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Ali Arbia hat in Internationalen Beziehungen am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf promoviert. Er ist überzeugter Europäer, ein echtes Zoon Politikon und interessiert sich für fast alles ausser Sport (und selbst das manchmal).

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18.04.11 · 16:49 Uhr

Migrationspolitik: Von der Enge in den Köpfen

Kategorie: Medien·Politik  ·  Kommentare: 13

Gestern war auf der NZZ Online ein Artikel zu lesen, der sich mit Einwanderung in die Schweiz beschäftigt (wer mir auf Twittert folgt, hat ihn vielleicht auch schon gelesen). Er illustriert schön, was mich an Migrationsdebatten ärgert. Man gibt vor mit Zahlen und Fakten ein Argument zu konstruieren, überzeugt aber bestenfalls durch das Ansprechen von Ressentiments.

Es war schon nach den einleitenden Sätze zu ahnen. Wenn jemand dafür gelobt wird, dass er "ausspricht, was viele denken" folgt meist nicht viel Gutes. Einmal davon abgesehen, dass dieser Satz ein Tabu suggeriert, ein Mythos den SVP, Sarrazin und Co. pflegen, weil sie damit den "wir-sind-eine-unterdrückte-Minderheit-Reflex" bedienen, das Volksgefühl ist kein Beleg für die Existenz eines Problems. Es ist mir bewusst, dass die Politik zur Stimmenmaximierung sich aus Prinzip solchen Phänomenen annimmt. Ich habe hingegen glücklicherweise die Freiheit die Faktenlage zu hinterfragen und den Bluff als solchen zu benennen ohne meinen Job zu gefährden. Also wieder einmal zum Mitschreiben: Die Mehrheit hat nicht immer recht.

Und nun zum Artikel. Er argumentiert schon fast in Malthusischer Tradition, dass es "eng" würde in der Schweiz und bei rückläufiger Geburtenquote ist es auch einfach den Schuldigen auszumachen: Die Einwanderung im Allgemeinen und die Personenfreizügigkeit mit der EU im Speziellen. Im Artikel werden vor allem offizielle Stellen zitiert, die auf die positiven ökonomischen Auswirkungen dieser Einwanderung hinweisen. Gleich wird aber zu bedenken gegeben, dass dies nicht für alle gelte. Was uns aber wirklich interessieren würde wäre doch der Netto-Effekt, oder?

Im Artikel tauchen ein paar mit Zahlen unterfütterte ein paar einfach so hingeworfene Argumente auf, warum es "eng wird in der Schweiz". Das erste ist das lächerlichste: Es fühle sich "schon jetzt eng an: Immer mehr Menschen drängen sich in die Züge, wollen dieselbe Wohnung, denselben Job, denselben Studienplatz." Die NZZ enttäuscht, wenn sie ernsthaft das Gefühl hat dass eine vermeintliche kollektive Klaustrophobie als Basis für die Migrationspolitik dienen sollte. Mit solchen Bauch-Argumenten sollte eine seriöse Zeitung nun wirklich nicht hausieren.

Das nächste Argument betrifft Imobilien-Preise und Mieten.

Spürbar wird dieser Zustrom beim knappen Boden. Gut betuchte Zuwanderer treiben die Preise von Wohnungen und Häusern in die Höhe, und zwar in den grossen Zentren und steuergünstigen Agglomerationen. Viele Einheimische werden wegen der hohen Mieten in die umliegenden Gemeinden abgedrängt.

Das ist ein Klassiker den man überall auf dem Globus findet und wenig mit Einwanderung selber zu tun hat. Ich habe Leute in Oregon über die Kalifornier klagen hören, die sich genau dieses Verbrechens schuldig machen. In Wales klagt man über die Reichen Londoner, die die Bodenpreise in die Höhe treiben. Es gibt bestimmt auch bei uns lokale Beispiele, wo die reichen Städter die ländliche Unschuld zerstören. Warum dafür die Einwandererung verantwortlich gemacht wird und nicht die Schweizer Verkaufenden, die das Geld gerne nehmen, ist mir ein Rätsel. Will man es denn als Problem definieren, dann ist es eines des freien Marktes und nicht der Migration. Aber ich bin mir nicht sicher ob die Alternativen besser wären und ziemlich sicher, dass die NZZ von diesen nichts wissen will.

Dann heisst es, dass der Verkehr zunehmen würde. Diese "Entwicklung beruht nicht nur auf der Bevölkerungszunahme - aber auch." Da würden mich dann die Zahlen interessieren. Wieviel dies von den 60% (Personenverkehr) und 70% (Güterverkehr) bleibt offen. Ebenso wie sich die Prognosen auf Privatverkehr und Öffentlichen Verkehr verteilen. Es waren wohl die einzigen Prognosen die man fand. Man hätte die Zahl also auch gleich weglassen können. Ich habe keine entsprechende Statistik gefunden und habe den Verdacht, dass der Autor diese auch nicht kennt (warum soll er sie sonst unerwähnt lassen?), aber die gefundenen Zahlen haben halt zu schön ins Konzept gepasst. Man könnte natürlich den Spiess auch umdrehen und sagen Wirtschaftsentwicklung schafft Problem weil der Verkehr entsprechend zunimmt. Man muss etwas gegen das Wachstum unternehmen. Aber die Migration zum Problem zu machen ist halt einfacher und einleuchtender.

Anschliessend wird der grosse Anteil von ausländischen Studierenden beklagt. Kein Aufrechnen was das für den internationalen Forschungsstandort Schweiz bedeutet. Wieviele helvetische Studentinnen und Studenten es im Ausland gibt (es gilt ja Gegenrecht). Das Argument bleibt völlig eindimensional, mit der zu ziehenden Schlussfolgerung fest im Blick: Wir haben nicht genug Platz und Ausländerinnen und Ausländer nehmen diesen weg.

Zu guter Letzt wird auch noch der Energieverbrauch bemüht. Klar, mehr Menschen brauchen mehr Energie. Ist dies nun wegen der Sorge um den CO2 Ausstoss? Dann wird es wohl eine Enttäuschung sein für die NZZ zu hören, dass diese Leute eben so viel Emissionen in Lörrach und Anemasse verusachen werden wie in Basel und Genf. Geht es aber um die Schweizer Energiepolitik: Die Eingewanderten zahlen schliesslich dafür mit ihren Steuern (oft ohne Mitsprache) und ausserdem ist Wirtschaftswachstum alles andere als gut will man den Energieverbrauch reduzieren. Zahlen wie die Einwanderung den Verbrauch beeinflusst gibt es keine, nur eine Prognose über die Zunahme des Gesamtenergieverbrauchs. Ich äussere einmal den Verdacht, dass die weniger "schlimmen", will heissen reichen und gut ausgebildeten Migrantinnen und Migranten durchschnittlich mehr Energie pro Kopf verbrauchen. Wieder stelle ich mir die Frage: Will man hier nicht einfach mit suggestiven Zahlen belegen, was man sich von Anfang an in den Kopf gesetzt hat?

Das letzte Argument betrifft die Sozialversicherungen. Ausländerinnnen und Ausländer und die Sozialversicherungen sind immer eine garantiert explosive Mischung, die das Blut der Massen zum kochen bringt. Die NZZ verzichtet dort ganz auf die Nennung von Zahlen. Es werden nur zwei Politiker zitiert. Wir wissen nicht, wie hoch diese Ausgaben sind, ob es Schätzungen gibt und schon gar nicht was das Netto bedeutet (stützt die Einwanderung doch zum Beispiel die Altersvorsorge).

Ohne wirkliche Zahlen und auf wackligem Fundament wird die Migration also für zukünftige Probleme verantwortlich gemacht. Widersprochen wird dem wohl kaum werden, schliesslich ist das ja nur "was alle denken." Wenn der im Artikel zitierte Rudolf Strahm dann sagt man müsse etwas tun, weil es sich sonst politisch wieder "entladen" würde, stimme ich ihm da zu. Nur nicht mit vorauseilendem gehorsam. Vielleicht versuchen wir es für einmal mit einer ehrlichen Debatte und echten Fakten.

 

Autor: ali· 13 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (13)

Kommentar-Direktlink JLN· 18.04.11 · 18:04 Uhr

Danke. Danke. Danke.

Ich habe den Artikel gestern ebenso gelesen und mich dabei gewundert, was dieses Stück SVP-Propaganda in der sonst so respektablen NZZ zu suchen hat. Meine Reaktion fiel ähnlich wie deine aus, wenn auch nicht ansatzweise so gut formuliert oder differenziert. Wenn eine ehrliche Kosten-Nutzen-Rechnung gemacht worden wäre, wenn den Vorteilen der (Im)Migration genauso Raum gegeben wäre wie den Nachteilen hätte es ein interessanter Artikel werden können. Stattdessen wird ein Strohmann aufgebaut, dem man die Probleme der Schweiz zuschreiben kann, der aber weder wirklich dafür verantwortlich ist, noch ein Mitspracherecht hat (und heutezutage nicht einmal mehr Gleichbehandlung vor Gericht erwarten kann... der Ausschaffungsinitiative sei 'Dank').

Überhaupt war mir, als hätte ich diesen (oder einen in Form und Inhalt ähnlich vorurteilsbehafteten und inkohärenten) Artikel erst kürzlich in Köppels tendenziösem Blättchen gesehen. Wenn die NZZ der Weltwoche hinterher hinkt ist das kein schöner Anblick... und keine gute Voraussetzung für eine gute Politik in der Schweiz. Quo vadis, Helvetia?

Kommentar-Direktlink Michael Klein· 18.04.11 · 18:33 Uhr

Ich kenne den Artikel in der NZZ nicht und habe ehrlich gesagt auch keine Lust ihn zu lesen, denn die Argumentation scheint ziemlich plump zu sein. Allerdings hat der Artikel auch sein Gutes, denn wenn dessen Autor das, was er schreibt, wirklich ernst meint, dann muss er für eine generelle Geburtenbeschränkung eintreten, und das ist ja mal eine fortschrittliche Idee, die ich Schweizern gar nicht zugetraut hätte ... Allein die Vorstellung, dass sich Personen wie der Autor dieses Artikels nicht auch noch fortpflanzen hat doch bereits etwas Tröstliches.

Kommentar-Direktlink cydonia· 18.04.11 · 19:22 Uhr

Verbeugung vor der sauberen Argumentation!
Und ein kleines Zitat: "Ich habe ja nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier!"von René Goscinny, Agecanonix (Methusalix) in den Mund gelegt.
Ich denke wirklich, dass genau das eines der Grundprobleme ist: Menschen mit anderem Hintergrund, anderem Aussehen, anderem Pass,...wird das Menschsein subtil oder weniger subtil abgesprochen, mit dem Argument "Die dürfen das nicht, weil sie anders sind". Worin das Anderssein wirklich besteht, und warum es ein Problem darstellen sollte, wird hingegen nicht thematisiert. Außerdem wird die gefühlte eigene Gruppe von den Fremdphobikern zum homogenen Gebilde mit absolut gleichen Vorstellung(nämlich den ihren) stilisiert. Merkwürdig und nicht logisch, aber leider für manche Bevölkerungsteile immer noch überzeugend.

Kommentar-Direktlink dirk· 18.04.11 · 21:15 Uhr

Liebe Schweizer,
ihr habt ja so recht, all die Fremden in eurem schönen Land, das geht doch nicht. Bitte schickt umgehend Schumi und Theo Müller wieder nach Hause, denn da gehören sie hin!

Im Gegenzug müsst ihr uns aber Versprechen, dass Roger Köppel an keiner Talkshow im deutschen Fernsehen mehr teilnimmt, denn Menschen mit schweizer Dialekt werden hier sehr ernst genommen, was im Falle des Herrn Köppel fatal ist.

Kommentar-Direktlink dirk· 18.04.11 · 21:15 Uhr

Liebe Schweizer,
ihr habt ja so recht, all die Fremden in eurem schönen Land, das geht doch nicht. Bitte schickt umgehend Schumi und Theo Müller wieder nach Hause, denn da gehören sie hin!

Im Gegenzug müsst ihr uns aber Versprechen, dass Roger Köppel an keiner Talkshow im deutschen Fernsehen mehr teilnimmt, denn Menschen mit schweizer Dialekt werden hier sehr ernst genommen, was im Falle des Herrn Köppel fatal ist.

Kommentar-Direktlink dirk· 18.04.11 · 21:17 Uhr

Tschuldigung doppelt wegen Fingerkrampf

Kommentar-Direktlink Manuel· 19.04.11 · 06:48 Uhr

In Kürze: Tumbester Populismus bei der NZZ -leider.

Kommentar-Direktlink Klaus· 19.04.11 · 10:19 Uhr

Wer nimmt den Clown Köppel denn ernst? Ha ha ha!

Kommentar-Direktlink miesepeter3· 19.04.11 · 13:21 Uhr

@Ali Arbia

Die Ablehnung von allem Fremden entsteht in fast allen Fällen aus Angst. Angst ist ein Gefühl, dass sich fast immer dem Intellekt und der Denkfähigkeit entzieht. Sie kommt aus viel älteren Schichten als dem Großhirn. Diese Fremdenangst (und damit Feindlichkeit) kann sich auf die Familie beschränken, auf die Dorfgemeinschaft, auf die Nation oder auf die Hautfarbe. Ich fürchte durch Argumente allein wird diese Angst nicht zu besiegen sein. Vorleben einerseits und Aufklärung inklusive sich gewöhnen an Fremde ist der einzig wirksame Weg, und das dauert. Mache Angst ist so groß, das sie durch nichts zu überwinden ist. Daher wird es immer noch ein paar Ewiggestrige geben. Es ist bedauerlich, aber oft genug werden diese Ängste ausgenutzt und gefördert, um bestimmte politische Ziele zu erreichen.

@Cydonia

Das Zitat ist noch ein wenig umfangreicher : "Ich habe ja nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden sind nicht von hier."
Damit wird der Begriff "Fremde" aufgeteilt in gute Fremde und schlechte Fremde und damit ad absurdum geführt und löst eben die gewollten Lacher aus. Auch hier ist das Mißtrauen gegenüber Fremden Auslöser der Angst, nur dass die Gallier aufgrund des Zaubertrankes keine Angst zu haben brauchten.
Unsereiner hat diesen Zaubertrank leider nicht.

Kommentar-Direktlink Christine· 19.04.11 · 13:24 Uhr

Naja, was soll man dazu noch sagen ?!?!

url im Namen entfernt wegen Spamverdacht.

Kommentar-Direktlink Linki· 25.04.11 · 14:40 Uhr

"Das ist ein Klassiker den man überall auf dem Globus findet.... Es gibt bestimmt auch bei uns lokale Beispiele, wo die reichen Städter die ländliche Unschuld zerstören."

Gentrifizierung. Frag mal die irgendwie Linksalternativen, die leiden da sehr drunter...

Kommentar-Direktlink Alex Schneider· 14.05.11 · 18:25 Uhr

Zuwanderung über Anpassung des EU-Vertrags zur Personenfreizügigkeit reduzieren!

Die SP will die Personenfreizügigkeit über eine Verschärfung von Kontrollen in den Griff bekommen. Wer den Schweizer Rechtsvollzug kennt weiss, dass Kontrollen hier immer nur stichprobenweise vorgenommen werden und dabei immer neue Schlupflöcher entstehen. Nur über eine Anpassung des Vertrags zur Personenfreizügigkeit mit der EU kann die heute zu hohe Zuwanderung wirksam reduziert werden. Das ist der vernünftige Vorschlag der SVP. Die Schweiz ist keine Maus, die vor der Schlange EU Angst haben muss. Wir haben bei den Neuverhandlungen diverse Trümpfe in der Hand.

Kommentar-Direktlink JLN· 19.05.11 · 10:15 Uhr

@Alex Schneider:

Ist die Zuwanderung denn zu hoch? Warum? Und bringen Sie bitte nicht einen der Punkte die in diesem Blogpost zerpflückt wurden.

Oh, und welche Trümpfe hat die Schweiz in der Hand? Es ist für die Schweiz wichtiger als für die EU, dass die Bilateralen bestehen bleiben. Ich stimme zu, dass man vor der EU keine Angst haben muss (wenn wohl auch aus anderen Gründen als Sie), Aber die Schweiz sollte sich auch bewusst sein dass ihre Hand nicht besonders gut ist.

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