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06.04.09 · 15:50 Uhr
Astronomische Ostern
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 11
Am Sonntag, den 12. April, dürfen wieder Ostereier gesucht werden. Prinzipiell ist Ostern ja ein religiöses Fest und hat erstmal wenig mit Wissenschaft zu tun. Allerdings ist der Ostersonntag ein sg. beweglicher Feiertag. Im Gegensatz zu Weihnachten, das immer am 24. Dezember gefeiert wird, findet Ostern nicht immer am gleichen Tag im Jahr statt.
Und hier kommt die Wissenschaft ins Spiel. Um auszurechnen, wann Ostern in einem bestimmten Jahr stattfindet, benötigt man astronomische und mathematische Kenntnisse. Zu bestimmen, wann Ostern gefeiert wird, ist eine komplizierte Sache und war jahrhundertelang Aufgabe der Astronomen und Mathematiker.
Geschichte
Jesus soll am Freitag, den 14. Nisan (damals der erste Monat des jüdischen Kalenders) gekreuzigt worden sein. Die Wiederauferstehung soll am Sonntag, den 16. Nisan stattgefunden haben. Der jüdischen Kalender basiert allerdings auf der Bewegung des Mondes; während unser heutiger Kalender auf der Bewegung der Sonne (bzw. der Erde) basiert. Die Umrechung von einem System in das andere ist knifflig und führt zum variablen Datum des Osterfests.
Zur damalige Zeit begann das Jahr mit dem Frühlingsmonat Nisan - also im März/April. Der Tag des 1. Nisan wurde jedes Jahr durch die Beobachtung des Neumondes festgelegt - es war der Tag, an dem das erste Licht des neuen Mondes sichtbar war. Da zwischen Neu- und Vollmond immer etwa 2 Wochen liegen, fällt der 14. Nisan immer in die Nähe des Vollmonds. Ganz zu Beginn feierten die ersten Christen Ostern gemeinsam mit dem jüdischen Passahfest. Im Laufe der Zeit geriet der jüdische Kalender aber immer mehr in "Unordung" - man ging dazu über, den Kalender fix zu berechnen als auf ständigen Beobachtungen aufzubauen. Dadurch hat sich auch das christliche Ostern vom jüdischen Passah gelöst und die Christen begannen, das Osterdatum selbst zu berechnen. Allerdings legte jedes Jahr fast jede Gemeinde ihr Datum selbst fest und man kam dabei oft auf unterschiedliche Ergebnisse und feierte deswegen auch Ostern an unterschiedlichen Tagen.
Beim ersten Konzil von Nicäa im Jahr 325 wurde daher nach einer einheitlichen Lösung gesucht. Man beschloss, dass Ostern ab jetzt überall am selben Sonntag gefeiert werden sollte, dass es nicht mit dem Passahfest zusammenfallen soll und dass es am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert wird.
Berechnung
Und hier tritt jetzt die Astronomie auf den Plan. Den um das Osterdatum herauszufinden, muss man natürlich über die Bewegung der Erde und des Mondes Bescheid wissen. Frühlingsanfang ist im heute verwendeten gregorianischen Kalender jedes Jahr am 19., 20. oder 21. März (das hängt von den Schalttagen im jeweiligen Jahr ab). Zu dieser Zeit verwendete man aber noch den julianischen Kalender und 525 legte Papst Johannes I. fest dass der Frühlingsanfang immer auf den 21. März fallen soll. Das frühestmögliche Datum für den Ostersonntag war deswegen auch der 22. März; das spätestmögliche lag logischerweise etwa einen Monat später - am 25. April.
Wie nun das Datum genau berechnet werden sollte wurde vom Konzil allerdings nicht festgelegt. Im Laufe der Zeit gab es viele verschiedene Methoden (hier gibt es eine gute Übersicht). Die heute noch verwendete Formel wurde 1800 vom großen Mathematiker und Astronomen Carl Friedrich Gauß entwickelt (1816 veröffentlichte er noch eine korrigierte Version). Hier kann man sich die Arbeit im Orignal ansehen.
Den Algorithmus im Detail zu erklären würde hier zu weit führen. Aber in seiner einfachsten Version funktioniert er so:
Ausgangspunkt ist das Jahr "J", für das man das Datum des Ostersonntags berechnen möchte. Daraus bestimmt man vier Zahlen:
a = J mod 19Dabei bedeutet "div" eine ganzzahlige Division; man ignoriert also eventuelle Nachkommastallen. Mit der Rechenoperation "mod" bestimmt man den Rest der bei einer ganzzahligen Division auftritt. Für das Jahr 2009 sieht das so aus:
b = J mod 4
c = J mod 7
k = J div 100
a = 2009 mod 19 = 14 (2009 dividiert durch 19 ergibt 105; der Rest ist 14)Nun werden 2 weitere Zahlen berechnet:
b = 2009 mod 4 = 1
c = 2009 mod 7 = 0
k = 2009 div 100 = 20
p = k div 3Für 2009 bedeutet das:
q = k div 4
p = 20 div 3 = 6Daraus berechnet man zwei weitere Parameter:
q = 20 div 4 = 5
M = (15 + k - p - q) mod 30Diese Formeln gelten speziell für den gregorianischen Kalender, den wir heute benutzten. Im julianischen Kalender ist M = 15 und N = 6. Für 2009 ergibt sich also:
N = (4 + k - q) mod 7
M = (15 + 20 - 6 - 5) mod 30 = 24 mod 30 = 242 Zahlen fehlen noch, bevor das Osterdatum berechnet werden kann:
N = (4 + 20 - 5) mod 7 = 19 mod 7 = 5
d = (19*a + M) mod 30In unserem Beispiel ergibt sich
e = (2*b + 4*c + 6*d + N) mod 7
d = (19*14 + 24) mod 30 = 290 mod 30 = 20Und mit d und e ergibt kann man nun endlich das Osterdatum bestimmen. Ostersonntag ist am
e = (2*1 + 4*0 + 6*20 + 5) mod 7 = 127 mod 7 = 1
(22 + d + e)ten MärzFür 2009 ist das also der
(22 + 20 + 1)te = 43. März 2009Dieses Datum gibt es natürlich nicht. Für Zahlen größer als 31 zählt man einfach im April weiter. 32. März wäre also der 1. April, 33. März der 2. April, usw. Der 43. März 2009 entspricht dann dem 12. April 2009 - und das ist genau der Tag, an dem wir dieses Jahr Ostern feiern!
Ganz perfekt ist die Formel von Gauss aber nicht - es gibt einige Fälle, in denen sich nicht stimmt und Korrekturen angewandt werden müssen. Bekommt man als Ergebnis z.B. den 26. April (das wäre im Jahr 1981 der Fall gewesen), dann findet Ostern am 19. April statt. Ist das Ergebnis der 25. April, findet Ostern am 18. April statt. Diese Korrekturen werden in einer modifizierten Formel, die 1997 von Heiner Lichtenberg entwickelt wurde, berücksichtigt..
Wissenschaft
Eine Literatursuche zum Thema "Ostern" in astronomischen Datenbanken fördert teilweise sehr interessante Artikel zu Tage. Neben vielen Arbeiten zur Astronomie der Osterinseln und dem "Easter Event" 2001, als man erhöhte Werte des Sonnenwinds gemessen hatte, gibt es viele interessante Arbeiten zur Berechnung des Osterdatums. Hier ist eine kleine Auswahl:
- Ein gewisser William Noble schreibt 1899 in einem Brief an die Zeitschrift "The Observatory" (The Observatory, 22, p. 340): "The perusal of Mr. Cowell's interesting and elaborate paper [...] suggests to me to ask the question: Why should easter continue to be a movable festival after all? A more eminently unscientific arrangement than the existing one would be hard to devise. [...] I should be really glad to know what objection can exist to making Easter-Day a fixed festival, falling upon one definite Sunday in every year, and so obviating all necessity for the elaborate calculations entailed on us by mere ecclesiastical tradition and prejudice." Tja, leider scheint sein Aufruf zu einem fixen Osterdatum nicht viel Gehör gefunden zu haben - die "kirchlichen Traditionen und Vorurteile" sind ja auch bekanntermassen sehr schwer loszuwerden...
- 1944 schreibt George Walker in "Popular Astronomy" einen Artikel über "Rare Dates for Easter" (Popular Astronomy, 52, p. 139). Dabei untersucht er die Häufigkeit der Osterdaten und stellt fest, das manche nur sehr selten auftreten. Am seltensten findet Ostern am 22. März statt (im Schnitt nur einmal alle 210 Jahre). Es folgt Ostern am 25. April - das findet nur einmal alle 133 Jahre statt. Und Ostern am 23. März (so wie im Jahr 2008) ist das drittseltenste Datum und kommt nur einmal in 105 Jahren vor (und das ist auch gut so - wer will schon ständig Ostern bei Eis und Schnee feiern...).
- Aber auch heute noch beschäftigen sich Wissenschaftler mit dem Osterdatum. Ovidiu Vaduvescu hat 2004 einen neuen Algorithmus zur Berechnung von Ostern veröffentlicht. Dabei legte er mehr Wert auf die astronomischen Gesichtspunkte und weniger auf die religiösen und hoffte, so die unterschiedlichen Osterdaten der katholischen und orthodoxen Kirchen zu vereinen. Die Arbeit ist auf dem preprint-Server arxiv frei verfügbar.
Autor: Florian Freistetter· 11 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (11)
Danke für diesen Artikel! Ich freue mich ja immer, wenn ich eine weitere Bildungslücke schließen kann - ich hatte keine Ahnung, dass die Berechnung des Osterdatums so aufwändig ist. Aber zugegebenermaßen habe ich bisher auch nie darüber nachgedacht :D.
Egal was ich anstelle, ich kann nichtmehr "Erster!" bei deinen Artikeln rufen!
Machst PZ ordentlich Konkurrenz!
:))
Jedenfalls wollte ich nur sagen, dass der 12. April doch auch Yuri's Night ist.
http://de.wikipedia.org/wiki/Yuri%E2%80%99s_Night
:)
@isnochys: Naja - PZ hat letztens seine Zugriffszahlen veröffentlicht. Von den über 2 Millionen Seitenaufraufen im Monat, die Pharyngula hat, bin ich doch noch etwas entfernt ;)
Und über Yuri's Night kommt heute oder morgen von mir noch ein extra Artikel. Der ist schon länger geplant.
Sehr interessant zu erfahren, wie das Oster-Datum berechnet wird. Vielen Dank für deine Mühe.
Man kann mit diesem Algorithmus natürlich auch die Osterdaten vergangener Jahre berechnen; allerdings nur zurück bis ins Jahr 1582. Wer errät, wieso, der bekommt 'nen Keks :)
Für die Lösung gibts ein Internets umsonst:
http://de.wikipedia.org/wiki/1582
;)
@Filzo: Das hab ich sogar im Artikel erwähnt ;) Die Formeln gelten für den julianischen Kalender. Für den gregorianischen muss man M=15 und N=6 einsetzen.
Lol, wieder mal ein Beispiel für den Satz: Warum einfach wenns auch kompliziert geht. Aber ich vermute mal das erhöht die mystische Komponente :)
@Florian: Ich wollte auch nur ein wenig angeben ;)
Und ich frage mich wo der Vollmond und Neumond berechnet wird.
Gruß aus Neuseeland wo an diesem Ostern Vollmond ist.
Zitat:"Und ich frage mich wo der Vollmond und Neumond berechnet wird.
Gruß aus Neuseeland wo an diesem Ostern Vollmond ist."
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