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Florian Freistetter promovierte am Institut für Astronomie der Universität Wien und hat danach an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg als Astronom gearbeitet. Zur Zeit lebt er in Jena, bloggt über Wissenschaft und schreibt manchmal Bücher:

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29.05.09 · 09:00 Uhr

Chaotische Systeme Teil 1: Der Phasenraum

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 13

Was ist eigentlich ein chaotisches System? Was passiert, wenn das Chaos zu stark wird und wie beschreibt man dann alles wissenschaftliche?

Wenn man dynamische Systeme, KAM-Theorie und Chaos erklären will, dann muss man zuerst einmal wissen, was ein Phasenraum ist. Ein Phasenraum ist etwas abstraktes; ein rein mathematischer Raum, der nichts mit dem "normalen" dreidimensionalen Raum zu tun hat, den wir jeden Tag erfahren. Der Phasenraum eines dynamischen Systems wird durch die Anzahl der Freiheitsgrade bestimmt. Damit ist die Zahl der Parameter gemeint, die nötig sind, um das System vollständig zu beschreiben.

Ein gutes Beispiel dafür ist ein Pendel. Wenn wir von einem Pendel ausgehen, dass nur in einer Ebene schwingt, dann braucht man genau 2 Zahlen, um den Zustand des Pendels zu einem bestimmten Zeitpunkt zu beschreiben: den Winkel der Auslenkung aus der Ruheposition und die Geschwindigkeit, die es in diesem Moment hat. Damit ist der Zustand des Pendels vollständig beschrieben; der Phasenraum ist daher zweidimensional.

Ein Phasenraum kann beliebig viele Dimension haben und natürlich auch mehr als drei. Betrachtet man z.B. das eingeschränkte Dreikörperproblem (ein kleines Objekt bewegt sich im gravitativen Einfluss zweier großer Körper), so findet man dort einen sechsdimensionalen Phasenraum. Man kann das Koordinatensystem beim eingeschränkten Dreikörperproblem immer so wählen, dass die zwei großen Körper sich nicht bewegen (z.B. durch ein mitrotierendes Koordinatensystem). Das komplette System wird also durch die Parameter des dritten, kleinen Körpers beschrieben. Dieser hat nun 3 mögliche Parameter, die seinen Ort angeben (die drei Raumrichtungen) und ebenfalls 3 Parameter, die die Geschwindigkeit in jede der drei Richtungen beschreiben. Macht insgesamt 6 und damit auch einen sechsdimensionalen Phasenraum.

Man kann nun für jeden beliebigen Zeitpunkt die Parameter bestimmen und einen entsprechenden Punkt im Phasenraum eintragen. Dadurch entsteht ein sg. Trajektorie bzw. ein "Phasenraum-Orbit". Die Trajektorie ist eine Kurve, die im Phasenraum liegt und alle möglichen Zustände des Systems beschreibt.

Ein Beispiel ist vielleicht hilfreich: betrachten wir wieder das Pendel. Wie oben schon beschrieben, ist der Phasenraum hier zweidimensional:

phra01.jpg

Auf der horizontalen Achse ist der Auslenkungswinkel aufgetragen, auf der vertikalen Achse die Geschwindigkeit (in diesem Fall ist das genaugenommen die Änderungsrate des Auslenkungswinkel). Wie sieht nun so ein Phasenraumorbit aus?

phra02.jpg

Bei Punkt 1 ist das Pendel maximal ausgelenkt. Der Winkel ist daher groß - die Geschwindigkeit aber null (es handelt sich um genau den Punkt, an dem das Pendel anhält und wieder zurückschwingt). Bei Punkt 2 schwingt das Pendel gerade durch die Ruhelage. Hier ist der Auslenkungswinkel per Defintion gleich null, die Geschwindigkeit dafür maximal. Und Punkt 3 zeigt den anderen Umkehrpunkt des Pendels - hier ist die Situation wieder wie bei Punkt 1.

Natürlich kann ich das Pendel anfangs stärker auslenken - dann erhalte ich eine andere Trajektorie:

phra03.jpg

Aus Symmetriegründen kann ich die Kurven untenrum erweitern und der fertige Phasenraum des Pendels sieht - zumindest in meiner Skizze - so aus:

phra04.jpg

Auf dem nächsten Bild sieht man, wie der Phasenraum der Pendelbewegung aussieht, wenn man die Trajektorien tatsächlich berechnet und nicht nur skiziiert:

Separatrix_for_a_Simple_Pendulum.png In der Mitte sehen wir wieder die ellipsenförmigen Kurven, die verschiedene Pendelbewegungen zeigen. Genaugenommen gibt es unendlich viele dieser Kurven - aber wenn man zu viele einzeichnet, dann erkennt man nichts mehr. Über und unter diesen Ellipsen gibt es noch wellenförmige Trajektorien. Diese beschreiben Zustände, bei denen das Pendel nicht hin und her schwingt, sondern im Kreis rotiert. Es bleibt nie stehen und schwingt wieder zurück sondern dreht sich immer weiter im Kreis herum (deswegen wird auch die Geschwindigkeit bei diesen beiden Kurven nie gleich null). Dieser Zustand wird "Zirkulation" genannt, im Gegensatz zur Pendelbewegung, die man "Oszillation" nennt. Es gibt eine ganz spezielle Trajektorie, die beide Zustände trennt (im Bild rot eingezeichnet). Sie heisst "Seperatrix" und stellt einen hypothetischen Zustand dar, in dem das Pendel immer weiter nach oben schwingt und dabei immer langsamer wird - solange bis es fast vertikal nach oben zeigt. Dieser Position nähert sich das Pendel zwar kontinuierlich an; erreicht ihn aber nie (bzw. erst nach einem unendlich langen Zeitraum).

Die Seperatrix wird später noch von Bedeutung sein - denn sie zeigt den Bereich an, wo es zu chaotischer Bewegung kommen kann (eine Definition von "Chaos" ist der Wechsel von - verallgemeinerten - Oszillationszuständen zu Rotationszuständen: also ein Überschreiten der Seperatrix).

Im Bild oben - dem Phasenraum des Pendels - kann ich also auf einen Blick alle möglichen Zustände erkennen, die dieses System einnehmen kann. Es ist also leicht zu sehen, wie wichtig dieses Konzept bei der Untersuchung dynamischer Systeme ist.

Soweit zum Phasenraum. Im nächsten Teil werde ich etwas über die "Action-Angle Variables" erzählen und über die Bewegung von Phasenraumorbits entlang eines Torus. Keine Angst, das klingt schlimmer als es ist ;) Aber es ist wichtig, diese Konzepte einzuführen, damit ich später die grundelegenden Theoreme der Chaostheorie erklären kann.

 

Autor: Florian Freistetter· 13 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Trackbacks (1)

Fraktale Dimensionen als Chaosindikatoren · Astrodicticum Simplex · 02.02.10 · 20:35 Uhr


Kommentare (13)

Kommentar-Direktlink Christian A.· 29.05.09 · 10:05 Uhr

Ich fühle es ... es kommt wieder ... das Wissen! ;)

Schöner Artikel! Nur noch kurz ne Frage/Bemerkung: Im Phasenraum können sich allgemein keine zwei Trajektorien überschneiden, oder?

Author Profile Page Thilo Kuessner· 29.05.09 · 14:12 Uhr

Nein, das verbietet der Laplacesche Dämon.

Mathematisch gesprochen: ein Punkt im Phasenraum bestimmt ja Ort und Impuls (bzw.: Ort und Geschwindigkeit).
Und die Newton-Gleichung F=ma=mx'' ist eine Diff.-gleichung 2. Ordnung, deren Lösung eindeutig bestimmt ist, sobald man zu einem Zeitpunkt Ort und Geschwindigkeit kennt.
Die Trajektorie ist also durch einen Punkt im Phasenraum schon eindeutig festgelegt, es kann nicht zwei Trajektorien durch denselben Punkt geben.

(Sorry, daß ich hier Fragen beantworte, die an Florian gerichtet sind. Florian ist gerade offline.)

Kommentar-Direktlink Christian A.· 29.05.09 · 14:16 Uhr

lucky him ;) Danke für die Antwort.

Ich war mir nicht mehr ganz sicher, was im Fall von Reibung passiert, d.h. nicht-konservative Kräfte, daher die Frage (und Bemerkung, dass die Seperatrix nicht ganz so speziell ist).

Author Profile Page Thilo Kuessner· 29.05.09 · 14:27 Uhr

Wenn die Reibung r nur von der Geschwindigkeit und vom Ort abhängt, hat man immer noch eine Diff.-gleichung 2. Ordnung F=mx''-r(x,x').
Dann ist die Lösung auch noch eindeutig bestimmt durch Start-ort und -geschwindigkeit.

Kommentar-Direktlink Rüdiger Kalupner· 02.06.09 · 15:09 Uhr

Kann jemand etwas mit dem von mir so bezeichneten Hautsatz der Chaosphysik anfangen: Je komlexer ein nicht-lineares, dynamisches System ist, umso geringer ist der notwendige Steurungsaufwand. Damit bin ich in der Politik, mit einem Geniepunktpolitikansatz zu gange - als Weltrevolutonär. Denn im Raum einer Weltinnnenpolitik muß ich mit wenig Aufwand, den weltindustriellen Prozess umsteuern können. So meine Logik. 'Rettung vor dem Kulturcrash' wird zu einem Erkenntnisproblem und führt aus dem Regierungshandeln und den Machtspielen (= Kyoto-Protokoll in der Klimapolitik) der Mächtigen, die etwas zu verlieren haben, heraus.

Er führt, zusammen mit einer Steuerungssystemtheorie des Evolutionsprozesses, zur Erkenntnis der kleinen (Geniepunkt-) Änderung in unserem Weltindustriesystem, die einfach auszuführen ist um dominomächtig zu werden und die hinreichend ist, um aus dem Crashpfad des Wachstumszwangregimes herauszukommen - in die folgende Ordnung-des-KREATIVEN.

Kommentar-Direktlink Florian Freistetter· 02.06.09 · 21:50 Uhr

@Rüdiger: Die "Chaostheorie" auf Dinge wie Politik zu übertragen, geht eigentlich immer schief. Das ist ähnelt aus meiner Sicht z.B. den "Quantenmedizinern" ;)

Kommentar-Direktlink Rüdiger Kalupner· 03.06.09 · 16:31 Uhr

@ Florian
Mit der Logik des 'Hauptsatzes der Chaosphysik' bin ich aber auf den steuerungssystemischen Geniepunkt und auf die hinreichende, revolutionäre Änderungsoption gestoßen, mit der alle Machtwiderstände gegen den Exodus aus der Weltherrschafft der Kapitalstockmaximierer überwunden werden können. Meine Machttests mit der drohenden Geniepunktänderung (= Diskussion der Alternative zu den Flächentariflohnerhöhungen inform eines energie- und kapitalstock-steuerfinanzierten Zweiteinkommens für Jedermann) verliefen alle positiv, d.h. die deutschen Machtspitzen (= Siemens- und IGMetall-Vorstände) gerieten in Panik, reagierten panikartig und bestätigten so, dass ich den Punkt des größten Momentum-hin-auf-den-Exodus gefunden hatte. Hier ging also nichts schief.

Kommentar-Direktlink Christian A.· 03.06.09 · 16:46 Uhr

Ich werd da nicht richtig schlau draus, was soll das bedeuten?

Author Profile Page Florian Freistetter· 03.06.09 · 17:24 Uhr

@Christian A.: Nichts, vermute ich ;)

Kommentar-Direktlink Rüdiger Kalupner· 04.06.09 · 22:03 Uhr

@ Florian v. 3.6.09
Wenn Sie sich da 'mal nicht täuschen. Grenzüberschreitungen sollten doch für einen chaosphysikalisch Informierten möglich sein, ich meine die Chaosphysikanwendung in hochkomplexen, gesellschaftlichen und damit vermachteten Prozessystemen. Meine Durchsetzungserfolge, die auf meiner Website nachzulesen sind, sollten einen Chaosphysiker eigentlich zu denken geben.

Author Profile Page Florian Freistetter· 04.06.09 · 22:35 Uhr

@R.K. "ich meine die Chaosphysikanwendung in hochkomplexen, gesellschaftlichen und damit vermachteten Prozessystemen."

Sorry - aber "Chaosphysik" lässt sich nicht in gesellschaftlichen Systemen anwenden. In der Chaostheorie geht es um Differentialgleichungen.

Kommentar-Direktlink Chris· 16.01.12 · 23:02 Uhr

Vielen Dank für diese - wenn auch leider nur kurze - gut verständliche Einführung in den abstrakten Begriff des Phasenraums!
Ich habe nur eine Frage: Wenn die Zeit so wie gewohnt in positive Richtung voranschreitet, müsste dann bei Abbildung 2 (und 3) die Trajektorie nicht an der Theta-Achse gespiegelt sein? Der (orientierte) Auslenkungswinkel wird ja beim Zurückschwingen in Richtung Ruhelage immer kleiner und daher müsste ja entsprechend auch die Winkelgeschwindigkeit negativ sein. Die umgekehrte Bewegung von Punkt 3 zu Punkt 1 entspräche dann der eingezeichneten Trajektorie.

Author Profile Page Florian Freistetter· 17.01.12 · 07:17 Uhr

@Chris: "Wenn die Zeit so wie gewohnt in positive Richtung voranschreitet"

Im Phasenraum gibts keine Zeit. Die Zeit kommt in dem Diagram nicht vor.

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