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16.01.10 · 16:28 Uhr
Buchbesprechung: The Greatest Show on Earth von Richard Dawkins
Kategorie: Naturwissenschaften·Themenwoche · Kommentare: 13
Ein neues Buch von Richard Dawkins? Das Buch habe ich natürlich noch im letzten Jahr gekauft und auch gelesen. Die Besprechung musst auf dieses Jahr verschoben werden. Diese soll nun aber mit diesem Eintrag nachgereicht sein.
Dawkins schreibt wieder über Biologie und zwar in alter Form. Er wird zwar als der 'Bestseller Autor des Gotteswahns' auf dem Buchdeckel angepriesen, der Inhalt ist aber Wissenschaftsfokussiert. Dies hätte auch anders sein können. Sein Ziel ist es, mit dem Buch die Belege für die Evolution auszubreiten und damit den kreationistischen Argumenten ein für allemal zu begegnen. Und es gibt viele dieser Argumente, die in zähem Widerstand gegen jegliche Vernunft Gebetsmühlenhaft wiederholt werden.
Dieser Ansatz birgt zwei Risiken, die Dawkins glänzend vermeidet. Erstens, dass er schreibt was an Religion, welche am Ursprung des Kreationismus steht, falsch ist und darüber die Wissenschaft vernachlässigt (thematisch meine ich, nicht methodisch). Zweitens, dass er allen Nicht-Kreationisten erzählt, was sie sowieso schon wissen. Dank seinem klaren Stil und seinem ausserordentlichen Begabung komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge einfach zu erklären ohne simplistisch zu werden, hat Dawkins beide Fallen in The Greatest Show on Earth wunderbar umschifft.
Dawkins beginnt mit einer Definition von 'Theorie' und macht die altbekannte Unterscheidung zwischen dem umgangsprachlichen Sinn und der wissenschaftlichen Bedeutung des Begriffs. Er vergleicht die Position vieler Biologie-Lehrkräfte mit der einer Person, die statt Latein zu unterrichten, sich in endlose Diskussionen verwickelt sieht, mit Personen die behaupten, die Römer hätten gar nie existiert (er spricht im ganzen Buch von 'Geschichtsleugnern' wenn er Kreationisten meint).
Von einem historischen Exkurs, warum er meint, dass es in der Menschheitsgeschichte so lange gedauert hat bis ein Darwin die Bühne betrat und ein Erklärung bot für etwas, das nun so offensichtlich scheint (gemäss Dawkins ist es Platos Schuld), führt uns Dawkins in der Tradition Darwins in die Welt der Zucht und schreibt über "Hunde, Kühe und Kohl". Dies leitet zur Erklärung über, wie die natürliche Selektion analog zur menschlichen funktioniert.
Dawkins bringt uns dann zur Frage der Zeit. Zeitskalen und die verschiedenen Messmethoden (und wie sie sich gegenseitig stützen) werden beschrieben. Ein ganzes Kapitel ist daraufhin Experimenten und Beobachtungen gewidmet bei denen Evolution direkt beobachtet wird. Auch die Mär des 'fehlenden Bindeglieds' in der evolutionären Kette (missing link) wird demontiert und dieses Argument wird dann auf den modernen Menschen ausgeweitet.
Ein weiteres Kapitel nimmt sich der Entwicklungsbiologie an und Dawkins zeigt an diversen Beispielen, wie ohne übergeordnete Choreographie mit lokal befolgten Regeln die Illusion einer solchen entstehen kann (You did it yourself in nine months!).
Darauf beschreibt er wie eine neue Spezies entsteht um im nächsten Kapitel zu zeigen wie unser Bauplan sozusagen, die Baupläne aller unserer gemeinsamen Vorfahren (und einen solchen haben wir ja mit allem was lebt) nicht nur beinhaltet, sondern deswegen oft auch nicht so effizient sind, wie sie sein könnten.
All dies mündet im einzigen Kapitel in dem Dawkins Religion mehr oder weniger direkt anspricht und welches er dem widmet, was er Evolutionäre Theodizee nennt. Er zeigt darin warum Leiden, Ineffizienz und Brutalität im Lichte der Evolution betrachtet viel mehr Sinn ergeben als wenn man die Existenz eines 'intelligenten Designers' annimmt. Amoralität und gesamthafte Ineffizienz sind einfach und logisch als Produkte eines evolutionären Prozesses zu erklären.
Im letzten Kapitel analysiert er Satz für Satz einem Abschnitt von Darwin in dem der Meister selber das moralische Paradox, welches er in diesem Weltverständnis erkannte, abhandelt:
Endlich mag es wohl keine auf dem Wege der Logik erreichte Folgerung sein, es entspricht aber meiner Vorstellungsart weit besser, solche Instincte, wie die des jungen Kuckucks, der seine Nährbrüder aus dem Neste stösst, wie die der Ameisen, welche Sclaven machen, oder die der Ichneumoniden, welche ihre Eier in lebende Raupen legen, nicht als eigenthümliche oder anerschaffene Instincte, sondern nur als unbedeutende Folgezustände eines allgemeinen Gesetzes zu betrachten, welches zum Fortschritt aller organischen Wesen führt, nämlich: Vermehrung und Abänderung, die Stärksten siegen und die Schwächsten unterliegen.(Aus: Entstehung der Arten, Kapitel 8 'Instinct', 1899)
Gelingt es Dawkins nun, sein Ziel zu erreichen? Es bleibt zu befürchten, dass kaum ein Kreationist sich durch egal welche Menge an Beweisen von seiner Überzeugung abbringen lassen kann. Wäre dies möglich, gäbe es wohl gar keine Kreationisten. Leute hingegen, die meinen in dieser Diskussion auf dem Zaun zu sitzen und anfällig auf das 'Unterrichtet die Kontroverse' Argument sind, diese können vermutlich von der erdrückenden Beweislast überzeugt werden.
Aber auch für alle anderen sei das Buch empfohlen. Wer ein paar Semester Biologie belegt hat (und dazu gehöre ich nicht), wird wohl inhaltlich nichts neues lernen. Sie oder er kann aber lernen, wie komplizierte Sachverhalte in einer Diskussion mit Laien vermittelt werden können und auf welcher Ebene man den gängigen kreationistischn "Argumenten" entgegentreten sollte. Alle anderen werden wohl wie ich nicht nur den klaren Stil von Dawkins geniessen (es gibt wenige Sachbücher die ich mit dem gleichen Vergnügen wie ein Roman lese), sondern auch viele neue Details aus der Biologie lernen, die von Zellbiologie bis zur Parallelwelt der Beuteltiere reicht, von der Länge des Kehlkopfnervs bei Giraffen bis zum skurril in der Gegend hängenden Samenleiter bei den Männchen des Homo Sapiens. Für mich eine absolute Leseempfehlung.
Autor: ali· 13 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (13)
Ciao Ali
Besten Dank für deine gelungene Rezension. Ich schliesse mich deiner Beurteilung an.
Ich habe das Buch allerdings auf Englisch und als Biologe gelesen. Es war von A bis Z ein Genuss. Seine rethorische und argumentative Brillanz ist manchmal unwiderstehlich.
In einem Punkt muss ich dir allerdings widersprechen: dieses Buch ist für jeden Biologen ein Muss. Ich habe sehr viel gelernt. Dies deshalb, weil in einem Biologiestudium die Evolutionstheorie nie in dieser Breite und Tiefe vermittelt wird. Mein Studium begann zudem Anfang der 80er Jahre und seitdem ist einiges an Fakten dazu gekommen. Mein Fazit: 10/10, read it!!!
Frenk,
freut mich zu hören, dass es auch für Biologen interessant ist. Mir hat die Lektüre tatsächlich auch sehr viel Spass gemacht. Da ich einige der beschriebenen Experimente schon kannte, dachte ich mir, das bringt euch zum gähnen. Aber vielleicht habe ich einfach zuviel Zeit auf Pharyngula verbracht.
Ich habe es übrigens auch auf Englisch gelesen (habe das Buch in den USA gekauft) und weiss gar nicht ob es schon auf Deutsch existiert. Darwin ist nur Deutsch zitiert,da ich das Zitat sowieso suchen musste (ich muss aber feststellen, dass er im Original eloquenter wirkt).
Och, das war's schon mit der Buchbesprechung? ali, du lässt nach in letzter Zeit. Kurzeinträge zu Fischkrieg oder Bananenkrieg reichen nicht mehr, die Kundschaft zufriedenzustellen! :D
Spaß beiseite (ODER?), ich wollt mir das Buch auch noch zulegen. bei amazon.co.uk kostet es derzeit nur die Hälfte (10 Pfund), da werd ich es mir über meine liebe Schwester mal besorgen denke ich. Der wollt' ich gleich auch eine Ausgabe schenken, da sie schließlich einen massiven Anfall an Hirnschwund hatte und vor ein paar Jahren zum Islam konvertierte. Die kam mir sogar mit Harun the Holocaust's a Lie Yahya an. Brrr. Halt mich, ali! :D
Auf Deutsch existiert es noch nicht, hab gerade eins bekommen von dem ich dachte dass es die deutsche Übersetzung sei, weil es im Oktober 2009 erschienen ist. Ist aber nur die Taschenbuchausgabe der Übersetzung von 2008 - und zwar von Ancestor's Tale von 2004 (!!)
Macht aber nichts, ist hervorragend. Mal sehen ob "The Greatest Show on Earth" auch 4 Jahre braucht um übersetzt zu werden. Und ob es wieder einen langweiligne Titel auf deutsch bekommt; oder einen der nichts mit Evolution zu tun hat wie "Geschichten vom Ursprung des Lebens".
Hmmm.... ich sollte langsam mal anfangen Dawkins Bücher zu lesen...
scheint ja schon interessant zu sein.
Gruß
Oli
Schöne Buchbesprechung, Ali.
'The greatest show on earth' hab ich auch schon länger im Visier. Allerdings wollt ich es gern auf Deutsch lesen. Ich denke ja nicht, dass es nochmal 4 Jahre für die Übersetzung eines Dawkins Buches ins Deutsche braucht. Immerhin ist Dawk in unserem Sprachraum mittlerweile auch recht populär. Dass es allerdings sein, nach Dawkins Aussage, bestes Buch 'The Extended Phenotype' nicht ins Deutsche geschafft hat, lässt mir über kurz oder lang wohl keine andere Wahl als dieses irgendwie auf Englisch in die Finger zu kriegen.
Ich wage dann mal die Prognose, dass es nicht allzu lange dauern wird, bis die Übersetzung draussen ist. Ich habe jedenfalls hier in München über die Jahre die Beobachtung gemacht, dass wenn eine große Buchhandlung am Marienplatz englische Bücher im Programm hat, dann dauert es nicht allzu lange, bis eine Übersetzung auf den Markt kommt; ... und von diesem Titel gab es eine ziemliche Menge.
Das Zitat von Darwin bzgl. Sieg des Stärkeren, etc...geht Dawkins eigentlich auch auf Themen der Symbiose und Kollaboration ein? Zumindest der Teil der Evolutionstheorie, der bei den unbedarften Menschen ankommt, scheint nie etwas zu dem Thema zu beinhalten...
Shin·
17.01.10 · 16:11 Uhr
Das ist leider wahr, und natürlich ist es wissenschaftlich auch falsch, vom "Überleben der Stärksten" zu sprechen. Richtiger ist "Überleben der am besten angepassten", survival of the fittest. Kollaboration und Altruismus können natürlich auch zum evolutionären Erfolg einer Art beitragen, anders ließe sich die Entstehung sozialer Spezies wie der Menschen evolutionsbiologisch gar nicht erklären. Du hast leider Recht, dies wird oft vernachlässigt und von Evolutionsgegnern wohl auch teils bewusst falsch dargestellt. Ich weiß nicht ob Dawkins in The Greatest Show on Earth gegen diese falsche Sichtweise argumentiert, gehe aber davon aus, da er dies bereits früher oft getan hat. Hierzu kann ich seine Dokumentation Nice Guys Finish First empfehlen, welche ein noch sehr junger Dawkins als Reaktion auf sein zugegebenermaßen etwas unglücklich benanntes Buch The Selfish Gene gedreht hat und in welcher er auf die evolutionären Vorteile von Kooperation usw. und falsche Interpretationen seiner Thesen eingeht.@Frank Quednau
@Shin
Zumindest in der neueren Auflage des Selfish Gene geht Dawkins detailliert auf dies Frage ein. In The Greatest Show kommt das Thema nicht vor. Ich vermute er fand, dass es nicht reingehört, ist es doch ein 'Argument' welches die Evolution selbst direkt in Frage stellt, sondern nur deren Wünschbarkeit. Scheint mir nachvollziehbar, dort den Kürzungsstift anzusetzen (besonders da er es anderswo schon ausgiebig bearbeitet hat).
Hat also knapp 10 Monate seit meiner Prognose gebraucht; immerhin weniger als 4 Jahre ;-)
@Florian W.
Ja gut. Aber warum musste die Übersetzung gleich "Die Schöpfungslüge" heissen. Jörg kann jedenfalls nicht mehr behaupten, das sei ein langweiliger Titel. Die bei Ullstein haben wohl bei Fischer abgeschaut: Bad Science - Die Wissenschaftslüge. Für mich riecht das mehr nach Bad Translation...;-)
Immerhin: der Buchtitel hat es auch ins Schweizer Fernsehen geschafft. Da hat Judith Hardegger (Theologin) gleich Richard Dawkins zur Sternstunde Religion eingeladen. Sie war leider nicht auf der Höhe des Meisters...
Der Titel ist IMHO in einer längeren Tradition schlechter Buchtitel - nicht nur bei Übersetzungen.
Viel erschrenkender empfand ich, dass in jener Münchner Buchhandlung der Wissenschaftsbereich mächtig verkleinert wurde - zugunsten für Esoterik, Philosophie und Religion.