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03.02.12 · 16:38 Uhr
Terroristen als Verschwörungstheoretiker
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 11
Ich lese gerade The Black Banners von Ali Soufan. Soufan ist ein ehemaliger FBI Agent der für das FBI auf Al-Kaida angesetzt war, unter anderem die Attacke auf die USS Cole in Yemen untersuchte und über die Jahre mehrere wichtige Verdächtige verhörte. In seinem Buch bin ich über eine Feststellung gestolpert, die ein interessanter Aspekt der Psyche eines Terroristen sein könnte. Soufan schreibt nämlich, dass die von ihm verhörten Terroristen alle irgendwelchen Verschwörungstheorien anhängten.
Ich habe mich kurz im Netz umgesehen, ob es dazu Artikel gibt. Tatsächlich findet man ein ein paar Anhaltspunkte (ich habe es aber nicht vertieft recherchiert), interessanterweise aber nicht zu Islamistischen Terroristen, sondern soweit ich das überblicke primär zur Motivation von rechter Gewalt. Es scheint mir auch durchaus plausibel in Bezug auf andere (nicht islamistische) Beispiele, denkt man unter anderem an rechts und links.
Geht man dann einmal durch, was so eine Verschwörungstheorie für Merkmale aufzeigt, merkt man, dass dies tatsächlich auch sehr gut vermutliche Gedankengänge von Terroristen zutreffen könnte (zum Beispiel anhand dieser "Checkliste", die ich einmal erstellt habe). Interessant finde ich diesen Aspekt vor allem, weil er in zwei Richtungen funktioniert. Da wären zuerst einmal die dunklen Mächte, die sich gegen die Gruppe, zu der sich der potentielle Terrorist zählt, verschworen haben. Die Bekämpfung dieser ominösen Mächte kann als eine primäre Motivation gesehen werden.
Das zweite Element, das ich nirgendwo explizit erwähnt fand, würde erklären, warum sich diese Leute durch ihre Taten Erfolg versprechen. Wenn andere die Welt so steuern können, muss sie so steuerbar sein. Das kann den Weg vorgeben um die Dinge zu ändern. Ich habe im Zusammenhang mit dem (angeblich) überdurchschnittlichen Anteil an Ingenieuren unter Terroristen über den möglichen Einfluss eines mechanistischen Weltbildes spekuliert. Ein solches steht natürlich hinter jeder Verschwörungstheorie: Die falsche Annahme völliger Lenkbarkeit von extrem komplexen Systemen, und die Vorstellung eine soziale (Ketten-)Reaktion mit einem einzelnen Ereignis auszulösen und gezielt ablaufen lassen zu können. Dieser Planbarkeitswahn muss aus der Sicht dieser Menschen ihre Taten als potentiell viel effektiver erscheinen lassen, als das sie bei einer nüchternen Betrachtung tatsächlich sein können. Weder die USA, noch der Kapitalismus noch der Einfluss der Linken in europäischen Parlamenten wird realistischerweise so beendet werden können, trotzdem sind sie davon überzeugt. Dies ist nicht zuletzt auch die Illusion von wirklicher Macht. Dazu kommen natürlich noch weitere Parallelen, zum Beispiel bezüglich der Sozialisierungsaspekte unter Terroristen, die berühmte Blase, in der man sich nur noch gegenseitig bestätigt und nichts wirklich hinterfragt wird.
Es wäre auf jeden Fall interessant diesem Thema etwas systematischer zu Bearbeiten. Vielleicht kennt ihr auch einen Artikel der sich spezifisch mit dem Thema auseinandersetzt. Es kann gut sein, dass das Schulen kritischen Denkens ein besserer Beitrag im viel bemühten Kampf gegen den Terrorismus ist, als das Beschlagnahmen von Nagelfeilen und Duschgels.
P.S.: Eine Besprechung des Buches wird folgen, wenn ich damit durch bin. Ich bin aber bei Weitem kein Schnellleser wie einige meiner Mit-Blogger hier.
Autor: ali· 11 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (11)
Kehr könnt ihr nicht mal alle Feierabend machen? Ich komme hier zu garnix mehr, heut kommt ein lesenswerter Artikel nach dem anderen =)
Erstmal zu den Ingenieuren: Die Lenkbarkeit eines (oder besser des) zu komplexen Systems glauben da aus meiner Erfarung auch nicht mehr als in anderen Bereichen der Gesellschaft.
Aber es herrscht bei den meisten Ings doch eine sehr pragmatische Ansicht der Dinge. Wenn so jemand also einer Verschwörungstheorie anhängt, wäre er eher bereit extreme Maßnamen zu ergreifen als viele andere Leute. Da Pragmatiker "objektiv" abwägen und somit eher Bereit sind das "Notwendige" zu tun. Im Guten wie im Schlechten.
Eine Frage die sich mir jetzt auch stellt, warum werden nicht viel mehr Verschwörungstheoretiker zu Terroristen? (Damit meine ich nicht umbedingt Leute in die Luft sprengen, aber Sabotage und Ähnliches)
Wenn man wirklich glaubt, dass die Welt untergeht, wenn den "Bösen" nicht einhalt geboten wird, warum macht man dann nur ein paar youtube Videos?
So, jetzt nurnoch mal schauen was es mit der Bewohnbaren Supererde von Florian auf sich hat!
Angenehmes Wochenende wünsche ich
Meineserachtens braucht es für den Schritt vom Meckern/Agitieren hin zur vollzogenen Gewalt als grundlegendem Aktionsmuster i.a. ein sehr starkes Argument - und da bietet sich Glauben einfach an. Egal, ob nun an eine unrecht-rechtfertigende himmlisch-höhere Macht (bis hin zur finalen Erlösung) oder an die anders-erfolgverhindernde weltlich-höhere Macht. In beiden Fällen ist das Leben in einer Parallelwelt hilfreich bis vonnöten - hierzulande z.B. wunderschön vorexerziert im Rahmen der stammheimschen Mord/Selbstmord-Pseudodiskussionsblase.
Das habe ich eigentlich schon vor ~40 Jahren so gesehen, nur die gedankliche Verbindung zum Terminus 'VT', die ist erst soeben beim Lesen des posts geknüpft worden. Erstaunlich spät eigentlich^^
Schönen Dank fürs Aufmerksammachen, Spoing: Das mit den Ingenieuren hatte ich doch glatt überhüpft.
Die Erforschung des hier angesprochenen Anteiles kann ja zusammen mit dem bei SB schon des öfter thematisierten Anteil am worldwide crank movement untersucht werden ;-)
@Ali
"... an Ingenieuren unter Terroristen"
Meintest Du vielleicht Verschwörungstheoreiker ?
Eins ist sicher: unter Ings gibts auch eine Menge VTler. Meistens außerhalb ihres eigentlichen Fachgebiets. Man wird ja auch mal träumen dürfen...
Obs allerdings unter Ings mehr VTs geben sollte als unter Meds oder Juris oder Wiwis? Wäre mal echt interessant zu wissen.
@ Breitside;
Zumindest unter Medizinern gibt es ja viele die der einen oder anderen Pseudowissenschaft anhängen, daher würde es micht nicht wundern wenn davon auch viele VTler sind. Ich glaube sogar dass es ähnliche Gründe wie bei Ingenieuren hat, eine Mißachtung von Basiswissenschaften und Skepsis und dann natürlich noch Selbstüberschätzung.
@michael
Nein, wenn du den alten verlinkten Eintrag liest, verstehst du warum ich Ingenieure meinte.
@alle
Es geht mir keines Falls darum irgendwelche Vorurteile gegen eine Berufsgruppe zu schüren (damit meine ich natürlich tatsächlich Ingenieure, nicht Terroristen). Das ist alles sehr spekulativ und wir operieren mit einer sehr kleinen und unsicheren Datenbasis. So wie die meisten Religiösen nicht Bomben legen, oder Computerspieler keine Schulmassaker veranstalten, so sprechen wir auch hier von einer winzigen Minderheit.
Wir haben auch keinerlei Zahlen ob es unter Ingenieuren überdurchschnittlich viele Verschwörungstheoretiker gibt und der verlinkte alte Post bezieht sich auch nur auf die Spekulation zu einer Beobachtung. Er war eine Randbemerkung. Es gibt vermutlich tausend andere mögliche Gründe warum dieses Berufsbild (vermutlich) überdurchschnittlich vertreten ist. Ich wollte eigentlich nur erwähnen, dass ähnlich Gedanken in einem anderen Kontext ebenfalls auftauchten. Die Hypothese die ich in den Raum stellte bezog sich auf die Sichtweise von Verschwörungstheoretikern und deren Konsequenzen.
Das wollte ich nur klarstellen. Nicht dass ich hier noch Ingenieure verärgere...
@Ali: Ich bin angehender Ing. und fühle mich alles andere als verärgert. Idioten gibts immer und überall, wer meint seine "eigene" Gruppe wäre davon verschont der will sich nur sein Weltbild zurechtlügen.
Selbst ein Univ. Prof. ist keine Bezeichnung die einen von Volldeppen abgrenzt ( http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2012/02/der-hochschulesoterik-vehement-laut-und-vernehmlich-einhalt-gebieten.php )
Wenn man schon Aberglaube mit VT gleichsetzt (Verschwörung der Mediziner etc. diese "Wahrheiten" nicht anzuerkennen) würde ich bei den Geisteswissenschaftlern den höchsten Anteil an Vtler unter den studierten vermuten.
Aber zurück zum eigendlichen Thema:
Ich würde sogar so weit gehen, dass ein VT-Weltbild zwangsläufig notwendig ist um (klassischer) Terrorist zu werden. Eigene politische(religiöse) Ideologien lassen sich durch Anschläge ja kaum verbreiten. Deshalb ist objektiv betrachted jeder Anschlag zum stärken der eigenen Sache zum scheitern verurteilt. Es sei denn man bastelt sich irgendein obskures Weltbild. Aber wenn man in der Sache einen Gegner nur schwächen will (sprich wie Al Kaida die USA) kann Terror durchaus auch objektiv Ziele erreichen.
Hier würde ich also den Terror für eine Sache vom Terror gegen ein anderes Land trennen.
Aber interessant fände ich mal wieviele VTler wirklich so krasse Ansichten haben, dass die Welt dem Untergang geweit wäre. Denn ich meine, nur weil ich an eine "Verschwörung des Kapitals" glaube mit der man die "Massen durch Konsum ruhig hält" sprenge ich mich ja noch nicht in die Luft. Aber wenn ich wirklich glaube führende Politiker sind Aliens, welche die Auslöschung der menschlichen Rasse vorrantreiben, dann wäre es doch quasi meine Pflicht diese Leute umzunieten. Warum haben wir also nicht viel öfter irgendwelche menschlichen Feuerwerkskörper?
Mangelt es wirklich an (den ganz krassen) Spinnern? Sind diese dafür zu feige? Oder glauben die Meisten gar nicht wirklich daran, bzw. nur solange sie einen Vorteil von der Theorie haben? (erklärt das eigene Scheitern, sorgt dafür das man moralische Verantwortung abgeben kann)
Ach und nochmal zum Terrorismus durch Pragmatiker:
Watchmen ist hier ein gutes Beispiel, wie ein absolut auf Logik*1 aufgebautes (Menschenverachtendes) Weltbild Terror legitimieren kann. Oder auch wie ein anderes auf Logik basierendes Weltbild (diesmal das von Mr. Manhatten) bereit sein kann den Terror anderer zu benutzen.
*1 Logik gefällt mir nicht wirklich, allerdings fällt mir gerade irgendwie kein besseres Wort ein.
> Aber wenn ich wirklich glaube führende Politiker sind Aliens, welche die Auslöschung der menschlichen Rasse vorrantreiben, dann wäre es doch quasi meine Pflicht diese Leute umzunieten. Warum haben wir also nicht viel öfter irgendwelche menschlichen Feuerwerkskörper?
Was treibt sie dazu? Zum Beispiel das.
In diesem Zusammenhang vielleicht ganz spannend:
Jerrold M. Post "The Mind of the Terrorist: The Psychology of Terrorism from the IRA to al-Qaeda"
http://www.amazon.com/Mind-Terrorist-Psychology-Terrorism-al-Qaeda/dp/1403966117
Ingenieure. Hm. Rein subjektiv kommt es mir auch so vor, das z.B. unter Gegnern der Relativitätstheorie auch überdurchschnittlich viele Ingenieure sind. Gibt es irgendwelche objektiveren Statistiken dazu, ob Ingenieure überdurchschnitlich zu Crackpot- und Verschwörungstheorien neigen? Und wie sieht es mit anderen Berufsgruppen aus?