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Ali Arbia hat in Internationalen Beziehungen am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf promoviert. Er ist überzeugter Europäer, ein echtes Zoon Politikon und interessiert sich für fast alles ausser Sport (und selbst das manchmal).
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11.12.11 · 21:08 Uhr
Newt Gingrichs Dissertation
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur·Politik · Kommentare: 7
Guttenberg ist nicht der einzige Politiker, dessen Doktorarbeit wohl zum Leidwesen des Verfassers vom Standardschicksal der Versenkung gerettet wurde, weil ihr Autor im Scheinwerferlicht steht. Newt Gingrich, der neue mögliche US Präsidentschaftskandidat der Republikaner, musste sich dazu auch ein paar Fragen gefallen lassen.
Ich gebe zu, der Vergleich mit Guttenberg ist etwas unfair. Niemand stellte bisher die Eigenleistung von Gingrich in Frage oder unterstellte ihm gar ein Plagiat oder wissenschaftliches Fehlverhalten. Die Kritik ist rein inhaltlicher Natur.
Gingrich hat 1971 zur Bildungspolitik im Kongo nach dem Krieg promoviert (ja, ich gebe es zu, ich war überrascht). In seiner Dissertation hat er offensichtlich die belgische Kolonialherrschaft diesbezüglich eher positiv eingeschätzt (und scheint allgemein ein gewisses Wohlwollen der Kolonialpolitik entgegengebracht zu haben). Dies ist insofern erstaunlich, da es auch schon 1972 im Kontext der belgischen Kolonialherrschaft mindestens als ein Mangel an Sensibilität auszulegen ist, wenn festgestellt wird, dass diese im "Kongo kein Desaster" war.
Aber eigentlich ist das egal, denn es ist schlicht etwas seltsam, eine 40 Jahre alte Dissertation hervorzukramen und als Gegenargument für eine US Präsidentschaftskandidatur zu verwenden. Gingrich hat sicherlich genug andere Schwächen, die angesprochen werden müssen. Seine Dissertation war als wissenschaftliche Arbeit eingereicht und soll auch als solche diskutiert werden. Ihm heute eine politische Sichtweise auf der Basis einer 40 Jahre alten Dissertation zu unterstellen ist irgendwie nicht fair.
Der Blogeintrag der Autorin, die vor etwa zweieinhalb Jahren als erste über Gingrichs Dissertation geschrieben hat, spricht wahrscheinlich vielen, die durch diesen Fleischwolf gedreht wurde, aus dem Herzen:
Heaven forbid that any of us be judged by our dissertations. The last stage of earning a PhD is a miserable process, fraught with exhaustion, self-doubt, and the abuse of caffeine. By that point, most graduate students have given up on making a unique and brilliant contribution to the academy and are ready to settle for a dissertation that is good enough to get past a committee of scholars and the university's administrative authorities. A dissertation is not necessarily fully reflective of the author's views. Committee members' preferences have to be satisfied, which is one reason most newly minted PhDs significantly revise their dissertations before publishing them as books.
Gott bewahre, dass jemand von uns später auf der Basis unserer Dissertation beurteilt wird. Die letzte Phase einer Doktorarbeit ist eine elendige Prozedur, gezeichnet von Erschöpfung, Selbstzweifel und dem Missbrauch von Koffein. Die meisten Promovierenden haben zu diesem Zeitpunkt aufgegeben einen einzigartigen und brillanten Beitrag zum eigenen Forschungsgebiet beizusteuern und haben sich damit abgefunden, mit einer Dissertation zu leben, die ausreicht um eine wissenschaftliche Jury zu passieren und die universitäre Administration zu befriedigen. Eine Dissertation reflektiert auch nicht voll und ganz die Sicht des Autors respektive der Autorin. Die Präferenzen der Mitglieder der Jury müssen auch beachtet werden. Dies ist mitunter ein Grund, warum frisch promovierte oft signifikante Änderungen am Manuskript vornehmen, bevor sie diese als Buch publizieren.
Dies ist in meinen Augen nicht nur eine gute Zusammenfassung des Endspurts einer Doktorarbeit, sondern markiert auch ausgezeichnet die Abgrenzung zu den Vorwürfen an Guttenberg. Seine angeführte "Dreifachbelastung" und "Stress" sind nicht Extrembedingungen, die Fehlerhalten entschuldigen, sondern die Standardsituation. Viele schreiben dann vielleicht etwas, mit dem sie nur zum Teil glücklich sind. Das ist der Kompromiss den man eingeht weil man ehrlich ist. Betrug ist für die überwältigende Mehrheit eben trotzdem keine Option. So hat vielleicht auch Gingerich halt einfach etwas Dummes geschrieben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Autor: ali· 7 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (7)
Korinthen-lacker-mode on:
Auotrin -> Autorin
markeirt -> markiert
Danke. Korrigiert. Wenn er so trocken und faktisch daherkommt, wird er hier geschätzt, dieser Modus.
Naja, Gingrichs Diss könnte ja selbst als historisches Dokument interessant sein. Ich habe jetzt nur einmal die Einleitung gelesen, aber schon hier wird generell klar, als wie selbstverständlich das Recht auf die Transformation "traditioneller" zu "modernen" Gesellschaften gesehen wird (und ich bezweifle, dass Gingrich damals alleine mit dieser Sicht war).
Man kann vermutlich herrlich darüber streiten, inwiefern es überhaupt möglich wäre, auf lange Sicht die Unterwerfung (oder "Transformation") einer "traditionellen" unter eine "moderne" Gesellschaft zu verhindern, wenn letztere die Möglichkeit dazu hat. (Dass ein paar Mini-Gesellschaften wie die Pirahã heute nicht in den Rahmen der vorhandenen Staatsgefüge gepresst werden, dürfte ja auch eher der Tatsache geschuldet sein, dass davon niemand etwas hätte.) Aber die Tatsache, dass es so geschehen ist - und vielleicht auch gar nicht zu verhindern gewesen wäre - wie es geschehen ist, kann nicht als moralische Rechtfertigung dafür dienen, es getan zu haben. In der Einleitung zu Gingrichs Diss ist klar erkennbar, wie missionarisch er den Einfluss des Westens noch gesehen hat: er beschäftigt sich mit der Frage, wie man "traditionellen" Gesellschaften wohl Bildung zukommen lassen kann, damit sie zu "modernen" aufschließen. Kein Wort darüber - und das wird, wenn ich mich nicht irre, im aktuellen "Die-sollen-sich-nicht-immer-noch-auf-den-Kolonialismus-rausreden"-Diskurs über Staaten wie die DRC immer mehr zu einer Art "Argument" - dass zuerst einmal vorhandene Strukturen zerstört wurden, und zwar systematisch, wie bereits vor über hundert Jahren (!) dokumentiert (wie auch die Versklavung und Verstümmelung, buchstäblich und übertragen, ganzer Gesellschaften und die Verlogenheit des "Modernisierungs"-Arguments) etwa - genau - am Beispiel Freistaat Kongo:
http://www.jstor.org/stable/25119525?seq=1
Daher überrascht es mich ein wenig, ausgerechnet das komplizierte gesellschaftliche Gefüge im heutigen Kongo, der, seit das Königreich Kongo von den Portugiesen in Kontakt getreten wurde, einer massiven Einflussnahme von Außen ohne Rücksicht auf vorhandene Strukturen unterlegen ist, irgendwie als positives Beispiel einer "Modernisierung" durch den Westen heranzuziehen. (Interessant finde ich in diesem Zusammenhang den Umgang mit Landeigentum in matrilinealen Gesellschaften, die im Kongo vertreten waren und die ja nicht einfach das Spiegelbild patrilinealer sind - etwa wenn zwar über Frauen vererbt wird, aber die Männer die Kontrolle über den Besitz haben (siehe auch:"Impact of Privatisation on Gender and Property Rights in Africa", World Development, 25(8), p. 1317ff) Wie sehr haben Europäer bei Vertragsabschlüssen derartige "Feinheiten" wohl berücksichtig?)
Was den Impact seiner Diss auf Ginrgrichs Nominierung betrifft, sehe ich allerdings eine viel dankbarere Angriffsfläche für seine Gegner: dass Ginrich ausgiebig John Kenneth Galbraith zitiert, sollte ihm im politischen Spektrum, das von der GOP zur Zeit vertreten wird, doch augenblicklich das Genick brechen, oder? Zitieren ist noch untertrieben: auf ihn bezieht er sich, wenn er begründet, warum die Investition in "Humankapital" wesentlich wichtiger ist als Wirtschaftshilfe - warum also Bildung vor Geschäft geht, ein bestimmendes Element der Diss, zumindest laut Einleitung; einem erklärten Keynesianer und "big gubmint"-Sozialisten-Nazi wie Galbraith folgen, das würde sich zZ nicht einmal Obama trauen. Wenn jetzt noch ein Video auftaucht, wo Gingrich etwa gemeinsam mit Nancy Pelosi zu Maßnahmen gegen den Klimawandel..., uhm..., Moment mal... http://www.youtube.com/watch?v=qi6n_-wB154
Insgesamt ist ein Blick auf die aktuelle Lage der Bildungseinrichtungen in der RDC tatsächlich traurig, um es gelinde zu sagen. Die Homepage der Université de Kinshasa - der größten und "besten" des Landes - funktioniert nur alle heiligen Zeiten. Im Gegensatz zu anderen Unis des Landes wurde sie aber vor weniger als drei Jahren upgedated und beinhaltet tatsächlich ein paar Infos und nicht nur tote Links (wer etwas noch Traurigeres will: Homepage der Université de Lubumbashi, die zweitgrößte...). Hier ein paar Eindrücke wie es abseits de Hauptgebäudes in Kinshasa aussieht:
http://www.congovision.com/nouvelles/unikin_mawa.html
Und es ist ausdrücklich kein gutes Zeichen, dass diese Universität einen Atomreaktor besitzt! Leider sind das nicht nur Äußerlichkeiten, der Weltbank-Bericht aus 2005 ("Education in the Democratic Republic of Congo", als google Book in großen Teilen lesbar), zeichnet ein düsteres Bild (es liegt etwa Jahrzehnte zurück, dass die Bibliothek der UniKin ein neues Buch gekauft hat, nur als Detail...). Eine andere traurige Homepage voll toter Links und bar jedweder nützlichen Information über die Bildungseinrichtungen des Landes: die Seite des "Ministère de l'enseignement supérieur et universitaire", die es noch nicht einmal schafft, auch nur eine einzige seiner Universitäten aufzulisten - die Liste ist einfach leer (Homepage > Etablissements > Les Universités > Les Universités du Congo RD), und das betrifft fast alles, was man auf dieser Seite anklickt.
Aber Kabila hat ja versprochen den "Lancement de la campagne nationale de solidarité à l’enseignement en R.D. Congo" (nicht etwa in Japan, falls jemand glaubte...) usw. usf. (alles nachzulesen auf seiner Präsidenten-Homepage), man braucht sich also keine Sorgen machen... das heißt, wenn noch Geld übrig bleibt, das er braucht um den anderen, der sich im Moment für gewählt hält, auszuschalten, uhmmm..., Dingens..., ja genau: Thsisekedi! Aber Moment mal, das kann ja nicht sein, der hat ja exakt den gleichen Namen wie der, der schon den "crapeau" (sic!... er meinte wohl "crapaud", Chapaud, Herr Thsisekedi, ich bin beeindruckt) Lumumba dem sicheren Tode ausgeliefert hat (er konnte sich nur nicht gleich entscheiden wem), bei Mobutus Putschs dabei war und dann ganz groß in der Diktatur rausgekommen ist, SO EIN ZUFALL!!!11! Aber gut, dafür können die Belgier nichts, die Belgier haben ja jeden Kongolesen perfekt ausgebildet, das haben die Kongolesen wirklich selbst vermasselt, 50 Jahre nach der wirklich und echt total kompletten Unabhängigkeit muss einmal Schluss sein mit der Kolonialismus-Keule und so! Die Belgier hätten ja an sich hinterlassen: 1) super Straßen von jeder Kupfermine zur Küste, zum Wohle des kongolesischen Volkes, 2) super Unis, garantiert unabhängig vom belgischen Mutterland finanziert und - aber Hallo! - mit ausreichend kongolesischen Professoren bestückt (es waren irgendwo zwischen 10 und 15 kongolesische Akademiker im Land zum Zeitpunkt der "Unabhängigkeit", und das sind keine symbolischen Zahlen) und zum Wohle des kongolesischen Volkes, 3) einen Atomreaktor, zur intellektuellen Gemütsergötzigung eines jeden, der über einen Zaun springen oder ein Vorhängeschloss knacken kann und zum Wohle des kongolesischen Volkes, 4) schicke goldumrandete Sonnenbrillen für Mobutu und damit zum Wohle des kongolesischen Volkes und 5) rosarote Einhörner, aber die sind echt wirklich umstritten!
Ist doch völlig egal:
http://www.welt.de/politik/deutschland/article13763150/Guttenberg-beraet-EU-Kommission-zu-Internetfreiheit.html
Jawoll Eure Lordschaft!
Zweimal "Gingerich" ali? Wolltest du ihn zum Schweizer machen?
Ich denke übrigens nicht, dass man die Doktorabeit so ganz ignorieren sollte. Das Weltbid scheint sich bei Gingrich noch nicht wesentlich geändert zu haben. Und das ist durchaus relevant.
@ cydonia
Sie kennen sich aber auch gar nicht aus: Ali meine NorbertLöwi Gigerich, der das Alien aus "Alien" erfunden hat, ein gewichtiger Schweizer!
@cydonia
Ich habe aus ihm einen Ingwerling gemacht. Du hast ihm dafür im Kommentar dank dem Tippteufel das Greifen nach der Weltherrschaft unterstellt. Unentschieden?
Danke für den Hinweis. Ich habe es korrigiert.
Gerne ein Unentschieden, ali, aber.......ah, jetzt sehe ich es....Hmja, interessanter Fehler. Der Name kommt übrigens tatsächlich mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Berner Raum.....und vielleicht war es kein Tippfehler, sondern die Vorsehung hat mit mir in die Tasten gegriffen. Weh uns.....