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12.02.10 · 14:17 Uhr
Die unsinnigen Verleumdungsklagen in Großbritannien müssen aufhören
Kategorie: Medizin·Naturwissenschaften·Politik · Kommentare: 7
Die regelmäßigen Leser wissen sicher über den Fall Simon Singh Bescheid. Singh ist ein britischer Autor, der geschrieben hatte, dass Chiropraktiker eine falsche Behandlung (ein "bogus treatment") anbieten. Daraufhin wurde er von den Chiropraktikern verklagt. Und laut britischen Recht muss nun nicht die Chiropraktikerorganisation beweisen, dass Singh Unsinn erzählt hat, sondern Singh muss beweisen, dass er Recht hat.
Diese Umkehrung der Beweislast führt zu einem regelrechten "Verleumdungs-Tourismus" bei dem alle möglichen Leute und Organisationen ihre Kritiker in London verklagen. Singh selbst hat gute Chancen, heil aus dem Prozeß rauszukommen. Aber diese Erfahrung hat ihn dazu gebracht, sich für eine Gesetzesänderung einzusetzen.
Deswegen gibt es nun eine Unterschriftenaktion (über die auch schon Ulrich berichtet hat). Es wäre schon, wenn ihr euch die ganze Sache einmal durchlest und -sofern ihr ebenfalls der Meinung seid, dass so ein Gesetz Unsinn ist - die Petition auch unterschreibt (und sie natürlich auch weiterverbreitet).
Dear Friends,
I've had an idea - an unusual idea, but I think it might just work.
My idea
One
person per week is all we need, but please spread the word as much as
you can. In fact, if you persuade 10 people to sign up then email me (simon@simonsingh.net)
and I promise to thank you by printing your name in my next book ...
which I will start writing as soon as I have put my own libel case
behind me. I cannot say when this will be, but it is a very real
promise. My only caveat is that I will limit this to the first thousand
people who recruit ten supporters.
(a) English libel laws have been condemned by the UN Human
Rights Committee.
Massive thanks,
Autor: Florian Freistetter· 7 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (7)
Das ist aber nichts, was es nur im britischen Recht gibt. Auch das deutsche StGB kennt eine Art Beweislastumkehr (objektive Bedingung der Strafbarkeit):
...wobei aber jedenfalls im strafrechtlichen Bereich nicht damit zu rechnen ist, dass "bogus treatment", wie man es auch übersetzen mag, als "Tatsache" behandelt würde. Zivilrechtlich sieht die Sache etwas anders aus, da können auch Meinungsäußerungen und Werturteile zu Widerrufs- und Unterlassungsklagen führen, wenn es denn eine unsachliche "Schmähkritik" ist. "Bogus treatment" wird aber auch da wohl nicht erfolgreich anzugreifen sein, zumal Simon Singh ja nicht einfach nur pöbelt, sondern sehr genau begründet, wieso das so sei.
Internationale Solidarität ist eine feine Sache, aber ich frage mich ja immer noch warum sich die Britische Politk duch Unterschriften von außerhalb des Commonwealth beeindrucken lassen sollte.
Um noch ein bisschen mehr Gesprächsstoff beizusteuern: In Texas war eine 52-jährige Krankenschwester vor Gericht gezerrt worden, weil sie (anonym) einen Arzt ihrer Klinik wegen unsicherer Praktiken bei der Ärztekammer angezeigt hatte. (Details zum Fall hat die New York Times.) Der Arzt hatte sich offenbar nicht nur durch eine Vorliebe für Alternativmedizin und Kräuterkuren hervor getan, sondern auch gelegentlich seine Fachkompetenzen überschritten. Weil die Krankenschwester aber als Beweise für ihre Beschwerde vertrauliche Patientenangaben benutzt hatte, wurde sie wegen "Missbrauchs amtlicher Daten" vor Gericht gezerrt und hätte bis zu zehn Jahre Gefängnis dafür bekommen können. Doch es gab ein kleines Happy-End: Die Geschworenen sprachen sie frei. Ihren Job ist sie aber trotzdem erst mal los ...
Hier geht es doch gar nicht um effektives Handeln, sondern vor allem darum, Gesinnung zu zeigen. Also wohlwollend gedeutet um moralische Unterstützung, weniger wohlwollend um Selbstbildpflege. So können sich viele Menschen mit wenig Aufwand besser fühlen.
Neues zum Fall Simon Singh (aus einer Rundmail):
Dear friends
A very quick note to make sure you heard that Simon Singh’s appeal in his case with the BCA was upheld today. It means that Simon can now defend his article as comment rather than as fact, as Justice Eady had originally ruled.
Simon said today: “It is ridiculous that it has cost £200,000 to establish the meaning of a handful of words. I am delighted that my meaning has been vindicated by three of the most powerful judges in the country, and I relish the opportunity to defend this meaning in court. However, I am still angry that libel is so horrendously expensive. That is just one of the reasons why the battle for libel reform must continue.”
Das Urteil zum gewonnenen Berufungsverfahren gibt's übrigens hier (via fefe). Aber wenn man so mitbekommt, was in England in letzter Zeit alles so vor sich geht (gerade auch im Rahmen der Terrorismus-Paranoia), könnte man eh' ins Grübeln kommen. Der Kurs ist beängstigend.
Der Herrgott wird schon gewusst haben, warum er die Briten auf einer einsamen Insel aussetzt. Und dann gibt's Leute, die bauen da einen Tunnel hin...