr an Bord von Rakete B...." Argh! Keine Ahnung, warum mich das so nervt, aber ich finde diese Raketenbeispiele weder sonderlich verständlich noch sonderlich gut.
Autor: Florian Freistetter· 14 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (14)
Keine Ahnung, warum mich das so nervt, aber ich finde diese Raketenbeispiele weder sonderlich verständlich noch sonderlich gut.
Raketenerklärungen bringen halt so ein Gefühl rein wie: "Das ist kompliziert und ich könnte so etwas nie und habe ja auch gar nicht die Möglichkeiten dazu."
Wenn man das selbe hingegen mit ner Kugel oder so erklärt, hat man hingegen direkt den Eindruck "Hey! Das ist ja simpel, das hätte ich vielleicht auch heraus bekommen, wenn ich lange genug drüber nachgedacht hätte!"
Hübsches Video übrigens, sehr charmant! Man hätte aber beim Kern des Problems - dem Ballonfahrer, ruhig etwas länger erklären können. Aber immerhin! :)
Sehr entspannend fuer den Abend! Aber es kam das 1923 Aequivalent zur Rakete vor: Schiessen wir einen Mann auf einer Kanonkugel in den Weltraum!
Will man die Effekte der Relativitaetstheorie erklaeren, muss man halt aus der "Alltags"physik ausbrechen. Mir fallen da jetzt auch nur die Raketenbeispiele oder die Teilchenphysik ein. Da man eine Rakete wenigstens anfassen kann, werden wohl diese Beispiele haeufiger gewaehlt. Ein anderes Beispiel, das ich zum Beispiel nicht mag, ist das lange Auto, das mit fast Lichtgeschwindigkeit in die "zu kleine" Garage faehrt...
Immernoch besser als so manch aufgeblasene Doku von heute. Einfach und anschaulich. Ich find auch das kleine Raumschiff (Rakete) putzig. Und die Erde! "As we dash away, our Earth deminishes in size ---and in importance." (Also ich habe da sofort die passende Stimme zu im Ohr.) Wenn man sich mal überlegt, was die damals alles noch nicht gesehen oder gewußt haben und andererseits wie weit einige damals ihrer Zeit voraus waren...
ganz nett, das Video... abgesehen vom Ende, das *so* meines Erachtens sogar falsch ist. Ein mit nahe c von der Erde wegfliegender Beobachter reist ja nicht in seine Vergangenheit sondern "nur" langsamer in die Zukunft als wenn er auf der ("ruhenden") Erde geblieben wäre, oder irre ich mich da? (außer das interstellare Medium hätte eine niedrigere Informatonsausbreitungsgeschwindigkeit als der fliegende Beobachter, in diesem Falle könnte er die Signale von der Entdeckung Amerikas tatsächlich übrholen. Aber das ist doch eher unwahrscheinlich :-) )
Das mit der Garage ist ohnehin Unsinn, da nur für den Beobachter im Ruhesystem der Garage das Auto - solange es in Bewegung ist - reinpassen würde. Im Ruhesystem des Autos sieht es ganz anders aus. Außerdem haben die wenigsten Garagen vorne wie hinten offene Türen, so dass das Auto dann noch innerhalb der Garage abbremsen müsste, um keinen Unfall herbeizuführen. Dann sind Auto und Garage aber wieder im selben Ruhesystem und ds Auto passt nicht mehr rein... ganz abgesehen von den beim Bremsen auftretenden Beschleunigungen - von nahe c auf (fast) 0 binnen weniger (Zenti)meter dürfte wohl kaum ein menschlicher Insasse überleben :D
Ich bin fasziniert: Da wird in einem hundert Jahre alten Stummfilm davon geschrieben und gezeigt, wieviel der Mensch erreicht hat, weil er Muskelkraft durch Maschinen ersetzt hat und fliegen kann. Wie gewaltig denen das damals vorgekommen ist, weiß ich aus Erzählungen meiner Großeltern. Und heute haben und nutzen wir eine Technik, die man sich damals in verrücktesten Träumen nicht vorstellen konnte und die für viele genauso unerreichbar ist, wie für die Menschen damals.
Wenn ich mir die technischen Mittel in dem Film so ansehe, ist die Leistung Einsteins und anderer Forscher eigentlich noch unbegreiflicher.
(Meine Mutter wurde 1928 geboren, meine Großeltern waren zur Zeit des Films in ihren Zwanzigern. Automobile tauchten dort erst mit Kriegsbeginn auf. Solch ein Blick in jene Zeit ist einfach aufregend.)
Schöner Fund! Danke. :)
Aber eine kleine Anmerkung am Rande, weils mir in deinen letzten Beiträgen öfters aufgefallen ist:
den (ein "n" also langes "e")
denn (zwei "n" also kurzes "e")
Über die meisten Rechtschreibfehler lese ich ja einfach hinweg. Aber so ein Fehler sollte nicht immer wieder passieren. Wirkt unprofessionell. No offense. ;)
Ein schönes Video. Das mit dem Überholen der Jahre ist verwirrend. Wahrscheinlich meinten die Autoren, dass jeder Blick in den Weltraum ein Blick zurück in der Zeit ist.
@FF:
Und da sind doch Raketen in dem Film. Zwar keine Raketenerklärungen, aber eine Rakete ist das ganz sicher. =D
Nettes Filmchen. =)
den film hab' ich anfang 2011 in einem museum in wien gesehen. im MUMOK, glaube ich ... dafür dass der so alt ist, fand ich ihn aber schön gemacht und sogar recht verständlich ... wie das wohl auf die menschen damals gewirkt haben mochte? viele hielten das bestimmt für blanken unsinn ^^
@afx
Es gab damals einige Wissenschaftler, die Probleme mit der Relativitätstheorie hatten. Das kann man Ihnen ja nicht einmal verübeln, weil die Voraussagen ziemlich abgefahren sind und es zunächst keine Messergebnisse gab, die speziell diese Theorie stützten. Weil sie aber so elegant war, hat man die Theorie offensichtlich ernst genug genommen um mal genauer nachzusehen. Aber als dann die ersten Beobachtungen die Vorraussagen Einsteins gestützt haben, konnte man nicht mehr viel diskutieren.
Allerdings gibt es auch heute immer noch Cranks, die die Relativitätstheorie ungeachtet dessen, dass sie sensationell funktioniert, leugnen.
@compuholic: Jede Theorie, auch die Relativitätstheorie, ist prinzipiell falsch, weil sie auf einem Modell unserer Welt aufbaut, das notgedrungen Vereinfachungen enthält. Anders gesagt: sie gilt immer nur solange, bis sie widerlegt ist.
Das heisst, sie gilt solange absolut, bis sie widerlegt ist dadurch, dass sich die Natur halt unter gewissen Umständen nicht ans Modell hält. Im Reich der kleinsten Teilchen gilt nicht die Relativitätstheorie, sondern die Quantenmechanik, und die schliessen sich zu einem gewissen Grad aus. Aber ebenso, wie die Relativitätstheorie die Newtonschen Gesetze als Spezialfälle mit einschliesst (und die Newtonschen Gesetze die Archimedischen Erkenntnisse), wird eine Hypertheorie auch die Relativitätstheorie mit einschliessen.
Trotzdem gilt, dass die Relativitätstheorie die zur Zeit beste ist, die wir haben. Auch wenn es momentan einige Zweifel gibt, ob nicht doch Materie schneller als das Licht sein kann.
@Gipfelibringer:
Ich sehe nichts, wo ich etwas Gegenteiliges behauptet hätte.
Nicht Film, aber auch stumm: Das Einstein-Archiv ist komplett online.