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06.09.10 · 00:30 Uhr
Günter Wallraff und die Stasi
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 14
Im ZDF wurde gestern ein längerer Beitrag über neue Aktenfunde gesendet, der sich mit der möglichen Zusammenarbeit des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR beschäftigt.
Die beiden Historiker der Süddänischen Universität Thomas Wegener-Friis und der Stasi-Experte Helmut Müller-Enbergs haben nach einem Bericht des ZDF (5.9.2010) im erstmals zugänglichen Archiv des dänischen Geheimdienstes Unterlagen gefunden, aus denen hervorgeht, dass Wallraff möglicherweise enge Kontakte mit der DDR-Staatssicherheit hatte. Bisher hatte er auch durch Unterlagen der Birthler-Behörde mit Aktenmaterial „unterfütterte" Vorwürfe auch vor Gericht vehement bestritten.
Die neuen Aktenfunde erhärten auch meiner Ansicht nach die bisherigen Verdachtsmomente. Man darf gespannt sein, was in diesem Zusammenhang noch an die Öffentlichkeit kommt, zumal es Müller-Engbergs war, der herausfand, dass der Polizist Karl-Heinz Kurras (erschoss 1967 Benno Ohnesorg) für die Stasi tätig war.
Link zum ZDF-Beitrag
Berliner Morgenpost vom 13.8.2008 zur Arbeit von Helmut Müller-Engberg
ZAPP-Beitrag von 2009 zu der Brisanz von Stasi-Akten und der Nichtaufarbeitung von besonderen Themen zur Zeitgeschichte:
Autor: Christian Jung· 14 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (14)
> aus denen hervorgeht, dass Wallraff möglicherweise enge Kontakte mit der DDR-Staatssicherheit hatte.
'möglicherweise' erhärtet gar nichts. Möglicherweise hatte Wallraff auch keine Stasi kontakte. Möglicherweise hatte Wallraff Kontakte mit Stasimitarbeiten. Möglicherweise hatte er Kontakte mit Verfassungsschützern. Möglicherweise ist auch morgen Dienstag.
Also die Wallraff-Stasi-Sache ist ja schon etwas älter. Gefühlte fünf bis zehn Jahre.
Sie erhält natürlich besondere Brisanz durch die Figur des besonders taffen Helden Wallraff. Und an solchen Ikonen mag man keine Kratzer. Umso mehr sind andere daran interessiert, Kratzer zu hinterlassen.
MW steht ja schon auf jeden Fall fest, dass er einige (wie viele?) seiner besonders gefährlichen Einsätze gar nicht selbst durchgeführt hat und die Leser damit anlog. Also erste Sprünge hat das Denkmal schon.
Und es würde exakt zu den Erkenntnissen passen, dass eine Vielzahl sehr links stehender Personen aktive Stasikontakte hatte. RAF sowieso, aber auch die ganzen K-Gruppen.
Bestehen bleibt Wallraffs Verdienst, die BILD in der Öffentlichkeit wirksam demontiert zu haben. Wäre schade, wenn diese Verdienste durch andere "Dummheiten"(?) relativiert würden. Nicht schade um die Person Wallraff, er ist selber erwachsen, aber schade um den Teil seiner Inhalte, den er glaubwürdig transportiert hatte.
@Michael: Danke für den "möglicherweise"-Kommentar. Man hätte auch "offenbar" schreiben können. In den Stasi-Akten ist es in zahlreichen Fällen von prominenten Personen immer möglich gewesen, anhand des Materials nachzuweisen, dass es sehr enge Kontakte mit der Stasi gab. Im Fall von Wallraff ist bisher jedoch keine Verpflichtungserklärung gefunden worden, es gibt nun aber Parallelquellen des dänischen Geheimdienstes, die die bisherigen Verdachtsmomente sehr erhärten. Historiker und Journalisten sind jedoch durch verschiedene Urteile vorsichtig geworden, um nicht sofort wieder Probleme mit Juristen von Prominenten zu bekommen. Advokatische Winkelzüge gab es immer wieder in der Vergangenheit, da zahlreiche belastende Akten bewusst 1989/1990 noch vor der Wiedervereinigung vernichtet wurden. Deshalb "möglicherweise". Der ZDF-Bericht und die begleitende Berichterstattung über die Arbeit der beiden aufdeckenden Historiker sind allerdings sehr seriös. Ich werde zu dem Thema einen eigenen Blogbeitrag schreiben. Im heutigen Focus gibt es übrigens weitere Informationen zu Wallraff.
@BreitSide: Es geht in diesem Falle nach der Lektüre weiterer Berichte nicht um das Lebenswerk Wallraffs bzw. dessen von Ihnen gemutmaßte Zerstörung. Der Journalist hat jedoch in der Vergangenheit immer bestritten (und dies ebenso vor Gericht), überhaupt Kontakte mit dem MfS gehabt zu haben.
@Christian: Klar geht es hier vordergründig nur um die "einfache" Wahrheit seines Verhältnisses zum MfS.
Aber gerade bei dem ikonenhaften Status von W liegt der Vergleich mit Grass ("der mit ´ss´", wie der Kabarettist Hagen Rether so scharfzüngig bemerkte) nahe.
Oder mit Filbinger.
Oder mit Waldheim.
Oder mit Stolpe.
Dass sein Lebenswerk in Gefahr ist, scheint mir unausweichlich. Unabhängig davon, (ob und) wie sein MfS-Verhältnis wirklich war. Aber so ist das nun einmal, wenn man im Mittelpunkt der Presse steht bzw. sich da hinein gestellt hat...
AFAIK hat Wallraff schon in Büchern aus den 80er Jahren ausführlich seine Stasi-Kontakte dargelegt -es war wohl nach seiner Darstellung ungefähr so:
- Es gab Anwerbungsversuche.
- Die Stasi kam letztendlich zu dem Schluss dass er ideologisch nicht geeignet ist, für sie zu arbeiten.
Also verleugnet hat er die Kontakte m.w. nie. Nur eben dass er FÜR sie gearbeitet hat.
Da haben sich in den 60-er und 70-er Jahren Heerscharen von Journalisten bemüht, bei DDR-Stellen "geheime" Informationen über das verwerfliche Wirken von bundesdeutschen Politikern und Wissenschaftlern zu erhalten, die angeblich in alten Nazi-Archiven - nun auf DDR-Territorium gelegen - lagerten. Herausgekommen sind so verdienstvolle Tatsachen wie die Lübke-KZ-Bauten etc. Das sich die Herren Journalisten, von konkret über stern bis SPIEGEL, dabei auch notgedrungen mit Stasi-Leuten treffen mußten, haben wohl alle hingenommen. Es ging schließlich um die Auflage. Um die Wahrheit weniger. Und ob Wallraff nun wußte, wem er gegenübersaß, spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Die Blauäugigkeit linker BRD-Journalisten gegenüber dem "besseren" Deutschland namens DDR hat ja leider nicht einmal nach 1989 aufgehört, als viele getürkte Geschichten enttarnt wurden. Herren Wallraff, Röhl, van Oyen und Kollegen könnten ja heute zumindest zugeben, dass sie sich damals haben täuschen lassen und ihre Gesprächspartner weniger an einer gesamtdeutschen Friedensbewegung als an Desinformation interessiert waren. Leider fehlt Ihnen der Mut dazu. Eigentlich schade. MfG HGB
> Herren Wallraff, Röhl, van Oyen und Kollegen könnten ja heute zumindest zugeben, dass sie sich damals haben täuschen lassen und ihre Gesprächspartner weniger an einer gesamtdeutschen Friedensbewegung als an Desinformation interessiert waren.
Wer gibt denn schon gerne zu, dass er sich wie ein Depp benommen hat. Ausserdem geht es wohl darum, ob Wallraff in irgendeiner Weise wissend für die Stasi gearbeitet hat. Da gibt der Artikel allerdings nichts her.
Und Geheimdienstbereichte: Was die wert sind, da kann man ja Colin Powell zu befragen.
kleines Problem am Rande: ich würde gerne den "Zeittaucher" abonnieren, finde ihn aber leider nicht auf der Blog-Liste: http://www.scienceblogs.de/rss.php
@Alexander
Sie können mit "Kultur" eingrenzen, aber auch einfach gelegentlich hier klicken:
http://www.scienceblogs.de/Zeittaucher/tag/Zeittaucher
Hallo Webbaer, das ist nicht gerade die Lösung, die ich suche. Ein Lesezeichen anlegen kann ich natürlich, aber es geht ja darum, den Zeittaucher im RSS-Feed zu haben, so wie andere selektierte Blogs aus den Scienceblogs auch.
@Alexander: Ich werde morgen versuchen, dass das Blog auch auf der Liste erscheint. Ist anscheinend untergegangen. Gruß CJ
@Alexander:
Leider haben wir bei Scienceblogs seit ca. 1 1/2 Jahren ein Problem mit dieser Übersichtsseite zu den RSS-Feeds. Eine Änderung ist leider nicht möglich (und so fehlen neben dem Zeittaucher-Blog auch noch einige andere Blogs).
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@Marc: Danke für die rasche Info!