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Ali Arbia hat in Internationalen Beziehungen am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf promoviert. Er ist überzeugter Europäer, ein echtes Zoon Politikon und interessiert sich für fast alles ausser Sport (und selbst das manchmal).
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18.05.08 · 09:32 Uhr
"Der Pate" und aussenpolitische Denkschulen in den USA
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur·Politik · Kommentare: 3
In einem Artikel legen zwei Autoren dar, wie die Charaktere in Coppolas Film 'Der Pate' mit drei wichtigen Denkschulen in der US Aussenpolitik in Verbindung gebracht werden können.
Der Artikel erschien im 'National Interest Online' (eine mir bis anhin unbekannte Publikation, gefunden via plysigh).
Nach dem Angriff durch die Sollozzo Familie auf Don Vito Corleone, der Kopf der Corleone Familie, beraten Tom Hagen, Sonny und Michael wie auf diese Attacke zu antworten sei. Die Autoren vergleichen die Attacke auf das Familienoberhaupt mit den Attentaten vom 11. September 2001 auf die USA. Die Familie ist mit einem veränderten Umfeld konfrontiert, alte Sicherheiten gelten nicht mehr. Die drei Mafiosi stehen symbolisch für drei einflussreiche Denkschulen in der US Aussenpolitik: Liberaler Institutionalismus (liberal institutionalism), Neokonservativismus (neoconservatism) und Realismus (realism).
Gemäss dieser Lesart ist Tom der Liberale Institutionalist. Er möchte, so die Autoren, wie viele US Demokraten ausschliesslich auf Verhandlungen und Belohnungen setzen (vorzugsweise multilateral) und die Konkurrenz 'kaufen'. Sonny ist der Neokonservative. Er möchte mit voller Kraft zurückschlagen, unilateral ohne Rücksicht auf irgendwen ('Shoot first and ask questions later'). Michael ist, immer noch gemäss den Autoren des Artikels, der Realist (1). Er akzeptiert die veränderten Umstände und durch flexibles Lavieren, mit Zuckerbrot und Peitsche rettet er was vom Einfluss der Familie noch zu retten ist.
Ich finde die Analyse ist eine witzige Idee und nett gemacht. Leider ist es zu lange her, dass ich den Film gesehen habe und ich kann daher nicht beurteilen in wie fern ich den Argumenten in Bezug auf Coppolas Werk zustimmen kann. Ich habe jedoch den Eindruck, dass die drei Denkschulen etwas holzschnittartig dargestellt werden, wohl mit dem Ziel dass sie auf den Film passen. So entstammt zum Beispiel das Demokratie Sendungsbewusstsein, dass man in beiden grossen Parteien in den USA findet ebenfalls aus diesem Denken und ist somit nicht auf die Demokraten beschränkt. Die ersten Exponenten der Neokonservativen Bewegung wiederum waren ursprünglich konservative Demokraten die vom US Isolationismus Abstand nahmen und nicht Republikaner. Ich sehe zudem nichts speziell dem Realismus verpflichtetes in Michaels Strategie. Es scheint mir eher eine Mischform zu repräsentieren. Dies steht in Kombination mit der Bereitschaft eine neue Situation zu erkennen und die Strategie entsprechend anzupassen. Dies ist jedoch nichts spezifisches für eine der Denkschulen. Die Autoren scheinen es von Anfang an auf ihre Realismus-Präferenz anzulegen. Ich glaube ausserdem nicht, dass sich durch die Attentate vom 11. September 2001 die Welt grundlegend verändert hätte oder dass diese die Attacken ein Resultat eines neuen Machtgefüges war (obwohl diese beiden Behauptungen sich hartnäckig halten).
Wie auch immer, der Artikel ist lesenswert und ich weiss jetzt, dass ich mir 'The Godfather' wieder einmal angucken muss.
(1) 'Realismus' sollte nicht mit der im Volksmund gebräuchlichen Bedeutung übersetzt werden. Es geht hier um eine spezifische und einflussreiche Denkschule mit präzisen Annahmen zur Natur der internationalen Beziehungen.
Autor: ali· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (3)
Würde ich überhaupt nicht sagen. Die wirklichkeitsnächste (realistischste) und daher beste Denkschule ist immer die eigene -- und deswegen heißt sie Realismus. Und außerdem liegt die Wahrheit, und damit die wahre Methode, immer genau in der Mitte... <seufz>
Die Namensgebung war bestimmt ursprünglich von dieser Wertung gezeichnet (ich weiss nicht genau wann der Begriff zum ersten Mal auftauchte und wer ihn prägte. Ich vermute es war Hans Morgenthau). Inzwischen hat sich der Begriff (zumindest im akademischen Bereich) als Bezeichnung für eben diese Denkschule eingebürgert. In der Fachliteratur wird der Begriff in einem entsprechenden nicht-wertenden Sinne verwendet und in diesem Sinn verwenden ihn auch die Autoren (die gleichzeitig eine klare Präferenz dafür zu haben scheinen). Darauf wollte ich hinweisen.
Eine zentrale Kritik am Realismus ist übrigens, dass seine Annahmen zu wenig realistisch seien...
Da muß ich mich auch kurz einmischen, denn Alis Hinweis muß ich unbedingt unterstreichen! Der Realismus ist eine außenpolitische "Schule", also eine theoretisch-konzeptionelle Theorielinie, die eben bestimmte Grundannahmen für das Feld der internationalen Politik voraussetzt (u.a. gilt das Machtinteresse der Staaten als Leitprinzip, der Machterhalt innerhalb des "anarchischen" Systems der Int. Politik ist das zentrale Motiv etc.).
"Realismus" ist einfach das Etikett das auf dieser Denkrichtung klebt. Daneben gibt es ja klassischerweise auch den "Idealismus" oder den "Institutionalismus" als Großtheorien, deren Bezeichnungen ebenso irreführen können.
Was ich sagen will: der "Realismus" darf nicht als realistisch, i.S. einer größtmöglichen Wirklichkeitsnähe mißverstanden werden. Manche halten ihn zwar für besonders erklärungskräftig, andere aber bemängeln seine möglicherweise realitätsferne Reduktion...