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28. August 2008
Der skeptische Handtuchhalter
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 5
Ich bin immer noch im Urlaub - deswegen nur ein kurzer Beitrag mit leichter Kost über ein interessantes Urlaubsfundstück.
Wer an Naturwissenschaften interessiert ist, dem ist Carl Sagan sicherlich ein Begriff (und wer gute Science-Fiction mag, der kennt den Namen sicherlich auch). Keiner verstand es so gut wie er, denn Menschen die Faszination des Forschens und den Wert von Wissenschaft zu vermitteln. Seine Bücher - unter anderem das geniale Buch: "Der Drache in meiner Garage oder die Kunst der Wissenschaft Unsinn zu entlarven" - gehören zur Pflichtlektüre für jeden der an kritischem Denken interessiert ist.
Hier ist ein kleines Video (bei Youtube findet man noch viel mehr von ihm) das Sagans Einstellung zur Wissenschaft, seine Leidenschaft und seine Abneigung gegenüber Ignoranz und blindem Glauben gut zum Ausdruck bringt:
Sehr schön ist auch dieses Video mit Ausschnitten aus Sagans Buch "A Vision of the Human Future in Space":
Sagan hat im Laufe seines Lebens viele Ehrungen und Auszeichnungen bekommen. Aber nun ist anscheinend auch ein schwedische Möbelfirma auf ihn aufmerksam geworden und hat einen Handtuchhalter nach ihm benannt!
Ob sie sich dabei wohl der universalen Wichtigkeit von Handtüchern bewusst waren? ;)Autor: Florian Freistetter· 28.08.08 · 22:10 Uhr· 5 Kommentare
24. August 2008
Das Blog-Teleskop #7
Kategorie: Blog-Teleskop·Naturwissenschaften
Die siebte Ausgabe des Blog-Teleskops ist online! Diesmal steht das Teleskop im Fischblog von Lars Fischer. Wer sehen möchte, wie ein Chemiker die Welt der Astroblogs sieht, der sollte unbedingt vorschauen!
Und wer auch mal eine Ausgabe des Teleskops beherbergen möchte, der soll mir Bescheid sagen.
Autor: Florian Freistetter· 24.08.08 · 11:30 Uhr· 0 Kommentare
23. August 2008
Astrologen mögen mich nicht!
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 44
Eigentlich habe ich ja Urlaub und kaum Zeit Beiträge zuschreiben. Aber das ist auch gar nicht nötig - das erledigen andere für mich.
(Nachtrag vom 26.01.2009: Ich sehe jetzt erst, das Markus seinen Beitrag über mich anscheinend wieder gelöscht hat. Schade - ich dachte, er würde zumindest zu seiner Meinung stehen).
Der Astrologe Markus Termin (ich habe ihn mal in meinen Beiträgen zu den Prognosen der Fußballeuropameisterschaft erwähnt) hat heute in seinem Blog einen neuen Artikel veröffentlicht. Der Titel: "Dr. Florian Freistetter". Es hat ihm anscheinend nicht gefallen, dass ich Peter König für seine Homöopathie-Vorträge vor Kindern kritisiert habe.
Denn laute Markus Termin ist Herr König einer, der
"engagiert und mutig gegen den Drachen kämpft, und Kinder für die uralte Idee vom similibus curantur begeistert"
Hui! Ein Homöopath als Drachentöter (lasst mich raten wer der Drache ist).
Anhand meines Horoskops weist mir Markus Termin meine diversen charakterlichen Fehler nach:
"Natürlich sagt Herrn Freistetters Horoskop nicht nur mir, sondern jedem Astrologen zweifelsfrei, was mit ihm los ist, und warum er so agitiert."
Zweilfelsfrei! Na da bin ich ja beruhigt- So wie es aussieht sagen die Sterne dass ich tatsächlich ein unbelehrbarer Ignorant bin und die Wahrheit und Vorzüge der Astrologie niemals erkennen werde. Und das
"obwohl wir doch die Einheit der Astrologie und ihrer sympathischen Tochter, der Astronomie, so dringend bräuchten, wie den Frieden zwischen Israel und Palästina."
Ähh... ja. Noch gehen Astrologen und Astronomen nicht mit Waffengewalt aufeinander los - dieser Vergleich ist ziemlich unpassend.
Und weil ich ausserdem mit meinem Artikel gegen Peter König "eine Grenze überschritten habe" greift Herr Termin nun "in mein Karma ein".
Zum Abschluss vergleicht mich Markus Termin übrigens noch mit Grima Schlangenzunge - einer Figur aus J.R.R. Tolkiens Roman (den Film gibts auch als Buch, Markus ;) ) "Herr der Ringe" (Grima ist dort ein Verräter und böser Einflüsterer der dem König absichtlich falsche Ratschläge erteilt und ihm seinen Willen aufzwingt).
Auch wenn Markus Termin meint ich würde mich nun "sehr, sehr ärgern" - da muss ich ihn leider enttäuschen ;) Wenn dann bin ich über Beschimpfungen dieser Art eher amüsiert. Und das Weltbild der Astrologen kann man in diesem Artikel auch gut erkennen. Ich kann die Lektüre daher nur weiterempfehlen ;)
P.S: Ausserdem: Wenn ich es schon nicht zu einem eigenen Fan-Club gebracht habe (warum eigentlich nicht ;) ) dann freue ich mich wenigstens über einen ordentlich engagierten Gegner ;)
Autor: Florian Freistetter· 23.08.08 · 22:20 Uhr· 44 Kommentare
21. August 2008
Ich mache Urlaub!
Kategorie: Kultur · Kommentare: 5
Morgen gehts los - endlich mal wieder Urlaub! Bis 31. August werde ich nicht in Jena sein. Ich habe zwar auch während des Urlaubs einen Computer zur Verfügung - weiß aber noch nicht wie intesiv ich den nutzen werde bzw. nutzen will. Also nicht wundern, wenn es keine bzw. wenig Beiträge gibt und keine bzw. wenig Antworten auf Kommentare.
Ab September gehts hier aber in gewohntem Ausmaß weiter!
Autor: Florian Freistetter· 21.08.08 · 20:30 Uhr· 5 Kommentare
Homöopathie Propaganda für Kinder
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 87
Mit Kindern über Wissenschaft zu reden ist einfach. Kleine Kinder sind an allem interessiert und für alles zu begeistern. Ihr Interesse für wissenschaftliche Themen zu wecken ist nicht schwer. Ich habe selbst schon öfters Vorträge für Kinder gehalten und die Resonanz war immer gewaltig (teilweise konnte ich vor lauter (vernünftigen!) Fragen nichtmal meinen Vortrag zu Ende halten).
Und wenn man möchte, dass sich Kinder auch später als Teenager und Erwachse für Wissenschaft interessieren und vielleicht sogar ein entsprechendes Studium ergreifen, dann muss man ihr Interesse dafür möglichst früh wecken.
Deswegen finde ich es immer toll, wenn es spezielle wissenschaftliche Veranstaltungen für
Kinder gibt. In Österreich findet an der Universität Wien seit 2003 eine Kinderuniversität statt. Dort halten Professoren und Dozenten aller Fachrichtungen Vorträge speziell für Kinder.
Da geht es unter anderem um Quantenphysik, Geschichte, Astronomie, Architektur, Chemie - und Homöopathie!
Ja genau - Homöopathie:
"Wir wollen dir erklären, wie dich die homöopathischen Globuli gesund machen können. Wie kann es funktionieren, dass Ähnliches durch Ähnliches geheilt wird? Am Beispiel der Heilpflanze Arnika siehst du, wie Globuli von ApothekerInnen hergestellt werden und ihren Weg zu den PatientInnen finden."

So lautet der Text der offiziellen Ankündigung. Vortragender ist Dr. Peter König, Homöopath und Lektor an der Medizinischen Universität Wien.
So etwas mach mich wirklich fertig. Schlimm genug, dass wissenschaftliche Angebote für Kinder selten sind. Schlimm genug, dass viele Eltern ihre Kinder nicht entsprechend fördern. Aber den Kindern unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit Pseudowissenschaften beizubringen ist mehr als nur schlimm! Das ist schon fast grob fahrlässig!
Wer wundert sich da noch, warum Pseudowissenschaften wie Homöopathie und Astrologie immer weiter verbreitet und immer fester in der Gesellschaft verankert sind? Wenn mit der Propaganda schon bei den kleinen Kindern angefangen wird, dann ist das kein Wunder.
Leider habe ich diesen Vortrag zu spät entdeckt - er fand schon am 9. Juli statt. Aber es lohnt sich vielleicht trotzdem noch, dem Vortragenden und dem Veranstalter der Kinderuniversität ein Mail zu schicken und mal nachzufragen, was sie sich dabei gedacht haben (naja, nicht viel vermutlich).
Am 21. September strahlt übrigens der Qualitätsradiosender Ö1 den Vortrag von Dr. König aus:
Was sind Potenzen und wie findet der homöopathische Arzt die richtigen, Gesundheit bringenden Globuli? Hat die Homöopathie Nebenwirkungen und was passiert, wenn der Arzt die falschen Globuli verschreibt?
DAS würde mich auch mal interessieren. Aber mehr als die üblichen pseudowissenschaftlichen Wischi-Waschi-Antworten wird auch Herr König nicht auf diese Fragen haben.
Ich bin jedenfalls gerade ziemlich wütend und enttäuscht. Die Kinder die an der Kinderuniversität teilnehmen sind wahrscheinlich gerade die, die wirklich sehr an wissenschaftlichen Themen interessiert sind. Und gerade ihnen setzt man pseudowissenschaftliche Propaganda vor. Das ist absolut nicht in Ordnung!
P.S. Beim Stöbern im Programm der Kinderuni habe ich auch noch folgenden Vortrag gefunden: Wie hat Gott die Welt gemacht?
Hier erfährst du, welchen Anteil Gott an der Entstehung der Erde hatte. Sein Werkzeug waren bloß ein Plan und drei Dinge! Wir werden lernen, wie daraus unser ganzer Kosmos entstanden ist, mit den Sternen, dem Gold, den Blumen und Lebewesen. Und wir hören auch etwas über Gott selbst!
Vortragender ist ein Chemie-Professor der Universität Wien mit starken religiösen Ambitionen. Da scheinen wirklich manche Vortragende der Kinderuniversität die Gelegenheit zu nutzen ihre persönlichen Vorstellungen (die nichts mit Wissenschaft zu tun haben!) im Rahmen angeblicher Wissenschaftlichkeit an kleine Kinder weiterzugeben.
Mir fehlen die Worte.
Ähnliche Artikel: Homöopathie, Placebos und Quantenunsinn, Homöopathie am LKH Klagenfurt, Homöopathie auf dem Prüfstand, Homöopathie-Propaganda in der Qualitätszeitung, Medikamente aus Hundekot, Erste deutsche Homöopathie-Professur ins Leben gerufen
Danke an Kommentatorin emp für den Hinweis auf diese Veranstaltung!
Autor: Florian Freistetter· 21.08.08 · 12:42 Uhr· 87 Kommentare
20. August 2008
Aszendent Liebe: ein selten dummer Film
Kategorie: Kultur · Kommentare: 10
Die Nachrichten die einem per Google-Alert zugesandt werden sind oft ziemlich seltsam. Unter dem Stichwort "Astronomie" habe ich eben einen Programmhinweis des NDR bekommen. Beworben wird der Film "Aszendent Liebe" (eine deutsche Produktion unter der Regie von Helmut Metzger).
"Leider" habe ich diesen Film verpasst - aber so wie der Film beschrieben wird war das auch ganz gut so. Es geht um einen Astrophysiker der die Berliner Sternwarte leitet. Und selbstverständlich ist er ein
nüchterne[r] Wissenschaftler und eingefleischte[r] Junggeselle, der nur Daten, Fakten und Zahlen vertraut.
Was auch sonst - Wissenschaftler sind ja bekanntlich alle langweilige Säcke die zum Lachen in den Keller gehen und nur über Zahlen und Diagramme reden können.
Und diesem armen Mann wird eine Astrologin vorgesetzt die von der Sternwarte als "Lehrkraft" engagiert wird (Ich kann mir nicht vorstellen das irgendeine Sternwarte eine Astrologin einstellt; schon gar nicht als "Lehrkraft"). Natürlich sind alle von der Astrologin begeistert die mit "pfiffigen Lektionen über Horoskope" ein großes Publikum an die Sternwarte lockt. Der "zerstreute Professor" selbst hält natürlich nur "trockenen Vorlesungen über Astronomie". Klar, Astronomie ist ja auch Wissenschaft - das muss langweilig und trocken sein.
Es kommt wie es kommen muss - beide verlieben sich und dank der "Lebensklugheit der Tante Olga" kommt es zum Happy End.
Meine Güte! Ich weiß, es ist müßig sich über Dummheit im Fernsehen aufzuregen. Aber das Bild das hier von Wissenschaftlern erzeugt wird hat mich schon ein wenig aufgeregt. Da wurde kein Klische ausgelassen (und im Film selbst wurde sicher auch noch das eine oder andere Vorurteil über langweiligen Forscher bestätigt).
Wissenschaftler sind also kalte und nüchterne Menschen; langweilig und nur an Zahlen und Fakten interessiert. Wenn sowas dann auch noch ständig im Fernsehen demonstriert wird, dann braucht man sich über die eher wissenschaftsfeindliche Einstellung der Gesellschaft gar nicht wundern.
Und darüber dass Astrologie hier der Astronomie wieder mal gleichberechtigt gegenüber gestellt wurde (und über die absurde Idee sowas würde an einer Sternwarte gelehrt) reg ich mich schon gar nicht mehr auf. Dieser Film (immerhin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen) hat das Image der Wissenschaften wahrscheinlich nicht wirklich gefördert - aber es bleibt immerhin zu hoffen, dass ihn kaum jemand gesehen hat.
Autor: Florian Freistetter· 20.08.08 · 21:16 Uhr· 10 Kommentare
Bis an die Grenzen des Sonnensystems
Kategorie: Naturwissenschaften
Das Weltall ist unvorstellbar groß und die Entfernungen zwischen den Sternen sind ebenfalls riesig! Von der Sonne bis zum sonnennächsten Stern (Proxima Centauri) sind es 4.22 Lichtjahre - also etwa 40 Billionen Kilometer. Im Vergleich dazu ist unser Sonnensystem winzig klein. Oder vielleicht doch nicht? Wo sind eigentlich die Grenzen des Sonnensystems?
Das hängt davon ab, wie man "Sonnensystem" interpretiert. Die Bahn des äußersten Planeten (Neptun) hat einen Durchmesser von 30 Astronomischen Einheiten (also 30mal die Entfernung zwischen Erde und Sonne). Das sind nur 5 zehntausendstel eines Lichtjahrs - auf dem Weg von der Sonne bis nach Proxima Centauri hat man also gerade mal erst ein hunderstel Prozent zurückgelegt.

Aber unser Sonnensystem ist hinter dem letzten Planeten noch nicht zu Ende! Bei 40 Astronomischen Einheiten befindet sich der Zwerplanet Pluto (das Bild rechts zeigt eine Aufnahme des Hubble-Teleskops); der Zwergplanet Makemake bewegt sich in einem Abstand von 45 Astronomischen Einheiten um die Sonne und der äußerste Zwergplanet - Eris - hat eine große Halbachse von 68 Astronomischen Einheiten - ist also mehr als doppelt so weit von der Sonne entfernt wie Neptun, der äußerste Planet.
Aber auch mit den Zwergplaneten endet unser Sonnensystem noch nicht. Dort wo sich die Zwergplaneten befinden gibt es auch sehr viele Asteroiden. Viele Leute kennen nur den Hauptgürtel der Asteroiden zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter. Aber es gibt noch mehr große Asteroidenpopulationen in unserem Sonnensystem: zwischen den Bahnen der inneren Planeten befinden sich die erdnahen Asteroiden; in der Bahn des Jupiter findet man die Trojaner (über die muss ich auch mal schreiben!); zwischen den Bahnen von Jupiter und Neptun sind die Zentauren und schließlich, außerhalb der Neptunbahn, findet man den größten Asteroidengürtel in unserem Sonnensystem: den Kuipergürtel (benannt nach dem Astronomen Gerard Kuiper).

Die innersten Asteroiden des Kuipergürtels (das Bild rechts zeigt Gerard Kuiper und seinen Gürtel ;) ) befinden sich etwa dort wo sich auch Pluto befindet (bei 40 Astronomischen Einheiten) - die äußersten etwa bei der Bahn von Eris (70 Astronomische Einheiten). Die äußeren Objekte (sie gehören zur sogenannten "gestreuten Scheibe") haben allerdings sehr exzentrische Bahnen und können sich bis zu 1000 Astronomische Einheiten von der Sonne entfernen. Mit 1000 Astronomischen Einheiten haben sich die Grenzen unseres Sonnensystems immerhin im Vergleich mit der Neptunbahn um das 33fache nach außen verschoben - aber auf dem Weg nach Proxima Zentauri haben wir noch nichtmal ein Prozent zurückgelegt (nichtmal ein halbes - nur 0.37%).
Aber am Kuipergürtel ist noch nicht Schluß! Es gibt ja auch noch die Kometen. 1950 hat der niederländische Astronom Jan Hendrik Oort die Bahnen der Kometen untersucht und ist zu dem Schluß gekommen das sich in großer Entfernung von der Sonne ein Reservoir an kleinen Himmelskörpern befinden muss das die Quelle der langperiodischen Kometen darstellt. Diese nach ihm benannte Oortsche Wolke aus Asteroiden und Kometen umgibt unsere Sonne kugelförmig und beginnt weit außerhalb des Kuipergürtels bei einigen hundert astronomischen Einheiten Abstand von der Sonne. Direkt beobachten kann man sie leider (noch) nicht - dafür ist sie viel zu weit von der Erde entfernt
Es wurden allerdings einige paar Objekte entdeckt von denen man vermutet, dass sie Teil der Ooortschen Wolke sind bzw. aus ihr stammen. Eines davon ist Sedna. Dieser etwa 1700 km große Asteroid hat eine große Halbachse von etwa 480 Astronomischen Einheiten und befindet sich an seinem sonnenfernsten Punkt fast 900 Astronomische Einheiten von der Sonnen entfernt! Man vermutet dass Sedna zu einer inneren Oortschen Wolke gehört die durch gravitative Störungen vorbeiziehender Sterne aus der eigentlichen Oortschen Wolke entstanden ist.
Vor einigen Tagen wurde ein weiteres Objekt entdeckt das aus dieser fernen Wolke stammen könnte. Der kleine, etwa 70 Kilometer große Asteroid 2006 SQ372 hat seinen sonnenfernsten Punkt bei 1600 Astronomischen Einheiten - doppelt so weit entfernt von der Sonne wie Sedna! 2006 SQ372 gilt nun als das erste Objekt der Oortschen Wolke das wir beobachten konnten.
Die Oortsche Wolke erstreckt sich aber noch viel weiter - man schätzt, dass sie bis etwa 100000 Astronomische Einheiten reicht. Und das ist schon ein ordentliches Stück auf dem Weg nach Proxima Centauri - etwa 1,6 Lichtjahre bzw. 40% der gesamten Entfernung. Damit ist die Grenze des Sonnensystems deutlich nach außen gerückt. Und es gibt eigentlich keinen Grund, anzunehmen dass das Centauri-System keine Oortsche Wolke hat die ähnlich weit ausgedehnt ist. Vergleicht man also den Abstand zwischen der äußersten Grenze unseres Sonnensystems und der äußersten Grenze des Centauri-Systems dann ist die Distanz gar nicht mehr so groß.
Das ändert aber leider nichts daran, dass unsere Erde immer noch enorm weit vom nächsten Stern entfernt ist!
Ähnliche Artikel: Planeten, Pluto und die Plutoiden, Die große Planetendebatte
Autor: Florian Freistetter· 20.08.08 · 19:26 Uhr· 0 Kommentare
19. August 2008
Erdnahe Asteroiden und Fuzzy Logic
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 8
Gestern habe ich über die Probleme geschrieben, die auftreten wenn man die Eigenschaften der chaotischen erdnahen Asteroiden untersuchen. Heute möchte ich erklären, wie man diese Probleme lösen kann.
Instabile Gruppen
Das ursprüngliche Problem war folgendes: Wegen des Chaos macht es keinen Sinn, die Langzeitdynamik einzelner Asteroiden zu untersuchen. Aber wie unsere Arbeit gezeigt hat, waren auch die Gruppeneinteilungen der Asteroiden durch das Chaos gestört: es war nicht mehr möglich, vernünftige Ergebnisse bei der Untersuchung von Asteroidengruppen zu erhalten.
Das liegt daran, dass die Gruppen auf einer zweiwertigen Logik basieren: entweder ist ein Asteroid Mitglied einer Gruppe oder er ist es nicht und ein Asteroid kann immer nur Mitglied einer einzigen Gruppe sein. Da nun die Langzeitdynamik eines erdnahen Asteroiden vom Chaos dominiert wird haben wir ein prinzipielles Problem. Egal welche Gruppeneinteilung man sich ausdenken würde - irgendwann führt das Chaos dazu, dass die Gruppengrenzen überschritten werden.
Um das Problem zu lösen braucht man also keine neue Gruppeneinteilung - sondern eine völlig neue Art des Klassifizierens.
Als ich über dieses Problem nachdachte, hab ich zufällig einen ehemaligen Kollegen getroffen der mittlerweile als Lehrer in einer Schule arbeitet. Der hat mir erzählt, dass er mit seinen Schülern gerade die Fuzzy-Logik durchgenommen hat - eine Verallgemeinerung der normalen zweiwertigen Logik. Im Laufe des Gesprächs fiel uns dann auf, dass diese Logik genau das sein könnte, was zur Lösung des Problems nötig ist!
Fuzzy-Logik
Fuzzy-Logik (oder "unscharfe Logik") wurde 1965 von Lofti Zadeh in Berkely entwickelt. Es handelt sich dabei um eine Logik, bei der zwischen "wahr" und "falsch" noch beliebig viele Zwischenstufen existieren. Damit lassen sich auch ungenaue Begriffe wie "ein wenig", "ein bisschen", "ziemlich viel" usw mathematisch genau erfassen. Man kann damit z.B. das Ergebniss von "ungefähr fünf plus ungefähr zwei" berechnen (wenig überraschend ist es "ungefähr sieben" ;) ). Wie Fuzzy-Logik funktioniert lässt sich aber besser an einem anderen Beispiel präsentieren.
Nehmen wir das Alter eines Menschen: ich bin im Moment 31 Jahre alt. Bin ich schon alt? (sicher nicht!) Oder bin ich noch jung? (auf jeden Fall!) Oder vielleicht zumindest ein bisschen alt? Und ich bin wohl auch nicht mehr sehr jung. Solche Gruppen ("ein bisschen alt", "sehr jung") sind ein ideales Anwendungsgebiet für Fuzzy-Logik. Aber wie definiert man nun, wer zu welcher Gruppe gehört?
Wie ich oben schon gesagt habe gibt es bei normaler Logik nur 2 Möglichkeiten: entweder ist etwas Teil der Gruppe oder nicht. Mathematisch lässt sich das durch eine sogenannte charakteristische Funktion beschreiben die nur 2 Werte annehmen kann: 1 wenn ein Objekt Teil einer Gruppe ist und 0 wenn es nicht Mitglied ist. In der Fuzzy-Logik verwendet man "Mitgliedschaftsfunktion" die jeden beliebigen Wert zwischen 0 und 1 annehmen können! Diese Zahl nennt man dann "Grad der Mitgliedschaft". Ein Objekt kann also - so wie im normalen Fall - mit einem Grad der Mitgliedschaft von 1 Mitglied einer Gruppe sein (und mit einem Grad von 0 kein Mitglied) - es ist aber möglich das man beispielsweise mit einem Grad der Mitgliedschaft von 0,3 nur "ein bisschen" Mitglied ist. Wie nun der Grad der Mitgliedschaft berechnet wird, hängt vom konkreten Verlauf der Mitgliedschaftsfunktion aus.
Im Beispiel des Alters von oben kann das so aussehen:

Diese sechs Kurven sind die Mitgliedschaftsfunktionen für 6 Fuzzy-Gruppen: "sehr junge Menschen", "junge Menschen", "nicht sehr junge Menschen", "mehr oder weniger alte Menschen", "alte Menschen" und "sehr alte Menschen". Anhand des Alters kann nun für jede Gruppe der Grad der Mitgliedschaft berechnet werden.
Ich nehme nochmal mich als Beispiel: mit 31 Jahren ist mein Grad der Mitgliedschaft zur Gruppe der "sehr jungen Menschen" nur noch etwa 0,3. Bei der Gruppe der "jungen Menschen" ist es immerhin noch 0,5. Den höchsten Grad der Mitgliedschaft habe ich - leider - mit etwa 0,75 bei der Gruppe der "nicht sehr jungen Menschen" :( (Notiz: nicht mehr mich selbst als Beispiel verwenden!). Aber immerhin beträgt der Grad der Mitgliedschaft zu den Gruppen der "mehr oder weniger alten", "alten" und "sehr alten" Menschen bei mir noch 0.
Laut diesem Beispiel wäre ich also hauptsächlich "nicht sehr jung" - aber immerhin noch ein bisschen "jung" und kleines bisschen "sehr jung". Und auch wenn ichs lieber anders hätte - das Ergebnis beschreibt die Realität doch einigermassen gut. Mit 31 Jahren bin ich zwar noch nicht alt - aber definitiv nicht mehr "jung" oder "sehr jung" - es sei denn, man vergleicht mich mit deutlich älteren Menschen.
Mit Fuzzy-Logik kann man also erstens auch logische Zwischenstufen mathematisch korrekt beschreiben und zweitens kann ein Objekt gleichzeitig (mit verschiedenen Graden der Mitgliedschaft) Mitglied in mehreren Gruppen sein. Also genau das, was man braucht um das Problem der erdnahen Asteroiden zu lösen!
Eine unscharfe Beschreibung der erdnahen Asteroiden
Will man mit Fuzzy-Gruppen arbeiten muss man zuerst mal eine vernünftige Definition finden und dann ebenfalls vernünftige Mitgliedschaftsfunktionen aufstellen.
Natürlich gibt es unzählige Möglichkeiten, Fuzzy-Gruppen zu definieren. Ich habe mich dazu entschieden, Gruppen aufzustellen, die auf der Tatsache basieren, dass die erdnahen Asteroiden sehr oft sehr nahe an die Planeten herankommen. Ich habe also folgende Klassen definiert:
- Asteroiden die mit der Venus kollidieren können
- Asteroiden die mit der Erde kollidieren können
- Asteroiden die mit dem Mars kollidideren können
So wie im obigen Beispiel das Alter die Grundlage für die Berechnung des Grads der Mitgliedschaft war bietet sich hier natürlich die Anzahl der nahen Begegnungen zwischen Asteroid und Planet als Parameter an. Ein Asteroid der beispielsweise der Erde überhaupt nie sehr nahe kommt kann auch nicht wirklich mit der Erde kollidieren und sollte daher kein Mitglied der entsprechenden Gruppe sein. Je mehr nahe Begegnungen es allerdings gibt, desto größer sollte auch der Grad der Mitglieschaft sein - denn desto größer ist auch die Möglichkeit einer Kollision!
Ich habe also die Bahnen aller bekannten erdnahen Asteroiden für eine halbe Million Jahre simuliert und nachgesehen, wieviel nahe Begegnungen es zwischen Asteroiden und Planeten im Durchschnitt gibt. Aus dieser Verteilung lässt sich dann die entsprechende Mitgliedschaftsfunktion berechnen.
Mit diesen Mitgliedschaftsfunktionen können die Asteroiden nun klassifiziert werden und jedem Objekt kann der Grad der Mitgliedschaft zu den verschiedenen Gruppen zugewiesen werden. Die Ergebnisse kann man sich hier ansehen (die Gruppen die ich hier beschrieben habe heissen dort G2, G3 und G4).
Was fängt man nun mit diesen Fuzzy-Gruppen an? Da hat man jetzt viele Möglichkeiten - eine davon sind sogenannte "Alpha-Cuts". Ein Alpha-Cut ist eine Teilmenge einer Fuzzy-Menge. Man definiert einen bestimmten Grad der Mitgliedschaft ("alpha") und nimmt aus einer Fuzzy-Menge alle Objekte heraus, deren Grad der Mitgliedschaft größer als dieser Wert ist. Ich kann zum Beispiel die Gruppe der Asteroiden die mit der Erde kollidieren können nehmen und alle Asteroiden heraussuchen, deren Grad der Mitgliedschaft größer als 0,9 ist - all diejenigen Objekte die besonders "stark" zu dieser Gruppe gehören. Diese Asteroiden haben also eine gemeinsame Haupteigenschaft - aber alle haben ja auch noch einen bestimmten Grad der Mitgliedschaft zu den anderen Gruppen! Diese Zusammenhänge kann man nun analysieren und bekommt dann zum Beispiel so eine Grafik:

Die drei Ellipsen repräsentieren drei Alpha-Cuts in denen jeweils alle Asteroiden versammelt sind, die mit einem Grad der Mitgliedschaft größer als 0,9 zu den drei Fuzzy-Gruppen gehören. Nun kann es aber vorkommen, dass ein Asteroid zu zwei oder auch drei verschiedenen Alpha-Cuts gehört. Die Pfeile zeigen also an, wieviel Asteroiden der einen Gruppe jeweils auch zur anderen Gruppe gehören. Man sieht hier deutlich, dass die Gruppe der Asteroiden die mit der Erde kollidieren können hier dominiert. Sie hat nicht nur die meisten Mitglieder; auch Asteroiden aus den anderen Alpha-Cuts gehören wesentlich öfter zu dieser Gruppe als umgekehrt.
Kollisionen mit der Erde
Was kann man daraus schließen? Nun, erstmal, dass es möglich ist quantitative Aussagen über die Langzeitdynamik von Gruppen von erdnahen Asteroiden zu machen - das ursprüngliche Problem ist also gelöst!
Dieses Beispiel zeigt aber auch schön, dass die Erde tatsächlich die dominierende Rolle bei den erdnahen Asteroiden spielt. Das mag nun vielleicht wenig überraschend klingen - aber wenn man die durchschnittlichen Kollisionswahrscheinlichkeiten der erdnahen Asteroiden für lange Zeiträume mit den Planeten berechnet, dann besteht eine größere Wahrscheinlichkeit dass ein Objekt mit der Venus kollidiert als für eine Kollision mit der Erde! (Warum das so ist überlasse ich den Leserinnen und Lesern als Hausaufgabe ;) Es ist aber nicht schwer zu verstehen; man kann ohne viel Mathematik sogar das zu erwartende Verhältnis der Kollisionswahrscheinlichkeiten vorhersagen). Verwendet man aber stattdessen Fuzzy-Logik dann berücksichtigt man nicht nur die "primären" Eigenschaften der Asteroiden sondern auch die "sekundären". Ein Asteroid der sehr oft sehr nahe an die Venus herankommt hat natürlich eine hohe Chance mit ihr zu kollidieren. Genauso kann es aber auch sein, dass eine dieser nahen Begegnungen den Asteroid auf eine ganz andere Bahn wirft und er plötzlich nahe an die Erde (oder den Mars) kommt. Die Fuzzy-Logik berücksichtigt das und man kommt damit zu dem Ergebnis das ich oben beschrieben habe: für lange Zeiträume ist es für einen durchschnittlichen NEA am wahrscheinlichsten, dass er mit der Erde kollidiert und nicht mit einem der anderen Planeten.
Wer mehr über die ganze Thematik erfahren will, der kann das dann hoffentlich bald in meinem Artikel in Celestial Mechanics and Dynamical Astronomy nachlesen (wenn die Gutachter ihr OK gegeben haben). Ganz interessierten kann ich aber auch gerne direkt Informationen zukommen lassen - einfach ein Mail an mich schreiben!
Die Sache ist damit natürlich auch noch nicht abgeschlossen. Das war eigentlich erst der erste Schritt für eine umfassende und detaillierte "unscharfe" Beschreibung erdnaher Asteroiden. Neben den nahen Begegnungen gibt es noch weitere relevante Eigenschaften die in entsprechenden Fuzzy-Gruppen beschrieben werden müssen. Fast jeden Tag werden neue erdnahe Asteroide entdeckt deren Daten zur Verfeinerung der Mitgliedschaftsfunktionen verwendet sollten. Es gibt also noch genug Arbeit - und wenn mir das Bloggen genug Zeit lässt, dann werd ich mich darum auch kümmern ;)
Ähnliche Artikel: Erdnahe Asteroiden und das Chaos, Chaos im Sonnensystem, (Kein) Weltuntergang in 28 Jahren, Tunguska, Riesenkrater und die Asteroidenabwehr, Ein Traktorstrahl zur Asteroidenabwehr
Autor: Florian Freistetter· 19.08.08 · 20:41 Uhr· 8 Kommentare
18. August 2008
Überleben im Vakuum
Kategorie: Medizin·Naturwissenschaften · Kommentare: 3
Naja - "überleben" könnte ich im Vakuum wohl nicht - aber ich würde es immerhin eine Minute und 29 Sekunden lang aushalten!
Das ist zwar nicht wirklich lang - aber vielleicht habe ich ja Glück und die Zeit reicht aus um von der "Heart of Gold" mit ihrem unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive aufgesammelt zu werden ;)
Wer selbst wissen will, wie lang er oder sie im Vakuum überlebt, kann hier den Test machen.
Hier gibts übrigens ein paar schöne Erklärungen zu den physikalischen Effekten die auftreten, wenn man zufällig ohne Raumanzug aus einer Rakete fallen sollte. Auch Scientific American hat einen netten Artikel zum Thema (unter anderem wird dort erwähnt das die NASA in den sechzigern an Schimpansen getestet hat und fand, dass sie bis zu 3.5 Minuten im Vakuum überleben konnten. Auch mit Hunden wurde experimentiert - Tierfreunde sollten die entsprechenden Beschreibungen allerdings lieber nicht lesen). 1965 erlebte beispielsweise ein Raumanzugstester bei einem Unfall unerwarteterweise wie es sich in einem Vakuum anfühlt (er hat es überlebt und konnte nachher davon berichten). Das letzte was er vor der Bewußtlosigkeit registrierte war das Gefühl kochenden Wassers auf seiner Zunge... gruslig.
Gefunden bei Bad Astronomy!
Autor: Florian Freistetter· 18.08.08 · 23:38 Uhr· 3 Kommentare
Erdnahe Asteroiden und das Chaos
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 7
Gerade habe ich einen Artikel über meine Arbeit zu erdnahen Asteroiden zu Ende geschrieben und bei Celestial Mechanics und Dynamical Astronomy eingereicht. Jetzt habe ich endlich auch die Zeit, einen Blog-Eintrag zu diesem Thema zu verfassen.
Erdnahe Asteroiden
Wie der Name schon sagt befinden sich erdnahe Asteroiden in der Nähe der Erde. Diese NEAs ("Near-Earth-Asteroids") sind auch genau die Objekte die unter Umständen mit der Erde kollidieren könnten - es ist also durchaus angebracht, sich mit ihnen zu beschäftigen.
Normalerweise lässt sich mit modernen Computerprogrammen zur numerischen Lösung von Differentialgleichungen die Bewegung von Himmelskörpern für sehr lange Zeit im voraus berechnen. Bei erdnahen Asteroiden funktioniert das allerdings nicht so wirklich. Hier lässt sich eine realistische Vorhersage der Bewegung höchstens über einige hundert Jahre
bewerkstelligen. Das reicht natürlich, um herauszufinden ob von einem bestimmten Objekt Gefahr droht oder nicht - aber was macht man, wenn man die Bahnen dieser Asteroiden über längere Zeiten bestimmen will? Und woher kommen diese Probleme eigentlich.
Die meisten Asteroiden in unserem Sonnensystem befinden sich im "Hauptgürtel" zwischen den Bahnen der Planeten Mars und Jupiter. Dort sind sie relativ sicher vor gravitativen Störungen der Planeten und können mehr oder weniger ungestört ihre Bahnen um die Sonne ziehen. In bestimmen Situationen kann es allerdings doch vorkommen, dass ein Asteroid durch einen gravitativen "Schubs" von Jupiter aus ihrer Bahn geworfen werden und in die inneren Bereiche des Sonnensystems gelangen. Im Vergleich zum Hauptgürtel ist dort viel weniger Platz - die Asteroiden ziehen ihre Bahn in der Nähe der Orbits von Mars, Erde und Venus:
Bild: NEO Information Centre
Das Bild zeigt die Bahnen von Erde (dunkelblau) und Mars, Venus und Merkur (türkis). Die roten und gelben Bahnen sind die Orbits einiger (nicht alle) erdnaher Asteroiden. Man sieht also deutlich das die NEAs immer wieder in die Nähe der Planeten kommen. Durch die Nähe wird natürlich auch die Gravitationskraft stärker - und der Asteroid wird in eine komplett andere Bahn gekickt. Dieser Prozess der Bahnänderung ist chaotisch und verursacht die oben angesprochenen Probleme. Ein durchschnittlicher NEA erlebt jede Menge solcher abrupten Änderungen - im Laufe einiger zehn- bis hundertausend Jahren wird er wie eine Flipperkugel zwischen den inneren Planeten hin und her geworfen. Die große Zahl dieser nahen Begegnungen zwischen Asteroid und Planeten macht nun die Bahn höchst chaotisch!
Chaos!
Das lässt sich an folgendem Beispiel demonstrieren:

Ich habe hier die Änderung der großen Bahnhalbachse eines Asteroiden (die bestimmt die Größe der Bahnellipse und den Abstand des Asteroiden von der Sonne) im Laufe einer halben Million Jahre berechnet. Dazu habe ich das selbe numerische Simulationsprogram verwendet und exakt die gleichen Daten für die Bahn des Asteroiden. Die zwei komplett unterschiedlichen Kurven die man im Bild sehen kann sind allein deswegen entstanden weil ich 2 unterschiedliche Computer mit unterschiedlichen Prozessoren zur Berechnung verwendet habe. Die Prozessoren stellen nun intern die Zahlen auf unterschiedliche Weise dar. Und obwohl die Differenzen minimal sind, sehen die resultierenden Kurven komplett anders aus. Das ist eigentlich nichts anderes als der berühmte "Schmetterlingseffekt". Die weit verbreitete Interpretation, dass "der Flügelschlag eines Schmetterlings in Südamerika einen Sturm in Asien auslösen kann" ist nämlich nicht ganz korrekt bzw. ein bisschen irreführend. Eigentlich heisst es, dass die minimalen Änderungen, die durch den Flügelschlag eines Schmetterlings in der Atmosphäre ausgelöst werden ein chaotisches System komplett unvorhersehbar machen können. Das ist auch die Definition eines chaotischen Systems: kleine Unterschiede werden im Laufe der Zeit überproportional groß. Genau das kann man auch bei unserem Asteroid beobachten: die minmalen Unterschiede die aufgrund der verschiedenen Prozessoren am Anfang entstehen werden schnell größer - bis die beiden Kurven absolut nichts mehr miteinander zu tun haben.
Das führt natürlich zu konkreten Problemen bei der wissenschaftlichen Arbeit. Wenn ich beispielsweise die Langzeitdynamik eines bestimmten erdnahen Asteroiden untersuche, dann werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit Daten bekommen, die dem obigen Beispiel sehr ähnlich sind. Aus diesen Daten kann ich dann zwar verschiedensten Rückschlüsse ziehen - wenn aber ein anderer Wissenschaftler meine Rechnungen überprüfen will, dann wird er sicherlich nicht exakt die gleichen Methoden bzw. exakt den gleichen Computer verwenden wie ich. Unsere Kurven werden also unterschiedlich sein - und zwar nicht nur ein bisschen sondern so komplett unterschiedlich wie die beiden Kurven aus obigem Beispiel. Und natürlich sind dann auch die daraus gewonnen Ergebnisse unterschiedlich. Wer von uns beiden hat also jetzt recht? Wessen Daten sind richtig, wessen Daten sind falsch?
Genau das ist das Problem: im Prinzip haben wir beide recht. Das System ist eben chaotisch und quantitative Aussagen über einzelne Asteroiden sind nicht möglich! Wir können die Daten entweder qualitativ vergleichen - oder statistische Größen vergleichen. Das bedeutet, dass man keine einzelnen Objekte untersucht sondern Gruppen von mehreren Asteroiden. Diese Gruppen kann man dann statistisch untersuchen und in diesem Fall sollte das Chaos die Ergebnisse dann nicht mehr verfälschen und die Daten vergleichbar machen!
Chaos - schon wieder!
Sollte man meinen... Aber auch hier kann es Probleme geben. In einer meiner ersten wissenschaftlichen Arbeiten habe ich mich mit der Langzeitdynamik von erdnahen Asteroiden beshäftigt. Dazu wurden die Asteroiden in Gruppen eingeteilt (nach der "Shoemaker-Klassifikation" die NEAs in drei Gruppen - Atens, Apollos und Amors - einteilt). Dabei haben wir gemerkt, dass es öfter mal vorkommt, dass ein Asteroid im Laufe der Zeit seine Gruppe wechselt. War er zu Beginn der Rechnung noch z.B. ein Apollo konnte es passieren das er seine Bahn im Laufe der Zeit geändert hat und zu einem Aten wurde. Ich habe nun untersucht ob das nur Einzelfälle sind oder ob das ein generelles Phänomen ist. Es hat sich herausgestellt, dass ein durchschnittlicher NEA nur etwa 65 Prozent der Zeit in seiner anfänglichen Gruppe verbringt - Gruppenwechsel sind also durchaus relevant wenn man es mit langen Zeiträumen zu tun hat. Es gibt auch eine zweite Art der Klassifikation ("SPACEGUARD-Klassifikation") die deutlich komplexer ist als die Shoemaker-Klassifikation und auf dynamische Eigenschaften der Asteroiden basiert. Aber auch hier hat sich herausgestellt das ein durchschnittlicher Asteroid nur knapp 65% der Zeit in seiner Anfangsklasse befindet.
Wenn die Asteroiden während der Rechenzeit also unvorhersehbar ihre Gruppen wechseln, dann führt das natürlich zu Problemen bei der statistischen Untersuchung! Welchen Wert hat eine Gruppeneinteilung die nicht stabil ist und wo die Objekte ständig die Gruppen wechseln?
Wir standen nun also vor dem Problem das einerseits die Betrachtung einzelner Objekte aufgrund der chaotischen Dynamik nicht sinnvoll ist und das aber anderseits auch die gängigen Klassifikationssysteme für lange Zeiträume nicht stabil sind und eine vernünftige statistische Analyse erschweren bzw. unmöglich machen.
Dieses Problem habe ich dann auch zum Thema meiner Doktorarbeit gemacht. Ich habe sogar eine Lösung dafür gefunden ;) Aber dazu dann mehr im nächsten Teil dieses Eintrags!
Ähnliche Artikel: Chaos im Sonnensystem, (Kein) Weltuntergang in 28 Jahren, Tunguska, Riesenkrater und die Asteroidenabwehr, Ein Traktorstrahl zur Asteroidenabwehr
Autor: Florian Freistetter· 18.08.08 · 19:25 Uhr· 7 Kommentare
16. August 2008
Neues aus der Forschung: dunkle Materie entdeckt?
Kategorie: Naturwissenschaften·Neues aus der Forschung · Kommentare: 9
Am Mittwoch wurde in Nature ein Artikel mit dem Titel "Physicists await dark-matter confirmation" veröffentlicht. Anscheinend könnte der europäische Satellit PAMELA (Payload for Antimatter Matter Exploration and Light-nuclei Astrophysics) dunkle Materie detektiert haben!
Nach allem was wir wissen macht dunkle Materie einen großen Teil der Materie in unserem Universum aus. Leider - wie der Name schon sagt - kann man diese Materie nicht beobachten. Bis jetzt gab es nur indirekte Nachweise, z.B. anhand der gravitativen Wirkung der dunklen Materie. PAMELA soll nun angeblich einen Überschuß an hochenergetischen Positronen (Anti-Elektronen) gemessen haben die sich durch unsere Galaxie bewegen
"Das wäre genau das Signal, das man sich von dunkler Materie erwarten würde."
sagt Graciela Gelmini, ein theoretischer Physiker der Universität von Kalifornien.
Bis jetzt wissen wir immer noch nicht, was dunkle Materie eigentlich genau ist. Eine wahrscheinliche Möglichkeit folgt aus der sg. Supersymmetrie. Dieses Modell der Teilchenphysik sagt voraus, das es für jedes Teilchen einen schweren supersymmetrischen Partner gibt. Diese Teilchen konnten bis jetzt noch nicht entdeckt werden. Man hofft aber, am LHC in CERN erstmals supersymmetrische Teilchen nachweisen zu können.
Wenn diese supersymmetrischen Teilchen tatsächlich die dunkle Materie darstellen, dann kann es auch vorkommen, dass ab und zu zwei davon miteinander kollidieren. Und dabei würden schließlich energiereiche Positronen entstehen - genau das, was PAMELA beobachtet hat!
Die Meldung ist allerdings noch nicht bestätigt. Bei einer Konferenz wurden die Messdaten ganz kurz gezeigt - und seitdem brodelt die Gerüchteküche. Bis alle Daten ausgewertet und alle alternativen Möglichkeiten berücksichtigt sind, wird es wohl noch eine Zeit dauern.
Aber vielleicht haben wir bald wirklich einen echten Nachweis für dunkle Materie im Universum. Gleichzeitig wäre diese Entdeckung ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Supersymmetrie tatsächlich existiert! Die Forscher von PAMELA und die vom LHC werden in Zukunft wohl einiges zu besprechen haben.
Autor: Florian Freistetter· 16.08.08 · 09:10 Uhr· 9 Kommentare
15. August 2008
LHC: Das Sternentor zur Hölle!
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 25
Es ist ja bald Wochenende - ein guter Zeitpunkt um ein vollkommen absurdes Video zur LHC-Diskussion zu verlinken. Wer meint, die bisherige Diskussion wäre schon seltsam der soll sich mal ansehen, was dieser Herr hier zu sagen hat:
LHC ist nämlich gar kein Teilchenbeschleuniger! Damit soll ein Loch in den Van-Allen-Gürtel rund um die Erde geschoßen werden! Dann können nämlich die satanischen Nephilim auf dem Planeten Nibiru ins Sonnensystem fliegen und auf der Erde landen. Dort bereiten sie dann alles für die Ankunft von Satan persönlich vor. Und CERN und die EU sind von Illuminaten und Freimaurern infilitriert. Und die Mondlandung hat auch nie stattgefunden. Und so weiter.
So ziemlich jeder esoterische und verschwörungstheoretische Quatsch ist in diesem Video enthalten. Ich habe mich entschlossen, darüber zu lachen - denn das es tatsächlich Menschen gibt, die ernsthaft an sowas glauben möchte ich mir nicht vorstellen.
Autor: Florian Freistetter· 15.08.08 · 14:42 Uhr· 25 Kommentare
14. August 2008
Cassini, Enceladus und der Riesenring des Saturn
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 4

Die höchst erfolgreiche Raumsonde Cassini treibt sich immer noch im Saturnsystem herum. Im Moment ist sie gerade in der Nähe des Saturnmondes Enceladus. Und zwar wirklich in der Nähe! Vor kurzem hat sich Cassini dem Mond bis auf 50 Kilometer genähert und tolle Aufnahmen gemacht.
Aber warum sind die Wissenschaftler so an diesem Mond interessiert? Das hat mit einer früheren Entdeckung von Cassini und den Saturringen zu tun. Die Ringe des Saturn kennt vermutlich jedes Kind - und sie sind auch eine enorm beeindruckende Erscheinung. Das, was man von den meisten Bildern kennt ist allerdings nur ein kleiner Teil des gesamten Ringsystems von Saturn. Außerhalb dieser "prominenten" Ringe findet man noch weitere - die sind allerdings nicht so dicht und schlechter sichtbar. Der absolut größte Ring (der größte überhaupt in unserem Sonnensystem) ist der sogenannte E-Ring. Der ist immerhin knapp 300000 km breit und besteht aus mikroskopisch kleinen Staub und Eisteilchen.
Wissenschaftler haben schon länger nach der Quelle dieser Ringteilchen gesucht - denn durch irgendeinen Mechanismus müssen immer wieder neue Teilchen "nachproduziert" werden um die beobachtete Menge erklären zu können. Der Saturnmond Enceladus befindet sich nun fast mitten im E-Ring und in seiner Nähe kann man eine sehr hohe Konzentration an Ringteilchen messen. Es schien also naheliegend, dass der Mond in irgendeiner Verbindung mit dem E-Ring steht.
Cassini hat die Oberfläche von Enceladus schon bei einem früheren Besuch untersucht. An der Oberfläche des Mondes fand man große Spalten in der den Mond bedeckenden Eisschicht. Als man dann auch noch die Temperatur der Oberfläche gemessen hat, ergab sich folgendes Bild:

Genau in den Spalten war die Temperatur höher als in ihrer Umgebung! Das deutet auf ein sehr interessantes Phänomen hin: auf Enceladus scheint es Eisvulkane zu geben. Genauso wie auf der Erde flüssiges Gestein in Vulkanen an die Oberfläche tritt scheint bei Enceladus (der hauptsächlich aus Eis besteht) flüssiges Eis (also Wasser) an die Oberfläche zu treten. Durch diesen Kryovulkanismus werden jede Menge kleine Eisteilchen von der Oberfläche des Mondes in den Weltraum geschleudert. In späteren Analysen konnte dann gezeigt werden, dass diese Eisvulkane auf Enceladus tatsächlich die hauptsächliche Quelle der Teilchen des E-Rings darstellen.
Bei der aktuellen Annäherung an Enceladus geht es nun darum, diesen Prozess genauer untersuchen zu können. Die ersten Bilder wurden mittlerweile schon veröffentlicht und zeigen die Oberfläche von Enceladus in einer enormen Auflösung:

Die Auflösung bei dieser Aufnahme beträgt nur 18 Meter/Pixel! Mehr Aufnahmen kann man auf der Cassini-Homepage betrachten. Die Datenauswertung wird wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen - wir werden aber sicherlich neue Einblicke in die faszinierenden Vorgänge in Saturns Ringsystem gewinnen!
Nachtrag: Wer mehr über das Thema erfahren möchte: hier gibt es das Video eines Vortrags von mir in dem ich - hoffentlich allgemeinverständlich - über Cassini, Eisvulkane und die Saturnringe spreche.
Autor: Florian Freistetter· 14.08.08 · 20:49 Uhr· 4 Kommentare
13. August 2008
Homöopathie, Placebos und Quantenunsinn
Kategorie: Medizin·Naturwissenschaften · Kommentare: 35
In einem Homöopathie-Blog von Psychophysik ("dem Online-Magazin für Bewusstsein und bewusst sein") habe ich gestern einen selten absurden Artikel gelesen. Unter dem Titel "Placebokontrollierte homöopathische Arzneimittelprüfung - sinnvoll oder sogar eine Notwendigkeit?" begründet Jürgen Hofäcker, warum es keinen Sinn macht, placebokontrollierte Studien bei der homöopathischen Arzneimittelprüfung zu verwenden - und die Begründung dafür ist wirklich abenteuerlich.
Arzneimittelprüfungen

Es geht hier nicht darum, mit einer Vergleichsstudie zwischen Placebos und homöopathischen Mitteln herauszufinden ob Homöopathie wirkt oder nicht. Das wurde schon oft genug getan und man hat festgestellt, dass Homöopathische Mittel nicht besser wirken als ein Placebo. Es geht hier um eine sogenannte "Arzneimittelprüfung". Das ist ein Verfahren, mit dem die Homöopathen bestimmen ob und gegen was ein bestimmtes homöopathisches Mittel wirkt (ein bisschen darüber habe ich schon hier geschrieben).
Normalerweise würde man ja erwarten, dass hier getestet wird, ob man mit bestimmten Mitteln kranke Menschen gesund machen kann und falls ja, ob dieses Mittel besser wirkt als ein Placebo. In der echten Medizin nennt sich sowas doppel-blinde randomisierte Studie bzw. randomisierte, kontrollierte Studie und funktioniert hervorragend. Homöopathen gehen anders vor. Will man herausfinden ob es wirkt (und wie es wirkt) wird das Mittel gesunden Menschen verabreicht. Diese Leute führen dann über Tage/Wochen/Monate hinweg ein "Tagebuch" in dem sie alles aufschreiben was in ihrem Kopf oder Körper so vorgeht. Anhand des fundamentalen Grundsatzes der Homöopathie das Gleiches durch Gleiches geheilt wird, bestimmt der Homöopath das zukünftige Einsatzgebiet des Mittels: berichtet eine Testperson von Kopfschmerzen, dann kann das Mittel gegen Kopfschmerzen angewendet werden; ist eine Testperson nervös, dann verwendet man die Substanz gegen Nervosität - usw. In die Logbücher kommen hierbei nicht nur konkrete physische Reaktionen sondern auch diverseste Gedanken und psychische Reaktionen - bis hin zum Inhalt der Träume der Testpersonen.
Es ist also absolut nicht verwunderlich, wenn in der Homöopathie so gut wie jede nur vorstellbare Substanz gegen irgendetwas wirkt. Man muss sich nur überlegen, was in einem normalen Körper Tag für Tag vorgeht. Mal juckt es hier oder da, dann grummelt es vielleicht ein bisschen im Bauch, man muss niesen oder husten, usw. Das gleiche gilt für die verschiedensten psychischen Zustände die wir im Laufe eines Tages erleben: Anspannung, Nervosität, Langeweile, Freude, etc. Normalerweise registrieren wir das alles gar nicht so weil wir uns an die meisten Vorgänge in Körper und Geist schon gewöhnt haben. Hinzu kommen dann noch vielleicht ein paar "echte" körperliche Gebrechen; ausgelöst durch eine Unzahl an möglichen Gründen: Sodbrennen, Muskelkater, Kopfschmerzen, etc. Wer also seinen Körper und seinen Geist über Tage und Wochen hinweg aufmerksam beobachtet und alles aufschreibt, was so passiert wird zwangsläufig eine Menge Material bekommen - egal ob man vorher ein homöopathisches Mittel genommen hat oder nicht.
Wozu braucht man placebokontrollierte Studien?
Deswegen wäre es eigentlich wichtig, so eine Arzneimittelprüfung verblindet und placebokontrolliert durchzuführen. Das bedeutet folgendes: Nicht alle Testpersonen bekommen das zu untersuchende homöopathische Präparat - einige von ihnen kriegen nur ein Placebo (wir gehen mal einen Moment davon aus, das Homöopathie kein Placebo ist), Die Testpersonen dürfen aber nicht wissen, welches Mittel sie bekommen haben ("verblindet"). Das ist wichtig um diverse psychologische Effekte ausschließen zu können. Wenn ich weiß, das mein Mittel "echt" ist und das ich also eigentlich irgendwelche Dinge spüren sollte, dann neigt man dazu, sich Sachen vorzustellen wenn sie nicht von selbst auftreten.
Wenn das homöopathische Mittel einen tatsächlichen Einfluss hat, dann dürften natürlich auch nur diejenigen Testpersonen entsprechende Effekte bemerken, die kein Placebo bekommen haben. Mit dieser Methode (die nicht umsonst absoluter Standard in der echten Medizin ist) könnte man also sehr schnell feststellen, ob ein homöopathisches Präparat tatsächlich irgendwas bewirkt oder nicht. Warum machen die Homöopathen das dann also nicht?
Nun ja: dann würden sie merken, dass homöopathische Mittel eben absolut keine Wirkung haben. Aber so wird das ein Homöopath natürlich nicht formulieren. Welche Selbsttäuschung hat man sich also zur Rechtfertigung ausgedacht?
Es geht doch auch ohne, oder?
Zuerst wird im Artikel von Hofäcker mal behauptet, dass die aktuelle Methode sowieso ausreichend gut sei - auch weil sie der Methodik der echten Wissenschaft nachgebildet wird. Aus den Aufzeichnungen der Arzneimitteltester erstellt der Prüfungsleiter ein sg. Primärprotokoll. Danach werden die Patienten entsprechend behandelt und man schaut nach, ob das Primärprotokoll Sinn macht oder nicht und korrigiert das entsprechend. Mit diesem sekundären Protokoll behandelt man dann aufs neue - usw. Hofäcker ist überzeugt
"[...] dass wir davon ausgehen dürfen, dass die Homöopathen sich nach über zweihundert Jahren der praktischen Verifizierung, insbesondere im Bereich der häufig verwendenden Arzneimittel, aus einem von Fehler bereinigten und durch die praktische Erfahrung ergänztes soliden Arzneimittelfundus bedienen."
Hmm - "Ich gehe davon aus" ist leider nicht wirklich ein gültiges wissenschaftliches Argument. Wenn man keine vernünftige Studie macht, dann kann man eben <i>nicht</i> einfach davon ausgehen. Es ist ja auch nicht so, dass ein bestimmtes homöopathisches Präparat nur bei einem oder zumindest sehr wenigen Symptomen eingesetzt wird. Wenn das dann wieder und wieder nicht funktioniert wäre die Sache klar. Aber wenn man sich die offiziellen Beschreibungen homöopathischer Mittel ("Materia Medica") ansieht, dann schaut das ganz anders aus. Als Beispiel hab ich ihr den entsprechenden Eintrag für Aluminium verlinkt: zunehmende Verwirrung der Gedanken, Kopfschmerzen im Hinterkopf, Haarausfall, trockene Augen, Ohrgeräusche, Spannung der Gesichtshaut, trockene Lippen, Heiserkeit, Husten, häufiger Harndrang, nächtliche Erektionen, Rückenschmerzen, Schläfrigkeit, Träume von Geister: das und noch viel, viel mehr hat man im entsprechenden Protokoll aufgezeichnet. Bei diesem Wirrwarr an Symptomen ist eine Arzneimittelprüfung ohne Placebokontrolle ein reines Glücksspiel!
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wirken homöopathische Mittel nicht anders als ein Placebo. Durch die Potenzierung (also das wiederholte Verdünnen des Ausgangsstoffes mit Wasser) ist ja auch kein einziges Molekül des ursprünglichen Mittels mehr im Lösungsmittel vorhanden und man nimmt nur Wasser/Alkohol bzw. Milchzucker ein. Und wie ich oben schon ausgeführt habe, ist es absolut nicht verwunderlich, wenn man bei einer Arzneimittelprüfung die gleiche Vielfalt an "Symptomen" erhält wenn man an die Testpersonen nur ein Placebo verteilt. Auch die "Feedback-Schleife" die angeblich die Qualität der Arzneimittelprüfung sicherstellen soll, funktioniert so nicht wirklich. Wenn die Patienten (und Prüfer) nicht verblindet sind, dann kann man absolut nicht garantieren, dass man vernünftige Ergebnisse kriegt. Der Homöopath weiß, gegen was das Mittel angeblich wirken soll; der Patient weiß was er bekommt und welche Effekte auftreten sollten. Beide glauben wahrscheinlich auch noch fest an die Wirksamkeit der Homöopathie und dann ist es nicht verwunderlich wenn sich die gewünschten Ergebnisse auch einstellen.
Dieses System ist also höchst mangelhaft (da hilft auch die bunte Grafik im Artikel von Herrn Hofäcker nichts die es mit der wissenschaftlichen Methodik vergleicht).
Im Artikel folgt als nächstes ein historischer Überblick über Hahnemann und Placebos. 1835 fand anscheinend schon mal eine placebokontrollierte Arzneimittelprüfung statt:
"Dies wird von dem Medizinhistoriker Prof. Robert Jütte als die erste Doppelblindstudie der Medizingeschichte betrachtet. Das Ergebnis war für die Homöopathie negativ, das bedeutet, es konnte keine spezifische Wirkung in dem Versuch extrahiert werden. Jedoch standen ein großer Teil der Teilnehmer der Homöopathie negativ gegenüber, so dass von dieser Seite von einem Bias auszugehen ist."
Hier zeigen sich ein paar Wissenslücken des Autors zum Thema "Doppelblindstudien". Wenn bei dieser Untersuchung wirklich die Teilnehmer und die Prüfer verblindet waren und auch sonst alle Kritieren einer verläßlichen Studie eingehalten wurden, dann sollte die Einstellung der Teilnehmer keine Rolle spielen. Dieses Ergebnis spiegelt jedenfalls genau das wieder, was zu erwarten war: bei einer placebokontrollierten Arzneimittelprüfung zeigt sich die Wirkungslosigkeit der Homöopathie.
Die geheimnisvollen Quanten
Aber dann wirds richtig mysteriös:
"Im Jahre 1997 teilte mir ein Kollege mit, dass er im Rahmen einer Homöopathieausbildung eine placebokontrollierte HAMP mit einer wohl bekannten homöopathischen Arznei durchgeführt hatte. Dabei tauchten Verumsymptome in der Placebogruppe auf."
Also die Testpersonen, die nur das Placebo bekommen hatten, zeigten die Symptome, die eigentlich zu erwarten gewesen wären, hätten sie das homöopathische Mittel bekommen! Wie lässt sich das erklären? Eigentlich recht einfach: wenn die Studie nicht korrekt verblindet war und es sich um eine "bekannte homöopathische Arznei" handelte, dann wussten wohl alle bzw. viele Teilnehmer, welche Symptome zu erwarten waren. Es ist also auch nicht verwunderlich, wenn die Testpersonen dann auch diese Symptome aufzeichnen - egal ob sie ein Placebo bekommen haben oder nicht.
Die Erklärung der Homöopathen für diesen Effekt ist allerdings aufregend:
Im Jahre 2005 machte Walach bei der Erläuterung seines theoretischen Modells für die Wirkungsweise der Homöopathie den Hinweis, dass es laut der generalisierten Quantentheorie bei einer placebokontrollierten Studie (...) zu einer sogenannten Verschränkung zwischen Verum und Placebogruppe kommen kann
Generalisierte Quantentheorie! Verschränkung! Wer mit solchen wissenschaftlich klingenden Worten um sich wirft, der muss wohl recht haben, oder?
Das Wort "Quanten" wird von Nichtwissenschaftlern immer dann gerne verwendet, wenn man eigentlich keine Ahnung hat, was vor sich geht aber gerne seriös und wissenschaftlich klingen will. Ausserdem ist die Quantentheorie für Laien kaum verständlich und selbst Fachleute haben Probleme die verschiedenen Quanteneffekte zu verstehen. Sie eignet sich also wunderbar, um alles mögliche hineinzuinterpretieren. Das geht natürlich auch für die Homöopathie. Die leidet unter anderem unter der Tatsache, das wegen der hohen Verdünnungen kein einziges Molekül des eigentlichen Wirkstoffes mehr im Präparat vorhanden ist. Wie erklärt man also nun die angebliche Wirkung? In der Quantenmechanik gibt es ein Phänomen das sich "Verschränkung" nennt. Unter bestimmten Umständen können hier Elementarteilchen so miteinander "verkuppelt" sein, dass sie nie als getrenntes System betrachtet werden können - auch wenn die beiden Teilchen tausende Kilometer voneinander entfernt sind, beeinflussen sie sich gegenseitig immer noch.
Genau das, behauptet Harald Walach, findet auch bei der Homöopathie statt. Die heilende Information des Wirkstoffes wird irgendwie mit dem Lösungsmittel verschränkt und deswegen können homöopathische Mittel auch wirken, wenn sich gar kein Wirkstoff mehr drin befindet. (Wer es genauer wissen möchte, kann z.B. in der Ausgabe 3/2006 des Skeptikers eine ausführliche Beschreibung dieser "Theorie" lesen oder hier die Arbeit von Walach direkt runterladen).
Alles bleibt wie es ist
Wie auch immer: die Homöopathen freuen sich jedenfalls, weil sie glauben ihre Therapie wäre nun auf eine solide wissenschaftliche Basis gestellt worden. Und als zusätzlicher Bonus enthebt sie die "generalisierte Quantentheorie" auch noch der Verantwortung, ihre Methoden vernünftig zu kontrollieren. Auch Hofäcker schreibt:
"Somit scheint es diskrete Hinweise dafür zu geben, dass eine placebokontrollierte HAMP nicht zu dem gewünschten Erfolg führen kann, Placebosymptome von spezifischen Arzneiwirkungen zu isolieren. Analog der generalisierten Quantentheorie kann es zum Auftauchen von Verumsymptomen in der Placebogruppe kommen"
Tja, placebokontrollierte Studien funktionieren eben bei der Homöopathie einfach nicht - Pech gehabt! Wahrscheinlich würden die Homöopathen ja liebend gern randomisierte und kontrollierte Studien durchführen - aber wenn die Quantentheorie sagt, dass das nichts bringt, dann lassen wirs lieber.
Und auch Hofäcker kommt in seinem Artikel natürlich zu folgendem Schluß:
"Auf alle Fälle gibt es nach dem aktuellen Erkenntnisstand keine konkreten Hinweise für die Annahme, nicht placebokontrollierte [homöopathische Arzneimittelprüfungen] als nicht valide für die homöopathische Praxis zu betrachten."
Wirklich praktisch... Man darf nun ganz offiziell (die aktuelle Wissenschaft sagts ja!) genauso weitermachen wie bisher und braucht sich nicht um die Qualität der Methoden kümmern!
Die Fähigkeit zur Selbsttäuschung bei vielen Homöopathen (und Menschen die Homöopathie anwenden) überrascht mich immer wieder! Eine placebokontrollierte Arzneimittelprüfung durchzuführen wäre nicht weiter schwierig. Und die Homöopathen könnten sich dann auch sicher sein, ihr bestes getan zu haben, um möglichst wirksame Medikamente zu entwickeln (auch auf die Gefahr hin, dass sich herausstellt, das Homöopathie wirkungslos ist).
Aber nein, bevor man die eigenen Methoden kritisch hinterfragt glaubt man lieber an absurde "Theorien" mit ganz viel Quanten drin und macht beruhigt so weiter wie schon vor 200 Jahren.
Traut euch doch mal was, Homöopathen! Placebokontrollierten Arzneimittelprüfungen wären nicht nur im Sinne eurer Patienten. Ihr könntet damit auch endlich den ganzen Kritikern beweisen, das sie falsch liegen und ihr Recht habt!
Ähnliche Artikel: Homöopathie am LKH Klagenfurt, Homöopathie auf dem Prüfstand, Homöopathie-Propaganda in der Qualitätszeitung, Medikamente aus Hundekot, Erste deutsche Homöopathie-Professur ins Leben gerufen
Autor: Florian Freistetter· 13.08.08 · 23:06 Uhr· 35 Kommentare
12. August 2008
Die große Planetendebatte
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 1
Was ist ein Planet? Und warum ist Pluto seit 2006 keiner mehr? Über dieses Thema und die Schwierigkeiten, eine entsprechende Definition zu finden habe ich schon im Juni einen Beitrag geschrieben. Die Wissenschaftler sind sich allerdings immer noch nicht einig, wie man nun genau definiert, was ein Planet ist und was nicht. Die Diskussion um eine neue Definition wird sicher auch eines der umstrittensten Themen bei der Generalversammlung der Internationalen Astronomischen Union nächstes Jahr in Brasilien sein. Schon diese Woche wird allerdings bei einer speziellen Konferenz in Amerika über die Planetendefinition geredet.
"The Great Planet Debate: Science as Process" heisst die Konferenz, die von 14. bis 16. August an der Johns Hopkins Universität stattfinden wird. Ziel dieses Treffens ist es, "eine grundlegende aber umstritten Frage zu klären: Was ist ein Planet?".
Das Program klingt sehr interessant: die dynamische Definition eines Planeten (das ist die aktuell gültige) wird in einem Vortrag von Hal Levison vorgestellt; Mark Sykes wird über eine physikalische Definition sprechen. Sehr interessant finde ich auch, dass bei dieser Konferenz nicht nur über wissenschaftliche Forschung diskutiert wird, sondern auch darüber, wie sich Wissen am besten vermitteln lässt. So hält Larry Lebofsky beispielsweise einen Vortrag über "Die Herausforderung und die Möglichkeiten für Lehrer". Es stehen Vorträge über Exoplaneten auf dem Program; auch über Planetenentstehung und Planetenmigration wird gesprochen werden. Am Ende des ersten Tages gibt es dann noch eine Podiumsdiskussion zum Thema: "Wie können Entstehung und physikalische Eigenschaften Auskunft über eine Planetendefinition geben?".Direkt im Anschluß gibt es eine öffentliche Diskussion zwischen Mark Sykes (einem der Organisatoren der Konferenz) und Neil deGrasse Tyson (ein in Amerika sehr bekannter Astrophysiker und Fernsehmoderator). Diese Diskussion - die hier in Deutschland um 22:30 beginnt - kann man sich live übers Internet ansehen (man muß sich vorher aber hier anmelden). Tyson selbst schlägt übrigens ein ziemlich innovatives und extremes Konzept vor: anstatt einer Definition des Wortes "Planet" möchte er ein Klassifizierungssystem analog zur Biologie einführen in dem Himmelskörper anhand ihrer Eigenschaften (z.B. Masse, Rotation, Ringe, Monde) klassifiziert und bezeichnet werden.
Auch das Program des zweiten Tages sieht interessant aus. Nach einem historischen Überblick über Planetendefinitionen hält Dave Morrison einen Vortrag darüber, warum eine Definition des Begriffs "Planet" eigentlich unnötig ist. Am Nachmittag hingegen spricht Laurel Kornfeld zum Thema "Eine Planetendefinition ist wichtig" - das klingt nach heftigen Diskussionen ;). Die Lehre und der Unterricht in Schulen stehen auch am zweiten Tag auf dem Program; auch eine Podiumsdiskussion am Nachmittag beschäftigt sich damit.
Am Samstag wird dann schließlich auch noch über die Weltraummissionen zu den "Fast-Planeten" Pluto, Ceres und Vesta (New Horizons und Dawn) gesprochen.
Alles in allem klingt das nach einer äußerst interessanten Konferenz! Schade nur, dass sie in den USA stattfindet - ansonsten hätte ich sicher ernsthaft überlegt, teilzunehmen. Aber ich werde trotzdem probieren, soviel wie möglich über die Vorträge und Diskussionen herauszufinden und nach Möglichkeit auch über die öffentliche Diskussion zwischen Syke und Tyson berichten.
Autor: Florian Freistetter· 12.08.08 · 20:04 Uhr· 1 Kommentar
10. August 2008
Das Blog-Teleskop #6
Kategorie: Blog-Teleskop·Naturwissenschaften · Kommentare: 2

Da es mit den geplanten Aufstellungsort des Blog-Teleskops heute nicht geklappt hat, gibt es die sechste Ausgabe wieder bei mir.
(Nachtrag: Falsch eingestellte Spam-Filter können die Kommunikation per Email ziemlich erschweren. Wegen einer solchen kurzzeitig verschollenen Email gibt es diesmal noch eine zweite Ausgabe des Blog-Teleskops #6 von Eugen Reichl bei Astra's Spacelog)Was hat sich also getan in den letzten 2 Wochen?
Bei Ludmila von Hinterm Mond gleich links gabs musikalisches: ein Lied über die Evolution und eine sehr schönes über die Sonne. Sie macht sich allerdings auch Gedanken über die leider abgesagte deutsche Mondmission und erklärt, wie Planeten entstehen.
"Diese kraftlose Verhalten lässt alle Alarmglocken läuten für den in den nächsten Monaten bevorstehenden Einsatz um einen noch wesentlich wichtigeren Eckpfeiler nationaler und europäischer Raumfahrtpolitik: Die seit langem überfällige Entscheidung für ein eigenständiges europäisches bemanntes Raumtransportsystem.In Einsteins Kosmos von Andreas Müller gibt es eine wunderbare Geschichte über das schwarze Loch im Zentrum in der Milchstrasse.
Für die Himmelslichter von Jan Hattenbach waren die letzten beiden Wochen natürlich sehr interessant. In zwei Beiträgen berichtet Jan über Sonnenfinsternisse, Mondfinsternisse und Sternschnuppen.
Die Sonnenfinsternis war auch das Thema von Susanne Hoffman bei Uhura Uraniae: sie berichtet über eine Expedition nach Sibirien wo man sogar eine totale Finsternis beobachten konnte.
Astronomie im Fernsehen ist ja relativ selten. Glücklicherweise gibt es "Supernova" - eine Sendung im österreichischen Kanal Okto die von Astronomen und Astronomiestudenten produziert wird. Diese Sendungen sind nun auch online verfügbar - einfach mal reinschauen!
Bei Asterythms habe ich noch ein nettes Bild einer Balkonsternwarte gefunden ;)
Über "Aliens" berichtet Lars Fischer im Fischblog. Hier geht es allerdings um Parasiten und nicht um Außerirdische ;) Interessant ist es trotzdem!
Ebenfalls nicht astronomisch und trotzdem interessant ist ein Bericht im physikBlog über Kalte Fusion.
Und im GWUP-Blog werden Astrologen, Hellseher und andere Vertreter esoterischer Disziplinen dazu aufgerufen, sich für die "PSI-Tests" anzumelden. Sollte jemand seine paranormalen Fähigkeiten unter Laborbedingungen tatsächlich nachweisen können, winken nicht nur Ruhm und Ehre sondern auch ein großer Haufen Geld (10000 Euro von der GWUP und die Chance auf eine Million von der JREF).
So, das war mein (subjektiver) Überblick über die letzten 2 Wochen. In 14 Tagen gehts weiter - dann wieder an einer anderen Stelle in der Blogosphäre!
Autor: Florian Freistetter· 10.08.08 · 19:47 Uhr· 2 Kommentare
09. August 2008
Karriere nach dem Betrug
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften·Politik · Kommentare: 8
Es gibt leider immer wieder Wissenschaftler die von anderen abschreiben, ihre Forschungsergebnisse fälschen oder sich sonst auf eine Art und Weise verhalten die absolut unwissenschaftlich ist. Glücklicherweise kommt man vielen dieser Leuten auf die Schliche und sie müssen mit entsprechenden Sanktionen rechnen. Und danach ist ihre wissenschaftliche Karriere zu Ende - oder doch nicht?
Eine aktuelle Studie die am Freitag in Science veröffentlicht wurde beschäftigt sich mit genau diesem Thema. Barbara Redman und Jon Herz haben in ihrem Artikel "Scientific Misconduct: Do the Punishments Fit the Crime?" die Karriere von Forschern untersucht, die vom U.S. Office of Research Integrity (ORI) wegen Fehlverhaltens schuldig gesprochen wurden.
Im Zeitraum zwischen 1994 und 2001 wurden 106 Wissenschaftler vom ORI eines Fehlverhaltens für schuldig befunden. 63 davon waren noch Studenten (und wurden von den Autoren der Studie nicht weiter untersucht). Bei den verbleibenden 43 Wissenschaftlern gab es 36 Fälle in denen Ergebnisse gefälscht oder erfunden wurden, 10 Fälle von Plagiarismus und 12 Fälle von falschen Angaben. Als Bestrafung wurden die Forscher von allen Gremien und Beratungsausschüssen ausgeschlossen; 30 erhielten für einige Jahre keine Fördergelder mehr, 20 wurden unter "Aufsicht" gestellt und 14 Wissenschaftler mussten ihre Arbeiten zurückziehen oder korrigieren.
Die 43 verurteilten Wissenschaftler veröffentlichten in der Zeit nach ihrer Verurteilung deutlich weniger wissenschaftliche Arbeiten als vorher. Nur 37 der 43 publizierten weiterhin. Hatten sie vorher aber im Durchschnitt 2.1 Publikationen pro Jahr war es danach nur noch eine.
Natürlich stellte die Verurteilung durch das ORI für alle sieben einen deutlichen Einschnitt in ihr Leben dar. Es kam zu juristischen Streiterein, persönlichen Problemen, sogar zu Erkrankungen. Die meisten konnten aber im Laufe der Zeit wieder zu einem "normalen" wissenschaftlichen Leben zurückfinden. Sechs der sieben inteviewten Wissenschaftler publizierten auch nach ihrer Verurteilung (im Schnitt 1.3 Publikationen pro Jahr) - einer nahm einen Job in der Industrie an.
Natürlich ist diese Studie aufgrund der kleinen Zahlen nicht wirklich aussagekräftig. Es zeigt sich aber doch, dass die Sanktionen für wissenschaftlichen Betrug doch nicht so gravierend sind, wie man vielleicht annehmen würde. Auch innerhalb der wissenschaftlichen Welt dürften die Betrugsfälle nicht allzu ernst genommen werden - denn immerhin arbeiteten viele der verurteilten Forscher auch danach noch an Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Die Studie spiegelte auch nur die Situation in den USA wieder. Ich werde mal ein bisschen recherchieren, wie die Lage in Deutschland aussieht - aber hier liegt die Bestrafung von wissenschaftlichen Fehlverhalten ja in den Händen der Universitäten; eine übergeordnete Organisation wie das Office of Research Integrity gibt es nicht. Es wird also wohl schwer, ausreichend Informationen zu bekommen.
Autor: Florian Freistetter· 09.08.08 · 16:32 Uhr· 8 Kommentare
Neues aus der Forschung: Unser seltenes Sonnensystem
Kategorie: Naturwissenschaften·Neues aus der Forschung · Kommentare: 4
Bis 1995 dachte man, man hätte eine einigermassen gute Vorstellung davon, wie Planeten entstehen. Die Grundlagen der Planetenentstehung die damals bekannt waren, gelten heute natürlich auch noch (Ludmila hat eine schöne Zusammenfassung dazu geschrieben). Und da zu diesem Zeitpunkt noch keine anderen Planetensysteme entdeckt worden waren, dachte man unser Sonnensystem wäre ein typisches Beispiel: nahe am Stern sind kleine, felsige Planeten (Merkur, Venus, Erde, Mars) - weiter draussen befinden sich große, gasförmige Himmelskörper (Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun).

1995 wurde dann der erste extrasolare Planet entdeckt der einen sonnenähnlichen Stern umkreist. Der Planet war etwa doppelt so schwer wie Saturn und bewegte sich in einem Abstand von 0.05 Astronomischen Einheiten um seinen Stern (51 Pegasi, siehe Zeichnung rechts). Damit ist er dem Stern fast so nahe wie der Merkur unsere Sonne! Im Laufe der Zeit wurden noch viele andere solcher Planeten entdeckt: Gasriesen die sich extrem nahe am Stern befinden. Diese sogenannten "Hot Jupiters" stellten (stellen teilweise immer noch) die Astronomen vor ein Rätsel. Man konnte sich lange nicht erklären, wie so große Planeten so nahe an einem Stern entstehen konnten. Selbst heute ist noch nicht vollkommen klar ob diese Himmelskörper wirklich dort entstanden sind wo sie sich jetzt befinden oder ob sie weiter entfernt gebildet wurden und dann nach innen gewandert sind (Zweiteres - die sogenannte "Migration" ist aber wahrscheinlicher). Noch verwunderlicher war, dass es sehr dieser Planetensysteme gab die alle offensichtlich komplett anders sind als unser Sonnensystem.
Ist unser Sonnensystem doch kein typisches Beispiel? Ist es ein seltener Spezialfall? Anhand der bisher vorhandenen Beobachtungsdaten lässt sich das nicht eindeutig sagen. Mit den aktuellen Beobachtungsmethoden lassen sich noch (fast) keine kleinen, erdähnlichen Planeten entdecken. Auch große, gasförmige Planeten in großer Entfernung vom Stern kann man nur schwer finden. Man kann aber theoretische Simulation zur Planetenstehung durchführen.
Genau das haben Edward Thommes, Soko Matsumura und Frederic Rasio (von der University of Guelph und der Northwestern University Evanston) gemacht. Ihre Ergebnisse wurden am Freitag in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht. In der Arbeit mit dem Titel "Gas Disks to Gas Giants: Simulating the Birth of Planetary Systems" haben sie systematisch die Entstehung von Planetensystemen untersucht.
Dabei wurde die Entstehung von Planeten aus der ursprüngliche Staubscheibe die den Stern umgibt simuliert. Die Wissenschaftler waren vor allem daran interessiert, wie die Eigenschaften der schließlich entstehenden Planeten von den Eigenschaften der ursprünglichen Staubscheibe abhängen. Durch eine neue numerische Technik konnten sie eine Simulationsdauer von 10 Millionen Jahren erreichen.
100 verschiedene Ausgangsscheiben wurden untersucht. Aus Scheiben mit großer Masse entstand dabei meistens zwei oder mehr große Gasplaneten die dann nahe an der Stern migrierten während aus Scheiben mit geringerer Masse mehrer kleine Planeten entstanden. Nur in einigen wenigen Fällen (6 von 100) in denen die Scheibe ein mittlere Masse hatten entstanden Gasriesen in der gleichen Entfernung wie Jupiter und Saturn (und nur in einem Fall hatten die entstandenen Planeten auch eine vergleichbare Masse).
Es scheint also so, als wären Planetensysteme die unserem Sonnensystem ähneln etwas sehr seltenes. Allerdings lassen sich aus solchen Simulationen nur schwer allgemeingültige Aussagen ableiten - der Prozess der Planetenentstehung und die Interaktion zwischen Scheibe und Planet verläuft oft chaotisch. Bis wir genau Angaben über die Häufigkeit von sonnensystem-ähnlichen Planetensystemen haben wird noch viel Arbeit nötig sein. Es scheint aber so zu sein, als wäre unsere Heimat etwas spezielles und besonderes im Universum.
Autor: Florian Freistetter· 09.08.08 · 15:55 Uhr· 4 Kommentare
08. August 2008
Wissenschaftsorden für Granderwasser bleibt!
Kategorie: Naturwissenschaften·Politik · Kommentare: 20

Johann Grander "belebt" Wasser. Sein Granderwasser ist in Österreich und international ein Verkaufsschlager. Daran ändert auch ein Gerichtsurteil nichts demzufolge Grander-Technologie als aus "dem Esoterik-Milieu stammender, parawissenschaftlicher Unfug" bezeichnet werden darf. Obwohl Granderwasser keine besondere Wirkung hat und sein Erfinder nicht wirklich viel mit Wissenschaft am Hut hat wurde Johann Grander 2001 das österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kultur verliehen.
Am 6. Juni diesen Jahres haben Vertreter von 4 Parteien eine parlamentarische Anfrage an den zuständigen Wissenschaftsminister - Johannes Hahn - gerichtet in der sie eine Aberkennung des Ehrenkreuzes fordern (die Details dazu findet man bei Kritisch Gedacht; auch hier steht etwas dazu).
Heute hat sich Minister Hahn zu dieser Anfrage geäußert: Er wird Johann Grander das Ehrenkreuz nicht aberkennen!
Wie begründet ein Wissenschaftsminister so eine Entscheidung? Gar nicht - er verweist darauf, dass es erst einen Fall von Aberkennung gegeben hat. 2003 wurde dem NS-Arzt Heinrich Gross sein Ehrenkreuz aberkannt. Und "aus Gründen der Verhältnismäßigkeit der beiden Fälle zueinander" ist die Aberkennung im Fall Granders "nicht zu vertreten".
Dieser Logik kann ich nicht folgen! Klar, Grander und Gross sind nicht vergleichbar - aber warum sollte man sie auch vergleichen? Ob Grander ein Ehrenkreuz für Wissenschaft verdient hat, hängt davon ob er wichtige wissenschaftliche Leistungen erbracht hat oder nicht. Und nicht davon, was andere ehemalige Preisträger gemacht haben.
Hahn meinte auch das die Gründe für eine Aberkennung "ernsthaft und schwerwiegend zu sein haben". Ich weiß es ja nicht - aber wenn sich eine vorgebliche "wissenschaftliche" Leistung als "parawissenschaftlicher Unfung" herausstellt dann sollten das wohl ernsthafte und schwerwiegende Gründe sein!
Aber irgendwie wundert mich das gar nicht. Die österreichische Wissenschaftspolitik ist seit Jahren in einem katastrophalen Zustand. Hahns Vorgängerin (Elisabeth Gehrer - über die könnte ich dutzende wütende Blogeinträge schreiben) fand schließlich auch nichts dabei in ihrer Funktion als Wissenschaftsministerin ein wohlwollendes Vorwort für ein Astrologiebuch zu schreiben. Da wundert es aus nicht, wenn der aktuelle Wissenschaftsminister kein Problem damit hat dass eine offizielle wissenschaftliche Ehrung der Republik Österreich an einen Verkäufer von Esoterikprodukten verliehen wird. Schlimm genug das diese Ehrung überhaupt stattgefunden hat! Noch schlimmer, dass die Chance, sie zurückzunehmen nun nicht genutzt wurde!
Ich bin sicher, Ulrich wird sich in seinem Blog in den nächsten Tagen noch detailliert zu dieser Angelegenheit äußern. Ich bin jedenfalls wieder mal ziemlich erschüttert über das provinzielle Wissenschaftsverständnis der Politiker in meinem Heimatland!
P.S: Ich sehe gerade das dies mein hunderster Eintrag bei den Scienceblogs ist! :)
Autor: Florian Freistetter· 08.08.08 · 19:55 Uhr· 20 Kommentare
07. August 2008
Der erste Österreicher bei der ESO
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 2
Am 1. Juli ist Österreich (endlich!) der Europäischen Südsternwarte (ESO) beigetreten. Über die erfolgreich abgeschlossenen Vertragsverhandlungen habe ich schon im April hier berichtet. Letzte Woche hat nun der erste österreichische Astronom Beobachtungen am ESO-Observatorium in Chile durchgeführt. Natürlich stimmt das nicht ganz - auch vorher schon haben viele Österreicher als Gastbeobachter die ESO-Teleskope benutzt. Jetzt durfte aber das erste mal ein Astronom aus Wien - Martin Netopil - ganz offiziell als Angehöriger einer Mitgliedsnation nach Chile fliegen und dort beobachten.

Bild: Martin Netopil
Ich habe Martin ein wenig bei seiner Arbeit gestört und ihm ein paar Fragen zu seinem Aufenthalt bei der ESO gestellt:
Hallo Martin! Auf deine Arbeit hat sich der ESO-Beitritt Österreichs ja ganz besonders ausgewirkt, oder?
Ich hatte das unerwartete Glück als erster Österreicher davon zu profitieren, und das gleich am Observatorium Paranal mit dem Very Large Telescope (Bild oben). Zwei Nächte durfte ich am Unit 2 (Kueyen) mit Swetlana Hubrig von der ESO ein Programm durchführen, welches mittels hochauflösender Spektroskopie chemische Auffälligkeiten in B-Sternen am blauen Horizontalast von Kugelsternhaufen untersucht.
Was hat sich nun seit dem ESO-Beitritt konkret geändert?
Ich hatte auch schon vor dem ESO-Beitritt des öfteren die Möglichkeit am älteren ESO Observatorium La Silla zu beobachten. Diese Reisen mussten aber selbst organisiert und vor allem auch finanziert werden.
Durch EU-Programme konnten die Kosten aber meistens gedeckt werden, oder es musste das Forschungsprojekt herhalten, durch das man selbst bezahlt wird. Diesmal fiel gottseidank der gesamte organisatorische Aufwand weg. Die Flüge etc. wurden alle von ESO gebucht und auch gezahlt.
Wie kommt man überhaupt dazu, an den ESO-Teleskopen beobachten zu dürfen?
Man muss natürlich im vorhinein das gewünschte Projekt in einer kurzen Abhandlung beschreiben und diesen Antrag bei der ESO einreichen. Ein Kommitee entscheidet dann, ob es auch durchgeführt wird. Bei diesen Beobachtungen ist mir dieser Teil aber erspart geblieben, da ich erst zu einem späteren Zeitpunkt dazugestossen bin. Also leider wieder eine Art "Trittbrettfahrer", aber damit kann ich leben.
Ist es heutzutage eigentlich wirklich noch nötig, immer selbst zu beobachten? Kann man die Teleskope nicht auch per Fernsteuerung bedienen?
Das man selbst die Beobachtungen durchführt, ist in der heutigen Zeit auch schon fast eine Rarität. An den Großteleskopen überwiegt oft der Anteil von Service-Beobachtungen, d.h. angestellte Wissenschaftler vor Ort übernehmen diese Arbeit und man erspart sich die Reise. Bei einigen wissenschaftlichen Vorhaben ist das aber nicht praktikabel, und man muss selbst diese Aufgabe übernehmen. In meinem Fall war es der einfache Grund, dass die berechneten Belichtungszeiten 2 Stunden betrugen, die nötigen Beobachtungsbedingungen aber nur für 1 Stunde garantiert werden. Da ist es ratsamer vor Ort zu sein, um Entscheidungen treffen zu können.
Und dann darf man einfach selbst mit den Großteleskopen der ESO arbeiten?
Da bei diesen Teleskopen viel Geld dahintersteckt, darf man natürlich nicht selbst Hand anlegen, dass übernehmen geschulte Techniker, sondern überwacht nur den wissenschaftlichen Ablauf und korrigiert das Programm entsprechend den Wetterbedingungen (siehe Bild unten).
Bild: Martin Netopil
Wie läuft so ein Beobachtungsaufenthalt bei der ESO eigentlich konkret ab?
Bei nur zwei Beobachtungsnächten überwiegt eindeutig die Reisezeit. Ankunftsort ist erstmal Santiago de Chile, wo man am Flughafen abgeholt wird. Dann geht es in das dortige ESO-eigene Guesthouse, wo man zumindest für eine Nacht zum akklimatisieren untergebracht wird. In der Früh geht es dann wieder per Flugzeug nach Antofagasta, wo der Shuttletransport zum Observatorium bereits wartet. Nach etwas über zwei Stunden Fahrt durch Wüstenlandschaft erreicht man das Observatorium, wo man zuerst mit einer ID-Card ausgestattet wird, die einem Zugang zu den Gebäuden ermöglicht. Dann checkt man in der Residenzia (Bild unten) ein, einem Hotelbetrieb für mehr als hundert Personen die am Observatorium tätig sind. Astronomen sind dabei weit in der Minderzahl. Dort verbringt man wiederum 1-2 Nächte, je nach verwendetem Instrument, um die Beobachtungen mit einem unterstützenden Astronomen zu besprechen und vorzubereiten. Da bleibt meist noch Zeit, die vorhandene Infrastruktur wie Restaurant, Swimmingpool, Sauna, Sporthalle etc. zu nutzen. Das ändert sich dann aber mit Beginn der Beobachtungen, vor allem im dortigen Winter da die Nächte extrem lang sind. Eine Arbeitsnacht kann schon 13 Stunden dauern. Doch langweilig wird einem nie, auch wenn man zwei Stunden auf das Erscheinen der Aufnahme warten muss. Es werden die Beobachtungsbedingungen überprüft, um nötigenfalls die Belichtungszeit noch nachträglich zu ändern, die weiteren Objekte demnach angepasst etc.
Bild: Martin Netopil
Hat bei deinen Beobachtungen alles geklappt?
Was einem zwar bewußt ist, aber man immer verdrängt, ist die Tatsache, dass die eigenen Beobachtungen auch unterbrochen werden können. Sogenannte "Trigger", meist Beobachtungen von Gamma Ray Bursts oder Supernovae können ohne Vorwarnung automatisch gestartet werden, auch während einer eigenen laufenden Aufnahme. Die dadurch verlorene Zeit wird aber ersetzt, allerdings im service mode. Eine solche Unterbrechung ist leider auch während der 2. Nacht passiert und das gleich zweimal, was sehr selten vorkommt.Danke Martin! Ich wünsche dir noch viel Erfolg mit deinen Beobachtungen und eine gute Heimreise!
Autor: Florian Freistetter· 07.08.08 · 12:28 Uhr· 2 Kommentare
06. August 2008
Kein Weltuntergang: LHC ist sicher!
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 698
ÜbermorgenBald Am 10. September wird der Large Hadron Collider (LHC) am europäischen Kernforschungszentrum (CERN) in Betrieb genommen. Es gab wohl selten eine Maschine die soviel Aufsehen erregt hat und über die soviel falsche Vorstellungen in Umlauf sind:
Es werden schwarze Löcher entstehen die die Welt verschlingen behaupten manche. Die Wissenschaftler wissen überhaupt nicht, was sie tun und spielen leichtfertig mit dem Leben der Menschheit meinen andere. (Und manche Leute behaupten sogar, dass alles sei eine riesige Verschwörung um satanische Ausserirdische auf die Erde zu locken).

Der Large Hadron Collider ist erstmal "nur" ein Teilchenbeschleuniger. Allerdings der größte und stärkste der bisher gebaut wurde. Damit sollen Protonen so schnell wie nie zuvor beschleunigt und zur Kollision gebracht werden. Aus diesen Versuchen erhoffen sich die Teilchenphysiker wichtige Erkenntnisse über die grundlegenden Bausteine unseres Universums. Man hofft auf die Entdeckung des sg. "Higgs-Bosons" - eines der letzten noch nicht gefundenen Elementarteilchens des Standardmodells (das Bild rechts zeigt eine simulierte Kollision bei der ein Higgs-Teilchen entsteht). Auch andere Theorien - wie z.B. die Supersymmetrie - hofft man am LHC experimentell bestätigen (oder widerlegen zu können). Eventuell kann man am LHC erstmals dunkle Materie nachweisen. Und vielleicht wird es sogar erstmals möglich sein, zu bestätigen dass unser Universum eigentlich mehr als nur 4 Dimensionen hat! Übrigens ist es kein Ziel der Forschung am LHC, schwarze Löcher zu erzeugen, wie an vielen Stellen behauptet wird.
Es gibt also genug Gründe sich über die baldige Aktivierung des LHC zu freuen. Viele Menschen haben allerdings Angst davor - was auf die teils absurde Panikmache vor einem eventuellen Weltuntergang zurückzuführen ist die seit Monaten im Internet und den Medien stattfindet. In Deutschland ist hier vor allem Professor Otto Rössler von der Universität Tübingen verantwortlich.
Rössler kritisiert die Inbetriebnahme des LHC schon seit langen und meint, eine neue Interpretation von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie gefunden zu haben. Laut dieser Theorie könnten schwarze Löcher die am LHC entstehen die Erde innerhalb der nächsten 50 Jahre komplett verschlingen. So eine sensationelle Behauptung macht natürlich schnell die Runde - und gerade Leute die wenig Ahnung von Wissenschaft haben fällt es hier schwer zu entscheiden, wer Recht hat. Und die (leider) vielen technik- und wissenschaftsfeindlichen Menschen in aller Welt springen auf solche Äußerungen natürlich schnell an und verbreiten sie weiter.
Hier bei ScienceBlogs wurde schon öfter über dieses Thema geschrieben (Hier, hier oder hier) Und jedem, der sich einigermassen vernünftig mit dieser Problematik auseinandersetzt sollte eigentlich mittlerweile klar sein, dass vom LHC keine Gefahr ausgeht.
Vergangene Woche hat sich aber auch noch das Komitee für ElementarTeilchenphysik (KET) (der Zusammenschluß und die offizielle Vertretung aller deutschen Teilchenphysiker) zu Wort gemeldet und ausführlich zu Rössler Theorien Stellung genommen.
Professor Rössler selbst ist übrigens kein Physiker - sondern Chemiker. Also wundert es auch nicht, wenn sich seine Interpretation der Relativitätstheorie als fehlerhaft herausstellt:
Nach Stellungnahmen von internationalen Experten auf dem Gebiet von Albert Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie, wie Prof. Dr. Hermann Nicolai, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam, beruhen Rösslers Behauptungen auf grundlegenden Missverständnissen seinerseits der Einsteinschen Theorie. Rössler benutzt zwar Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie, aber wendet sie so an, dass sie im Widerspruch zu experimentellen Ergebnissen stehen. Zum Teil sind seine Interpretationen schon 1915 experimentell widerlegt worden.
Ein detaillierte Stellungnahme von Professor Nicolai zu Rösslers Theorie findet sich hier.
Auch wenn der äußerst unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass im LHC Schwarze Löcher entstehen stellen diese keine Gefahr dar, versichert das KET:
Die Schwarzen Löcher am LHC, über die spekuliert wird, unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von den kosmischen Schwarzen Löchern. Letztere sind mindestens mehrere Sonnenmassen schwer, die Schwarzen Löcher am LHC hingegen wären leichter als ein Milliardstel eines Milliardstel Gramms. Aus den Grundlagen der heutigen Physik hat Stephen Hawking gefolgert, dass diese Mini-Schwarzen-Löcher innerhalb kürzester Zeit zerstrahlen sollten (Hawking-Strahlung). Rössler negiert dies und folgert aus seinem falschen Verständnis der Allgemeinen Relativitätstheorie, dass die Hawking-Strahlung nicht existiert. Damit widerspricht er sich allerdings selber, denn aus seinen Annahmen folgt auch, dass überhaupt keine Schwarzen Löcher produziert werden können.
Die Hawking-Strahlung wurde zwar noch nicht konkret nachgewiesen. Wir wissen aber trotzdem dass wir vor eventuellen Mini-Schwarzen-Löchern keine Angst zu haben brauchen:
Um ein mögliches Gefährdungspotenzial des LHC abzuschätzen, gehen unabhängige Untersuchungen aber noch weiter und vermeiden selbst gut fundierte theoretische Annahmen, für die es keinen experimentellen Nachweis gibt, wie z.B. die Hawking Strahlung. Stattdessen besagen sie, dass die Prozesse am LHC sich milliardenfach im Weltall abspielen. Wir wissen z.B., dass in jeder Sekunde ungefähr 100000 Protonen der LHC-Energie (und höher) als Teil der natürlichen kosmischen Strahlung auf die Erde einfallen und theoretisch Mini-Schwarze-Löcher produzieren könnten. Wären diese Mini-Schwarzen-Löcher gefährlich, würde die Erde eventuell gar nicht mehr existieren. Viel öfter trifft die kosmische Strahlung auf die Sonne und andere größere Himmelskörper. Aus den kosmischen Beobachtungen folgt, dass von den eventuell am LHC produzierten Schwarzen Löchern keine Gefahr ausgeht. Zu diesen allgemeinen Untersuchungen vermeidet Rössler eine Stellungnahme.
Die Stellungnahme des KET stellt also (genauso wie der Sicherheitsbericht der LHC Safety Assessment Group) eindeutig klar, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen. Am CERN wird nichts passieren - außer dem einen oder anderen wissenschaftlichen Durchbruch!
Ich selbst finde es immer wieder erstaunlich wie bestimmte Menschen auf wissenschaftliche Forschung und Fortschritt reagieren. Mit dem LHC ist die Menschheit in der Lage wirklich fundamentale Fragen nach der Struktur und dem Aufbau von Allem zu beantworten. Das ist eine gewaltige Chance, unser Wissen über das Universum in dem wir leben zu erweitern. Aber viele Menschen scheinen anstatt dieser enormen Möglichkeiten lieber irreale Gefahren zu sehen. Ich kann daher nur nochmal den Schlußsatz der KET-Stellungnahme widerholen:Die Behauptungen von Professor Rössler halten einer genauen Untersuchung nicht stand und beruhen auf falschen, widerlegten Annahmen. Falls die spekulativen Mini-Schwarzen-Löcher am LHC produziert werden, bedeuten sie auf keinen Fall eine Gefährdung unserer Existenz. Dieses Ergebnis wird nicht nur durch die äußerst gut getesteten physikalischen Theorien unterstützt, sondern durch simple kosmische Beobachtungen. Vielmehr können wir durch den LHC einen großen Schritt in der Erkenntnis erwarten, wie die Natur aufgebaut ist und wie sich das Universum entwickelt hat.
Ich wünsche dem LHC jedenfalls viel Erfolg und einen guten Start!
(Übrigens: wer immer noch Angst haben sollte: die ersten Teilchenkollisionen werden erst in ein paar Monaten stattfinden. Zunächst wird die Anlage nur ganz allgemein eingeschaltet. Nachtrag: Am 10. September soll das erste Mal ein Teilchenstrahl durchs LHC rasen; in den Wochen danach wird die erste Teilchenkollision stattfinden).
Ähnliche Artikel: Weltuntergang durch Schwarzes Loch?, Teilchenbeschleuniger Sicherheitsbericht, Weltuntergang in Genf abgesagt, Weltuntergang in der ersten Reihe, Das geheimnisvolle Higgs-Partikel, Warum die Welt doch nicht untergeht
Autor: Florian Freistetter· 06.08.08 · 13:15 Uhr· 698 Kommentare
Geheimnisvolle Veganer
Kategorie: Kultur·Umwelt · Kommentare: 158

Auch wenn das hier ein Astronomie-Blog ist: mit "Veganer" sind keine Außerirdischen von der Vega gemeint. Es geht um die nicht minder geheimnisvolle Gruppe von Menschen, die keine tierischen Lebensmittel zu sich nehmen. Über diese spezielle Art der Ernährung wurde und wird ja im Moment gerade diskutiert. Und da ich selbst einige Jahre lange komplett vegan gelebt habe, dachte ich, es wäre mal an der Zeit mit einigen Vorurteilen über die vegane Lebensweise aufzuräumen.
Warum machst du das eigentlich?
Als Veganer gehört man zu einer Randgruppe in der Gesellschaft und wird auch recht oft genauso behandelt. Im Gegensatz zu den doch mittlerweile schon eher akzeptierten Vegetariern erregt man als Veganer fast immer Aufmerksamkeit. Bei jedem Essen mit Leuten, die einen noch nicht kennen wird erwartet, dass man sich rechtfertigt oder zumindest seinen Lebensstil ausführlich begründet und erklärt: "Wieso bist du überhaupt Veganer?" gehört zu den häufigsten Fragen die man zu hören bekommt.
Gründe für eine vegane Lebensweise gibt es natürlich zuhauf. Ich kann hier nur grob die Gründe umreissen, die für mich persönlich gegolten haben. Ich habe begonnen vegan zu leben weil es 1) absolut möglich ist, sich vernünftig und ausgewogen ohne tierische Produkte zu ernähren und weil es 2) für alle Beteiligten (Mensch und Tier) die beste Lösung ist. Warum soll ich Tiere umbringen oder quälen um Nahrung zu erhalten wenn das gar nicht nötig ist? Mir ist natürlich klar, dass nicht jedes Ei und jeder Liter Milch mit Tierquälerei verbunden ist. Aber dort wo Massenproduktion angewandt wird und wo es eher um den Preis als um Qualität geht (und das ist bei sehr vielen Produkten der Fall) ziehen meistens die Tiere den kürzeren.
Gegen einen verantwortungsbewußten (und "bewußt" muss hier betont werden) Umgang mit tierischen Lebensmitteln hätte ich eigentlich nichts einzuwenden. Aber die gedankliche Verbindung zwischen dem abgepackten Schnitzel im Supermarkt, dem Aufschnitt beim Fleischer, den Eiern und der Milch in verschiedensten Produkten zu den echten, lebenden Tieren herzustellen fällt in der heutigen Welt immer schwerer. Und wenn dieses Bewußtsein fehlt, dann ist es auch nicht verwunderlich, dass Tierquälerei im Zuge der Nahrungsmittelproduktion immer noch an der Tagesordnung ist.
Aber ich will hier auch gar keine große Diskussion über Tierschutz und Ethik anzetteln - darüber wird und wurde schon genug gestritten. Diese Überlegungen waren jedenfalls der Grund für meine Wandlung zum Veganer. Hat man das dann zur Zufriedenheit des Fragestellers geklärt dann folgt meistens die "Lieblingsfrage" aller Veganer.
Was darfst du denn dann überhaupt noch essen?

"Wenn du keine tierischen Produkte ist, dann bleibt doch fast nichts mehr übrig? Was darfst du denn dann überhaupt noch essen?". Das hat wohl schon jeder Veganer gehört - diese Frage entwickelt sich im Laufe der Zeit zu den nervigsten Fragen die man beantworten soll. Erstmal "darf" ich alles essen was ich will! Als Veganer bin ich ja keiner Sekte beigetreten, die mich zu irgendwas zwingt. Ich "darf" nicht keine tierischen Produkte essen, ich will es nicht! Und trotzdem ich das nicht will gibt es noch Unmengen an Sachen die mir als Nahrungsmittel zur Verfügung stehen.
Die meisten Leute sind einfach nur an eine bestimmte Palette von Nahrungsmitteln gewöhnt und empfinden Abweichungen davon meist als Einschränkung. Wenn man die weltweit insgesamt zur Verfügung stehenden möglichen Nahrungsmittel mit dem vergleicht was der Durchschnittsdeutsche (österreicher/schweizer) zu sich nimmt, dann beschränkt man sich immer auf eine kleine Gruppe von Nahrungsmitteln. In Afrika isst man Insekten - die wenigsten Europäer würden sowas freiwillig anrühren ; in Japan z.B. isst man regelmässig die verschiedensten Fische und Meeresfrüchte: viel mehr Auswahl als in Europa zur Verfügung steht und gewünscht wird. In manchen Ländern isst man Hunde oder Vogelspinnen; Algen und Quallen sind anderswo normale Nahrungsmittel, Getreide- oder Gemüsesorten die hierzulande unbekannt sind sind in anderen Ländern fixer Bestandteil des Speiseplans. Es ist also ziemlich klar, das fast jeder Mensch sich bei der Auswahl seiner Nahrungsmittel bewußt oder unbewußt einschränkt. Als Veganer macht man das eben auch - und erweitert aber im Allgemeinen auch die Produktpalette des eigenen Speiseplans.
Aus dieser Überlegung folgt auch direkt, dass man als Veganer meist nicht umhin kommt, selbst zu kochen. Es ist kein Wunder wenn die meisten Veganer gerne und viel kochen: mit den Fertigprodukten die hier in Deutschland zu bekommen sind kann man als Veganer nicht wirklich - zumindestens nicht gesund - leben. Wer also eine Abneigung gegen das Kochen hat wird es auch schwierig haben, vegan zu leben. Wer allerdings gerne kocht, dem steht eine riesige Auswahl an möglichen Rezepten zur Verfügung.
Veganes Essen schmeckt doch langweilig!
Gleich nach "Da darfst du ja nichts mehr essen!" kommt meistens die Aussage "Also für mich wär das nix; veganes Essen schmeckt doch langweilig.". Anscheinend denken die meisten, Veganer wären nur "Beilagenesser" die sich ausschließlich von gekochtem Gemüse und Tofu ernähren. Auch das ist natürlich Unsinn! Wenn man sich ein bisschen mit der Materie auseinandersetzt sieht man schnell, dass es wirklich ausreichend Möglichkeit gibt, sich abwechslungsreich zu ernähren (veganwelt.de hat z.B. eine Rezeptdatenbank mit mehr als 2000 veganen Rezepten!). Wenn man ein indisches, asiatisches oder arabisches Kochbuch aufschlägt findet man ohne Probleme die verschiedensten veganen Rezepte. Und selbst wenn in manchen Rezepten Eier, Milch oder Butter verwendet werden: die lassen sich in so gut wie allen Fällen ohne Geschmacksverluste durch vegane Produkte verwenden.
Dann ist da noch die Sache mit dem Tofu und den Sojaprodukten. "Tofu schmeckt doch nach nix!" oder "Ich hab mal ein Sojagulasch in der Mensa gegessen, das war total eklig und geschmackslos": sowas bekommt man oft zu hören. Der Grund dafür ist ganz einfach. Die wenigsten Nicht-Veganer wissen wie man Tofu bzw. die anderen Sojaprodukte korrekt zubereitet. Wenn ich zum Fleischer gehe, mir ein rohes Schnitzel kaufe und dann davon abbeisse, dann wird das auch kein gewaltiges Geschmackserlebenis sein. Und genauso wie man ein Schnitzel vernünftig zubereiten muss, damit es schmeckt, muss man auch Tofu oder Soja Chunks vernünftig verarbeiten. Wenn man das richtig man, dann schmeckts auch richtig gut!Ich habe im Laufe der Zeit jede Menge veganes Essen gekocht. Und es hat sich eigentlich nie jemand darüber beschwert, dass es nicht geschmeckt hätte ;) (Und wenn ich nicht immer wieder mal dazu gesagt hätte, das es vegan ist hätten die meisten meiner Gäste auch gar nicht gemerkt das "etwas fehlt"). Ich hab mal in meiner Fotosammlung gesucht und ein paar nette Bilder von selbstgekochtem veganen Essen gefunden:








Da musst du doch aufpassen, das du nicht krank wirst?
Outet man sich als Veganer, dann sind die meisten Leute gleich ziemlich besorgt um einen. "Du musst dann doch immer aufpassen, was du isst und viele Vitame nehmen, damit du nicht krank wirst, oder?". Anscheinend sitzt es immer noch fest in den Köpfen vieler Menschen, dass man ohne Fleisch und Milch nicht gesund leben kann. Natürlich muss man aufpassen, was man isst! Jeder Mensch sollte das eigentlich tun. Mangelernährung bzw. falsche Ernährung ist kein Vorrecht von Veganern - das kann jedem passieren der nicht auf seine Ernährung achtet! Wer nur Fastfood und ähnliches isst, dem wird auch Fleisch nicht mehr helfen. Als Veganer kann man sich genauso leicht gesund und ausgewogen ernähren wie als Fleischesser. Man muss sich nur mal überlegen, dass der tägliche Fleischkonsum eigentlich eine relative junge Sache ist. Früher bekamen die meisten Menschen Fleisch nur sehr selten zu sehen. Und auch der Milchkonsum ist nicht so weitverbreitet wie man denkt - in Asien
Wer sein Essen bewußt zu sich nimmt (und das ist bei Veganer im Allgemeinen öfter der Fall als beim Rest der Menschen) der wird auch bei einer pflanzlichen Ernährung keine Probleme und Mangelerscheinungen haben und muss auch nicht auf künstliche Vitamine und Nahrungszusätze zurückgreifen. Während meiner gesamten Zeit als Veganer hatte ich keinerlei gesundheitlichen Probleme, die man auf meine Ernährung zurückführen hätte können (in ganz speziellen gesundheitlichen Situation - z.B. Schwangerschaft - sollte man sich als Veganerin allerdings doch mit einem Arzt besprechen).
Vegane Blogs
Natürlich gibt es auch jede Menge Blogs die sich mit diesem Thema beschäftigen. Ich kenne beweitem nicht alle - aber ein paar von denen, die mir positiv aufgefallen sind möchte hier zumindest kurz vorstellen:
- Seitan is my motor: nettes Blog aus Dresden mit vielen tollen Rezepten
- A vegan ice cream paradise: Wie der Name schon sagt: wer an veganem Eis interessiert ist, ist hier richtig!
- Yeah, that "vegan" shit: tolle Rezepte!
- What the hell does a vegan eat anyway: ein Blog das die nervigste aller Fragen beantwortet
- Bitchin' vegan kitchen: super Rezepte mit tollen Bilder (die Sesamnudeln sind genial!)
- the urban vegan: hier gibts nicht nur Rezepte
Das war nur ein wirklich winziger Ausschnitt aus der veganen Blogwelt. Wer sich auf die Suche macht wird noch jede Menge weitere interessante Blogs und Rezepte finden.
Ich weiß natürlich dass es viele Veganer mit sehr seltsamen Ansichten gibt. Aber dumme Menschen gibt es überall - und Menschen die vegan Leben sind eine sehr inhomogene Gruppe. Nicht jeder der auf tierische Lebensmittel verzichtet ist ein missionarischer Fanatiker. Die meisten Veganer die ich kenne sind ganz normale Menschen die einfach andere Vorlieben haben, was ihr Essen angeht.
Ich kann jedem nur raten, den veganen Lebensstil selbst mal auszuprobieren. Aber wenn, dann nach Möglichkeit nur mit entsprechender Vorbereitung. Ansonsten endet man wirklich noch als "Beilagenesser" und ist frustiert über die einseitigen Mahlzeiten. Wer dazu Tipps haben möchte, der kann sich gerne an mich wenden ;)
Autor: Florian Freistetter· 06.08.08 · 09:00 Uhr· 158 Kommentare
05. August 2008
Hat Phoenix Leben auf dem Mars entdeckt?
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 8
Nein! Aber im Moment schwirren zu diesem Thema gerade jede Menge Gerüchte über die Phoenix-Mission durchs Internet: man habe in einer Bodenprobe am Mars Hinweise auf Leben gefunden; sogar der Präsident der USA wurde schon informiert, etc.
Was hat das nun alles zu bedeuten? Tatsächlich hat die Phoenix-Sonde während der letzten Tage Bodenproben vom Mars analysiert. Eine Pressemiteilung von gestern verkündete:
"Während des letzten Monats wurde 2 Proben mit dem "Wet Chemistry Lab" untersucht. Einer der Bestandteile des Bodens könnte demnach Perchlorar sein, eine stark oxidierende Substanz."Perchlorat (CIO4-) ist ein negativ geladenes Ion und ein starkes Oxidationsmittel. Ich bin kein Chemiker - aber so wie es aussieht, ist Perchlorat ziemlich schlecht für organische Moleküle. Das würde bedeuten, dass in der Vergangenheit des Mars die Bedingungen für Leben eher schlecht gewesen wären. Ein Instrument von Phoenix hat also Perchlorat gemessen. Ein anderes allerdings (TEGA, Thermal and Evolved-Gas Analyzer) hat kein Perchlorat finden können.
Das ist die Ausgangssitutation:sicherlich interessant und das Phoenix-Team arbeit gerade daran diese widersprüchlichen Messungen zu verstehen - aber wie daraus die Gerüchte über die Entdeckung von Leben auf dem Mars entstehen konnte ist wieder eine typische Internet-Geschichte.
Im Blog der Planetary Society wird die ganze Geschichte nochmal aufgerollt und erklärt. Anscheinend began alles mit einem Artikel bei Aviation Week, in dem berichtet wurde, dass die NASA das Weiße Haus über die Bekanntgabe einer größeren Entdeckung der Phoenix-Sonde informierte. Diese Geschichte hat sich dann irgendwie verselbständigt und wurde von vielen Blogs und Foren aufgenommen. Natürlich sind dann auch sofort Gerüchte aufgekommen, dass Phoenix Leben entdeckt hätte (warum sonst hätte der Präsident informiert werden sollen?). Woher die ursprüngliche Falschinformation gekommen ist, ist unklar - klar ist nur, dass nichts davon stimmt: über Twitter teilt uns die Sonde selbst folgendes mit:
"Heard about the recent news reports implying I may have found Martian life. Those reports are incorrect."
"Reports claiming there was a White House briefing are also untrue and incorrect."
Es wurde also weder Leben am Mars gefunden noch gab es Gespräche mit dem Weißen Haus.
Viel Lärm um nichts also. Aber auf jeden Fall tut sich was auf dem Mars. Die weitere Analyse der Bodenproben versprechen interessant zu werden:
"Auch wenn wir die Arbeit an den Bodenproben noch nicht beendet haben, haben wir schon sehr interessante vorläufige Ergebnisse. Die ersten Analysen haben vermuten lassen, dass der Marsboden dem auf der Erde ähnlich ist. Die weiteren Untersuchungen haben allerdings viele Aspekte enthüllt, die wir von der Erde nicht kennen."
meint Peter Smith vom Phoenix-Team.
Man darf also gespannt sein, was der Marsboden sonst noch für Überraschungen bereit hält.
Autor: Florian Freistetter· 05.08.08 · 15:17 Uhr· 8 Kommentare
04. August 2008
Zeitreisen
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 35
Bei meinem letzten Besuch in der Bücherei habe ich (mehr durch Zufall als geplant) drei Bücher mitgenommen, die sich mit Zeitreisen beschäftigen. Reisen durch die Zeit sind ja eines der klassischen Science-Fiction Themen - dementsprechend viele Bücher gibt es dazu auch. Bevor ich aber nun mein persönliches "best-of" der Zeitreiseromane bekanntgebe, möchte ich noch einen Blick auf die wissenschaftliche Meinung zu Zeitreisen werfen.
Zeitreisen: Das sagt die Wissenschaft
Kann man tatsächlich durch die Zeit reisen? Die kurze Antwort lautet "Nein!". Zumindest das, was man in diversen Büchern und Filmen sieht wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie passieren. Zeitmaschinen, in die man einfach einsteigt und dann nach Belieben in der Zeit vorwärts und rückwärts reist - so etwas ist nicht machbar.

Die längere Antwort beginnt mit "Naja, vielleicht ein bisschen; irgendwie." Einsteins Relativitätstheorie lässt einige Möglichkeiten zu, die man unter Umständen als "Zeitreise" bezeichnen könnte. Die spezielle Relativitätstheorie sagt uns ja, dass in bewegten Systemen die Zeit langsamer vergeht als in ruhenden. Ein Astronaut in einem Raumschiff dass sich mit sehr hoher Geschwindigkeit (ein relevanter Bruchteil der Lichtgeschwindigkeit) bewegt kann eine für ihn sehr kurze Reise machen während auf der Erde ein sehr viel längerer Zeitraum vergeht. Nach der Rückkehr von seiner Reise wäre er aus seiner Sicht in die Zukunft gereist (zurück in die Vergangenheit kann er allerdings nicht mehr reisen).
Vielleicht macht irgendwann auch die Kryotechnik solche Fortschritte, dass man Menschen "einfrieren" und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufwecken kann. Auch das würde für die jeweilige Person wie eine Zeitreise in die Zukunft aussehen.
Eine Zeitreise in die Vergangenheit ist wieder eine ganz andere Angelegenheit. Es gibt einige sehr spekulative Theorien, die so eine Möglichkeit beinhalten - aber die sind so weit weg von einer möglichen Realisierung dass man eigentlich kaum noch von Wissenschaft sprechen kann. Eine dieser Theorien beinhaltet Wurmlöcher: theoretische Gebilde die zwei verschiedene Regionen in der Raumzeit miteinander verbinden. So ein Wurmloch kann auch 2 Gebiete unterschiedlicher Zeiten verbinden. Das Problem ist allerdings, dass diese Verbindung extrem instabil ist und das Wurmloch nach kürzester Zeit zerfallen würde. Zur Stabilisierung bräuchte man sg. "exotische Materie" mit negativer Energiedichte. Bislang gibt es allerdings keinen Hinweis darauf, dass diese Materie tatsächlich existiert. Andere Theorien inkludieren kosmische Strings oder extrem schnell rotierende Schwarze Löcher (beide ebenfalls noch nicht nachgewiesen).
Aber selbst wenn sich eine dieser unwahrscheinlichen theoretischen Grundlagen doch noch bestätigen sollte: wie man daraus dann eine funktionierende "Zeitmaschine" basteln kann, darüber kann man heute noch nicht mal spekulieren. Und schließlich wären da noch die diversen Paradoxa, die auftauchen, wenn man tatsächlich in die Vergangenheit reisen könnte. Was passiert, wenn man seinen Großvater umbringt und sich selbst damit die Grundlage der Existenz entzieht? Diese Paradoxa sind auch der Grund, warum viele Wissenschaftler (mich eingeschlossen) Zeitreisen in die Vergangenheit für unmöglich halten.
Die wissenschaftlichen Theorien, die sich mit Zeitreisen beschäftigen sind meistens sehr kompliziert und mathematisch. Ich habe trotzdem mal ein paar frei zugängliche wissenschaftliche Artikel gesammelt damit sich jeder selbst ein Bild machen kann:
- S. Krasnikov: "Paradoxes of time travel"
- A. Everett: "Time travel paradoxes, path integrals, and the many worlds interpretation of quantum mechanics"
- C.K. Raju: "Time Travel and the Reality of Spontaneity"
- G. Segre: "The multihistory approach to the time-travel paradoxes of General Relativity: mathematical analysis of a toy model"
- F. Lobo: "Nature of time and causality in Physics"
- M. Hadley: "Time machines and quantum theory"
- T. Clifton, J. Barrow: "The Existence of Godel, Einstein and de Sitter Universes"
- D. Pegg: "Quantum mechanics and the time travel paradox"
- L. Susskind: "Wormholes and Time Travel? Not Likely"
- W. Hiscock: "From Wormholes to the Warp Drive: Using theoretical physics to place ultimate bounds on technology"
- A. Raman: "Special Relativity and Time Travel Revisited"
- S. Deser, R. Jackiw: "Time Travel?"
- M. Visser: "van Vleck determinants: traversable wormhole spacetimes"
- M. Visser: "From wormhole to time machine: Comments on Hawking's Chronology Protection Conjecture"
Zeitreisen: Das sagt die Science-Fiction
Ungeachtet aller wissenschaftlicher Probleme sind Zeitreisen eines der faszinierendsten Themen der Science-Fiction Literatur. Jeder, der gerne Sci-Fi-Literatur liest, wird wohl schon auf das eine oder andere Buch gestoßen sein, in dem Zeitreisen eine wichtige Rolle spielt.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit ist hier nun die Liste meiner Lieblingszeitreisebücher:
Robert Heinlein: The door into summer (dt.: "Die Tür in den Sommer")
Ein ganz klassisches Zeitreisebuch aus den fünfziger Jahren von einem Klassiker der Sci-Fi. Das kann ich nur absolut empfehlen. Ein genialer Erfinder wird durch seinen Geschäftspartner dazu gebracht einen dreißigjährigen Kälteschlaf einzugehen. In der Zukunft angekommen merkt er, dass er betrogen wurde und schwört Rache. Doch dafür braucht er eine Zeitmaschine... Dieses Buch hat echt alles, was man von einem guten Sci-Fi-Zeitreisebuch erwartet!
Robert Silverberg: Up the line (dt. "Zeitpatrouille")
Noch ein Klassiker aus den sechziger Jahren. Das Buch spielt in einer nahen Zukunft in der Zeitreisen Normalität geworden sind. Jeder, der möchte kann in der Vergangenheit Urlaub und geführte Touren durch interessante historische Epochen machen. Silverberg beschreibt hier das Leben und die Arbeit eines der "Touristenführer". Hier werden auch alle klassischen Paradoxa des Zeitreisens auf äußerst interessante Weise angesprochen. Leider ist das Buch - zumindest die deutsche Version - nicht mehr im Handel erhältlich. Buchantiquariate oder andere Händler im Internet haben es aber noch im Angebot.
Stephen Baxter: The Time Ships (dt. "Zeitschiffe")
Das ist diesmal ein moderne Buch. Im Prinzip könnte man es als eine Fortsetzung des H.G. Wells Klassikers "The Time Machine" von 1895 bezeichnen. Hier wird die Idee der Zeitreise bis zu ihren Extremen getrieben. Wells Zeitreisender reist bis in die fernste Zukunft und trifft dort auf ein gewaltiges interstellares Imperium der Morlocks. Das ist der Ausgangspunkt einer wilden Reise zwischen Vergangenheit und Zukunft - und darüber hinaus! Ich möchte nicht zuviel verraten - aber das Buch ist absolut spannend und empfehlenswert.
Arthur C. Clarke und Stephen Baxter: The light of other days (dt. "Das Licht ferner Tage")
Stephen Baxter hat gemeinsam mit dem großen Arthur C. Clarke auch eine interessante Variation des Zeitreisegenres verfasst. In "Das Licht ferner Tage" geht es nicht direkt um eine Zeitmaschine sondern um einen "Zeit-Betrachter". In naher Zukunft wird eine Maschine erfunden, die es (durch Manipulation von Wurmlöchern) möglich macht, (fast) jeden beliebigen Ort im Universum zu (fast) jedem beliebigen Zeitpunkt zu betrachten. Diese Maschine wird zur Massentechnologie; analog zu unserem Internet. Jeder Mensch kann also nun jeden anderen Menschen ausspionieren - Privatsphäre existiert nicht mehr. Clarke und Baxter beschreiben nun auf faszinierende Art und Weise wie so eine Welt ohne Privatsphäre aussehen könnte.
Terry Pratchett: Night Watch (dt. "Die Nachtwächter")
Zum Schluß noch etwas ganz anderes. Keine Science-Fiction sondern Fantasy. Naja, eigentlich auch keine wirkliche Fantasy. Wer Pratchetts Scheibenwelt-Romane kennt, weiß wovon ich spreche. Und wer nicht, der sollte schleunigst anfangen zu lesen! ;) Die Bücher der Scheibenwelt gehören zu den kreativsten und lustigsten Büchern die ich kenne. In "Die Nachtwächter" reist Sam Vimes, der Kommandat der Wache von Ankh-Morpork, bei dem Versuch einen Mörder zu fangen aus Versehen in seine eigene Vergangenheit zurück und steht vor der schweren Aufgabe sich selbst zu einem guten Polizisten auszubilden...
Es gibt noch jede Menge andere gute Bücher über Zeitreisen. Allerdings auch einige schlechte. Eines davon habe ich leider letzte Woche gelesen und möchte hier eindringlich davor warnen: "Timeline" von Michael Crichton. Hier stimmt wirklich gar nichts. Crichton will anscheinend Authentizität erzeugen und erklärt zu Beginn des Buches die Grundlagen der Quantenmechanik - komplett mit Grafiken und Diagrammen. Leider sind diese Erklärungen auch alle ziemlich falsch. Seiner eigenen Theorie des Zeitreisens widerspricht er im Buch auch immer wieder; alles ist ziemlich wirr und lieblos geschrieben. Die Handlung ist mäßig spannend und ab der Mitte des Buchs absolut vorhersehbar. Von diesem Buch kann man getrost die Finger lassen.
Vielleicht kennt ja noch wer ein gutes Buch zu diesem Thema, das ich noch nicht kenne? Über entsprechende Kommentare würde ich mich freuen!
Autor: Florian Freistetter· 04.08.08 · 17:16 Uhr· 35 Kommentare
Mein Arbeitsplatz
Kategorie: Themenwoche · Kommentare: 1
Im Rahmen des "ScienceBlogs-Spezial - Mein Arbeitsplatz" möchte ich heute den Ort vorstellen, an dem ich im Allgemeinen arbeite. So wie bei Ali und Beatrice ist auch mein Arbeitsplatz bei mir zuhause.
Einerseits ist es natürlich recht praktisch zuhause zu arbeiten. Man hat es nicht weit zur Arbeit; zwischendurch kann man sich mal eben vor den Fernseher setzen und ne kleine Pause machen und das Essen aus der eigenen Küche schmeckt (zumindest bei mir ;) ) besser als das in der Mensa. Natürlich ist die mangelnde Trennung zwischen Arbeit und Privatleben auch manchmal störend. Und in der eigenen Wohnung fehlt natürlich auch das stimulierende "Uni-Feeling" und die Gespräche mit den Kollegen.
Auf jeden Fall sieht mein Arbeitsplatz nun so aus:
2: Meine Tafel! Gibt es Wissenschaftler die ohne Tafel denken können? (Es muss ja nicht gleich eine Glastafel sein ;) ) Ich brauch sowas auf jeden Fall. Ausserdem ist mein Schreibtisch viel zu klein um auch darauf zu schreiben - also ist die Tafel für diverse Notizen zwischendurch recht praktisch.
3: Mein toller bunter Schrank! Da ist zwar hauptsächlich nur Ramsch drin - aber es ist eines meiner Lieblingsmöbelstücke!
4: Ein Bricks-Lebkuchenherz. Das ist ein "Souvenir" aus meiner früheren Heimat in Wien. Die Dinger gabs mal als Geschenk zum Geburtstags eines Lokals. Der Laden gehört zwar nicht zu den Lokalen die ich normalerweise regelmäßig besuche - aber jedes Jahr im Februar gibts dort eine Woche lang Freibier ;) Und es war eines der letzten Lokale die ich vor meinem Umzug nach Jena besucht habe - und so ist auch dieses Herz mit nach Thüringen gekommen...
5: Ein paar Topfplanzen und meine geniale pinke Froschkönig-Gießkanne...
6: Jede Menge Fotos. Fotos sind immer wichtig.
7: Eine rote Lichterkette. Ich find farbiges Licht viel angenehmer als weißes. Darum ist mein Arbeitsplatz auch mit diversen bunten Lichterketten umgeben.
8: Ein Fenster mit viel Sonne und Blick auf die Universität Jena.
9: Meine Sammlung von diversen Konferenznamensschildern.
Autor: Florian Freistetter· 04.08.08 · 09:00 Uhr· 1 Kommentar
02. August 2008
Neues aus der Forschung: die allerersten Sterne
Kategorie: Naturwissenschaften·Neues aus der Forschung · Kommentare: 10
Wie sind eigentlich die allerersten Sterne entstanden? Ich hab ja schon vor ein paar Wochen über die Arbeit der Hamburger Forscher über den bisher ältesten bekannten Stern geschrieben. Dieser Stern - HE 1327-2326 - gehört zur sogenannten Population II. Aus den Überresten dieser Sterne sind dann die meisten der gegenwärtigen Sterne (Population I) entstanden, auch unsere Sonne. Aber auch die Sterne der Population II müssen Vorgänger gehabt haben. Denn diese Sterne enthalten Elemente die nur durch frühere Kernfusionen entstanden sein können.
Es muss also eine Generation von allerersten Sternen existiert haben, in denen durch Fusionsprozesse diese schwereren Elemente entstanden sind. Nach dem Tod dieser Sterne wurden diese Elemente im Universum verteilt und standen der nachfolgenden Population als Baumaterial zur Verfügung.
Über diese Sterne - die sg. Population III - ist allerdings nicht allzuviel bekannt. Sie waren vermutlich sehr massereich und daher auch sehr kurzlebig. Es ist daher unwahrscheinlich, dass einige bis heute überlebt haben und entdeckt werden können. Es existieren bis jetzt nur theoretische Untersuchungen zu diesen primordialen Sternen.
Eine neue wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema ist gestern in Science erschienen: "Protostar Formation in the Early Universe" von Naoki Yoshida,
Kazuyuki Omukai und
Lars Hernquist (der Artikel ist auch hier kostenfrei zugänglich). Sie haben in dieser Arbeit umfangreiche Simulationen zur Entwicklung von kosmischen Strukturen und der Entstehung der ersten Sterne im frühen Universum durchgeführt. Dabei fanden sie, dass sich aus den ursprünglichen Dichteunterschieden im Universum die noch vom Urknall stammen, kleine Protosterne (mit etwa einem Zehntel der Sonnemasse) bilden können. Im Laufe der Zeit sammeln diese Protosterne immer mehr Material an. Das kann erstaunlich schnell gehen: innerhalb von 1000 Jahren kann der Protostern bis auf das Zehnfache einer Sonnemasse anwachsen. Wenn der Protostern dann schließlich zum "echten" Stern wird (ein sg. Hauptreihenstern) kann er einige hundert Sonnenmassen haben.

Bild: Yoshida/Omukai/Hernquist. Zu sehen ist eine Sternentstehungsregion aus verschiedenen Abständen. Das letzte Bild rechts unten zeigt den eigentlich Protostern der noch keine sphärische Form aufweist sondern noch "Spiralarme" aufweist.
Diese Simulation zeigt also dass aus den Fluktuationen nach Urknall tatsächlich Sterne entstehen können die so beschaffen sind, dass sie die Grundlage für die heute beobachtete Sternenpopulation bilden können. Und wer weiß, vielleicht gibt es doch noch den einen oder anderen langlebigen Stern der allerersten Generation (einige Theorien schließen das nicht aus) der in Zukunft mit einem der großen Teleskope entdeckt werden kann!
P.S. Falls jemand den Stern zum Wochenende vermissen sollte, der sonst immer Samstags erscheint: der wurde zum Stern des Monats (erscheint immer Mitte des Monats). Am Samstags gibts nun immer "Neues aus der Forschung".
Autor: Florian Freistetter· 02.08.08 · 12:26 Uhr· 10 Kommentare
01. August 2008
"Wir haben Wasser!"
Kategorie: Naturwissenschaften·Technik · Kommentare: 7
Die Raumsonde Phoenix hatte ja schon vor einiger Zeit ziemlich klare Hinweis auf Wasser am Mars gefunden. Seit gestern ist es nun offiziell: Auf dem Mars gibt es Wasser!
Eine Bodenprobe wurde analysiert und die Detektoren haben dabei eindeutig Wasserdampf nachgewiesen:
"Wir haben Wasser! Hinweise auf Wassereis haben wir schon früher durch Beobachtungen des Mars Odyssey orbiters und auch die verschwundenen Eisstücke die Phoenix letzten Monat beobachtet hat haben klar darauf hingedeutet. Aber nun ist es das erste Mal, das Wasser vom Mars berührt und geschmeckt worden ist."
sagte William Boynton von der Universität Arizona.
Die entsprechende Bodenprobe stammt aus einer Tiefe von etwa 5 Zentimetern. Dort stieß Phoenix bei den Grabungen auf eine Schicht aus gefrorenem Material, das sich nun als Wassereis herausstellte.
Auch wegen dieser hervorragenden Resultate (und dem guten Zustand in dem die Sonde sich immer noch befindet) wurde nun beschlossen, die Mission um 5 Wochen bis zum 30. September zu verlängern!
Im nächsten Schritt soll herausgefunden werden, ob dieses Eis auf dem Mars irgendwann lange genug auftaut, um auch biologisch eine Rolle zu spielen und ob kohlenstoffhaltige Materialien und andere wichtige Elemente für die Existenz von Leben darin enthalten sind.
Auch die Sonde Mars Express lieferte in den letzten Tagen übrigens tolle Ergebnisse. Sie näherte sich dem kleinen Marsmond Phobos auf nur 93 Kilometer und konnte Bilder mit einer Auflösung von 3.7 Metern pro Pixel aufnehmen:

Bild: ESA/DLR/FU Berlin (G. Neukum)
Auch zu Phobos ist übrigens eine Mission geplant: 2009 will die russische Raumfahrtbehörde die Mission "Fobos-Grunt" starten, bei der eine Sonde auf Phobos landen und Bodenproben sammel soll.
Ähnliche Artikel: alle Artikel zur Phoenixmission
Autor: Florian Freistetter· 01.08.08 · 10:30 Uhr· 7 Kommentare
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