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11.03.10 · 11:08 Uhr
Buchbesprechung: Michael Specter - Denialism
Kategorie: Kultur·Medizin·Naturwissenschaften·Politik·Themenwoche·Umwelt · Kommentare: 10
Das Buch habe ich nun schon eine ganze Weile zu Ende gelesen, bin aber bisher nicht dazu gekommen es hier zu besprechen. Dies hole ich jetzt nach.
Specter hat eine Art Manifest verfasst. Ein Manifest in welchem der Wissenschaftsjournalist des New Yorker Magazine anhand von Beispielen aufzuzeigen versucht wie sich Angst und Misstrauen gegenüber der Wissenschaft festgesetzt haben und wie dies eine Gefahr für den Planeten und uns Menschen zur Folge hat. Dieses Phänomen fasst er unter dem Begriff Denialism zusammen, weil was diesen ganz unterschiedlichen Gruppen gemeinsam ist, ist das sie wissenschafltich etablierte Fakten leugnen,1 wenn diese nicht ihre Sicht der Dinge bestätigen.
Die Beispiele die er aufgreift sind typisch für die USA (darum bezweifle ich ob das Buch je auf Deutsch erscheinen wird). Er schreibt über die Angst vor der Pharma-Verschwörung, den Impfverweigerern, dem wie er es nennt 'Bio-Fetisch', Nahrungsergänzungsstoffe und das Tabu von Ethnie und Genetik.2 Man findet zwar alle diese Formen von Denialism inklusive ähnliche Argumentation bei uns auch. Aber meist variert der Diskurs drumherum (sei es warum Impfungen nun schlecht sein sollen bis zur Begründung für den Kauf von biologische Produkten) oder es ist ist viel weniger populär (z.B. Vitaminzusätze). Hingegen werden Phänomene die auf dieser Seite des Teiches sehr populär sind wie zum Beispiel die Homöopathie nur am Rande im Buch erwähnt. Somit ist das Buch zwar auch für uns sehr relevant aber gleichzeitig greifen viele Beispiele nur teilweise.
Der Ausgangspunkt des Buches ist der Vioxx-Skandal. Die Gefährdung der Patientinnen und Patienten wider besseren Wissens, die darauf folgenden Vertuschungsmanöver und der Versuch Kritiker zum Schweigen zu bringen wurden zum Symbol für 'Big Pharma' welche für ihren Profit über Leichen geht. Specter sieht darin ein Schlüsselereignis des grassierenden Misstrauens gegenüber der Pharmaindustrie und der Wissenschaft überhaupt (ironischerweise waren es aber auch Vertreter der Wissenschaft die den Skandal aufdeckten). Alle folgenden Kapitel greifen ein Thema auf und betrachten es im Lichte dieses Misstrauens. Specter versucht aufzuzeigen wie diese Misstrauen meist Fortschritt verhindert und einen negativen Effekt auf die Umwelt und die Gesundheit hat. Darum schreibt er auch gegen Denialism an. Es geht nicht um ein "leben und leben lassen". Durch die Realitätsverweigerung werden Leben gefährdet, Leben und Gesundheit von Menschen die heute auf diesem Planeten leben aber auch von zukünftigen Generationen. Specter zeigt zudem schön wie Denialism über weite Strecken ein Luxus-Phänomen ist. Wären wir nicht so erfolgreich gewesen im Kampf gegen Krankheiten würden die Vorzüge von Impfungen wohl nicht so einfach übersehen und würden wir nicht im Überfluss leben, könnte sich weniger effiziente Landwirtschaft kaum durchsetzen.
Das letzte Kapitel entspricht mehr einem Ausblick. Er widmet dieses vor allem Fragen zur synthetische Biologie, dem Fortschritt in der Entschlüsselung und Manipulation unseres Erbgutes und deren Konsequenzen. Specter setzt sich dafür ein, dass wir uns nicht nur mit Risiken (die er nicht leugnet) auseinandersetzen sondern auch mit dem potentiellen Nutzen solcher Technologien (er schreibt übrigens auch, dass dieser meist kaum abzuschätzen ist). Es ginge darum sich frühzeitig den brennenden Fragen zu stellen und die Probleme proaktiv anzugehen. Nur so könne die nächste PR Schlacht auf der Seite der Rationaliät gewonnen werden.
Specters Buch liest sich gut und es ist gespickt mit Sätzen die das Problem auf den Punkt bringen. So beginnt er zum Beispiel schon in der Einleitung mit einer guten Definition von was er unter Denialism versteht und die das Grundargument zusammenfasst:
Denialism comes in many forms, and they often overlap. Denalists draw direct relationships where none exist - between childhood vaccinations, for example, and the rising incidence of diseases like diabetes, asthma, and autism. They conflate similar but distinct issues and treat them as one - blending the results of different medical studies on the same topic, or confusing a general lack of trust in pharmaceutical companies with opposition to the drugs they manufacture and even to the very idea of science. (Specter 2010:3)
Specter ist erfrischend undogmatisch und hebt sich so direkt von den Gruppen ab über die er schreibt. Er kritisiert zum Beispiel viele Argument hinter der Bio-Nahrungs-Bewegung die in Whole Foods einkaufen gehen, sagt aber auch, dass er auch gerne dort einkauft und erklärt warum. Er schreibt über die ethischen Probleme synthetischer Biologie, will sich aber aktiv damit auseinandersetzen statt mit pauschalen Verboten hantieren. Das Buch ist kein herausragendes Werk aber solide gemacht und gut geschrieben. Man wird keine Erleuchtung finden aber gut unterhalten. Ich habe nebenbei auch ein paar Dinge gelernt. Wie Eingangs geschrieben, im Kern ist das Buch ein Manifest und kein Lehrbuch. Seine Argumente sind durchdacht und gut illustriert. Leider wird es für die Leugnerinnen und Leugner verschiedenster Couleur nichts ändern. Es richtet sich wohl auch an alle anderen, damit der wuchernde Denialism endlich Gegenwind erhält.
1 Ich bin mir nicht sicher ob Leugnung eine wirklich adäquate Übersetzung ist für Denialism. Mangels einer besseren Alternative werde ich den Begriff hier als Äquivalent auf Deutsch benutzen.
2 Specter schreibt eigentlich von Rasse (Race) und nicht vone Ethnie (Ethnicity). Der Begriff ist auf Deutsch aber so stark vorbelastet, dass ich lieber die Alternative verwende da es sonst den Sinn seines Kapitels zu stark verzerren würde in meinen Augen.
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Autor: ali· 10 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (10)
Danke!
ich glaube das buch wird mir aus der seele sprechen und ich finds gut, dass es mehr menschen gibt, die das problem sehen.
Denial = "Ablehnung" vielleicht?
denial of service = verweigerung eines dienstes
Das hört sich ersteinmal interessant an, obwohl mich die von Dir ausgewählten Beispiele nicht alle überzeugen. Kannst Du die ISBN Nummer posten ?
Ist 'oppostiion' ein Druckfehler in dem Buch oder ein Kopierfehler?
@JV
Denial ist m.E. stärker als einfache Ablehnung. Verweigerung kommt der Sache schon näher. Verweigerer wäre wohl treffender. Vielleicht sollte man von Realitätsverweigerern schreiben. Da hat man aber den Begriff Realität drin was aber wiederum manchmal tatsächlich auch eine Frage der Perspektive sein kann, darum finde ich das auch nicht optimal.
@michael
ISBN 978-1-59420-230-8
Das Wort (wie auch disease) habe ich falsch abgetippt (sonst hätte ich da mit [sic!] markiert). Beides ist nun korrigiert. Danke für den Hinweis.
vom wortgefühl her würde ich es mit verleugnung übersetzen.
@Silentjay
Genau. Sehe ich auch so. Siehe Fussnote 1.
"Denial" ist in diesem Zusammenhang als das Abstreiten einer Faktenlage zu verstehen.
Das folgende ist aus einer nicht ganz so positiven Besprechung:
But political and economic power are precisely what elude Specter's gaze. This great defender of science appears to be cursed with something that a love of science should have cured: naiveté. To be sure, the kind of know-nothing, reflexive anti-scienticism that Specter deplores certainly exists; and its adherents need a kick in the pants. Specter's boot misses the target. Moreover, he sees deniers everywhere, except where they are actually powerful and effective: denying climate change.
aus:
http://www.grist.org/article/2009-10-31-michael-specter-denialism-organic-GMO/
@michael
Danke für den Link. Ich habe die Besprechung gelesen und finde die Kritik des Autor ist etwas unfair. Mein Eindruck des Buches war ein anderer. Mir scheint der Kritiker hat eine grosse Herzensangelegenheit und das ist seine Skepsis gegenüber genetisch veränderten Nahrungsmitteln (was er natürlich darf). Das überlagert aber alles im Buch für ihn und deswegen mochte er aber Specters es nicht (was ich unfair finde). In den Beifall klatschenden Kommentaren findet man dann zum Teil genau solche Argumentationen, denen Specter im Buch entgegnet: 'Die grossen Konzerne verdienen so und so viel und darum müssen sie böse sein'. Specter kritisiert diese Konzerne (z.B. Merck) er sagt nur, dass dies nicht ein Argument gegen GMO oder Medikamente per se ist.
Auch der Vorwurf er würde den Climate Denialism nicht erwähnen ist etwas seltsam. Ich hatte den Eindruck Specter erklärt seine Position anhand von Beispielen und nicht, dass er eine Enzyklopädie des Denialism erstellt. Es fehlten auch noch andere.
Was die inhaltliche Kritik betrifft: Ich finde nicht, dass Specter ein 'idealisiertes Bild einer puren Wissenschaft' vertritt. Er schreibt gegen die Verweigerungshaltung gegenüber deren Resultate an. Der Kritiker hätte einfach lieber ein kritisches Buch über Wissenschaft gelesen (was man auch schreiben könnte), dies war aber kaum Specters Absicht. Zu den Aussagen zu Nahrungsmitteln kann ich mich nicht wirklich äussern, davon weiss ich zu wenig. Ich erinnere mich auf jeden Fall nicht, dass Specter so einseitig argumentiert hätte (GMO = Lösung zu Nahrungsmittelproduktion) sondern viel allgemeiner (Fortschritt im Allgemeinen in der Nahrungsmittelproduktion).
@ali
Ja, es schien mir auch so, als sollte das Buch als 'Propaganda' für GMO oder Monsanto dargestellt werden. Eines Tages les ich es selber.