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Jörg Friedrich wurde 1965 geboren. Er studierte Meteorologie und Physik an
der Humboldt-Universität Berlin und ist Diplom-Meteorologe. In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit der Simulation von Konvektionsstrukturen mit Zellulären Automaten.
Seit 1994 ist er Software-Unternehmer und berät Großunternehmen bei Sourcing-Projekten.
Seit dem Frühsommer 2009 ist er nach einem Philosophie-Studium an der FernUni Hagen Master of Arts in Philosophie. Er schrieb seine Masterarbeit über die Existenz theoretischer Entitäten in den Wissenschaften.
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30.06.10 · 20:27 Uhr
Humboldt-Forum und Kernfusion
Kategorie: Politik · Kommentare: 9
Was haben das Humboldt-Forum in Berlin und der Kernfusionsreaktor ITER in Südfrankreich gemeinsam? Unglaublich viel, so viel sogar, dass man sich fragt, ob beides, aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, nicht das Gleiche ist.
Die erste Ähnlichkeit fällt sofort auf, wenn man sich den jeweiligen Ort des Geschehens ansieht: Im Wesentlichen befindet sich sowohl da, wo das Humboldt-Forum entstehen soll als auch an der Stelle, an welcher der Reaktor gebaut werden soll, eine riesige, gut planierte Freifläche. Trotzdem gibt es sehr schöne Ansichten von beiden Bauten: In Computer-Simulationen sind sowohl das zukünftige Zentrum der Kultur- und Geisteswelt als auch der das zukünftige Zentrum der Energie-Technologie bereits virtuelle Realität geworden.
Beide Orte sollen für die Zukunft unserer Zivilisation eine bedeutende Rolle spielen. Dem Austausch der Kulturen bietet das Forum einen Platz, damit wird es einen Beitrag zur Bewältigung von kulturellen Krisen leisten. Der Fusions-Reaktor ist der Ort, an dem Energie-Krisen und Umwelt-Krisen bewältigt werden sollen. So stehen die beiden Vorhaben für den großen Anspruch der nachhaltigen Krisenbewältigung für die ganze Menschheit - ihre Umsetzung verheißt eine glücklichere und sorgenfreiere Zukunft.
Gemeinsam ist den beiden aber auch, dass die tatsächlichen Erfolge ungewiss sind, und dass sie in weiter Zukunft liegen. Und damit werden die Visionen von morgen zu den Investitionen von heute. Auch als Investitionen mit ungewissem Ertrag haben das Forum im Herzen Berlins und der Reaktor in der französischen Provinz einiges gemeinsam.
Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass beide Projekte im Laufe der Planungen immer teurer werden, dass, ohne das auch nur ein Stein bewegt wird, die veranschlagten Kosten explodieren. Kaum ist eine Genehmigung zum Weiterplanen erteilt, wachsen die finanziellen Mittel, die für den Erfolg gebraucht werden, in ungeahnte Höhen. Dieses Phänomen haben die beiden Projekte nicht nur miteinander, sondern mit fast allen politisch geförderten Vorhaben gemein. Die erwarteten Erträge aber, die ohnehin in weiter Ferne liegen und ungewiss bleiben, wachsen nicht mit.
Die Politik begegnet dieser Kostenexplosion mit Einspar-Ideen. Beim Forum kann man an der Ausgestaltung oder der Fassade sparen, den Reaktor verkleinern. Das führt dann irgendwann dazu, dass das ganze Projekt infrage gestellt wird. Ein halber Reaktor ist genauso sinnlos wie ein Forum ohne Dach.
Deshalb gelangten nun beide Projekte innerhalb von wenigen Tagen in die Schlagzeilen. Wo unklaren Visionen in ferner Zukunft handfeste Kosten in Milliardenhöhe im Hier und Jetzt gegenüberstehen, da wird die Frage laut, wer das große Projekt eigentlich wirklich will - und warum. Aktuelle Umfragen zeigen fast zeitgleich: Weder wollen die Berliner das Forum, noch steht die Kernfusion ganz oben auf der Wunschliste, die die Deutschen an die Wissenschaft richten.
Politiker haben sich immer gern in Visionen gesonnt. Damit aber ist nun, der Schuldenkrise sei Dank, Schluss. Die Wähler merken, dass sie die goldenen Zeiten, in denen die Visionen wahr sein werden, gar nicht mehr erreichen werden, dass die Politik ihren Staat vor lauter Visionen ruiniert. Sie vermuten - völlig zu recht - dass die Welt nicht besser und nicht schlechter wird, wenn es keine Kernfusion und kein Humboldt-Forum gibt. Angesichts dieser Tatsache verzichten sie lieber auf teure Luft-Schlösser.
Aber kann eine Gesellschaft auf Visionen verzichten? Ist der Verzicht auf Diskurs und Fortschritt nicht der Anfang vom Niedergang einer Gesellschaft, die auf Dynamik und Veränderung basiert? Die Frage ist, ob wir uns das Risiko des Verlustes der Investition leisten wollen. Risikobereitschaft ist Voraussetzung für Dynamik. Solche Bereitschaft hat aber nur, wer sich seiner eigenen Kräfte noch sicher ist. Die Frage ist also nicht, ob wir uns den Kredit, den wir zur Bebauung der brachliegenden Flächen in Berlin und Frankreich benötigen, noch leisten können, sondern ob wir es uns überhaupt noch zutrauen, ihn jemals zurück zu zahlen.
Autor: Jörg Friedrich· 9 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (9)
Diese Frage stelle ich mir viel allgemeiner zu den Staatsschulden auf der Welt. Jedes Jahr nehmen viele (alle?) Staaten (in der Krise besonders) weitere Milliardenkredite auf. Ist es realistisch anzunehmen, dass sie jemals zurückgezahlt werden?
Ich sehe da kein Ende, aber andererseits habe ich auch keinen Durchblick bei den Mechanismen der Finanz- und Wirtschaftswelt. Wohlmöglich gibt es einen ganzen Wissenschaftszweig, der sich damit beschäftigt. Weiß jemand mehr?
@Ender perfektes Timing für so eine Frage: Heute hat die EZB 424 Mrd EUR von den Banken zureckbekommen. Vor einem Jahr war es groß in den Nachrichten, heute interessiert es keinem mehr. Kredite und das ewinge hin und her von Aufnahme und Tilgung sind eigentlich was ganz normales. Und solange die Wirtschaft nicht zerbomt wird funktioniert das auch prima. (Kannst also deine Bundesschatzbriefe behalten)
Die Frage ist ob wir auf Hochtechnologie wirklich verzichten können. Die Geschichte der letzten 500 Jahre sollte eigentlich zeigen das den Ländern am besten geht die eine Technologieführerschaft haben. (ok das ist eigentlich seit min. 5000 Jahren der Fall)
„Politiker haben sich immer gern in Visionen gesonnt.“
Noch mehr sind die Wissenschaftler davon betroffen.
Ein Desaster von LHC soll für alle die Warnung sein, dass die Wissenschaft, durch die fixen Ideen der QM und ART beherrscht, nicht mehr zurechnungsfähig ist. Die Physik entwickelt sich zu einer Geldvernichtungsmaschinerie auf Kosten von anderen Wissenschaftszweigen.
Beim LHC hat man schon schätzungsweise 10 Mrd. € verbrannt, die Schaden durch Stillegung der Intellektuellen Kapazitäten der beteiligten Wissenschaftler nicht inbegriffen.
Aus den gleichen Gründen wie bei LHC wurde man beim ITER die Plasma nie in Griff kriegen. Die Verwirklichung von solchen Wahnprojekten muss ich als einen bewussten Betrug interpretieren.
@Ireneusz mit Vokalben wie "nie in Griff kriegen" wäre ich vorsichtig: Dampfrösser die schneller sind als 40km/h? Ne Kutsche ohne Pferde - geht ja garnicht? "Wenn Gott gewollt hätte das der Mensch fliegt - hätter er ihm Flügel gegeben"
95 Jahre ART ist eine fixe Idee? Naja etweder du bis Geologe oder Astronom (Die sagen ja auch gerne: "gleich in 10.000 Jahren)
Wieso würde man am LHC das Plasma nie in den Griff kriegen
Laut Diax's Rake und LHC Online sieht es doch gar nicht so schlecht aus.
Und welche Grundlagenforschung wird deiner Meinung nach vernachlässigt?
Da mein letzter Kommentar wohl gefressen wurde (sind 2 Links wohl doch zu viel) hier noch mal verkürzt:
@Ireneusz mit Vokalben wie "nie in Griff kriegen" wäre ich vorsichtig: Dampfrösser die schneller sind als 40km/h? Ne Kutsche ohne Pferde - geht ja garnicht? "Wenn Gott gewollt hätte das der Mensch fliegt - hätter er ihm Flügel gegeben"
Wieso ist die 95 Jahre alte ART ist eine fixe Idee?
Wieso würde man am LHC das Plasma nie in den Griff kriegen? Der LHC läuft jedenfalls oder irre ich mich?
Und welche Grundlagenforschung wird deiner Meinung nach vernachlässigt?
Das Problem kann man mit einem einzigen Wort beschreiben: Korruption.
Die Schauspieler, die uns als Politiker vorgesetzt werden und die eine nach wie vor unerträglich große Menge der Bevölkerung scheinbar nicht als die Agenten fremder Interessen erkennt, die sie nun mal sind, entscheiden doch so gut wie nichts selbst. Wir leben in einem Land, dessen Verfassung nach Maßgabe und unter Aufsicht von Kriegsgegnern formuliert wurde und das bis heute ein UNO-Mitglied unter dem Vorbehalt der Feindstaatenklausel ist (weshalb der Kosovo-Krieg uns zu Vogelfreien gemacht hat).
Selbst im denkwürdigen Jahre 1990, als Deutschland für ein paar Stunden souverän war, befanden es weder unser Ehrenwort-Kanzler und seine Minister, noch die sogenannte Opposition für nötig, diese Verfassung in einer Volksabstimmung demokratisch zu legitimieren. Und warum auch? Der "Souverän" schläft tief und fest oder ist beim Einkaufen. Seit dem Vertrag von Lissabon ist das GG oder besser, was davon noch übrig ist, ohnehin nicht mehr das Papier wert, auf dem es geschrieben steht. Weshalb das Verfassungsgericht auch entweder nach Brüssel (zurück)verweist oder Vergleiche formuliert, wohl wissend, daß es noch nie das letzte Wort hatte.
Wenn es schon bei diesen Themen, die in der Gegenwart von entscheidender Bedeutung für die Menschen in Europa und auf der ganzen Welt sind, derart undemokratisch und perspektivenlos zu geht, was kann man dann erwarten, wenn es um Kultur und Wissenschaft geht? Hauptsache der Rubel rollt in die "richtige" Richtung, also weg von der Masse der Bevölkerung...
sehen sie einen qualitativen unterschied zwischen ergebnisoffener grundlagenforschung und dem iter?
*kicher* da kommen doch tatsächlich die reste meines latein durch.. eine witzige stilblüte nun da seh ich zweierlei probleme.. wenn die menschen die wahl hätten zwischen einem replikator der alles materielle für sie bereitstellen kann und mit fusionsenergie angetrieben ist oder ob sie weiter täglich malochen gehen müssen um ihren lebensunterhalt zu decken würden viele variante 1 erwünschen.. das ist das problem mit wünschen, aus ihrem vorhandensein kann man weder den grad ihres realismus noch ihre relevanz ablesen, wünschen kann man sich alleswussten sie zu beginn ihrer doktorarbeit ob der gewählte simulationsansatz sinnvolle mit der realität vereinbare ergebnisse produzieren würde?
und das zweite problem ist dass sich kein mensch über alle dinge die für die gesellschaft von bedeutung sind gedanken machen kann, klar strom, abwasser, heizung, bildung, straßen sind ne klasse sache aber die kommen nicht aus dem nichts und sind durch unzählige forschungs, entwicklungs und produktionsprozesse verküpft, es gibt also arbeitsteilung bei der experten entscheiden was sinnvoll ist und was nicht, warum sollte auch jeder eine informierte position zu einzelnen projekten der grundlagenforschung habe.. schon die theoretischen vorraussetzungen für eine realistische beurteilung der abläufe bringt fast niemand mit der in einer solchen umfrage gegen fusionsenergie gestimmt hat..
die frage ist meiner ansicht nach nicht: "ob wir uns das Risiko des Verlustes der Investition leisten wollen."
sondern:
was können wir besser machen um das risiko weiter zu verringern und den nutzen zu vergrößern
alles andere sorgt nur für absurde verrenkungen die verschiedene grundlagenforschungsprojekte willkürlich als verzichtbar einstuft obwohl es kein gesellschaftliches maß für erkenntnis gibt
@Ockham
erklären sie sich, nur zu. beginnen sie einfach locker zu plauder über Agenten und
fremde interessen.
wir sind auchganz 'ohr'