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12.07.09 · 11:16 Uhr
Erinnert sich noch jemand an den Iran?
Kategorie: Internationale Politik·Medien·Politik · Kommentare: 8
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Die Wahlen von Anfangs Juni im Iran und die darauf folgenden Proteste haben ein riesiges Medienecho im Westen ausgelöst. Man verfolgte auf Twitter die Ereignisse minutenweise, man interessierte sich für jede Äusserung eines Mitglieds des Wächterrates und suchte nach Wegen sich mit den Protestierenden solidarisch zu zeigen. Es wurde demonstriert und und mitgefühlt. Nun sind noch ein paar grüne Avatare auf Twitter geblieben, die Medienkaravane ist weitergezogen. Übrigens, wusstet ihr schon dass Michael Jackson tot ist?
Ich schliesse mich durchaus mit ein wenn ich von diesem Aufmerksamkeitsdefizit schreibe. Ich habe während den Protesten innerhalb von drei Tagen zwei Posts (zum Ersten und zum Zweiten) verfasst und seither das Thema mehr oder weniger ignoriert.
Die Proteste im Iran gehen weiter. Bilder (eine Klickstrecke angeblich von dieser Woche) und Berichte darüber tauchen sporadisch auf, nicht mehr ganz so prominent und meistens mehr oder weniger ignoriert.
Wäre ich an der Stelle von Machthabern in einem autoritären Regime, würde ich ein paar Lektionen von Iran lernen:
- Aussperren von ausländischen Journalisten und das Kontrollieren von Information zahlt sich aus. Seit den Restriktionen im Iran, wird kaum noch berichtet.
- Aussitzen lohnt sich, zumindest was die internationale Aufmerksamkeitsökonomie betrifft.
- Nicht-Nachgeben gegenüber Forderungen (z.B. Neuauszählung, Korrektur des Resultats in die gewünschte Richtung, Konzessionen) ist eine Demonstration von Stärke.
- Hartes Durchgreifen reduziert den Protestwillen.
- Etwas spekulativer: Im spezifischen Kontext von Iran war es vermutlich nützlich, dem Ausland die Schuld zu geben.
Wollten wir das wirklich?
Autor: ali· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (8)
Naja, die Proteste von dieser Woche fanden wegen dem 10jährigen Jubiläums von 99er Studentenprotesten statt. Die Tatsache ist aber, dass weniger das Aussitzen als das überharte Vorgehen die Straßenproteste beendet haben. Es ist alles andere als gegessen, nur kommt man nicht gegen die Waffen an - nicht auf diese Weise. Und die internationale Aufmerksamkeit ist immer gut angekommen - und dass jetzt das Bild der iranischen jungen Bevölkerung sich gewandelt hat ist ein nicht zu verachtender Erfolg.
Alexander·
12.07.09 · 11:39 Uhr
Genau das dachte sich auch jemand mit seinem Beitrag auf GraphJam...@Jörg
Oder vielleicht die Kombination von beiden? Was macht dich so sicher?Was genau die Folgen sein werden ist noch nicht absehbar (das sind wir uns einig). Das gilt wohl auch für das 'geänderte Bild der iranischen jungen Bevölkerung'.
Bei einigen ist die internationale Aufmerksamkeit sicher gut angekommen, bei anderen weniger. Die Frage stellt sich nun wie a) das internationale Desinteresse ankommt und b) wie das Interesse den Verlauf der Proteste beeinflusst hat. Für die erste Frage müssen wir noch abwarten und die zweite kann man zu diesem Zeitpunkt kaum beantworten (und wird man vielleicht nie können).
Ja, das kann natürlich sein.
Klar, aber auf der Ebene der Einzelnen ist die internationale Aufmerksamkeit aber gut angekommen, und wird sicher auch nicht vergessen. Das heißt aber natürlich nicht, dass auch wieder Enttäuschung Einzug halten wird, wenn jetzt Michael Jackson wichtiger wurde. Aber das hast du ja auch geschrieben, wir sind uns einig.
(zum zweiten)
Als kleine Verteidigung gegen die allgegenwärtige Flut immer neuer unwichtiger 'Information'sschnipsel habe ich mir auch schon ein (antrainiert) verwundertes 'Wie, der ist tot?' angewöhnt.btt: Wegen eines Bekannten mit daheimgebliebener Famile (und ~null Interesse für den besagten Todesfall) bin ich bisher von lokaler Amnesie verschont geblieben. Zu der Liste am Textende: Die Herrschenden in einem totalitären System sind doch nicht per se dämlich, sondern durchaus lernfähig. Sieht aus wie eine in langzeitigen Versuchsreihen erarbeitete Kompilation wirkungsvoller Aktionen gegen aufkommenden Unmut.
Es gibt Leute, die sich noch ganz gut erinnern:
http://freeirannow.wordpress.com/
Da hat wohl jemand vergessen, diese Ergebnisse zu befummeln: http://www.iranembassy.de/ger/election10.htm
Was mich sehr enttäuscht hat, war die anscheinend kollektive Meinung der großen (Online-)Medien "So, jetzt haben wir genug berichtet, lasst uns nun über etwas anderes schreiben". Wie kamen sie bloß zu der Meinung? Genug Leute waren noch interessiert daran, wie die Entwicklungen weiter gingen - aber man hatte einfach keine Lust mehr? Fand es "unwirtschaftlich"? Am Informationsdefizit müsste es gar nicht nicht liegen, wenn man seine Nachrichten eh' nur über Twitter bekommen hat. Eigentlich müsste es sogar einfacher geworden sein, da das "Hysterierauschen" der anderen Internetnutzer weniger wurde.
Auf mich bezogene Beispiele: Ich hatte täglich beide Liveblogs auf Zeit.de und guardian.co.uk verfolgt, als sie beide nacheinander - ohne Ankündigung - nicht mehr weitergeführt wurden. Und die "Zeit" hörte sogar lange vor Micheal Jacksons Tod auf zu schreiben.