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16.10.09 · 19:36 Uhr
Amerika gibt es nicht
Kategorie: Kultur · Kommentare: 8
Schon einen Monat bin ich auf der anderen Seite des grossen Teiches. Als ich das erste mal die USA besuchte, sah ich alle meine Klischees bestätigt. Erst nach meiner zweiten Reise, differenzierte sich das Bild. Doch komme ich immer wieder auf meine Klischees zurück. Jeder der beim Wandern durch die Häuserschluchten New Yorks jenes seltsame Déjà-Vu schon erlebt hat, kann das vielleicht nachvollziehen. Dank Film und Fernsehen sind uns die USA viel vertrauter als dass sie es eigentlich sind. Seit ich hier bin muss ich wieder öfters an eine Geschichte von Peter Bichsel denken: "Amerika gibt es nicht".
Eigentlich kenne ich sie durch eine Vertonung einer Schweizer Mundart-Rockband (ja, dies ist ein helvetisches Genre). Darin wird dem Titel der schöne und erklärende Zusatz verpasst: Amerika gibt es nicht, Amerika ist nur ein Gerücht. Wie wahr diese Aussage auch für mich ist, muss ich immer wieder widerwillig feststellen. Es ist schwer nicht dem wohl selektiven Trugschluss zu verfallen, immer die eigenen Vorurteile bestätigt zu sehen. Vermutlich sitzen sie tief und die ständige Berieselung mit der vermeintlichen US Kultur via Medien (was im Fach der Internationalen Beziehungen unter dem Etikett Soft Power gehandelt wird) dominiert.
Der Kern der Geschichte von Peter Bichsel (weiter oben verlinkt) ist schnell erzählt:
Der trottelige Colombin wird von allen ausgelacht. Er will Entdecker werden und behauptet, dass er es allen zeigen werde und zieht aus um ein neues Land zu entdecken. Er versteckt sich Wochen im Wald und behauptet bei seiner Rückkehr, weit draussen im Meer ein noch unbekanntes Land entdeckt zu haben. Weil alle ein schlechtes Gewissen haben, traut sich niemand mehr ihn auszulachen. Ein Seefahrer Namens Amerigo Vespucci will Colombins Behauptung überprüfen und sticht in See. Colombin fürchtet das der ganze Schwindel auffliegen wird als Vespucci zurückkehrt. Vespucci erklärt aber (vielleicht aus Mitleid mit dem armen Colombin), dass es das Land wirklich gäbe. So erhielt es auch den Namen Amerika. Seit damals fahren immer wieder Leute hin und wenn sie zurückkehren erzählen sie, um den armen Colombin nicht zu enttäuschen, wie es dort sei. Colombin hatte für den Rest seines Lebens Zweifel ob das sagenumwobene Amerika wirklich existiert, doch halten alle (ob sie nun dort waren oder nicht) hartnäckig daran fest. Aber eigentlich gibt es Amerika nicht, Amerika ist nur ein Gerücht.
Tatsächlich sind die USA vielschichtiger. Unter anderem darum versuche ich oft hier im Blog nicht einfach die Gerüchte weiter zu verbreiten. Wohl auch wegen ihrer Grösse und kultureller Dominanz werden die USA schnell zur Projektionsfläche. Manchmal meine ich zu verstehen, manchmal bin ich fassungslos. Das schwierigste ist aber, dass viele US Bürger die gleichen Geschichten von diesem Land erzählen wie schon Peter Bichels Amerigo Vespucci und seine Nachfolger. Auch in den USA selbst glauben viele die Gerüchte.
Bildquelle: Wikimedia Commons
Autor: ali· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (8)
Als ich etwa 10 Jahre alt war, hatten wir nen Praktikanten im Religionsunterricht in der Schule, der uns einreden wollte, dass Amerika tatsächlich nicht existiert. Das war irgendeine seltsame Strategie, um uns zu beweisen, das es Gott gibt, oder so. War ne ziemlich konfuse Sache ;)
Trotz der scheinbaren Ignoranz dem Rest des Artikels gegenüber sei die Frage gestattet: Gibt es einen link bezüglich des Songs?
http://www.youtube.com/watch?v=0gVSjITd_u0&hl=de
gibt's nur in lausiger Qualität
merci vielmals!
Das passt bestimmt hier irgendwie hin - wer europopuläre Ansichten über die USA überprüfen möchte:
http://usaerklaert.wordpress.com/die-funf-wichtigsten-und-hoffentlich-besten-eintrage/
hic fuit,
tolles Blog, das du da verlinkt hast.
@hic fuit
Danke für den Link. Ich lese "USA erklärt" seit langem mit großer Begeisterung. Besonders die "fünf wichtigsten Einträge" seien jedem Europäer ans Herz gelegt, sie haben zumindest mir in mancher Hinsicht die Augen geöffnet.
Weil auch ich regelmäßiger Leser Scott Stevensons Blog bin, kann ich mit eigenen Worten schreiben, was er zu diesem Teil Alis Artikel wohl zu sagen hätte:
Tjaha, dasselbe kann man auch über uns sagen. Man darf nur nicht "die USA" mit einem europäischen Land vergleichen, sondern sollte sie (die USA) als eine andere EU betrachten. Die europäischen Staaten haben im Verbund als EU nämlich sehr viel mit den US-Bundesstaaten im Verbund als USA gemein. Jetzt zum "das gleiche auch über die EU...":
Die EU ist sehr vielschichtig (reiche Mitteleuropäer, arme Süd- und Osteuropäer mit entsprechenden und historischen sozialen und Mentalitätsunterschieden). Wohl auch wegen ihrer Größe und politischen und wirtschaftlichen Macht wird die EU schnell zur Projektionsfläche der Schwierigkeiten in Schwellen- und Entwickungsländern. Auch in vielen Gegenden in der EU glaubt man gar nicht so recht an die paneuropäische Idee und hat keine Vorstellung davon, was ein reicher Europäer ist. Usw.
Was ich sagen will: Wer Stevensons Blog liest, bekommt sehr gut erklärt, wieso es genauso sinnlos ist, den US-Präsidenten um Pardon für einen zum Tode Verurteilten zu bitten (oder um sonstwelche Gnade, wie neulich bei Polanski wieder versucht), wie bei Barroso um ein Visum für die Einreise in Deutschland anzufragen. Oder wieso eigentlich jeder US-Bundesstaat eine eigene Armee hat - in Europa fragt irgendwie keiner, weshalb jedes EU-Mitglied eigene Streitkräfte unterhält. Oder wieso eine Pflichtkrankenversicherung in den USA so ein großes Thema ist - es geht eigentlich darum, ob der Bund sowas entscheiden darf oder wie bisher nicht - man stelle sich vor, in Brüssel würde entschieden, dass und wie jeder Europäer sich krankenversichern müsste...
Kurz: Unbedingt lesen, den Blog. :-)