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15.09.10 · 17:40 Uhr
Wissenschaft im Riesenrad und ein Zwangsstudium der Theologie
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 17
Auf der Tagung der Astronomischen Gesellschaft in Bonn passieren gerade so viele interessante Dinge das ich kaum Zeit habe, um bei den Dingen am Laufenden zu bleiben, die sonst noch so passieren. Dabei steht die Welt ja nicht still und es gibt jede Menge spannende Nachrichten. Denen werde ich mich wohl erst nächste Woche widmen können - zwei kurze und erwähnenswerte Meldungen möchte ich hier aber doch noch schnell verbreiten.
Die erste ist positiv. Wie das sciblog berichtet wird es in Wien in Bälde ein "Forschungsfest" geben. Vom 18. bis 20. September werden sich jede Menge Wiener Forschungseinrichtungen der Bevölkerung präsentieren. Sowas ist prinzipiell immer ein gute Idee und könnte ruhig öfter passieren (leider passiert meistens das Gegenteil...). Beim Wiener Forschungsfest gibt es allerdings noch einen netten Extrabonus: am 18. September kann man Wissenschaft im Riesenrad erleben.
Coole Idee! Die Gondel wird zum Vorlesungssaal und 11 Leute können während einer Runde nicht nur die tolle Aussicht geniessen sondern auch einem von 40 Wissenschaftlern dabei zuhören, wie er oder sie kurz und hoffentlich spannend über aktuelle Forschung spricht (mit dabei sind auch Reneé Schroeder und Josef Penninger. Die Idee ist wirklich gut! Vor allem, weil es nicht nur kurze Vorträge sondern auch die Möglichkeit zur Diskussion gibt. Und die ist in so familiärer Atmosphäre wie in der Riesenradgondel sicher viel effektiver als normalerweise in einem großen Hörsaal! Coole Idee (hab ich schon erwähnt, oder?) Schade, dass ich nicht dabei sein kann.
Weniger cool und ziemlich unerfreulich ist das, was man heute in der Zeit lesen konnte. Anscheinend wird man mittlerweile an manchen Unis tatsächlich dazu gezwungen, ein Theologiestudium zu absolvieren. Will man nämlich eine bestimmte Fächerkombination studieren und bekommt zwar einen Studienplatz im Hauptfach; aber mangels ausreichendem NC nicht auch im Nebenfach - dann wird einem einfach ein Zweitfach zugewiesen das man dann auch studieren muss um nicht den Studienplatz im Hauptfach zu verlieren. So wollte zum Beispiel eine Berliner Abiturientin im Hauptfach Spanisch auf Lehramt studieren und im Nebenfach Biologie, Geografie oder Geschichte. Die Uni bietet ihr aber nur evangelische Theologie an. Die Abiturientin ist Atheistin und darüber nicht sonderlich erfreut...
Ich weiß ja nicht, wer sich so eine absurde Regelung ausdenkt. Welchen Sinn soll es haben, Studenten dazu zu zwingen, irgendwas zu studieren, dass sie nicht wollen? Jemand, der Lehrer für Deutsch und Kunst werden wollte, wird sich bedanken, wenn ihn die Uni zwingt, ein Mathematik oder Physikstudium zu absolvieren. Oder Griechisch oder Latein oder sonst irgendein Fach, in dem die Studenten knapp sind - wie die Theologie. Gerade hier ist das prekär... Wenn man schon Atheisten zwingt, evangelische Theologie zu studieren - verpflichtet man dann auch Juden oder Moslems dazu, katholische Religionslehrer zu werden? Das macht doch alles keinen Sinn! Wer kommt auf so eine absurde Regelung? Da muss es doch auch noch andere Möglichkeiten geben - so ziemlich alles ist besser, als Leute zu einem Studium zu zwingen, dass sie nicht gewählt haben.

Autor: Florian Freistetter· 17 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (17)
und wie immer heißt es von der uni dann, man wird ja nicht *gezwungen*, immerhin steht es ja durchaus frei gar nicht zu studieren. oder woanders.
Die Studentin kann ja noch froh sein, daß sie wenigstens nicht zum Mathe-Studium gezwungen wurde :-)
Oder gar Sport ...
Zu einem Ideologiestudium genötigt zu werden, dass man nicht teilt, ist natürlich ungeheurlich - darüber hinaus schreit das nach rechtlichen Konsequenzen: wenn jemand ein genötigt wird, ein Religionslehramt zu studieren und dann aufgrund seiner lebensanschaulichen Ehrlichkeit keine missio canonica bzw. venia legendi erhält, kommt das de facto einem Berufsverbot als Lehrer gleich. Das wird vor Gericht kaum Bestand haben, soweit sind wir in Deutschland nun doch noch nicht.
Allerdings muss ich auch sagen, dass ich als überzeugter Atheist und Lehrer meine Vertretungsstunden im Fach Religion immer sehr gut nutzen konnte: meine Leseübungen in der Bibel waren sicherlich für den einen oder anderen Schüler erhellend. :)
"Welchen Sinn soll es haben, Studenten dazu zu zwingen, irgendwas zu studieren, dass sie nicht wollen?"
Naja, man kann auch fragen, warum jeder das studieren dürfen sollte, was er will. Aber wie Nele Abels richtig schreibt, handelt es sich bei Theologie um ein Ideologiestudium und es ist in der Tat extremst absurd jemand zu zwingen einen Glauben zu studieren, den man nicht teilt.
"Naja, man kann auch fragen, warum jeder das studieren dürfen sollte, was er will."
genau um herauszufinden, was man will bzw. was das richtige ist
Ich kann den Aufruhr um die Theologie-Studium-Sache nicht so ganz nachvollziehen, zumindest nicht Schlagzeilen wie "Hier werden Atheisten zum Theologie-Studium gezwungen", das ist schon annähernd Bild-Niveau. Interessant wäre, wie es mit einem möglichen Wechsel des Faches aussieht, 1-2 Semester nebenbei das nötigste in Religion zu machen und dann zu wechseln wäre jedenfalls besser als garkeinen Studienplatz zu bekommen. Ich kenne an meiner Uni so viele Leute, die im 2-Fach-Bachelor ein Fach gewechselt haben, dass ich das durchaus für möglich erachte.
Wenn man die Leute wählen lässt, verschiebt man das Problem nur.
@sicDaniel: "Ich kann den Aufruhr um die Theologie-Studium-Sache nicht so ganz nachvollziehen, zumindest nicht Schlagzeilen wie "Hier werden Atheisten zum Theologie-Studium gezwungen", das ist schon annähernd Bild-Niveau."
Aber es ist ja nunmal so, dass Atheisten zum Theologiestudium gezwungen werden (Ok, sie hätten noch die Option, gar nicht zu studieren...). Und natürlich kann man das Studium wechseln. Das kanns doch aber dann auch nicht sein. Man kann sich jede Menge andere Möglichkeiten ausdenken, wie man vorgehen will, wenn jemand die Bedingungen für eine Zulassung im Zweitfach nicht erfüllt. Aber jemanden dann einfach irgendein Fach per Dekret zuzuweisen ist so ziemlich die dümmste mögliche Lösung. Da hat niemand was davon... Was meinst du, wie motiviert die Leute in einem Studium sind, dass sie sich nicht ausgesucht haben.
@Lichtecho: Wie schon oben gesagt: es geht nicht darum, dass jeder das studieren sollen darf, was er will (obwohl ich dafür wäre, aber das ist ein anderes Thema). Aber man es muss für solche Probleme andere Lösungen geben, als so ein Zwangsstudium. Das hilft keinem.
Ja, volle Zustimmung, was die Beurteilung der Lage angeht. Ich habe unter der "Überschrift" einfach was völlig anderes erwartet, so in Richtung böswillige Absicht der Uni, aber die ist hier ja höchstwahrscheinlich garnicht gegeben. Es ist ganz allgemein ein sehr dummes System, dass eben zu solchen unglücklichen Kombinationen führen kann. Deshalb stößt mir die Reduktion auf die Atheismus-Schiene in dem Fall irgendwie sauer auf, obwohl ich selbst militanter Atheist bin ;-)
@sicDaniel: Naja - die Sache mit den Atheisten die Theologie studieren müssen wenn sie nicht gleich ihren Studienplatz verlieren wollen ist halt die absurdeste Manifestation dieser Situation. Und "reduziert" qauf diesen Fall hab ichs ja nicht wirklich - aber an diesem Fall (der ja auch tatsächlich aufgetreten ist) sieht man das halt am besten.
Naja, dem ein oderen hier täte ein Theologiestudium schon ganz gut , zumindest um den eigenen Horizont ein wenig zu erweitern...
Aber letztlich ist so eine Regelung Blödsinn. Weder Student noch Uni kann hiervon wirklich profitieren, wenn jemand zu einem Studium "gezwungen" wird.
PS: Könnte man Sarrazin irgendwie zu einem Studium der Islamwissenschaften zwingen? DAS wäre mal sinnvoll!
Es scheint so eine intuitive Reflexannahme zu sein, dass man seinen Atheismus nur deshalb mit Entschiedenheit vertritt, weil man keine Ahnung von Religionen hat. Ich kann ja nur für mich sprechen, aber meiner Erfahrung nach sind die theologischen Kenntnisse eines durchschnittlichen Christen in Deutschland bestensfalls schwankend, sogar unter Kolleginnen und Kollegen im Primarbereich, die ja überwiegend das Fach Religion unterrichten. In der Bibel haben sie meiner Wahrnehmung nach auch nicht sonderlich viel oder gründlich gelesen und mit der Kenntnis anderer Religionen bzw. athestischen Denkens möchte ich gar nicht erst anfangen - ich habe mich schon in der interessanten Position befunden, einem Christenmenschen zu erklären, was die abrahimischen Religionen eigentlich sind, wie die Exegese als hermeneutische Herangehensweise funktioniert, was die Transsubstantiationslehre ist etc... Ich würde empfehlen, das mit dem "geistigen Horizont" einfach noch mal zu überdenken.
In dem Zeit-Artikel geht es darum, das Studienplätze zugewiesen werden, dass Universitäten also in erster Linie die Möglichkeit bereitstellen, dass jemand den Lehrerberuf studiert und in der Wahl des zweiten Faches nicht völlig frei ist. Ich halte das zwar aus verschiedenen Gründen für keine besonders gute Idee, aber eine bedarfsgesteuerte Regelung der staatlichen Ausbildung in der Bildungssparte ist zumindest etwas, über das man diskutieren kann. Der Schweinezyklus der Lehrer, die Existenz von Mangelfächern und die Überversorgung in anderen Fächern sind schließliche Tatsachen.
Bei dem Fach Religion kommen aber - abseits der faktisch falschen Prämissen und seines ideologischen Charakters - andere Punkte zum Tragen. Wenn ich gezwungenermaßen das Fach Geographie hätte studieren müssen, mich damit nolens volens ndabgefunden hätte meine Studienverpflichtungen zu erfüllen und Erkundelehrer zu werden würde ich vielleicht leidenschaftslosen Erdkundeunterricht erteilen, aber der Staat hätte mich zu dem Beruf ausgebildet, den ich angestrebt habe und gibt mir mein Auskommen. Vielleicht nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe - aber auch nach einer Festanstellung kann ich schließlich nach Bedarfslage eingesetzt werden, auch fachfremd.
Im Religionsunterricht reden aber die Kirchen ein Wörtchen mit. Die erfolgreiche fachwissenschaftliche Qualifikation im Rahmen eines Studiums ist nur eine Sache, die andere ist die Eignungsüberprüfung durch die Glaubensgruppen, d.h. die Missio bzw. Vocatio. Die soll sicherstellen, dass einerseits nichts "Falsches" im Religionsunterricht unterichtet wird, z.B. dass Heilige angebetet werden, andererseits nehmen die Kirchen für sich in Anspruch eine moralische Überprüfung der Lebenshaltung und -führung des angehenden Lehrers vorzunehmen. Wenn ein Atheist die Frage verneinen würde, wäre sein Mangel an Eignung festgestellt und er könnte das Fach, für das er alle Leistung beigrebracht hat, die staatlicherseits an gestellt wurden, nicht unterrichten. Fände er aufgrund dieses Sachverhaltes keine Anstellung, wäre ihm von einer nichtstaatlichen Stelle aus religiösen Gründen ein Berufsverbot erteilt worden. Sein grundgesetzlich verbrieftes Recht auf Glaubensfreiheit wäre berührt - ein absolutes Unding.
Realiter ist die Sache gelassen zu sehen. Einerseits würde ein lebenskluger Atheist sich schlicht und ergreifend in einen Studiengang mit Hinweis auf die Glaubensfreiheit einklagen, wobei die Universität sich höchstwahrscheinlich auf einen prozesskostensparenden Vergleich einlassen würde; Studienplätze über den Rechtsweg zu erstreiten geschieht schon jetzt in anderern Kontexten regelmäßig.
Andererseits herrscht erfreulicherweise ein gravierender Mangel an Relgionslehrern, die Erteilung der Missio und Vocatio ist heutzutage de facto Formsache. In uralter Glaubenstradition wird und würde der rosafarbene Elefant in der Ecke ignoriert, indem man einfach die falschen Fragen nicht stellt. Einem Atheisten in einer solchen Situation würde wahrscheinlich schlicht und ergreifend zur Lüge geraten - völlig analog zu einem anderen Problemfeld der in diesem Fall katholischen Lehrerlaubnis. Zur Eignung des Religionslehrers gehört, dass er nicht in "Sünde" lebt, also weder in einer unehelichen Liebesgemeinschaft noch Homosexueller ist. In der Praxis wird kaum danach gefragt - offiziell aufgegeben ist der Anspruch der katholischen Kirche, in der privaten Lebensführung der von ihr abhängigen Menschen herumzuschnüffeln, allerdings ganz und gar nicht! Wenn in den einschlägigen Lehrerforen angehende Religionslehrer ihre Sorge über dieses Problem äußern, wird ihn regelmäßig mit allergrößter Selbstverständlichkeit zur Lüge geraten; ebenso regelmäßig kommt dann die Sprache auf die Angst vor späteren Kontrollen durch die Kirchenobrigkeit - die ist natürlich schon aus rechtlichen Gründen substanzlos, wirft aber ein bezeichnindes Licht darauf, was das Christentum wirklich ist...
Bullet·
16.09.10 · 08:55 Uhr
Jepp. Seh ich auch so.Diese Zwangskombi ist nat. Blödsinn. Erinnert mich an mein naturwiss. Gym., wo ich mich dann zwischem Bio und Chem. entscheiden musste, wobei zum Ausgleich Latein bis zum Abi erhalten blieb.
Abgesehen davon halte ich (als Religionsverächter) ein Theologiestudium für keinesfalls sinnlos, wenngleich die evtl. nachfolgende Erteilung des Religionsunterrichts kaum im Sinne der Kirchen und anderer anerkannter Sekten erfolgen würde, aber dafür um so besser fundiert (liegt auch daran, dass ich schon immer ein Faible für Geschichte und Geschichten hatte).
(Disclaimer: Ich halte Latein ebenfalls für durchaus lernenswert, nur bin ich der Meinung, dass die (Lern-)Zeit wesentlich besser anderweitig genutzt werden kann, was eben genauso auf ein Theologiedtudium zutrifft.)
ich kenn das nur von freunden die lehramt studieren.
die müssen sich auch mit dicker theologie rumschlagen.
z.B. müssen sie religiöse aussagen werten: Ordnen Sie
folgende Sätze nach Ihrer Relevanz – Jesus ist Sohn
Gottes, Maria war Jungfrau, Mohammed ist Prophet ect,
ect. Das interessante war das die Endwertung vom Prof.
vorgegeben war, sprich es gab tatsächlich eine "Lösung"
für diesen Test. Natürlich waren christliche Aussagen
relevanter oder "wahrer" als andere. Absonderlich /-:
Das gibts überall. In Österreich z.B: kann man sich zwar normalerweise vom Religionsunterricht abmelden, außer man befindet sich in einer Schule die Teil einer Kirche ist. Da gibt keine Ausnahme da bekommt jeder die Fantsystory als Realität präsentiert.
Problematisch ist es, wenn die nächte säkuläre Schule weit weg ist und man nicht so die Auswahl hat.
Ich bekam übrigens auch diesen Satz als Antwort: Wenns ihnen nicht passt gehens halt woanders hin.
Das ist es was ich an Religion nicht mag:
Selber laut nach Freiheit und Tolranz schreien aber innerhalb brav Andersdenkende und Andergeschlechtliche diskriminieren.
Schlimm genug, dass es überhaupt an ernst zunehmenden Unis geleehrt wird, wobei mir der Unterschied zwischen einem Theologie- und einem Eso-studium nicht ganz klar ist. ;)