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20.05.10 · 06:00 Uhr
Ist Freiheit selbstverständlich? Das Potsdamer Stasi-Gefängnis „Lindenhotel" (Buchrezension)
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 5
Schnell, Gabriele: Das „Lindenhotel". Berichte aus dem Potsdamer Geheimdienstgefängnis, Berlin 2009.
Von Sandra Schäberle (Universität Heidelberg)
Gabriele Schnell hat sich in ihrer 2009 erschienenen Monografie über das sogenannte „Lindenhotel" einem sehr schwierigen und zugleich interessanten Thema der DDR-Geschichte gewidmet. Insgesamt 15 Menschen, Männer und Frauen, erzählen von ihren Erfahrungen, als zumeist politisch Gefangene des Potsdamer Untersuchungs-Geheimdienstgefängnisses, das vor allem vom Ministerium für Staatssicherheit (Mfs) genutzt wurde. Der Erzählungszeitraum umfasst über 40 Jahre, von den ersten Verhaftungen im Jahre 1946 bis zum Ende der DDR 1989.
Die Berichte der Opfer
Es handelt sich um Menschen aller Altersgruppen und aus verschiedensten Lebensumständen. Ihr Schicksal war jedoch immer das Gleiche: Sie wurden unter Vorwürfen wie Spionage, Landesverrat oder staatsgefährdender Propaganda, monate- oder jahrelang unter den menschenunwürdigsten Bedingungen an einem Ort festgehalten. In diesem „Haus des psychischen Terrors" wurden sie gefoltert und misshandelt, bis das gewünschte Geständnis erfolg-te. Herbert Paulmann, der 1946 in Haft geriet und jahrelang unter menschenunwürdigen Bedingungen ausharren musste, erzählte von einer äußerst barbarischen Behandlung. Der Gefangene musste sich ausziehen und wurde bei Eiseskälte an ein offenes Fenster gekettet, wo er schließlich mit einem harten Wasserstrahl auf Stirn, Brust und auf das Geschlecht bespritzt wurde. Neben den körperlichen Grausamkeiten werden erschütternde Einblicke in den Gefängnisalltag geschildert. So erinnerte sich Paulmann: „Dann sah ich das Blut. Es war grausam. Er hatte die Qualen nicht mehr aushalten können und sich mit einem kleinen Nagel aus dem Schuhabsatz die Pulsadern geöffnet."
Nach der Haftentlassung standen die meisten Häftlinge in der Regel vor den Trümmern ihres bis dahin geführten Lebens. Viele Menschen starben an Entkräftung, Hunger und Krankheit oder behielten lebenslang schwere körperliche wie auch geistige Schädigungen von der Haft zurück. Der Interviewte Siegfried Heise, welcher als Student 1951 verhaftete wurde, berichtet noch heute von Schlafstörungen und Albträumen.
Ihre tragischen Biografien stehen im Mittelpunkt des Buches. Sie wurden auf der Basis von Tonband-Interviews niedergeschrieben. Die letzten 30 Seiten beinhalten eine wissenschaftliche Ausarbeitung des Themas von Gabriele Schnell und unter anderem von dem Historiker Hans-Hermann Hertle.
Forschungsgeschichte
Der Band öffnet somit ein Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, wie es aktueller nicht sein könnte. Gerade jährt sich zum 20. Mal das Ende der DDR und die Wiedervereinigung 1990. Es ist ein angemessener Anlass, vergessene oder verschwiegene deutsche Geschichte näher zu beleuchten. Die Forschung steht in diesem Gebiet noch ganz am Anfang. Die Problematik der Aufarbeitung ist nur schwer zu überwinden. Denn die meisten Unterlagen sind entweder nach der Schließung des Geheimdienstgefängnisses still entsorgt worden oder die Einsicht der Unterlagen wird bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt verweigert.
Bewertung
Dadurch wird diese erste umfassende Studie speziell über das Potsdamer Gefängnis so wertvoll, das stellvertretend für alle anderen Stasi-Geheimdienstgefängnisse in den früheren DDR-Bezirkshauptstädten steht. Die Autorin studierte selbst in der DDR und übernahm ab 1990 eine Tätigkeit als freie Publizistin. Sie hat sich bereits mehrfach mit der Geschichte der Stadt Potsdam und der Staatssicherheit beschäftigt. Etwas zu kurz gekommen bei dieser Arbeit, ob gewollt oder ungewollt, ist die Erwähnung auf ergänzende Beispiele aus der DDR beziehungsweise weitere Angaben zur Forschung oder Ausführungen im Hinblick auf eine thematische Vertiefung. Es gibt ebenso kein eigenständiges Literaturverzeichnis, in welchem man übersichtlich auf weiterführende Literatur stoßen könnte. Alles in allem ist diese Monografie trotzdem sehr empfehlenswert. Aufwühlend und detailliert erzählen die Betroffenen von ihren Martyrien, die bis heute noch nachwirken.
Internationale Beispiele
Gegenwärtig befinden sich in mehreren Ländern, wie zum Beispiel in China oder Kuba Men-schen aus politisch-ideologischen Gründen in Gefängnissen. Als ein brisantes Beispiel wäre hier nur das amerikanische Hochsicherheitsgefängnis in Guantanamo Bay auf Kuba zu erwähnen. Auch wenn amerikanische Offiziere Folter und Unmenschlichkeiten nach wie vor abstreiten, sind diese Methoden zumindest an manchen Häftlingen gewiss. Systematischer Schlafentzug, Isolationshaft oder Prügel sind heute wie auch damals Bestandteile der Gerichtsbarkeit in einigen Ländern und können vom deutschen Rechtsstaat nicht geduldet werden.
Horst Schüler, ein ehemaliger Insasse des „Lindenhotels", trifft den Kern des Themas mit deshalb seiner Bemerkung sehr genau: „Mit meinem Schicksal will ich nicht hausieren gehen. Doch ich finde es wichtig, dass junge Leute erfahren, was mit uns geschah, damit sie wissen können, dass die Freiheit in der sie leben, nicht selbstverständlich ist."
Buchtipp zum Thema:
Hattig, Susanne: Geschichte des Speziallagers Bautzen, 1945-1956. Katalog zur Ausstellung der Gedenkstätte Bautzen, Dresden 2004.
Autor: Christian Jung· 5 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (5)
Schöner Artikel, Wb kurz durchgelesen, ja so war das früher!
Am Rande noch:
Gitmo beherbergt Kräfte, die bei milit. Auseinandersetzungen festgesetzt und als so genannte "Illegitime Kämpfer" betrachtet werden. Für diese gilt bspw. das Strafrecht nicht oder zumindest grundsätzlich nicht.
Die Behauptung, in Guantanamo würden "Menschen aus politisch-ideologischen Gründen in Gefängnissen" festgehalten werden, ist sachlich falsch und der Vergleich mit den Opfern der DDR-Justiz (oder der beiden o.g. Sozialismen) ist -dezent formuliert- abwegig.
MFG
Wb
Selbstverständlich hat der Rezensent insofern Recht, als dass in westlichen Folterkammern derzeit und ganz aktuell tausende Menschen festgehalten und tatsächlich gefoltert werden.
"Gitmo", wie ein kleiner brauner Netzbär das US-KZ auf Kuba hier verniedlicht, ist genau das: ein KZ. Es gibt keinerlei Rechtsbeistand.
der westlichen Maßstäben genügt (wie übrigens auch im mörderischen
Todestrakt der US-Justiz), dem Roten Kreuz etc. wurde der Zugang verwehrt, es werden Unschuldige festgehalten (El Masri) usw.
Natürlich ist dieser "unhaltbare Zustand" ein Thema, wenn unsere Kanzlerin nach Amerika fliegt. Ändern wird sich natürlich nichts.
Unseren "Freunden" in Amerika gehen unsere Ansichten über Guantanamo, Todesstrafe und Atombomben derart am Arsch vorbei,
dass dagegen selbst das Wetter auf Hawai zum Nationalevent mutiert.
Der Name dieses Etablissements erinnert mich ja sehr an dieses ähnlich genutzte Gebäude.
@ Webbaer:
Der Logik das Webbaeren nach muss die Anschuldigung an eine Person nur schwerwiegend genug sein, dann rechtfertigt sich jede Maßnahme gegen sie?
Man sollte nicht vergessen das viele dieser "ungesetzlichen Kombattanten", wie sie , um Internationales Recht zu umgehen, genannt werden , ohne konkrete Verdachtsmomente von Kopfgeldjägern gefangen wurden.
"Fun"-Fakt:
Die Rückfallquote freigelassener Gitmo-Häftlinge ist niedriger (14%) als die Rückfallquote von Häftingen aus US- Gefängnissen (c.a. 50%)
@redfox
Betrachten Sie den Vorhalt bitte technisch, Historiker vergleichen üblicherweise nicht ohne nähere Erläuterung Äpfel mit Birnen, sonst hätte bspw. auch der Fall Gäfgen oder der Fall Chodorkowski oder der Fall Johnston angeführt werden können.
Eine Stellungnahme des Erstellers und/oder Verlegers dieser Arbeit bleibt von Interesse.
Vor der offiziellen Gründung des MfS gab es Vorgängerorganisationen und den sowjetischen Geheimdienst, der die Untersuchungsgefängnisse in der Regel ab 1945/46 nutzte. Weltweite Folterpraktiken haben viele erschreckende Parallelen, wie gerade in der vergangenen Woche eine Dokumentation von ARTE unter dem Titel "Mengeles Erben. Menschenversuche im Kalten Krieg" offenbarte. CJ