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Profil
Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. epfischer.com
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23.07.08 · 12:16 Uhr
30 Jahre ohne Fortschritt
Kategorie: Kultur
Das wird jetzt ganz persönlich. Meine (jüngere) Tochter Dorothee ist in diesen Tagen 30 Jahre alt geworden - so wie Louise Brown, die allerdings mehr Schlagzeilen gemacht hat. Louise war nämlich das erste "Superbabe", wie es die britischen Zeitungen nannten, sie war das erste Kind, das nach eine In-Vitro-Fertilisation (IVF) zur Welt gekommen ist. Allem Anschein nach geht es Louise gut, was mich freut und gefeiert werden kann. Herzlichen Glückwunsch, Louise, möchte man sagen und sich freuen.
Nur freuen kann ich mich aber nicht, denn die Zeit vor 30 Jahren stand im Zeichen einer wachsenden Ablehnung von Wissenschaft undTechnik, von der wir uns noch nicht erholt haben. Louises Eltern wurden in Deutschland heftige Vorwürfe gemacht, die Wissenschaftlr, an die sich wendeten, wurden moralisch diffamiert, das Kind selbst wurde als "Retorbenbaby" disqualifiziert, und die Methode der IVF wurde gnaden- und gedankenlos mit der damals noch jungen Gentechnik in einen Topf geworfen, um vor den Gefahren von Manipulationen zu warnen.
In den spätern 1970er und mindestens bis in die Mitte der 1980er Jahre hinein musste derjenige, der sich etwa auf einem Parteitag der Grünen für eine normale Verwendung von Wissenschaft - speziell von Genetik - einsetzte, mit Prügeln rechnen. Haßerfüllte Blicke waren das Mindeste, was einem entgegenschlug - und heute ist es keiner gewesen. Heute verlangt jeder blöde Kommissar in jedem blöden Krimi eine DNA-Analyse, um einen Täter zu überführen. Damals schien der Weltuntergang eine beschlossene Sache, als jemand in England solche genetischen Fingerabdrücke entwickelte. Wie vielen Reportern bin ich gegenüber gestanden, die mit Schaum im Mund nach der Profitgier der Forscher fragten, die meinten, ohne (grüne) Gentechnik würde es schwierig, die Menschen angemessen zu ernähren? Und heute will es keiner gewesen sein. Damals wurden Wissenschaftler von Journalisten, die sich gerne als kritische Öffentlichkeit feiern ließen, an den Pranger gestellt, und niemand kam ihnen zur Hilfe. Jetzt wollen die Medienvertreter anders profitieren und schneller als die Konkurrenz Durchbrüche etwa in der Stammzellforschung melden.
Sie haben in den 30 Jahren, die Louise gelebt hat, nicht sehr viel gelernt. Die Wissenschaft hat Fortschritte gemacht. Die Berichterstattung darüber nicht. Sonst würden wir den Geburtstag anders begehen. Den meiner Tochter habe ich wunderbar feiern können - mit den dazugehörigen Enkeln, den ich eines Tags erzähle, was in der Welt passierte, als ihre Mutter darin erschien.
Autor: Ernst Peter Fischer· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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