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19.03.09 · 10:00 Uhr
Zahlenstreit zu Rechtsextremismus in Deutschland
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Politik · Kommentare: 4
Vor zwei Tagen wurde eine Studie veröffentlicht, die auf der Befragung einer grossen Zahl 15-Jähriger Schülerinnen und Schüler in Deutschland beruhte. Thema der Befragung war Gewalt und Rechtsextremismus.
Hier soll nicht das Studienergebnis an und für sich Thema sein, sondern nur eine Kontroverse um eine Zahl: 3.8% der Jugendlichen seien 'rechtsextrem organisiert'. In der TAZ wurde in einem Kommentar sogleich hochgerechnet, dass dies bedeuten würde, "dass mehr als 100 (!) Prozent der organisierten Rechtsextremisten im Land 15-Jährige sind" und daher die Studie offensichtlich falsch sein muss. Diese Rechnung basierte auf der Zahl vom Bundesverfassungsschutz zu organisierten Rechtsextremen (31'000), die von der TAZ mit der Studie verglichen wurden. Der Kommentar gipfelt in der Feststellung, dass entweder der Bundesverfassungsschutz seine Arbeit nicht macht oder die Studienautoren bei grundlegendem Prozentrechnen versagen.
Sogleich frohlockte der Mob bei Politically Incorrect (ein leider viel zu erfolgreicher Politblog in Deutschland)1 unter einem Blogpost mit dem Titel "Die Wissenschaft hat festgestellt...". Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie, dass dort die TAZ gelobt wird, dass sie das einzige Medium gewesen sei, welches wirklich kritisch berichtete. Eine Lawine von Kommentaren suhlt sich nun geradezu in der Freude dieser unfähigen Wissenschaftler, die nicht Eins und Eins zusammen zählen könnten. Man fragt sich dort wo denn der kritische Journalismus hin sei und ob die Berichterstatter eigentlich nicht einmal ein Minimum an Skepsis an den Tag legen könnten.
Im ganzen Gegröhle ging unter, dass es wie so oft nicht ganz so einfach ist. Warum der TAZ Kommentator nicht auf die Idee kommt, ein definitorisches Problem in Betracht zu ziehen ist mir bei einer doch so 'kritischen' Haltung schleierhaft. Vielleicht sind nicht alle Gruppierungen und Kameradschaften vom Verfassungsschutz erfasst? Wer die Studie liest, merkt auch, dass es sich um eine Befragung handelt. Das heisst, man sollte zudem zwischen den subjektiven Einschätzungen der Befragten und der Analyse selber unterscheiden (wobei man hier den Verfassern durchaus vorwerfen kann, dass sie unklar sind).
Die Studie hat zweifelsohne ihre Schwächen. Wissenschaft hat keine definitiven Antworten oder Gewissheiten anzubieten. Das Resultat der Studie lässt aufhorchen und es gilt zu überprüfen ob es sich um einen Messfehler, ein Definitionsproblem oder um die effektiven Zahlen handelt. Die Frage aber mit einer halbbackenen Milchmädchenrechnung und einer falschen Dichotomie vom Tisch zu wischen ist nicht hilfreich und gar gefährlich.
Die Medienskeptiker und Opfer der grossen Medienverschwörung bei Politically Inocorrect bringen also das Kunststück fertig in ihrem Vorwurf der mangelnden Kritik an die Medien, selber eben ganz unkritisch oberflächliche Behauptungen nachzuheulen. Grossspurig wurde dort geschrieben "Benutze deinen Verstand, riet die Aufklärung. Vieles wäre besser, wenn dies auch für heutige Journalisten und Professoren gelten würde." Vielleicht sollte das auch für Blogger gelten.
Vermutlich werden sie dort den zweiten TAZ Artikel, der nun etwas differenzierter berichtet nicht verlinken und wir werden lange auf eine Klarstellung im Blog warten können. Man gibt zwar vor, an der 'Wahrheit' interessiert zu sein, aber eigentlich will man nur sein Weltbild bestätigt wissen. Genau das unterscheidet eben wissenschaftliches Arbeiten von politischem Gepolter.
1 Ich möchte hier nicht auf Politically Correct verlinken. Es gibt dort nichts interessantes zu lesen, ausser man möchte sich Vorurteile bestätigen lassen. Wer es unbedingt sehen möchte, kann sich ja dorthin googeln.
Autor: ali· 4 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (4)
PI ist so daneben, dass selbst Neocons wie Henryk Broder sich davon distanzieren.
An der Verwirrung ist aber auch die Art und Weise schuld, wie die Studie in der Presse "vermarktet" wurde - darüber berichtet ja nun nicht nur Politically Incorrect sondern unter anderem auch der Spiegel:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,614102,00.html
Im Spiegel-Artikel findet sich auch ein recht eindeutiger Hinweis auf das Problem, welches - wie Du schon richtig vermutest - etwas mit Definitionen zu tun hat:
Selbst wenn man mal annimmt, dass die Ergebnisse der Studie tatsächlich korrekt sind - woran ich angesichts der hohen Zahlen erhebliche Zweifel habe - hatte man sie allenfalls unter der Schlagzeile "3,8% der Jugendlichen sympathisieren nach subjektiver Selbstauskunft zumindest teilweise mit rechtsextremem Gedankengut" verkaufen dürfen, nicht aber (wie leider geschehen) unter "3,8% der Jugendlichen sind rechtsextrem organisiert" oder "sind in einschlägigen Gruppen aktiv". Das Wort "organisiert" impliziert nun mal die Zugehörigkeit zu rechtsradikalen Strukturen, deren Mitgliederzahl jedoch bekannt ist und sich in der Tat nicht mit dem deckt, was beim Hochrechnen der Studie herauskommt...
Ich kann auch nicht nachvollziehen wie man auf die Idee kommt 3,8% der Jugendlichen seien „rechtsextrem organisiert“.
In der Studie heißt es 3,8% der Jugendlichen seien Mitglied in einer rechten Gruppe oder Kameradschaft!
Das könnte also auch der Ortsverband der Jungen Union sein! ;-)
Die Schlagzeile müsste richtig also lauten: „3,8% der Jugendlichen sympathisieren nach subjektiver Selbstauskunft zumindest teilweise mit rechtem Gedankengut.“
Aber das wäre wohl keine richtige Schlagzeile mehr!
Die NZZ nahm sich auch kritisch der Studie an. Leider übernimmt sie auch die schwache und inzwischen relativierte Argumentation der TAZ.