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Ali Arbia hat in Internationalen Beziehungen am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf promoviert. Er ist überzeugter Europäer, ein echtes Zoon Politikon und interessiert sich für fast alles ausser Sport (und selbst das manchmal).
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01.06.08 · 11:03 Uhr
Isolierter Indiostamm ohne Kontakt zur Aussenwelt
Kategorie: Kultur · Kommentare: 4
Die Brasilianische Regierung hat Fotos veröffentlicht, von einem isoliert lebenden Indiostamm im Amazonas. Was fasziniert so an dieser Meldung? Ein paar Sonntags Gedanken meinerseits.
Die Welt berichtete darüber ebenso wie die New York Times, BBC und viele andere. Die kernigen Vergrösserungen sind überall zu finden und scheinen eine grosse Wirkung zu erzielen. Um auf das Schicksal der indigenen Völker und die Bedrohung duch die fortschreitende Abholzung aufmerksam zu machen ist der Coup auf jeden Fall gelungen. Mich interessiert diese Faszination die von der Meldung und den Fotos ausgeht.
So fand ich beispielsweise dieses Zitat zur obigen Meldung (Quelle):
Diese Menschen werden eben nicht mit Chemikalien aufgepumpt, nehmen keine Wachstums- und Sexualhormone über die Nahrung auf, kennen kein Plastik, putzen sich nicht mit Fluorid die Zähne, haben kein Fluorid im Trinkwasser, verwenden weder künstliche Geschmacksverstärker noch Aspartam, keine Aluminium-haltigen Deos, keine Hormon-imitierende Parfums, nehmen keine Antidepressiva, kein Prozac, fahren nicht mit dem Auto zum Einkaufen, haben keine Granaten mit abgereichertem Uran und keine Atomkraftwerke.
Kann es sein, dass wir von einem romantisierten Bild des noch mit der Natur im Einklang lebenden, unverdorbenen Menschen geprägt sind? Ich vermute auch, dass das Erbe von Jahrhunderten Dominanz des Christentums in unserer Kultur vieles zu dieser Romantisierung beiträgt. Wir sehen uns als die aus dem Paradies vertriebenen und für immer von diesem Makel gezeichneten. Im Gegensatz dazu stehen diese indigenen unkontaktierten Stämme. Sie leben von was ihnen die Natur gibt. Die meisten modernen Errungenschaften (auf die wir interessanterweise nicht verzichten möchten) stehen als omnipräsente Erinnerungen an unsere Erbsünde (ein Konzept das ich schon immer als abstossend empfand, aber das, so bin ich überzeugt, kulturell tief in uns Wurzeln geschlagen hat).
Aber wenn wir ganz ehrlich sind, da gibt es nichts zu romantisieren. Das Leben im Urwald ist knallhart, die Lebenserwartung wohl tief. Hygiene ist bestimmt nicht einfach, Krankheiten und Infektionen könne kaum behandelt werden, die Kindersterblichkeit muss hoch sein. Möglichkeiten zu verunglücken sind im Dschungel allgegenwärtig. Das Gelände ist schwierig und der lebende Mensch nimmt wieder seinen angestammten Platz in der Nahrungskette ein.
Es geht mir nicht darum, dass diese Indigenen nun 'kontaktiert' (welch seltsames Wort in diesem Zusammenhang) werden sollen, oder dass es nicht eine lobenswerte Sache ist, sich gegen die Abholzung der Regenwälder einzusetzen und das diese diese Völker bedroht. Ich bin nur erstaunt über diese romantischen Vorstellungen eines Naturzustandes, die sooft gepflegt werden. Dies geht meist einher mit einer Verteufelung von vielen modernen Errungenschaften. Doch sollte nicht vergessen werden, dass diese Lebensweise sehr viel auch mit schierem Überlebenskampf zu tun hat und wenig mit paradiesischen Zuständen.
Autor: ali· 4 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (4)
OH NOES!!1! FLUORIDATION!!!1! COMMUNISM!!!1eleventyone!! OUR PRECIOUS BODILY FLUIDS!!!
Hätte nicht gedacht, dass es derartige Idioten noch gibt, und das auch noch außerhalb der USA.
Völlig richtig. Wie heißt es so schön? Ein Hai ist auch Natur. Geh und umarme einen Hai, wenn Du Natur so toll findest ;-)
Was hält eigentlich diese Leute auf, sich von ihrer verteufelten modernen Lebensweise zu entfernen? Man kaufe sich ein Einwegticket in eine entlegene Region Afrikas oder Asiens, wo die Leute relativ unbeeindruckt vornehmlich von Vieh und Ackerbau leben. Oder man verzichtet konsequent zu Hause auf elektrisches Licht, auf Telefon, auf Wasser, auf Fernsehen und duscht sich nur für die Arbeit. Geht niemals zum Arzt und geht am Wochenende in den Wald Kräuter, Nüss und Früchte sammeln. Oder man hält Kaninchen oder/und Hühner zu Hause, die man natürlich auch selbst schlachten muss. Spätestens dann vergeht diesen Romantikern der Appetit auf die ach so tolle Natur. Ein Hai, ein Eisbär, ein Tiger, ein Grizzly sind auch Natur und sicherlich faszinierende Geschöpfe und dennoch möchte ich zwischen mir und diesen Tieren lieber eine gewisse Distanz sehen.
Wie sagte mal einer unserer Professoren mal so schön? Mother Nature is a bitch. Mutter Natur ist eine schöne, eindrucksvolle Person, aber sie kann einen gehörig in den Arsch treten und kalt lächelnd um die Ecke bringen.
Gut gesagt. Natürlich wird da romantisiert, was das Zeug hält -- das schöne alte Bild vom "edlen Wilden". Das einzig wichtige an diesem "Nichtkontaktieren": Wer in Ruhe gelassen werden will, soll in Ruhe gelassen und nicht zu einer plötzlichen Konfrontation mit Krankheitserregern und Techniken gezwungen und überrumpelt werden. Ende. Daß die unweigerlichen Vergleiche zu irrigen Idealisierungen und fleissigem Asche-aufs-modern-frisierte-Haupt-streuen führen, kennt man seit ein paar hundert Jahren. Die böse hochtechnisierte Kultur ist niemandem aufgezwungen worden sondern hat sich allmählich entwickelt. Wer findet, daß diese Entwicklung falsch war oder irgendwo falsch abgebogen ist, hat tatsächlich die Möglichkeit, sich von ihr zu entfernen.
Und zur Quelle des Zitats: Das ist ja wirklich eine prima Zusammenstellung völliger Ignoranz. Antidepressiva sind böse? Nicht wenn man depressiv ist. Geschmacksverstärker sind böse? Salz und Parmesan vom Speiseplan streichen. Und ja, Hannelore... es gibt immer noch Leute, die glauben daß flouridiertes Wasser und Zahncreme des Teufels sind. Auch in Deutschland. Vielleicht gerade in Deutschland, das in puncto Aberglaube gar nicht mal so fortschrittlich ist (sie auch: Erdstrahlen, Homöpathie, etc).
Ich finde eigentlich viel interessanter, dass das Flugzeug angegriffen wurde und die "edlen Wilden" nicht geflüchtet sind, oder es als Gottheit angefangen haben zu verehren.