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Florian Freistetter promovierte am Institut für Astronomie der Universität Wien und hat danach an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg als Astronom gearbeitet. Zur Zeit lebt er in Jena, bloggt über Wissenschaft und schreibt manchmal Bücher:

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08.01.12 · 18:05 Uhr

Ergründung der Elektrizität ohne Wunderkultus

Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 22

Seit es Wissenschaft gibt, gibt es auch diverse Cranks und Pseudowissenschaftler. Auf ein schönes Exemplar aus dem Jahr 1906 hat mich ein Leser aufmerksam gemacht:

simplicissimus.jpeg

Das Inserat stammt aus der Ausgabe Nummer 5 der Zeitschrift "Simplicissimus" im Jahr 1906. Das beworbene Buch von Th. Newest ist sogar heute noch im antiquarischen Buchhandel erhältlich; sogar alle sieben Bände der Serie "Einige Weltprobleme". Das zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher weiß über den Autor - dessen richtiger Name offensichtlich Hans Goldzier ist, folgendes zu sagen:

"Hans Goldzier gehörte neben Guido von List & Lanz von Liebenfels zu den "lebensenergie-theoretischen" Einflüssen auf Hitler. Er hatte eine ganze Gegenwissenschaft entwickelt, in der er Newtons Gravitationstheorie als Irrlehre entlarvte, nachwies, dass das Erdinnere nicht heiss sei, der Mond aus Eisen bestehe, usw. usf. Goldzier wandte seine Lebensstromtheorie auch auf ganze Völker und "Rassen" an, stets unter Verwendung darwinistischer Grundsätze von den "Starken", die über die "Schwachen" triumphieren. Hitler selbst übertrug dies auf die "jüdische Schmarotzerrasse".

Tja. das tragische an der ganzen Sache: mehr als hundert Jahre später hat sich nicht wirklich was geändert. Die Welt ist immer noch voller Pseudowissenschaftler, die teilweise den gleichen Unsinn vertreten wie vor 100 Jahren und die widerlichen Nazis sind auch nicht tot zu kriegen und vertreten den gleichen Unsinn wie vor 100 Jahren. Nur die echte Wissenschaft hat sich im letzten Jahrhundert ständig geändert und unser Weltbild komplett über den Haufen geschmissen. Das sollte einem zu denken geben.

 

Autor: Florian Freistetter· 22 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (22)

Kommentar-Direktlink Bullet· 08.01.12 · 19:31 Uhr

Du meinst das Thema "Wissenschaftler sind Betonköpfe und Dogmatiker"? *kicher*

Kommentar-Direktlink rolak· 08.01.12 · 20:25 Uhr

Aber eines ist bemerkenswert: 'Th Newest' ist wenigstens ein Pseudonym mit Witz und Grips. Insbesondere möchte ich aber auf die in der Annonce ebenfalls erwähnten Bände I und II hinweisen :-) intelligent falling is so 1905...

Guido von List, Lanz von Liebenfels (mit angemaßtem Adelstitel), Hans Goldzier und wie immer sie hießen, waren teils zwielichtige Figuren von meist pseudointellektuellem Naturell, allemal völlig verrannt in ihre Pseudowissenschaft
(src) Hätte ich nicht gemeiner formulieren können.

Kommentar-Direktlink CMS· 08.01.12 · 20:30 Uhr

Huch, Newton widerlegt? Da muss ich doch mal schauen, ob ich das Buch irgendwo finde. Ist sicher Lustig. =D

Kommentar-Direktlink rolak· 08.01.12 · 20:56 Uhr

Gibt es reichlich, CMS. btw: Passender nick für die Regalbetreuung ;-)

Kommentar-Direktlink Wolfgang Flamme· 08.01.12 · 21:32 Uhr

Das Kapitel "Wunderglaube in der Forschung" verspräche interessant zu werden :-)

Kommentar-Direktlink para· 08.01.12 · 21:38 Uhr

"Gegen Einstein: Die Erfahrung im Weltall" ist sicher auch klasse. Erschienen 1921! Von wegen Yuri G. war der erste XD

Kommentar-Direktlink KnoxonK· 08.01.12 · 21:57 Uhr

Über lange Zeiträume zeichnet sich echte Wissenschaft wohl dadurch aus, dass Sie immer wieder das Weltbild und auch ihre eigenen Vorstellungen teilweise oder auch ganz ändert.
Eine Pseudowissenschaft welche nur ein Wunschbild (unterlegene Rassen?) erklären soll wird verständlicherweise nicht ihre grundlegenden Vorstellungen ändern. Leider verschwinden die Menschen die dieses Wunschbild vertreten auch nicht von der Bildfläche, selbst wenn die entsprechende Pseudowissenschaft schon lange verschwunden ist.

Kommentar-Direktlink para· 08.01.12 · 22:07 Uhr

Über lange Zeiträume zeichnet sich echte Wissenschaft wohl dadurch aus, dass Sie immer wieder das Weltbild und auch ihre eigenen Vorstellungen teilweise oder auch ganz ändert.
Hmm, nein. Es hinterfragen, es prüfen- dass ganz bestimmt. Doch so lange es stimmig ist, muss es auch nicht geändert werden. Der Satz des Pythagoras bleibt, obwohl uralt, unverändert richtig und "echte Wissenschaft".

Kommentar-Direktlink BreitSide· 08.01.12 · 22:43 Uhr

Guido? Guido sein (Groß-)Vater? Duckundwech...

Kommentar-Direktlink noch'n Flo· 08.01.12 · 23:00 Uhr

@ BreitSide:

Ja, darüber bin ich auch sofort gestolpert...

Kommentar-Direktlink Muddi & theBlowfish· 09.01.12 · 09:43 Uhr

Tja, tja, rund 100 Jahre vorher (1835)hatten wir ja auch das damalige Pendant zum heutigen Elektrosmog durch Überlandleitungen:
Delirium Furiosum, eine Gehirnkrankheit, die entsteht wenn die Züge mit solch einer atemberaubenden Geschwindigkeit am Betrachter vorbeizischen, dass das Hirn das einfach nicht verarbeiten KANN (atemberaubende DREISSIG Meilen pro Stunde elf !!!
Ja, nicht nur Hahnemann beweist- auch unter Medizinern gibt es genügend Vollpfosten....
damals wie heute....

Kommentar-Direktlink pirx· 09.01.12 · 09:53 Uhr

@Muddi:

Delirium Furiosum...

War das aus damaliger Sicht wirklich absurd? Oder waren das nur Bedenken, die sich dann als unbegründet erwiesen haben? Auch Hahnemanns Gedankengänge waren ja zunächstmal sinnvoll, und das Problem der Homöopathie ist, dass Hahnemann seine eigenen Fehler nicht erkannt hat und seine Jünger sich gegen jede ihrer Weltsicht widersprechende Erkenntnis zur Wehr setzen - nicht so sehr, dass alles vom ersten Moment an Schwachsinn war. Oder anders formuliert: Viel esoterischer Schwachfug entsteht aus zunächst durchaus sinnvollen Gedankengängen und wird erst durch falsche Methodik zu esoterischem Schwachfug. War das beim Delirium Furiosum auch so?

Kommentar-Direktlink Wolf· 09.01.12 · 10:25 Uhr

@Muddi:"[...]Ja, nicht nur Hahnemann beweist- auch unter Medizinern gibt es genügend Vollpfosten....
damals wie heute...."
Das würde ich so jetzt gar nicht mal behaupten. Denn wenn es an der Erfahrung fehlt, dann warnt man als verantwortungsbewusster Mensch erstmal, bevor man gesagt bekommt "Du A****, hast nichts dagegen gesagt, und nu: ´Sie haben Kyle umgebracht!" "Die Schweine!".

Klar ist das für uns erst mal komisch, aber damals wars halt so.
Was die wohl zur 3 fachen Schallgeschwindigkeit einer SR 71 Blackbird gesagt hätten? http://de.wikipedia.org/wiki/Lockheed_SR-71

Kommentar-Direktlink Wolf· 09.01.12 · 10:44 Uhr

Hey, das ist mir ja eben erst aufgefallen "Gegen die Wahnvorstellung vom heißen Erdinnern".

Würde mich jetzt echt interessieren, was die damals dachten woher das Magma (Lava?) kam.

Kommentar-Direktlink noch'n Flo· 09.01.12 · 11:38 Uhr

@ Wolf:

Nur dass Kyle niemals umgebracht wurde, sondern Kenny.

Kommentar-Direktlink Wolf· 09.01.12 · 11:55 Uhr

Kannst mal sehen wie oft ich mir das anschaue.

Kommentar-Direktlink rolak· 09.01.12 · 16:54 Uhr

Das eselsbrückt mensch sich am Bier, Wolf.

Kommentar-Direktlink Wolf· 09.01.12 · 19:22 Uhr

@rolak: andersrum ;-)

Kommentar-Direktlink Stefan W.· 09.01.12 · 22:41 Uhr

pirx· 09.01.12 · 09:53 Uhr War das aus damaliger Sicht wirklich absurd?
(Angst vor 30 km/h schnellen Zügen): Pferde schaffen im Galopp um die 50 km/h. Wenn Pferde vorbeirasen verkraftet man das auch. Selbst Menschen, die 100m in 12s laufen sind 30km/h schnell. Allerdings spielte das ganze wohl vor der Freizeitmode Sport.

Wenn man also nie Beeinträchtigungen durch ähnlich hohe Geschwindigkeiten festgestellt hat, dann beruhten die Befürchtungen auf Phantasie.

Kommentar-Direktlink pirx· 09.01.12 · 22:49 Uhr

@Stefan W.: Das klingt plausibel. Danke. Trotzdem wäre es sicher interessant, zu erfahren, wo diese - natürlich skurril klingenden - Bedenken herkamen.

Kommentar-Direktlink Jeeves· 19.01.12 · 09:33 Uhr

Zu: Schon vor 100 Jahren...
.
Frage: "Jede Generation fängt immer neu an, nichts zu wissen" - Bedeutet das, dass man von einer zyklischen Verblödung ausgehen muß, die von Generation zu Generation wiederkehrt?"
Dieter Hildebrandt: "Ich glaube ja".

(Magazin "Radio Kultur", Jan. '94)

Kommentar-Direktlink Herr Bach· 19.01.12 · 13:06 Uhr

Zyklisch wiederkehrende Verblödung? Das würde ja bedeuten, dass es sich gar nicht lohnt dagegen zu halten...

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