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23.06.08 · 10:14 Uhr
Prügelstrafe in Europa
Kategorie: Politik · Kommentare: 11
Die wenigsten würden die Wiedereinführung der Prügelstrafe gutheissen. Zurecht wird sie als grausame und erniedrigende Massnahme wahrgenommen und verurteilt. Menschenrechtsorganisationen kritisieren regelmässig Länder die diese Strafe anwenden. Doch viele Länder Europas scheinen eine Ausnahme zu machen.
Für die eigentlich speziell schutzbedürftige Gruppe der Kinder ist es vielerorts völlig in Ordnung, dass für strafrechtlich irrelevante Bagatellen ohne Garantie eines fairen Prozesses und durch nicht unter staatlicher Kontrolle stehender Akteure, die Prügelstrafe ausgeführt werden darf. Körperliche Züchtigung heisst dies dann und gilt als Erziehungsmassnahme. Der Europarat hat am 15. Juni 2008 eine Kampagne gestartet um diesen Zustand zu ändern.
Schaut man sich die Karte an, was von Staateswegen in Europa erlaubt ist, sieht man, wie sehr diese Aktion Not tut. Grün sind die Länder in denen körperliche Züchtigung in der Schule und zu Hause gesetzlich untersagt sind. Blau gefärbt sind diejenigen, die nur in der Schule Prügel verbieten und Rot wo keine rechtlichen Verbote bestehen (die Grafik wurde auf der Basis dieses Berichtes in .pdf erstellt). 
Bildquelle: wikicommons
Die Schweiz die sich so gerne ihrer vermeintlichen 'humanitären Tradition' rühmt, scheint dieser Humanität weniger Bedeutung zuzumessen wenn es um die eigenen Kinder geht. Ich verstehe, dass das Eingreifen des Staates in Erziehungsangelegenheiten heikel ist. Hier muss diese Freiheit aber abgewogen werden gegen den Schutz von Kindern und dem Verbot einer sonst als unmenschlich geltender Bestrafung. In vielen anderen Fragen geniesst das Kindswohl zurecht Priorität, warum sollte dies hier anders sein.
Es gilt zu vermuten, dass trotz progressiver Gesetzgebung in vielen Ländern körperliche Züchtigung von Kindern immer noch weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert ist. Es gilt als der Normalzustand. Das ist wohl auch der Grund, warum es für manche anscheinend gar eine Ausnahme zur Christlichen Nächstenliebe darstellt. Ich vermute die Kinder müssen lernen die andere Wange hinzuhalten (1).
Der häufig ins Feld geführte 'harmlose Klapps auf den Hintern' ist ein Euphemismus ohne Basis in der Realität. Die Harmlosigkeit wird sowieso durch den Schlagenden definiert und statistisch gesehen steht dieser 'harmlose Klapps' meist am Anfang von härteren und intensiveren Bestrafungen. Auch das dieser 'noch nie geschadet hätte' stimmt so nicht. Wer also die Prügelstrafe für Erwachsene als unmenschlich empfindet muss konsequenterweise auch ein Verbot von körperlicher Züchtigung von Kindern befürworten.
(1) Der Autor des besagten Artikels meint auch "dass die biblischen Anweisungen über Disziplinierung immer die besten sein werden". Ob das wohl auch die Steinigung von ungehorsamen Kindern die in der Bibel als Bestrafung gefunden werden kann, miteinschliesst?
Autor: ali· 11 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (11)
Ehrlich gesagt besteht die humanitäre Tradition der Schweiz hauptsächlich darin, sich aus den Kriegen des 20. Jahrhunderts ausgelassen zu haben.
Und das Rote Kreuz. (Welches aber nicht die Schweiz ist.)
Ansonsten ist das Reden über die humanitäre Tradition der Schweiz grösstenteils Geschwafel von Politikern und Leuten die sich gerne selbst als aussergewöhnlich und als "Sonderfall"/speziell sehen wollen. Die Schweiz ist in etwa genau so humanitär wie der restliche Teil Westeuropas (nur noch etwas konservativer, wie man auf der Karte oben wieder einmal sehen kann).
Du kritisierst die Schweiz, dabei zeigt die Karte "rot" bei Tschechien. Dies passt schwerlich zusammen. Ausserdem ist weniger das Gesetz gegen Prügelstrafe für die Kinder wichtig, sondern eher die Tatsache, ob Kinder tatsächlich gezüchtigt werden.
In Ländern, wo Kinder traditionell geprügelt werden, kannst du Gesetzte erlassen soviel du willst - es wird weiter geprügelt. Aber es ist natürlich einfach auf die Schweiz mit dem Finger zu zeigen. Dies nennt sich Gartismut.
@student_b
Völlig einverstanden.
@Eugen
Ich habe die Schweiz kritisiert, da ich hier lebe, hier politische mitbestimme und ich die Situation besser kenne als anderswo. Die Hauptaussage meines Posts ist eine Stellungnahme gegen körperliche Züchtigung und nicht gegen die Schweiz.
Warum Tschechien rot ist weiss ich nicht und ich finde es schockierend. Ich kann aber schwer etwas kommentieren von dem ich nichts weiss.
Klar ist die Umsetzung von Gesetzen ebenso wichtig wie die Tatsache ihrer blossen Existenz (gerade für die Opfer). Gesetze reflektieren aber aktuelle Moralvorstellungen (normalerweise mit etwas Verspätung) und ausserdem setzen sie klare Signale und sind von symbolisch grossem Wert.
Die Balearen gehören aber schon zu Spanien, und Rhodos zu Griechenland...
@David
Schon. Ich habe die Karte aber nicht gemacht sondern auf Wikicommons gefunden und war zu faul um mangelnde Geographiekenntnisse eines anderen aus einer Karte zu retouchieren.
@Ali:
> "Die wenigsten würden die Wiedereinführung der Prügelstrafe gutheissen."
Schön wär's ja, aber da ich seit 18 Jahren in einem Land lebe, in dem das Eintreten gegen die Todesstrafe für politische Kandidaten ein sicherer Weg ins Abseits ist und in denen m.W. 39 Bundesstaaten die Prügelstrafe an Schulen ausdrücklich erlauben (gilt nach Auffassung des Supreme Court nicht als verfassungswidrig), habe ich an dieser humanitären Grundeinstellung der "aufgekärten" Menschheit so meine Zweifel.
@Jürgen
Das ist genau was ich interessant finde. Ich bin überzeugt, dass die Prügelstrafe für Erwachsene auf viel mehr Ablehnung stösst. Ich bin mir auch sicher, dass eine solches Gesetz früher oder später durch den US Supreme Court annulliert werden würde, da es als 'cruel and unusal punishment' klassiert wäre. Ich frage mich wie man juristisch die Prügelstrafe für Kinder mit diesem Verfassungsgrundsatz in Einklang bringen kann, muss wenn ich mal Zeit habe diese Urteile raussuchen.
@Ali:
Ich teile ja uneingeschränkt Deine Kritik zur Prügelstrafe (die im Staat Delaware übrigens noch bis 1952 auch für Erwachsene praktiziert und per Gesetz dort erst 1972 abgeschafft wurde) – wollte nur anmerken, dass diese Erkennnis leider bestimmt nicht so allgemein verbreitet ist, wie wir es uns gerne wünschen würden. Wie sonst wäre zu erklären, dass das Buch "Just and Painful - A Case for the Corporal Punishment of Criminals" nach wie vor im US-Buchhandel (in zweiter Auflage sogar als Taschenbuch!) zu bekommen ist und der Autor, Graeme Newman http://www.albany.edu/scj/newman.htm , auch weiterhin als Professor für Strafjustiz an der State University in Albany lehrt? Vom amerikanischen Doppelstandard gegenüber Kindern (und Minderjährigen generell), wo man zwar selbst mit 18 Jahren noch nicht alt genug ist, ein Bier zu trinken, aber bereits mit zehn Jahren (in manchen Staaten sogar ohne Alterbeschränkung nach unten) dem Erwachsenenstrafrecht unterworfen werden kann, gar nicht zu reden ...
@Jürgen
Ich habe Deinen Kommentar auch gar nicht als Unterstützung für die Prügelstrafe verstanden. Ich schätzte wohl die allgemeine Einstellung der US Bevölkerung zur Prügelstrafe für Erwachsene anders (und offensichtlich zu optimistisch) ein. Ich habe vielleicht zu stark vom alten Kontinent her extrapoliert.
Vielleicht handelt es sich aber auch nur um eine lautstarke Minderheit. Du kannst das aber wohl besser einschätzen von der anderen Seite des grossen Teichs.
Erdkunde 6! Setzen!
Ja, es ist schrecklich denn Gewalt gegen Kinder ist ein Ausdruck von absoluter Hilfslosigkeit in einem Konfliktzustand oder einfach dem Ausleben eines Minderwertigkeitskomplexes.
Zur Demonstration was man Kindern antut könnte man ja mal z.B. Verkehrsdelikte anstatt mit Geldstrafen mit Prügelstrafen ahnden. Wär sicher ein interessantes Experiment.
Andererseits, mental starke Menschen haben es nicht nötig Kinder zu prügeln und mental schwache würden dann vermutlich ihren Frust wieder an den Kindern auslassen.