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18.03.10 · 09:52 Uhr
Milgram reloaded im französischen Fernsehen
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur · Kommentare: 9
Eine französische Doku hat das berühmte Milgram Experiment in einem leicht anderen Kontext wiederholt. In einer angeblichen Quizshow wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu angehalten, einen Mitbewerber (in Wirklichkeit ein Schauspieler) bei falschen Antworten bis zu einer tödlichen Ladung mit Elektroschocks zu malträtieren. Fast alle gingen bis zum bitteren Ende.
Es gab nicht einmal etwas zu gewinnen, den Teilnehmenden wurde gesagt, es handle sich um eine Testshow. Trotzdem schreckten gemäss BBC nur 16 der 80 Teilnehmenden vor dem letzten tödlichen Schock zurück.
Zuerst einmal ist es schockierend wie viele der Teilnehmenden offensichtlich bereit waren einem Mitmenschen Schmerzen zuzufügen. Was mich fast noch mehr überraschte ist, dass ich gemeint hätte, dass das Milgram Experiment (welches hier übrigens auch schon thematisiert wurde) doch auch ins populäre Bewusstsein vorgedrungen ist und schon alleine deshalb die Leute die Lunte hätten riechen müssen.
Das TV Experiment lässt in meinen Augen auch nur beschränkte Schlüsse zu. Erstens ist der Rahmen einer TV Show speziell. Viele Menschen leben einen Teil ihres Lebens im TV. Das Medium Film und TV lebt doch von der möglichst perfekten Illusion. Sollen nicht auch Reality-Shows Authentizität zeigen und sind sie im Grunde aber halt nicht doch immer nur Kunstprodukte (als TV-loser Mensch urteile ich nur von den wenigen kurzen Ausschnitten die ich von solchen Shows gesehen habe)? Ich vermute viele haben Mühe zwischen Realität und Fiktion zu trennen in diesem Zusammenhang. Der Elektroschock und der Schmerz sind nur teilweise real. Man könnte sogar fast argumentieren, dass die gestellte Situation 'intuitiv durchschaut' wurde. Zweitens ist die 'Show' wohl mit dem Ziel konzipiert worden zu schockieren und zu zeigen, dass Menschen zu vielem bereit sind, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist. Wir wissen zudem nicht wie die Teilnehmenden rekrutiert wurden (hat man selektioniert, nach welchen Kriterien) und wir wissen auch nicht, wie das Endprodukt zusammengeschnitten wurde. Ganz sicher nicht, wie man ein Experiment aufbauen sollte von dem man sich wirklich Erkenntnisse erhofft.
Was mich zudem stört ist ein Problem ethischer Natur. In der Schweiz haben wir gerade über einen Verfassungsartikel zur Forschung am Menschen abgestimmt (der deutlich angenommen wurde). Warum darf TV ohne Kontrolle und mit kaum Erkenntnisgewinn tun, was in der Wissenschaft streng geregelt ist. Warum lassen sich so viele Menschen ohne grosse Bedenken durch solche Sendungen unterhalten, sind aber gleichzeitig zutiefst misstrauisch wenn es um Forschung geht? Ich finde solche ethischen Regeln wichtig. Sie sollten aber für alle gelten. Die öffentliche Wahrnehmung und der Gesetzgeber scheinen hier aber Doppelstandards anzulegen.
Autor: ali· 9 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
Trackbacks (2)
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Milgrams missverstandenes Experiment · zoon politikon · 08.02.12 · 14:24 Uhr
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Kommentare (9)
Auf arte gab es gestern einen Kurzbericht über die Show -- evtl finde ich den Link dazu noch.
Jedenfalls wirkte der gezeigte Sendungsmitschnitt mehr als surreal. Einzig eine Situation in der sich eine Kandidatin weigerte weiter zu machen. Sie wurde folglich von der Moderatorin weiter ermutigt, auch mit dem Hinweis, dass die Sendung ja die Verantwortung trägt.
Ich stelle das ganze Sendungskonzept infrage & zweifle sogar daran, dass irgendein sinnvoller Hintergrund vermittelt werden soll. Daher würde es mich nicht überraschen, wenn der Selectionbias ausgeprägt stattgefunden hätte & zusätzlich den Kandidaten Details wie Maximalbelastung vorenthalten wurde (falls nicht ohnehin alles gestellt ist).
Dafür, dass die Sendung gestaged ist würde sprechen, dass es für den Sender enorm verlustreich gewesen wäre, wenn das Ergebnis ein anderes gewesen wäre.
Ich habe vorgestern nur mal kurz reingezappt. Deine Vermutung, Ali, ist absolut richtig. Die Kandidaten haben das mit Sicherheit intuitiv, vielleicht sogar streng analytisch durchschaut. Durchs Programm fuehrte die frz Wettertante des zweiten Kanals. Die Vorstellung, dass in Anwesenheit der taeglichen Wetteransagerin jemand von Ihnen selbst zu Tode gegrillt werden durfte, war den meisten wahrscheinlich irgendwie absurd.
Sie haben mitgemacht weil fuer Sie die Situation unter Kontrolle war.
Wenn einem der Gottschalk in einer TV Sendung eine Knarre gibt und sagt, fuer 50 Riesen muesse man einmal auf ihn einschiessen, dann kann man das doch auch relativ unbesorgt tun. In diesem Fall handelt es sich sogar um eine Double Win Situation.
Kleiner Scherz.
Ihr überseht in eurer Ablehnung einen zentralen Aspekt - sowohl des Milgram-Experiments als auch den zentralen Aspekt der TV-Show. Was ihr als "intuitiv durchschauen" bezeichnet ist schlicht und ergreifend Gehorsamkeit. Das entkräftet also nicht die Ergebnisse, sondern unterstreicht sie. Denn euer "intuitives Durchschauen" ist durch exakt dasselbe gekennzeichnet wie Gehorsamkeit: man leugnet jegliche eigene Verantwortung. Das ist das eigentliche Prinzip. Ob man sagt der Vorgesetzte wisse schon, was er tue und trage die Verantwortung oder ob man statt Vorgesetzter Gottschalk sagt spielt keine Rolle. Man leugnet die eigene Verantwortung und überträgt sie vollständig jemand anderem. Und wenn der andere verantwortungslos ist? Wenn etwas schreckliches dabei herauskommt? Nun, dann ist selbstverständlich der andere schuld. Man selbst hat immerhin nur Befehle ausgeführt. Kennt man ja. Als ob ein Staat seine eigenen Bürger zusammentreiben und ermorden würde. Als ob eine Fernsehshow leichtfertig mit dem Leben anderer Menschen umginge. Was für absurde Gedanken. Und falls doch, man trägt ja keine Verantwortung, richtig?
Die Vorstellung, dass in Anwesenheit der taeglichen Wetteransagerin jemand von Ihnen selbst zu Tode gegrillt werden durfte, war den meisten wahrscheinlich irgendwie absurd.
Und die Vorstellung, ein Wissenschaftler an einer amerikanischen Universität würde zu Versuchszwecken freiwillige Versuchsteilnehmer zu Tode foltern lassen, ist weniger absurd?
Trotz meines etwas schnippischen Tons - sorry - ist die Frage ernst gemeint. Wenn dieser Überlegung für das TV Experiment zutrifft, gilt dann nicht auch das gleiche für das ursprüngliche Milgram-Experiment?
Sage mir, wem Du gehorchst und ich sage Dir, was für`n armes Würstchen Du bist.
Es ist eine Schande, wie manche Menschen ihre Verantwortung ablegen wie einen Mantel.
Stefan, ich stimme Dir generell zu, glaube aber, dass von psychologischer Seite komplexere Untersuchungen über die stattfindenden Mechanismen benötigt werden, um diese Schlüsse ziehen zu können. Der Augenschein (auch der Fernbeurteilung) spricht jedenfalls dafür.
Ali, Dein Artikel ist extrem gelungen, und zwar deshalb, weil er die Frage nach der Legitimation dieser und anderer Sendungskonzepte aufwirft. Gab es nicht einen Film, in dem der Kandidat Russisches Roulette spielen sollte? Sollte die Legitimation hier wirklich den Quoten vorbehalten bleiben? Wozu leben wir dann im einen Rehctsstaat, in dem auch Prävention groß geschrieben wird? Außerdem wird mit dem Artikel klar, dass wohl die meisten Leute zur Unterhaltung derartige Reality Shows ansehen, während sie andererseits aufschreien, wenn es um (wahlweise einfügen): Sterbegesetze, Abtreibungsgesetze, Stammzellforschung, Organspendeausweise etc. geht.
Das ist wirklich ein ethisches Reality-Fiasko.
Redfox·
18.03.10 · 16:44 Uhr
Das Millionenspiel?Ich persönlich finde Folter extrem schlimm und durch nichts zu rechtfertigen. Allerdings denke ich sind da weniger die Folterer strafrechtlich zu belangen sondern eher die Menschen die das anordnen. Ich habe mich etwas mit dem Milgram Experiment beschäftigt und da kommt ganz klar zum Ausdruck, wie die Menschen manipuliert werden. Gut ich bin erst am Anfang meiner Psychologie Studien, aber die Ergebnisse des Milgram Expirements sprechen einfach für sich.
@Zelina
Es gibt gewisse Verbrechen wo man juristisch 'Ich habe nur auf Befehl gehandelt' nicht gelten lässt, weil man der Meinung ist, dass sie eine Transgression einer allen gemeinsamen Menschlichkeit sind. Ich finde dies bei Folter eine nachvollziebare und gerechtfertigte Argumentation.
Ich finde nicht. Experimente (oder Studien) sprechen kaum jemals für sich. Der Milgram Versuch ist ein gutes Beispiel dafür. Erstens fand dieses durchaus auch in einem geschützten 'universitären' Rahmen statt und zweitens spielte der Experimentator durchaus auch eine Rolle (siehe Erfahrungsbericht im von mir oben verlinkten eigenen Blogpost).