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22.05.10 · 10:30 Uhr
[Gastbeitrag] Vatikan AG: Ein Manifest der Heuchelei
Kategorie: Kultur·Recht·Religion · Kommentare: 8
Die folgende Buchbesprechung ist ein Gastbeitrag von Niko Alm (bei ihm im Blog zuerst veröffentlicht). Es geht um ein Buch eines italienischen Journalisten über die Geschäftspraktiken des Vatikans. Ich selber habe das Buch nicht gelesen, aber stimmen die Vorwürfe des italienischen Autors, würde mich das kaum überraschen. Nicht weil im Vatikan die schlechteren Menschen sind. Im Gegenteil, weil trotz gegenteiliger Beteuerungen der katholischen Kirche auch dort keine besseren sind. Menschen, die ebenso sehr oder wenig anfällig auf die Verlockung von Geld und Macht sind wie alle anderen auch.
Passend zu den aktuellen Missbrauchsaffären erscheint jetzt mit „Vatikan AG" (2009 im italienischen Original „Vaticano S.p.A.") das nächste Dokument katholischer Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi bringt darin u. a. die Machenschaften der Vatikanbank von Geldwäsche bis Mafia ans Licht. Aber die darin beschriebenen Skandale betreffen weit mehr als das "verkrampfte Verhältnis der Kirche zum Geld". Sie sind Beleg für die fortgesetzte Heuchelei der katholischen Kirche.
4.000 Dokumente hinterließ Renato Dardozzi, einer der wichtigsten Mitarbeiter der Vatikanbank, nach seinem Tod dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi, der diese in monatelanger Arbeit auswertete und zu einer Faktensammlung in Buchform verdichtete. Die Publikation beinhaltet schwerwiegende Anschuldigungen gegen das IOR (Istituto per le Opere di Religione) vulgo Vatikanbank im Besonderen und gegen die katholische Kirche generell.
Die auf vielen Seiten ausgebreiteten, langwierigen Erklärungen der Geldflüsse und Verstrickungen von allen möglichen Kardinälen, Prälaten und Monsignori lesen sich natürlich nicht wie der in Rezensionen oft gebrachte Vergleich eines Krimis, aber das darf von einem derartigen Buch auch nicht erwartet werden. Die Vatikan AG ist ein Sachbuch, das in zweierlei Hinsicht aufklärend wirkt:
Da ist zunächst der offensichtliche Skandal, der den Vatikan in eine Reihe mit dubiosen
Inselstaaten rückt, deren Bankinstitute für alle möglichen Wasch- und
Betrugsvorgänge herangezogen werden, die mit der Legislative moderner,
demokratischer Staaten nicht vereinbar sind.
Kurz zusammengefasst betreibt der Vatikan mit dem IOR eine Bank, die sich
üblichen Kontrollen entzieht und deren Handlungsbevollmächtigte als geistliche
Würdenträger (was für ein Wort...) durch die Lateranverträge
vor strafrechtlicher Verfolgung bewahrt. Diese Narrenfreiheit wurde –
nunmehr nachgewiesen – jahrelang weidlich genützt. So wurden u. a. im
Rahmen der Enimont-Affäre Schmiergelder in Höhe von 88,9 Milliarden Lire über
das IOR geschleust, es gab personelle Verstrickungen von Ministerpräsident
Andreotti bis hin zur Mafia selbst usw. usf. Bei all dem ist anzunehmen, dass
Nuzzi in seinem Buch nur Dinge verwertet hat, die absolut wasserdicht sind.
Anders ist wohl auch nicht zu erklären, dass er weder geklagt noch sonst
irgendwie öffentlich attackiert wurde.
War das alles?
Sind wir damit schon am Ende des Skandals angelangt? Hunderte Milliarden Lire sind ein schönes Stück Asche. Geldwäsche, Mafia, Rücktritte, etc. sprechen eine deutliche Sprache. Die Schweigetaktik des Heiligen Stuhls scheint angesichts der jüngsten Konsequenzen auch nur bedingt funktioniert zu haben. Der Vatikan unterzeichnet im November 2009 ein Währungsabkommen mit der EU. Das zentrale Amt des Prälaten im IOR wurde im Jänner 2010 abgeschafft. Doch die eigentlichen Verfehlungen werden weder von Nuzzi, noch von Medien explizit verarbeitet: Die katholische Kirche ist mit einem überbordenden Glaubwürdigkeitsproblem konfrontiert, das mittlerweile so offensichtlich ist, dass darüber gar nicht mehr gesprochen wird.
Für Nicht-Gläubige, die das auf unbewiesenen und unbeweisbaren Behauptungen gebaute System Kirche, das Milliarden Menschen zur Leichtgläubigkeit verführt nicht nachvollziehen können, sind derartige Skandale wenig überraschend.
„De Bonis' Offshore-System speiste sich also auch aus Geldern, die Gläubige zum Gedenken an Verstorbene einbezahlt hatten."
Vatikan AG, S. 94
Aber gläubigen Katholiken muss es bei genauerer Betrachtung der Abläufe im IOR den Magen umdrehen. Hier wurden karitative Einrichtungen und „fiktive Stiftungen" dazu benützt, Geld einzusammeln und im Kreis zu schicken. Nuzzi ergänzt, was offensichtlich ist: „Allerdings waren nur die allerwenigsten Gelder dieses Kontos für wohltätige Zwecke bestimmt."
Unter dem Deckmantel der Mildtätigkeit wurden „... als karitative Werke getarnte Geschäfte ..." abgewickelt. Eine Vorgangsweise, die in der katholischen Kirche vermutlich schon lange Praxis ist. An dieser Stelle sei auch auf die kritische Würdigung einer anderen Paradeheiligen verwiesen, die wohl ausreichend Material für ein Buch mit dem Titel „Mutter Teresa AG" bereithielte. In einem Text auf mutter-teresa.info heißt es: „Interessanterweise legt der Orden seine Finanzen nicht offen, obwohl dies nach indischem Recht für Hilfsorganisationen vorgeschrieben ist. ... Das meiste Geld des Ordens landet in Rom, auf einem Konto bei der Vatikanbank. Was auch immer dort damit geschieht – den Armen der Welt kommt es nicht zugute."
Die in ihrem Kern sicher aufrichtigen Bemühungen karitativer Institutionen sind trotz allem nichts weiter als die größten Marketing-Aufwendungen der katholischen Kirche. Aufwendungen, die oft nicht einmal von der Institution selbst getragen werden. Zum Beispiel sind weniger als 10% des Budgets der Caritas in Österreich über Spenden (inkl. Erbschaften) finanziert, die Kirche selbst leistet einen ebenso geringen Anteil, d. h. weit über 80% der Finanzierung werden durch das säkulare Österreich getragen. Ohne die Leistung derartiger Organisationen schmälern zu wollen, muss an dieser Stelle gefragt werden, ob die Kirche hier nicht über mehr (moralisch) zweckgebundene Mittel verfügt, als sie zugibt. Die Konten des IOR legen das Nahe: „Aber man irrt sich gewaltig , wenn man glaubt, diese Schwestern wären arm wie Kirchenmäuse gewesen. Das Guthaben der Ancelle betrug 55,4 Milliarden Lire, umgerechnet 43,5 Millionen Euro." Die humanitäre Vorbereitung auf das Jenseits ist laut Nuzzi ein gutes Geschäft: „Psychiatrische Kliniken und Altenheime waren immer schon hochprofitabel". Und dennoch investiert die Republik Italien jährlich ca. 9 Milliarden Euro direkt oder indirekt in den Vatikan.
Wusste der Papst davon?
Der Papst wusste von den Vorkommnissen, was
selbstverständlich durch Dardozzis Dokumente belegbar ist. Ebenso
selbstverständlich schwieg er dazu, wie er es auch bei anderen Anlässen zum
Teil in Form von Hirtenbriefen gerne tut (siehe aktuelle Missbrauchsfälle
Irland).
Das achte Gebot „Du sollst nicht lügen" gilt für den Vatikan nicht.
Täuschungsmanöver und Vertuschung sind ständige Begleiterscheinungen seiner
Geldgeschäfte. „Der Vatikan möchte nicht preisgeben, woher seine Gelder stammen
und wohin sie gehen." Während auf der einen Seite „akribisch genau die Kosten
für das Papier der Sonderbriefmarken beziffert werden", fehlen andererseits
einfach Teile der Bilanzen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Einkünfte landet
überhaupt gleich direkt in der Privatschatulle des Papstes. So konnte Papst
Johannes Paul II im Jahr 1994 über 166,9 Milliarden Lire frei disponieren. Auch
der Peterspfennig (jährliche Kollekte vom 29. Juni) scheint in keinen Bilanzen
auf und steht dem Papst persönlich zur Verfügung. Im Jahr 2006 konnte sich
Joseph Ratzinger über satte 101,9 Millionen US-Dollar aus dem globalen
Klingelbeutel freuen.
Ratzinger wird im Buch übrigens kaum mit einem Wort erwähnt und es ist sehr stark anzunehmen, dass Nuzzi sich hier nicht den Mund verbrennen will, zumal er sicher genug Material hatte ohne auf Verwicklungen des amtierenden Papstes zurückgreifen zu müssen. Und wie der Autor selbst sagt: „Das Buch ist explizit nicht antiklerikal. Ich hätte kein Exemplar von Vatikan AG verkauft, wenn ich dem Vatikan unterstellt hätte, kriminell zu sein."
Täuschung als Geschäftsgrundlage?
Auch wenn die Machenschaften des IOR vordergründig skandalös erscheinen, wird das eigentliche Problem des Vatikans in Nebensätzen und Fußnoten evident. Hier ist eine Organisation am Werk, die aus der Verkündung absoluter Wahrheiten Lebensvorschriften ableitet, an die sie sich selbst nicht hält. Nichts legt den Schluss nahe, dass das unlautere Geschäftsgebaren der katholischen Kirche sich auf den IOR beschränkt. Die Frage ist vielmehr, ob Lüge und Vertuschung in dieser Organisation nicht systemimmanent sind.
Gianluigi Nuzzi: „Oft zeugten schon die Kontozuschreibungen selbst von Heuchelei und Zynismus. Das Konto '001-3—15924-C' benannte der Prälat des IOR um in 'Fondazione mamma de Bonis, lotta alla leucemia [Stiftung Mama de Bonis, Kampf gegen die Leukämie]"
Niko Alm
Autor: ali· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (8)
Wb·
22.05.10 · 13:09 Uhr
Soso.Irgendwie vermisst der Webbaer auch substanzielle Vorhalte, liegts an ihm?
Davon abgesehen - eine Kirche, die sich dem Monetarismus kritisch gibt, auch aus biblischen Begründungen heraus, ist in einer paradoxen Situation, denn ohne Kohle dampfen nun mal die Kirchenöfen nicht.
Dieses Paradoxon ist "systemimmanent", zweifelsohne, Scientology hat hier weniger Probleme, andere Glaubensrichtungen, die bspw. den Zins ablehnen, leiden aber ähnlich.
MFG
Wb
...
Offensichtlich liegt's an ihm.
Julius Cäsar·
27.05.10 · 07:56 Uhr
Welche absoluten Wahrheiten sind das genau?Die katholische Kirche ist vernunftbasiert und versteht den Glaubensentscheid theologisch als Setzung, insofern predigt sie eben nicht -wie hier behauptet- absolute Wahrheiten.
Übrigens ist dieses Glaubensverständnis Rückgrat unserer Zivilisation (und der Vortrag als antireligionistisch/antichristlich einzuordnen).
MFG
Wb
Na super, da hab ich mir extra das Heavy Duty Orac 3000+ Ironiemeter geholt und dann sowas. Der war teuer der Kasten, jetzt ist nur noch ein glühender Haufen übrig :(
@Webbaer
"und versteht den Glaubensentscheid theologisch als Setzung,"
Jetzt nochmals langsam für mich Idioten.... was soll das genau heissen?
@Thomas J
Looky here, Verstehen erst einmal auf Ihrer Seite.
Der Glaubensentscheid als Setzung ist denn auch die Grundlage für eine Theologie, die den Namen verdient, viele Religionen haben schlichtweg keine Theologie, sind Gottes Wort oder wie Sie das nennen mögen.
Iss ja kein Zufall, dass Europa mit seiner jüdisch-christlichen (oder andersrum :) Weltanschauung Standort der mod. Wissenchaftlichkeit, der mod. Wirtschaftlichkeit und der mod. Dekadenz werden konnte. :)
Hätte ja auch noch, sagen wir mal, 50k Jahre mit Pyramidenbau, der Kriegskunst und dem Wahnsinn weitergehen können...
Wichtig erst mal die Argumentation zu verstehen, mal vom Örgsein wegkommen, höhö. ;)
MFG
Wb
PS: Nein, danke wg.der Frage, Wb nicht glaubensgebunden.