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24.12.09 · 11:05 Uhr
Der Stern von Bethlehem aus astronomischer Sicht
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 3
(Eigentlich macht man das ja nicht. Aber ein Jahr ist eine lange Zeit und die astronomischen Weihnachtsthemen sind rar - also kommt heute eine Wiederholung (mit kleinen Änderungen am Schluß) meines letztjährigen Weihnachtsbeitrages: Der Stern von Bethlehem)
Über was schreibt ein Astronom kurz vor Weihnachten? Natürlich über den Stern von Bethlehem. Diese Himmelserscheinung ist ja in der Weihnachtsgeschichte prominent vertreten - auch wenn die Beschreibung in der Bibel astronomisch gesehen etwas dürftig ist:
"Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen." (Mat, 2,1)Das gibt, wissenschaftlich gesehen, erstmal nicht viel her.
[...]
"Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen." (Mat, 2,9)
Aber die Bibel ist ja auch wahrlich kein wissenschaftliches Werk. Es gibt (unabhängig von diversen religiösen Überzeugungen) keinen Grund, ihren Inhalt als Tatsachenbericht anzusehen. Trotzdem haben die Menschen das natürlich schon immer getan (und tun das auch weiterhin). Im Laufe der Zeit sind also einige Theorien entstanden, mit denen die Herkunft des Sterns von Bethlehem erklärt werden soll.
In der Antike und im Mittelalter war die Kometentheorie sehr beliebt. Man hielt den Stern von Bethlehem für einen Kometen und so wurde er auf damaligen Darstellungen auch oft abgebildet. Zum Beispiel auf dem Fresko "Anbetung der heiligen drei Könige" von Giotto di Bodone (1267-1337), das Giotto malte, nachdem er 1301 den Halleyschen Kometen beobachtete:
Aber es gibt ja noch andere außergewöhnliche Himmelserscheinungen: z.B. eine Supernova. Eine Supernova tritt auf, wenn ein schwerer Stern sein Leben beendet. So eine Sternexplosion hat eine gewaltige Helligkeit - das kann dazu führen, dass man plötzlich für kurze Zeit ein extrem helles, "neues" Objekt am Himmel beobachten kann. Man hat deswegen auch eine Supernova als Ursprung des Sterns von Bethlehem in Betracht gezogen.
Kepler vermutete, dass die Konjunktion der beiden Planeten die Ursache für das Auftreten der Supernova war und dass der selbe Vorgang auch fast 1600 früher zum kurzfristigen Erscheinen eines neuen Sterns geführt haben könnte: der Stern von Bethlehem.
Diese Theorie ist astronomisch gesehen natürlich vollkommen falsch - die zeitliche Abfolge von Konjunktion im Jahr 1603 und Entdeckung der Supernova im Jahr 1604 war reiner Zufall. Aber die Sache mit der Konjunktion im Jahr 7 v. Chr. ist es Wert, weiterverfolgt zu werden.
Auch später wurde eine Supernova als Quelle für den Stern von Bethlehem in Betracht gezogen. Der Historiker Werner Papke will eine Supernova in einem babylonischen Sternbild als Stern der Weisen identifiziert haben (siehe sein Buch: "Das Zeichen des Messias. Ein Wissenschaftler identifiziert den Stern von Bethlehem"). Auch hier ist die Quellenlage aber sehr dünn.
Seine Ergebnisse sind u.a. in dem Buch "Der Stern von Bethlehem in astronomischer Sicht. Legende oder Tatsache?" zusammengefasst.
d'Occhieppo verknüpfte dort die Konjunktion zwischen Jupiter und Saturn im Jahr 7 v. Chr. mit historischen Quellen über babylonische Astronomie/Astrologie zu einer plausiblen Geschichte:
7 v. Chr. fand eine dreifache Konjunktion zwischen Jupiter und Saturn statt. Dreimal in einem Jahr kamen sich die beiden Planeten sehr nahe: am 27. Mai, 6. Oktober und am 1. Dezember. Mit aktuellen Planetariusmprogrammen (wie z.B. Stellarium) kann man den Himmel über Jerusalem zu dieser Zeit leicht visualisieren. Ich habe das Mal für den Abendhimmel des 12. November 7 v. Chr. gemacht an dem die beiden Planeten im Süden über Jerusalem gut zu sehen waren:
Man sieht deutlich, wie nahe Jupiter und Saturn am Himmel bei einander stehen. In der babylonischen Astrologie stand Jupiter für den König/Gott Marduk; Saturn symbolisierte Israel. Beide stehen außerdem im Sternbild der Fische. Laut d'Occhieppo würde so ein Ereignis als Ankündigung der Geburt eines großen Königs der Juden im Westen (im Sternbild Fische) interpretiert werden.
Nur damit kein falscher Eindruck entsteht: das impliziert keineswegs, die babylonischen Sterndeuter hätten tatsächlich die Geburt Jesu vorhergesehen. Aber die Bibel ist ja, wie schon gesagt, kein Tatsachenbericht - die entsprechenden Passagen wurden erst viele Jahre nach den eigentlichen Ereignissen geschrieben. Und es ist durchaus möglich, dass die Sterndeuter die entsprechende Konstellation später in oben genannten Sinn interpretiert haben.
Auch wenn diese Theorie im Moment am stärksten akzeptiert wird, gibt es auch hier einige Unklarheiten: warum wird im Matthäus-Evangelium nicht von Planeten gesprochen, sondern von Sternen? Einem gebildeten Menschen müsste der Unterschied klar sein - fraglich ist, ob Matthäus (oder wer immer den Text auch verfasst hat), dieses astronomische Wissen auch hatte. Auch andere Feinheiten des Textes deuten nicht darauf hin, dass der Verfasser von Planeten gesprochen hat. Außerdem ist die astrologische Gleichsetzung von Saturn und Israel umstritten.
Es gibt noch mehr Theorien bzw. Variationen der Theorien, die ich schon ausgeführt habe. Alle sind mehr oder weniger glaubwürdig und wirklich absolut überzeugend ist keine davon. Aber es ist eben auch schwierig, konkrete astronomische Tatsachen aus einem zweitausend Jahre altem Text abzuleiten (bei dem nur sehr bedingt davon ausgegangen werden kann, dass er die Tatsachen exakt beschreibt). Man kann auch nichtmal davon ausgehen, dass tatsächlich irgendeine besondere Himmelserscheinungen stattgefunden hat.
Es gibt genaugenommen nicht einmal einen Grund, warum man davon ausgehen sollte, dass die Bibel irgendwelche konkreten Naturereignisse beschreibt (auch wenn das viele Fundamentalisten anders sehen). Viele Wissenschaftler haben sich zwar bemüht, dem Stern von Bethlehem eine konkrete und reale Bedeutung zu geben - aber genauso gut kann die Geschichte mit dem Stern erst nachträglich in die BIbel eingefügt worden sein, um die Ereignisse bedeutungsvoller erscheinen zu lassen. Immerhin hatte Caesar einen eigenen Kometen - da muss Jesus auf jeden Fall auch von einer Himmelserscheinung begleitet worden sein!
Wer sich weiter über die astronomischen Theorien informieren möchte, der kann z.B. ein Planetarium besuchen. In der Zeit vor Weihnachten findet man eigentlich fast überall spezielle Programme, die u.a. die Theorie der Planetenkonjunktion schön anschaulich darstellen.
1: Es mag seltsam klingen, wenn man vermutet, Jesus wurde im Jahr 7 vor Christus geboren. Aber wenn eines sicher ist, dann, dass Jesus nicht am 24. Dezember des Jahres 1 (ein Jahr Null gab es nie) geboren ist. Der 24. 12. hat sich erst später eingebürgert, als die Geburt Christi mit den römischen Sol Invictus-Feiern zusammengelegt wurde. Auch die Grundlagen unseres heutigen Kalendes (und damit den Zeitpunkt des Jahres 1) wurde erst Jahrhunderte nach Christi Geburt festgelegt - und dabei haben sich zwangsläufig ein paar Fehler eingeschlichen. 7 v. Chr. ist also ein durchaus plausibles Geburtsjahr für Jesus.
Autor: Florian Freistetter· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (3)
Hallo Florian,
hast Du noch Herrn Prof. d'Occhieppo kennen gelernt? Ich habe sein Buch über den Stern von Bethlehem gelesen und fand es sehr einleuchtend. Darauf aufbauend und aus weiteren Quellen habe ich einen Vortrag über den Stern von Bethlehem erarbeitet.
Natürlich hast Du völig recht, wenn Du darauf hinweist, dass die Bibel, als Quelle für einen Tatsachenbericht nahezu unbrauchbar ist. Wo immer Matthäus diesen Bericht herhat, er hat ihn sicher benutzt um die Bedeutung von Jesus zu verstärken.
Ich möchte hier aber trotzdem ein paar Dinge anmerken:
1. Das griechische Original des Matthäus Evangelium ist da Aussagekräftiger als die deutsche Übersetzung. So ist da von Magier die Rede, gleichbedeutend mit weisen, gelehrten Menschen. Diese kamen von den Aufgängen, also aus dem Osten. Und sie haben den Stern im Aufgang gesehen. Das hier immer von einem Stern die Rede ist, verdanken wir vielleicht Matthäus, der wohl keine großen Kenntnisse über Astronomie gehabt haben könnte und Wandelsterne, also Planeten, auch einfach als Sterne bezeichnet hat.
2. Später steht im Original, als sie Jerusalem wieder verliesen, "und sieh, der Stern, den sie in dem Aufgang gesehen hatten, zog ihnen voraus, bis er im Gehen stehenblieb..." Das ist ein Indiz für einen oder mehrere Planeten.
3. Es könnte sein, dass die Weisen Nachfahren von vertriebene Juden sind, die in Mesopotamien lebten und dort ihre Beobachtungen betrieben. Sie könnten also wissen, dass ihr Volk einen Messias erwarten und haben ihre Beobachtungen möglicher weise so gedeutet. Dahingehend ist auch die nachfolgende Geschichte des Kindermordes interessant, vor dem die Weisen Josef warnen. Denn der Planet Mars kam einige Zeit später zu Jupiter und Saturn und "störte" deren Konstellation.
Was man sicher sagen kann ist, dass es durchaus möglich ist, dem Stern von Bethlehem eine einleuchtende astronomische Erklärung zu geben. Aber was genau damals geschah, ob es die Weisen gab und ob sie in Bethlehem ein Kind gefunden haben, können wir nicht sagen. Aber es ist eine schöne Geschichte/Märchen.
Frohe Weihnachten.
Wer für das Buch keine Zeit hat kann eine Viertelstunde mit Harald Lesch opfern: http://www.br-online.de/br-alpha/alpha-centauri/alpha-centauri-bethlehem-1999-ID1209386106398.xml
Marduk war schon immer mein Favorit, und es freut mich, daß er endlich mal gewürdigt wird, wenn auch nur in einem Halbsatz...