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13.02.11 · 12:15 Uhr
Wissen ist Macht!
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 15
Ich lese gerade "The Calculus Diaries" von Jennifer Ouellette. Noch kann ich nicht viel sagen; ich bin erst im ersten Kapitel. Aber es zeichnet sich schon ab, dass es ein hervorragendes Buch werden wird! Besonders ein paar Sätze aus der Einleitung haben mir sehr gut gefallen.
Ouellette beschreibt hier ihre Motivation, das Buch zu schreiben. Sie selbst ist keine Mathematikern und hatte eigentlich auch nie viel Ahnung von der Infinitesimalrechung (eng. "Calculus"); also dem Differenzieren und dem Integrieren. Sie erzählt von ihren vielen Freunden und Bekannten, die sich an den Horror des Matheunterrichts in den Schulen erinnern und von ihrer Studienzeit als sie stolz ein T-Shirt mit der Aufschrift "Englisch major - you do the math" trug. Diese Einstellung hat sich im Lauf der Zeit geändert. Und im Prolog zu ihrem Buch über Infinitesimalrechung das aus ihrer Beschäftigung und neuen Liebe zur Mathematik erwachsen ist, schreibt sie:
"Galileo famously observed, "Nature's great book is written in mathematicakl symbols." Unfortunately, to the untrainend eye and ear, that language resembles ancient Sanskrit, and math teachers may as well speak gibberish. Most of us never get past the strange symbols and jargon, and thus meander through life without any quantitative tools beyond basic arithmetic. We can balance a checkbook, but have no grasp of statistics, compound interest, or probability, for example - and this puts us at the mercy of those who do understand them, and thus can manipulate us at will. Knowledge is power and we forfeit that power when we choose to remain willfully ignorant."
Die Aussage ist eigentlich trivial: Wissen ist Macht - und indem wir uns dazu entschliessen einen großen Teil dieses Wissens zu ignorieren geben wir auch einen großen Teil dieser Macht ab und in die Hände derer, die dieses Wissen haben und uns - sofern sie das wollen - damit problemlos manipulieren können. Und obwohl das eigentich offensichtlich ist, wird die Konsequenz daraus doch erschreckend wenig oft gezogen.
Politiker und Bevölkerung debattieren über Themen wie globale Erwärmung, Stammzellenforschung oder Gentechnik und sowohl Politiker wie Bevölkerung haben dabei i.A. keine wirklich Ahnung. Das heisst aber auch das beide wunderbar von den diversen Interessensgruppen manipuliert werden können.
Hätten mehr Menschen Ahnung von Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung, dann hätten es Börsenmakler, Finanzhaie, Banken etc wesentlich schwerer, den Leuten mit windigen Methoden das Geld aus der Tasche zu ziehen. Gleiches gilt für Wahrsager, Astrologen etc - wenn die Menschen mehr über statistische Relevanz, Falsch-Positiv-Raten, Zufallsprozesse usw wissen würden, dann würden sie viel schneller sehen, dass diese Leute nichts können für das es sich lohnt zu bezahlen.
Ich könnte jetzt noch seitenweise Beispiele aufzählen. Aber Ende läuft alles auf das hinaus was Ouellette gesagt hat: Wissen ist Macht und wir geben diese Macht auf wenn wir uns entscheiden ignorant zu bleiben! Aber vermutlich wird sich kurzfristig daran nichts ändern - und viel zu viele Menschen werden sich weiterhin an ihrer Ignoranz erfreuen...
Autor: Florian Freistetter· 15 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (15)
Sehr schöner Artikel. Werd mir das Buch wohl auch mal besorgen.
Zum letzten pic "Beware of the Book" kenne ich ein ähnlich aussagekräftiges Bildchen. Gefertigt bei einer Baptisten-Kirche in Arkansas:
http://www7.pic-upload.de/13.02.11/s67ts7ajqj6.jpg
Naja... zuviel Wissen ist auch wieder schlecht, weil es die Entscheidungsprozesse lähmt. Außerdem ist Wissen kein knappes gut - die Wikipedia dürfte das Merkvermögen eines einzelnen Menschen schon jetzt übersteigen. Nützlicher dürfte da die Fähigkeit sein, sich schnell jenes Wissen anzueignen, was der Situation angemessen ist. Nicht umsonst haben Politiker ihre Behörden mit Sachbearbeitern, die u.a. das bereit stellen.
nihil jie·
13.02.11 · 14:36 Uhr
polnisches sprichwort *grins* ;)@Florian W. "Naja... zuviel Wissen ist auch wieder schlecht, weil es die Entscheidungsprozesse lähmt."
Das halte ich für ein Gericht.
Außerdem gehts nicht nur um Politiker - sondern um ganz normale Leute die von Leuten mit mehr Wissen reingelegt werden.
@Florian W.:
»zuviel Wissen ist auch wieder schlecht, weil es die Entscheidungsprozesse lähmt«
Das ist nicht richtig!
Zu viel unverstandene Information lähmt Entscheidungsprozesse.
Wissen ist nicht das Selbe wie Besitz von Information. Wissen beinhaltet die Fähigkeit die vorhandene Information einordnen zu können.
Dein Argument ist streng genommen die Forderung nach Unwissenheit bei Entscheidungsträgern und deren Vertrauen auf ihre Referenten. Das öffnet der Manipulation durch Lobbyisten Tür und Tor. - Und weil das jetzt schon so ist, ist Politik das was sie zurzeit ist: Lobbypolitik.
Schönen Sonntag noch!
Omnibus56
Als Verkäufer gibt es einen einfachen Trick wenn man einen gegenüber hat, der sich für schlau hält: Man verwirrt ihn. Ja früher hat sich ein Blib in ein Blub verwandelt, aber das ist heute nicht mehr so. Wenn Du nicht 100% sicher bist, dass Blibs sich in Blubs verwandeln, dann fängt Dein Gehirn jetzt fleissig an zu rotieren - und Du bist abgelenkt und offen für weitere Manipulationen. Funktioniert um so besser, je komplizierter die Materie - und je mehr die Person weiß.
Ich bin für den status quo: Denn wenn Wissen Macht ist, dann bin ich auch umso mächtiger, je weniger die Anderen wissen. ;-)
Im Ernst: Die Esoteriker stimmen dieser Aussage durchaus zu. Nur glauben sie halt zu wissen. Und sie glauben, dass die Wissenschaftler auch nur glauben würden zu wissen, nur halt etwas anderes. Sie fordern Gleichberechtigung von Sinn und Unsinn.
Wissen bedeutet nicht automatisch Macht. Denn leider versetzt auch der Glaube bekanntlich Berge. Wir müssen vor allem aufpassen, dass wir vor allem denjenigen Macht (über uns) verleihen, die wissen, und weniger denen, die glauben.
Morgen Florian, weiß nicht ob du meinen Tweet übersehen hattest. Daher frage ich nochmal hier nach:
Klingt interessant, gleich mal auf den Wunschzettel gepackt. Leider wenige Rezensionen. Wirst du nochmal dazu schreiben, nach kompletter Lektüre? Mich würde deine Meinung dann erneut interessieren.
Ich frage mich gelegentlich, ob über Wissenschaft schreiben der beste Weg ist, Unwissenheit zu bekämpfen. Wäre es nicht viel sinnvoller, das Wissen zu nutzen um Ahnungslose so lange über den Löffel zu balbieren, bis sie keinen Bock mehr auf ihre Unwissenheit haben?
Der Effekt ist der gleiche, aber wir hätten mehr Spaß und mehr Kohle... ;-)
@Manuel: Also in der englischen Blogossphäre müsste es einige Rezensionen geben wenn ich mich richtig erinnere...
Aber ich denke, irgendwann werd ich nochmal was darüber schreiben (Ich kanns allerdings empfehlen; auch wenn ich noch nicht durch bin).
Hier mal eine Frage am Rande: Wenn man sich als Mathe-Depp in höhere Mathematik (Integrieren, FOrmeln umstellen etc. pp.) einarbeiten will, welche guten Bücher gibt es da?
Ich habe bei Amazon nur Bücher für Informatiker und so gefunden, und die rotzen mir zu viel Formlen hin und erklären zu wenig.
Ich würde einfach Oberstufenmathebücher empfehlen. Da sind Beispiele drin, Erklärungen auch, und wenn man Glück (richtiges Mathebuch oder Lehrerausgabe) hat, auch Lösungen für die Beispiele.
@Sarah & @HdS
Ja, guter Tipp. Es kann so einfach sein, daß man gar nicht mehr auf die naheliegendste Idee kommt. Warum nicht einfach genau die Bücher nehmen, welche die Schüler selber auch benutzen müssen? Und die sind auch tatsächlich gar nicht so schlecht (jedenfalls die, welche ich kenne). Man braucht eigentlich nichts anderes nebenher.
Ich wuerde ja gerne zustimmen, was den Zusammenhang zwischen mathematischer und statistischer Bildung und der Anfaelligkeit fuer Astrologie etc. betrifft. Nur: ist das wirklich so? Ich habe jede Menge Naturwissenschaftler und Techniker mit ausreichend mathematischen/statistischen Background erlebt, besonders aus den USA und dem nahen Osten, die nicht nur religioes, sondern schon fast fundamentalistisch religioes waren. Mir ist ein Raetsel wie das zusammenpassen kann, aber fuer diese Menschen passt es offenbar ohne weiteres zusammen. Und was das Ausmass des verzapften Bullshits betrifft kann jede Religion locker mit Astrologie & Co mithalten.
Es ist doch so, dass es bisher niemals in der Geschichte so viel Moeglichkeit, sich mathematisch und wissenschaftlich zu bilden gegeben hat wie in Europa, den USA und anderen industrialisierten Laendern in den letzten Jahrzehnten. Die Auswirkung auf Esoterik, Aberglauben und Religion ist daran gemessen (insbesondere wieder in den USA) aber eher bescheiden.
Wie gesagt, ich habe keine vernuenftige Erklaerung dafuer, obwohl die These vom Religions-Gen fuer mich mitlerweile am plausibelsten klingt: die Weise, wie Menschen schlussfolgern und Wahrheiten fuer sich akzeptieren ist offenbar keineswegs universell und schon gar nicht die gleiche wie die, die in der Wissenschaft verwendet werden sollte (auch wenn es dort nicht immer so passiert).
Daraus ergeben sich leider jede Menge Dilemmas in Hinblick auf gesellschaftlichen Konsens und demokratische Gesellschaftsordnung.
Zum Beispiel das, dass der irrationale Glaube an einen alten Mann im Himmel menschenrechtlich geschuetzt und durch staatliche Steuergelder finanziert wird waehrend die aus meiner Sicht doch um einiges rationalere Ueberzeugung dass dieser Glaube Mumpitz ist weder Schutz noch Finanzierung erhaelt.
die grundsätzliche aussage gehe ich mit. und der hinweis darauf ist einer, der immer wieder notwendig ist. allerdings ist wissen allein keine macht. es geht um das richtige wissen, es geht darum, dass man das wissen in den entsprechenden situationen anwenden kann etc...
und es kommt zudem dazu, dass wir eben in einer hochspezialisierten gesellschaft leben. in dieser haben wir halt für dies und jenes experten. und diese verkaufen sich und ihre lösungen auch so. letztendlich muss man über deren legitimation nachdenken. insbesondere, wenn es um politische entscheidungen geht. expertokratie oder demokratie? oder muss es um die legitimationsmuster gehen, die angewendet werden? (das wäre meine präferenz) diese dann aber unter dem grundsatz: wenn man es oma nicht erklären kann, dann hat man es selbst nicht verstanden.