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Ali Arbia schreibt eine Dissertation in Internationalen Beziehungen am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf. Er ist überzeugter Europäer, ein echtes Zoon Politikon und interessiert sich für fast alles ausser Sport (und selbst das manchmal).

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19.11.08 · 13:10 Uhr

G20 und der Grössenwahn eines Kleinstaates

Kategorie: Internationale Politik·Politik  ·  Kommentare: 3

Im Vorfeld des Finanzgipfels der G20 letztes Wochende, hörte man hier in der Schweiz viel Wehklagen in Nachrichtensendungen, dass die Schweiz nicht dabei sei. Eine gute Illustration zur verzerrten politischen Selbstwahrnehmung, die in der Schweiz gepflegt wird.

Schweizerinnnen und Schweizer haben einerseits eine isolationistische Tendenz, anderseits einen Hang zur Überschätzung der eigenen politischen Bedeutung auf dem internationalen Parkett. So traten wir erst im Jahre 2002 der UNO bei, aber ausgerechnet die langjährigen Gegner dieses Beitritts fordern schon auch mal Retorsionsmassnahmen gegen die EU. Man möchte mit den Grossen mitspielen, schmollt dann aber, wenn man was abkriegt. Ausserdem möchte man nur nach den eigenen Regeln spielen.

Vor dem Gipfel der G20 letztes Wochenende wurde in der Schweiz gejammert, dass man auch dabei sein sollte.

Speziell an diesem G20 Gipfel war, dass es einen G20 Gipfel gab zum Thema und nicht wie üblich ein (G7 oder G8) treffen. Man zollte den immer bedeutenderen Schwellenländer damit Tribut, ohne die es nicht mehr geht. Die Zeiten in denen ein Klub der Reichen (also die G7) alleine Probleme lösen kann (oder dies zumindest versucht) scheinen vorbei.

Die ad hoc Organisation definiert die Kriterien für die Mitgliedschaft wie folgt:

In einem Forum wie die G20, ist es ausserordentlich wichtig, dass die Mitgliederzahl beschränkt und fix bleibt um die Effektivität und Kontinuität zu sichern. Es gibt kein formales Kriterium für eine Mitgliedschaft (...) Im Hinblick auf die Ziele der G20 wurde es als wichtig betrachtet, dass Länder und Regionen mit Bedeutung für das internationale Finanzsystem miteinbezogen werden. Aspekte wie geographische Vertretung und Repräsentation von Bevölkerung wurden ebenfalls miteinbezogen

Die Schweiz könnte also durchaus Teil davon sein (Stichwort Finanzplatz), ist es aber nicht. Die Organisation ist informell und daher sollte man wohl gute Argumente für eine Mitgliedschaft haben. Ein Gefühl aussen vor gelassen zu werden reicht nicht. Die Schweizer Selbstüberschätzung wird deutlich wenn man sich anschaut, wo die Schweiz sich gemäss ihrem Bruttosozialprodukt im Vergleich zu den G20 Mitgliedern situiert.

GDP2007.png

Vielleicht sollten sich die Schweizer auf die Suche nach Erdöl machen. Aber es sollte genug sein um ein Toplieferant zu werden. Vielleicht können wir uns auch nach Afrika verlegen. Oder vielleicht sollten wir Argentinien mit Wirtschaftssanktionen drohen, tritt es nicht aus der G20 zurück.

 

Autor: ali· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (3)

Kommentar-Direktlink Sisyphos· 20.11.08 · 08:44 Uhr

Die Schweiz rechnet zu ihrem Bruttosozialprodukt wahrscheinlich das dort gebunkerte Schwarzgeld hinzu. ;-)

Kommentar-Direktlink Schweizer· 22.02.09 · 18:56 Uhr

Sehr geehrter Herr Ali Arbia

Viele Gute Arbeitgeber/innen aus der EU arbeiten und studieren in der Schweiz, besonders in grenznahen Kantonen wie Basel, Zürich oder Genf. Besonders in der Metrocity Basel, welche durch die trinationale Umgebung ein weltweit führender Life-Sciences Sektor geworden ist.

Sie dürfen den berechtigten Stolz der Schweiz nicht als Selbstüberschätzung abtun. Warum und in welchem Land wurde die Finanzkrise ausgelöst? Wo übernahm die Gier und Selbstübersätzung und somit Überschuldung und falsches Risikobewusstsein das Denken und Handeln von Staat und Bevölkerung? Was durch die UBS in den USA geschehen ist, ist peinlich, aber nicht einzigartig. Ein Sündenbock ist wohl nötig, vor allem wenn wirklich Mist gebaut wurde. Doch dieser Mist basiert auf die den Neoliberalismus predigenden Professoren, Politiker und Journalisten.

Ohne Bankgeheimnis, was auch Staaten wie Grossbritanien dank Ihren Common-Wealth-Kolonien aufrechterhalten, oder Singapur, welches das strengste Bankgeheimnis besitzt, wäre die Schweiz als Wirtschaftsstandort gefärdet. Und somit auch der Forschungstandort Schweiz und somit auch Ihr Studienplatz.

Es ist schade, dass intelligente Menschen wie auch Sie die Finanzlage benutzen, sich zu profilieren.

Ich habe in meinem Leben mit vielen Europäischen Staatsbürger zusammengearbeitet und freue mich auf jede Unterhaltung, welche meine ihrer Meinung nach kleinbürgerliche Weltanschauung über die CH-Grenzen hinaus bereichert.

Ich erlebe mit Genugtuung, dass viele EU-Bürger uns für unsere direkte Demokratie, unseren hohen Lebensstandard, unsere guten Sozialversicherungsnetze und unsere offene Weltanschauung beneiden. Denn ohne diese würde der Vielvölkerstaat (Religion, Nationalität, Sprache) Schweiz nicht existieren. Die SVP ist nicht die Meinung des Volkes, nur weil sie am lautesten schreit. Das sollte Sie eigentlich wissen.

Sie bezeichnen die Schweiz zu unrecht als nicht G20-Staat. Als Akademiker hätte ich von Ihnen erwartet, dass Sie alle Statistiken einbeziehen... Schon mal and das Pro-Kopf-BNP/BIP gedacht? Da liegt die CH sehr weit vorne.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Dissertation und dass Sie als Europäer auch die Sicht der Schweiz nicht ganz vergessen. Schliesslich profitieren auch Sie von der hervorragenden Hochschulinfrastruktur.

Grüsse aus dem trinationalen Raum Basel

Author Profile Page ali· 23.02.09 · 15:39 Uhr

@Schweizer

Sie lesen da wohl zuviel in diesen nicht mehr ganz frischen Post. Es ging mir nicht um Kleinbürgerlichkeit, ich habe nichts vom Bankgeheimnis geschrieben und auch nicht behaupten, dass es nichts geben würde worauf die Schweiz 'stolz' sein könnte (wobei ich ein Problem habe damit, auf Dinge Stolz zu sein ohne selber etwas dafür getan zu haben).

Es geht hier alleine um die Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und der effektiven Rolle eines Kleinstaates auf dem internationalen Parkett. Ich habe durchaus an das Pro-Kopf Einkommen gedacht. Pro-Kopf BSP mögen hoch sein, aber sagen wenig über die Marktmacht aus und darum ging es. Das ist kein Schönheitswettbewerb, sondern eine Frage von Einfluss und Macht.

Warum ich hier die Finanzlage benutzen soll um mich zu profilieren ist mir ein Rätsel und scheint mir ein etwas seltsamer Vorwurf für ein Blog wie dieses. Auch was mein 'profitieren von der Hochschulinfrastruktur' hier soll ist mir nicht ganz einsichtig. Darf ich nun weil ich in der Schweiz an einem akademischen Institut tätig bin, die Schweiz und ihre Aussenpolitik nicht kritisieren?

Ich stamme übrigens aus dem Raum Basel und lebe jetzt in der Grenzstadt Genf. Ich erwähne Basel auch immer als Beispiel für Europäische Integration aus Pragmatismus. Ganz so einseitig bin ich gar nicht, wie sie zu meinen scheinen.

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