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01.07.11 · 10:25 Uhr
Thomas Jefferson Jackson See: vom Astronom zum Pseudowissenschaftler
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 5
Während des „größten Triumphs" seines Lebens (wie er es später selbst bezeichnete) lag der amerikanische Astronom Thomas Jefferson Jackson See gerade mit einer akuten Blinddarmentzündung im Krankenhaus. Eigentlich hätte er an diesem Januartag im Jahr 1909 einen Vortrag bei der Konferenz der „Astronomical Society of the Pacific" in Kalifornien halten sollen. Stattdessen wurde nun sein Aufsatz über die Entstehung der Planeten im Sonnensystem von Russell Crawford, dem Sekretär der Gesellschaft verlesen. Die Schlagzeilen in den Zeitungen des nächsten Tages schienen den Triumph von Thomas See widerzuspiegeln: „Professor Sees Aufsatz verursacht Sensation bei Treffen der Astronomischen Gesellschaft" titelte der San Francisco Call und der San Francisco Examiner schrieb „Wissenschaftler im Aufruhr wegen Nebeln".
Denn um genau diese „Nebel" drehte sich Sees Arbeit. 1909 war über die Struktur unseres Universums noch wenig bekannt. Man wusste dass es neben der Sonne noch viele andere Sterne im Weltall gibt und hatte außerdem viele nebelartige Gebilde beobachtet. Manche waren der Meinung dass es sich bei diesen Nebeln um extrem weit entfernte „Sterneninseln" handelte und dass unsere eigene Milchstraße nur eine von vielen solcher Galaxien im Universum ist. Andere Astronomen meinten dagegen dass das Universum nur aus unserer Milchstraße besteht. Die Nebel seien nichts anderes als Gegenden bei denen gerade aus Staub und Gas neue Planeten entstehen und sie befänden sich innerhalb unserer Galaxie. Dieser Ansicht war auch Thomas J.J. See und er behauptete, dass er mit seiner Theorie erklären könne, wie unser Sonnensystem entstanden sein. Seiner „Einfangtheorie" nach hätten sich die Planeten im ursprünglichen Sonnennebel gebildet, allerdings weit entfernt von ihr. Dann sollen sie von der Sonne angezogen und schließlich eingefangen worden sein. Viele Kollegen von See waren überrascht über diese These, hatte See doch kurz zuvor verkündet, er sei felsenfest davon überzeugt dass unsere Sonne niemals Teil eines Nebels war und dass es irreführend und bösartig sei, so etwas zu behaupten.
Andererseits war man von See so ein exzentrisches Verhalten schon gewohnt. Dabei begann seine Karriere äußerst viel versprechend. 1892 erhielt er seinen Doktortitel nachdem er in Berlin Astronomie und Physik studiert hatte. Nach seiner Rückkehr nach Amerika erhielt er dort schnell eine Position an der Universität von Chicago und erarbeitete sich einen Ruf als hervorragender Beobachter. 1896 wechselte er zum Lowell-Observatorium in Arizona und langsam wurde unter den Astronomen gemunkelt dass es mit Sees Beobachtungsfähigkeiten vielleicht doch nicht so weit her sei wie man immer dachte. Denn als er den Doppelstern 70 Ophiuchi untersuchte, meinte See dort Hinweise auf die Existenz eines dritten, kleinen (und deswegen nicht sichtbaren) Himmelskörper gefunden zu haben. Er behauptete sogar, diesen dunklen Himmelskörper (See deutete an, es sei ein extrasolarer Planet; war aber noch vorsichtig genug, das nicht explizit zu sagen) im Teleskop gesehen zu haben. Nach seiner Veröffentlichung der Daten wurde er aber von einem seiner ehemaligen Studenten kritisiert. Forest Ray Moulton (der zu dieser Zeit immer noch an seiner Doktorarbeit schrieb) konnte nachweisen, dass der dunkle Begleiter den See angeblich entdeckt haben wollte nicht existieren konnte. Hätte er tatsächlich die Eigenschaften die er laut See haben sollte, dann wäre seine Bahn um die beiden Sterne von 70 Ophiuchi höchst instabil. Es entspann sich ein grimmiger Streit zwischen See und Moulton. Die Sache endete mit einer Rüge der Herausgeber des „Astronomical Journal" die wegen der heftigen persönlichen Angriffe von See gegenüber Moulton schockiert waren und ankündigten, dass sie in Zukunft keine Arbeiten von See mehr veröffentlichen würden.
Das störte See aber vorerst wenig denn der Herausgeber einer anderen Fachzeitschrift - die „Astronomischen Nachrichten" - war sein Freund und er konnte sich sicher sein, dort immer veröffentlichen zu können. Sees wissenschaftliche Arbeiten jedoch wurden immer exzentrischer und er beschränkte sich nicht mehr nur auf sein Fachgebiet. 1906 - See arbeitete mittlerweile für das Observatorium der Navy - veröffentlichte er eine Theorie zur Entstehung von Erdbeben mit der er auch erklären wollte, wie Berge und Ozeane gebildet wurden. Er meinte sogar, seine Beweise seien so überzeugend, dass sich die Geologen nicht dazu äußern wollen würden und die Sache lieber tot schwiegen. Ein paar Geologen äußerten sich dann doch dazu und stellten fest, dass Sees Theorie deswegen nicht näher beachtet würde weil sie im Wesentlichen einer schon bekannten veralteten Theorie entspreche. See aber ließ sich nicht beirren und widmete sich nun der Erforschung der Planetenentstehung. Das Resultat war seine „Einfangtheorie" deren öffentliche Präsentation beim Treffen der „Astronomical Society of the Pacific" er wegen seiner Blinddarmentzündung nur aus dem Krankenhaus verfolgen konnte. Dort wurde er auch kurz danach von Journalisten interviewt und er erklärte ihnen dass kein Astronom fähig sein werde, in seiner Kette von Argumenten und seinen mathematischen Berechnungen irgendeinen Fehler zu finden. Seine skeptischen Kollegen hätten diese Behauptung gerne einem Test unterzogen, aber als See dann im Februar 1909 eine Zusammenfassung seiner Theorie in den „Astronomischen Nachrichten" veröffentlichte enthielt diese überhaupt keine mathematischen Berechnungen.
Die Astronomen waren enttäuscht aber See war vollauf zufrieden mit der medialen Aufmerksamkeit die er bekam und beeilte sich nicht damit, seine Theorie vollständig zu veröffentlichen. Er publizierte lieber eine neue Arbeit in der er verkündete er hätte drei neue Planeten im Sonnensystem entdeckt die sich alle hinter der Bahn des Neptun befänden. 1910 erschien dann schließlich endlich Sees komplette Theorie. Das Buch (das er auf eigene Kosten drucken lies) trug den Titel „Die Einfangtheorie der kosmischen Entwicklung" und enthielt auf 735 Seiten nicht nur Aussagen zur Entstehung der Planeten sondern auch zu vielen anderen Themen. Neben Theorien zum Aufbau der Milchstraße, der Entstehung von Sternen und der Verbreitung von Leben im Universum äußerte sich See auch zu einem weiteren Thema: der Entstehung des Mondes. So wie die Planeten in den äußeren Bereich des Sonnennebels entstanden und dann später von der Sonne eingefangen worden sein sollen, soll sich auch unsere Mond gemeinsam mit den anderen Planeten weit entfernt von der Sonne gebildet haben bis er dann schließlich von unserer Erde eingefangen wurde. Sees Einfangtheorie konnte sich aber nie durchsetzen. Sein Buch war zwar voller spektakulärer und spannender Behauptungen, aber viele davon waren reine Spekulation ohne ausreichende Belege. Sein alter Gegner Forest Ray Moulton konnte außerdem nachweisen dass See wichtige Teile des Buchs einfach aus einem Buch von Moulton abgeschrieben hatte ohne das auch kenntlich zu machen. Aber See machte sich mittlerweile nicht mehr viel aus der Meinung seiner Kollegen; er suchte die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit - und war dabei äußerst erfolgreich. Seine öffentlichen Vorträge waren immer voll und er hatte eine große Anhängerschaft.
1913 erschien sogar ein Buch mit dem Titel "Brief Biography and Popular Account of the Unparalleled Discoveries of T. J. J. See" das zwar angeblich von einem William Webb geschrieben wurde aber vermutlich aus der Feder von See selbst stammte. Darin wurde beispielsweise verkündet, dass es See schon als Kleinkind bestimmt war, "der größte Astronom der Welt" zu werden und er schon im Alter von 2 Jahren Überlegungen zum Ursprung von Sonne, Erde und Mond anstellte.
Sees übersteigertes Selbstbewusstsein zeigte sich auch 1914, als er eine heftige Kontroverse mit Albert Einstein begann. See veröffentlichte seine „Neue Äther Theorie" die der Relativitätstheorie von Einstein widersprach. Er nannte Einsteins Arbeiten eine „verrückte Laune" und behauptete dass Einsteins Artikel voller Fehler steckten und außerdem Plagiate älterer Arbeiten wären. Einstein selbst mischte sich in diese Diskussion nicht ein und hat See immer ignoriert. Zu Recht, denn der war mittlerweile vollends in die Pseudowissenschaft abgeglitten. Seine „Neue Äther Theorie" war nur eine Kopie der 1818 veröffentlichten Gravitationstheorie von George Louis Le Sage und ansonsten ein Wirrwarr aus Behauptungen ohne Beleg und Formeln ohne Zusammenhang. See selbst war allerdings felsenfest davon überzeugt dass er mit seiner Theorie das gesamte Universum erklären könne. Bis zu seinem Tod im Jahr 1962 schrieb er 11 weitere Bücher um seine Theorie zu erweitern und keines davon konnte die übrigen Wissenschaftler überzeugen. Seine Ideen zur Mondentstehung allerdings gehörten zu den ersten wissenschaftlichen Erklärungsversuchen überhaupt.
Quellen:
- Thomas Sherill, Journal for the History of Astronomy, 30, 25
- "The Sage of Mare Island" from The Astronomical Scrapbook, Joseph Ashbrook, 1984, Cambridge University Press, pp. 111-115.
- "Brief biography and popular account of the unparalleled discoveries of T.J.J. See", William Webb, 1913
Autor: Florian Freistetter· 5 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (5)
Hmmm .... dieses Verhalten kenn ich irgendwoher ... beinah alles an Crankismus, was du in diesem Artikel hier beschrieben hast, haben wir in den Kommentarspalten deiner Beiträge schon live erlebt. Ich nenne jetzt keine Namen, sonst bekommt der Spamfilter 'nen Herzkasper, aber die Welt ist wohl ziemlich klein.
Besonders das hier:
erinnert fatal an einen gewissen Herrn Oberstudienrat.
Oder das hier
und das hier an den Herrn mit der Raumstation. :)Und mich erinnert der Einstein-Disput fatal an eine in Wuppertal lebende Tippmamsell i.R. Hier bei uns im Tal leben auch echt schräge Vögel, das muss man schon sagen.
Und was den Raumstationserotiker betrifft, wie durch einen kosmischen Zufall habe ich mir vorhin (ich hatte gerade Zeit) wieder einmal die großartige EvD-Kommentarspalte angetan. Immer wieder ein Hochgenuss, die Absurditäten dieses Mannes.
ist das einen Lesetipp wert: Thomas J. J. See bei Astrodicticum Simplex
Toller Artikel, Florian!
LG
RelativKritisch Redaktion