Blog durchsuchen
Profil

Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. epfischer.com

Kommentare

« vorheriger Beitrag  · nächster Beitrag »

15.05.08 · 13:58 Uhr

Vom Elend der Wissenschaftsgeschichte

Kategorie: Kultur

"Historische Epistemologie zur Einführung". Da klingt nicht nach einem Bestseller. So lautet aber der Titel eine Buches, in dem ein Wissenschaftshistoriker die Geschichte der von ihm vertretenen Wissenschaftsgeschichte erzählt. Wir wollen übersehen, daß sich die Gelehrten erneut im Gefängnis der Selbstbezüglichkeit einsperren, und fragen, ob die Bewertung des Buches durch die FAZ gerechtfertigt sein kann, daß hier ein "Erfolgsfall" dokumentiert wird. Tatsächlich kann die Antwort nur Nein lauten. Man braucht nur die Handvoll Wissenschaftshistoriker, die in Deutschland (noch) tätig sind, mit den Tausenden von Kunsthistorikern zu vergleichen und daran zu denken, daß jede Geschichte die Aufgabe hat, zum Vertständnis der Gegenwart beizutragen. Diese Gegenwart ist aber genau die Gegenwart von Wissenschaft und Technik. Solange ihre Geschichte in den normalen Schulbüchern verschludert wird, kann keine Rede von einem Erfolg der Wissenschaftsgeschichtes sein.

Wer das Elend der Wissenschaftsgeschichte an einem konkreten Beispiel vorgeführt haben möchte, braucht nur zu fragen, wie wir mit den Großen der Zunft umgehen. Deutschsprachige Biographien von Max Born und Erwin Schrödinger gibt es nur als Übersetzung; das Leben von Adolf Butenandt bleibt unbearbeitet, eine wirklich große Biographie von Carl Friedrich Gauss muss erst in Auftrag gegeben werden, und so weiter. Die populären Texte von Werner Heisenberg, Max Planck und vielen anderen bleiben ohne jeden Editor. Wir drehen und wälzen jedes Komma in jedem Tagebuch von jedem Schreiberling (vor allem während der Nazi-Zeit), aber wir lassen die Schriften von Planck und Heisenberg in den Regalen verrotten und edieren sie bestenfalls verkürzt und manchmal auch verstümmelt. Wissenschaftsgeschichte ist nicht irgendein Luxusfach, auf das man auch verzichten kann. Wissenschaftsgeschichte ist die große Herausforderung an die Geisteswissenschaften, endlich herauszufinden, wie es eigentlich gewesen. Vielleicht will das aber gar niemand wissen. Dümmlich dösen ist viel schöner. Noch ein Gedicht.

 

Autor: Ernst Peter Fischer· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

Kommentar schreiben

Netiquette·AGB

 

ScienceBlogs.com

mehr auf www.scienceblogs.com »