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Zeittaucher ist ein Blog von Christian Jung mit aktuellen Themen zur Zeitgeschichte, historischen Gegenwart und Kriminologie.


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28.04.10 · 13:45 Uhr

Veit Harlan: Der "unwillige" Nazi-Regisseur (Buchrezension)

Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften  ·  Kommentare: 20

Buchloh, Ingrid: Veit Harlan. Goebbels' Starregisseur, Paderborn 2010.

Von Ralph-Michael Höger (Universität Heidelberg)

Die Historikern Ingrid Buchloh bespricht und untersucht die Person und die Werke des Regisseurs Veit Harlan (1899-1964) in ihrem Buch in drei umfangreichen Teilen.

Harlan.jpg

Zuerst widmet sie sich der Herkunft des Künstlers, den ersten Gehversuche am Theater, zunächst als Schauspieler und ab 1934 dann als viel versprechender Jung-Regisseur bis in das Jahr 1939. Im zweiten Teil werden dann die Arbeiten in den Kriegsjahren besprochen. Der antisemitische Film Jud Süß (1939/40) spielt dabei eine herausragende Rolle. Zum Schluss geht die Autorin auf die Ereignisse nach 1945 ein. Hier sind vor allem Harlans Entnazifizierungsprozesse, sich anschließenden Diffamierungen und Pressekampagnen zu nennen, die objektiv aufbereitet werden.

Harlans Herkunft: ein geistig anregendes und philosemitisches Elternhaus

In wenigen Seiten handelt Buchloh die Herkunft und die Schauspielerjahre während der Weimarer Zeit ab. Harlan kam aus gutem Hause. Sein Vater Walter Harlan war Schriftsteller und Dramaturg. Der Großvater Bankier und Geschäftsmann. Dabei attestiert die Historikerin, Harlan sei „in einem geistig anregenden und philosemitischen Elternhaus" aufgewachsen. Er wurde Schauspieler, erhielt gute Kritiken und arbeitete auf sein eigentliches Berufsziel des Regisseurs unermüdlich hin. Eine für eine Künstlerbiographie gradlinige Entwicklung eines aufstrebenden, jungen Talents in der Weimarer Republik.

Harlans Wirken ab 1933: Der aufstrebende Regisseur

Dem Jahr 1933 wird ein ganzes Kapitel gewidmet. Für Harlan, den die Autorin als patriotisch bezeichnet, stellte sich die Möglichkeit der Ausreise nicht. Er hatte im Jahr 1929 erst die Schauspielerin Hilde Körber geheiratet und drei kleine Kinder zu versorgen. Für Harlan bedeutet das Jahr 1933 jedoch den Abschied von vielen jüdischen Freunden, die ins Exil gingen. Seine Trauzeugen, Fritz Kortner und Francesco von Mendelssohn, waren beispielsweise beide Juden gewesen, genau wie seine erste Frau Dora Gerson.

Er unterschätzte die Nationalsozialisten, schwärmte für ein Volkstheater, das unter ihnen realisierbar sein könnte und war der festen Überzeugung, dass er die Freiheit seiner Kunst auch unter dem Nazi-Regime verteidigen könne. - Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich bald herausstellen sollte. Seine Filme kamen beim Publikum an. Im Ausland wurde er in den Kritiken gelobt Er spezialisierte sich in den Jahren 1935-1939 vor allem auf Familienfilme und religiöse Themen, um möglichst wenig Angriffsfläche für Eingriffe des Propagandaministeriums zu bieten. NS-Propagandaminister Joseph Goebbels hatte den ehrgeizigen Filmemacher früh für sich entdeckt und war begeistert von der Emotionalität in Harlans Filmen. Er erkannte bald das Potential Harlans, der ihm als hervorragendes Werkzeug für seine Agitation dienen sollte.



Harlans Wirken ab 1939: Der unwillige Handlanger der Diktatur

Mit Kriegsausbruch war Harlans künstlerische „Schönwetterphase" zu Ende. Er bekam von Goebbels den Auftrag, den antisemitischen Film „Jud Süß" zu produzieren. Diesem sich anschließenden Arbeitsprozess geht Buchloh auf fast vierzig Seiten nach. Harlan, der immer noch eng mit Juden und Schauspielern, die in Ehen mit Juden lebten, befreundet war, versuchte sich mit allen Mitteln gegen das Projekt zu wehren. Er bat sogar darum, sich als Freiwilliger an die Front zu melden. Mit Goebbels Hinweis, dass auch Kulturschaffende Soldaten seien und bei Pflichtverletzung als Deserteure mit allen Konsequenzen zu gelten hätten, wurde der Regisseur so stark unter Druck gesetzt, dass er das Projekt annahm, um existentiellen Schaden von sich und seiner Familie abzuhalten. Nichtsdestotrotz gelang es ihm, die Schärfe und Grausamkeit des vorgelegten Drehbuchs ein wenig abzumildern und den Juden Süß als durchaus liebenswerte Figur darzustellen. Der Propagandaminister war darüber so erbost, dass er den Film nach Harlans Fertigstellung nochmals komplett überarbeiten ließ. Harlan distanzierte sich zwar von diesen Änderungen, war aber in seinen Protesten machtlos.

Das nachträgliche Bearbeiten für die NS-Propaganda wiederholte sich dann in Harlans folgenden Filmen. Ganze Passagen wurden diktiert, Harlans bevorzugte Projekte gestrichen und das Werk Harlans bei Nichtgefallen im Anschluss von anderen Regisseuren überarbeitet. Teilweise wurden von Goebbels selbst geschriebene Passagen eingefügt. Die gespannte Beziehung zwischen beiden war vom Misstrauen und der Unberechenbarkeit des Propagandaministers einerseits und Harlans Furcht, (obwohl er sich bei diesem mehr leisten konnte als andere,) und Hass andererseits geprägt. Eindrücklich schildert Buchloh in die Folge die Entstehen des für Goebbels besonders bedeutenden Propagandafilms „Kolberg". Die Geschichte der, von Napoleon eingeschlossenen Stadt, sollte als Durchhaltefilm der Propaganda dienen. Der Film wurde von Harlan mit einem für diesen Zeitpunkt immensen Aufgebot an Komparsen und als teuerste Filmproduktion der NS-Zeit überhaupt inszeniert. Es ist dabei „beeindruckend" zu erfahren, wie sehr Goebbels an die Macht des Films während des „totalen Kriegs" kurz vor dem Kriegende 1945 glaubte.




Entnazifizierung: Prozesse, Freisprüche und Boykotte

Zum letzten antisemitischen Film „Der Tod in Venedig", den Harlan drehen sollte, kam es in Folge diverser Verzögerungstaktiken des Regisseurs nicht mehr. Nach 1945 gelangte Harlan, als „Naziregisseur Nr. 1", in die Zielscheiben der Alliierten. Sofort wurde seine Wohnung durchsucht und er selbst mit einem Berufsverbot belegt. Um dies aufzuheben, ließ er 1947 ein Entnazifizierungsverfahren gegen sich selbst einleiten, in der Hoffnung, dass sich Kollegen, die er während der NS-Zeit vor der Verfolgung bewahrt hatte, sich nun für ihn aussprechen würden. Der Prozess begann am 3. März 1949. Hunderte Filmschaffende, teilweise auch Widerstandskämpfer, sagten für ihn aus. Am 23. April 1949 folgte der Freispruch. Nachdem er von zwei weiteren Anklagen wegen „Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit" freigesprochen wurde, durfte Harlan, der sich mittlerweile in großen Geldnöten befand, wieder als Filmemacher. Infolge eines breiten Medienechos und einer aufgebrachten Öffentlichkeit, die zum Boykott der neuen Harlan-Filme aufrief und ihn diffamierte, gelang es ihm aber nicht mehr, in der deutschen Filmlandschaft Fuß zu fassen - die Angebote blieben nach einigen kleineren Filmen aus. Er starb 1964 in Folge einer Lungenentzündung.

Umfassende Quellenarbeit

Ingrid Buchloh ermöglicht durch die Ausnutzung zahlreicher Quellen, darunter die Prozessakten, Nachlässe von Julius Bab, Heinrich George und Fritz Kortner, Goebbels Tagebücher, Memoiren von Zeitzeugen, zum Beispiel seiner Tochter Maria Körber, sowie persönliche Dokumente Harlans aus dem Besitz seiner Familie, eine präzise und umfassende Sicht auf den „Starregisseur" des NS-Staates zu zeichnen. Die wichtigsten Zitate bettet sie in den Text ein, was dem Leser ermöglicht, sich ein recht genaues Bild von den Haltungen und Motivationen der Akteure zu machen und sie erzeugen in diesem Zusammenhang eine belebende Nähe zu den beschriebenen Situationen und Ereignissen. Leider leidet darunter der Lesefluss stellenweise erheblich, zumal wichtige Briefe und Dokumente im Anhang nochmals als Faksimiles aufgeführt werden. Insgesamt wird ein positiv gefärbtes Bild des historischen Protagonisten gegeben, ohne emotionale Wertungen vorzunehmen, indem die Analyse-Einsichten ebenso hinreichend belegt werden. Das Interpretationspotential wird dabei jedoch nicht völlig ausgeschöpft.

Wichtige Fragen werden nicht ausreichend berücksichtigt

Die sich aufdrängenden Fragen wie „Was für eine Verantwortung hat der Künstler gegenüber der Gesellschaft?" oder „Inwieweit haben die Filme Harlans dem NS-Regime gedient?" hätten eines weiteren Kapitels bedurft. Hier ist durchaus noch Raum für weitere Arbeiten, die sich mehr mit dieser Fragestellung auseinandersetzen sollten. Anzumerken ist dabei, dass Buchloh zunächst stark damit beschäftigt war, die Person Harlans hinter den unzähligen Anklagen und Diffamierungen nach 1945 auszugraben und, soweit es ihr möglich war, stereotype oder verunglimpfende Bilder zurechtzurücken. Dennoch darf meiner Meinung ein solches Buch nicht ohne die Frage nach der Verantwortung und Schuld des Künstlers geschrieben werden. Hier greifen mir die Ansätze der Historikerin zu kurz. Trotzdem: Insgesamt ist das Buch sehr anregend, besonders wegen der überzeugenden Quellenarbeit, dessen Thema noch auf einen breiteren Forschungsdiskurs wartet.

Weitere Titel zu Veit Harlan

In den vergangenen zehn Jahren gab es einige Neuerscheinungen zum Thema. Im Jahre 2000 erschien Franz Noacks Monographie „Des Teufels Regisseur". 2008 folgte eine Untersuchung zu Harlans Filmen „Jud Süß" und „Das Dritte Geschlecht" von Francesca Falk. Im selben Jahr stellte der Historiker und Filmemacher Felix Möller seinen Dokumentarfilm „Harlan - im Schatten von Jüd Süß" fertig, der hauptsächlich die Hinterbliebenen Harlans zu Wort kommen lässt. Am 18.2.2010 feierte der Spielfilm „Jud-Süß - Film ohne Gewissen", der die Entstehungsgeschichte des Werks behandelt, in Berlin seine Uraufführung. Er soll im August 2010 in die Kinos kommen.

Bedeutende Filme Harlans

Die Kreutzersonate (UA: 11.2.1937)
Der Herrscher (UA: 17.3.1937) - Vorbehaltsfilm - über Murnaustiftung eingeschränkt verfügbar
Jud Süß (UA: 5.9.1940) - Vorbehaltsfilm - über Murnaustiftung eingeschränkt verfügbar
Der Große König (UA: 3.3.1942) - Im freien Handel erhältlich
Die Golden Stadt (UA: 3.9.1942) - Gekürzte Fassung bei der Murnaustiftung verfügbar
Immensee (UA: 8.12.1942) - Im freien Handel erhältlich
Opfergang (UA: 29.12.1944) - Im freien Handel erhältlich
Kolberg (UA: 30.1.1945) - Vorbehaltsfilm über Murnaustiftung eingeschränkt verfügbar

Weitere Informationen zu Filmen aus der NS-Zeit

 

Autor: Christian Jung· 20 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (20)

Author Profile Page Thilo Kuessner· 28.04.10 · 14:18 Uhr

Er spezialisierte sich in den Jahren 1935-1939 vor allem auf Familienfilme und religiöse Themen, um möglichst wenig Angriffsfläche für Eingriffe des Propagandaministeriums zu bieten.
Das entspricht nicht der Wahrheit: Zum Beispiel stammt der Film "Der Herrscher" aus dem Jahr 1937 (um das herauszufinden, reicht eine Wikipedia-Suche).
Mit Goebbels Hinweis, dass auch Kulturschaffende Soldaten seien und bei Pflichtverletzung als Deserteure mit allen Konsequenzen zu gelten hätten, wurde der Regisseur so stark unter Druck gesetzt, dass er das Projekt annahm, um existentiellen Schaden von sich und seiner Familie abzuhalten.
Hört sich nicht sehr plausibel an. Es handelte sich hier um ein (gerade auch finanziell und bzgl. der technischen Möglichkeiten) sehr gefördertes Projekt, z.B. wurde der Film in Farbe gedreht. Schwer vorstellbar, daß es keine anderen Regisseure gab, die sich für solch ein Vorzeigeprojekt bewarben. Wenn ich mich recht erinnere, hat ja z.B. auch Gustav Gründgens die Mitarbeit an dem Film abgelehnt.
Nichtsdestotrotz gelang es ihm, [...] den Juden Süß als durchaus liebenswerte Figur darzustellen.

Ist das so? Ich habe den Film nicht gesehen, aber die Rezeption ist ja offensichtlich eine andere.

Kennt jemand den Film? Wird die Hauptfigur tatsächlich als "durchaus liebenswertte Figur" dargestellt?

(Und noch eine grundsätzliche Frage: wie objektiv sind Biographien, die von Verwandten geschrieben werden? Es wäre sicher besser gewesen, die Autorin hätte sich einen unbeteiligten und unabhängigen Koautor gesucht. Gerade weil ihre Thesen so diametral dem bisherigen Geschichtsbild entgegenstehen.)

Kommentar-Direktlink Wb· 28.04.10 · 14:27 Uhr

Schuldfragen sind immer schwer zu bearbeiten, beim Kollegen Harlan und Fr.Riefenstahl - um nur einige zu nennen - beantworten diese sich aber quasi von selbst.

Difffferenzzieren darf der Historiker natürlich, Verbrechen sind oft nicht so leicht zu erkennen und einzuordnen. Vieles ist relativ.

Das hier aber nicht.

Kennt jemand den Film? Wird die Hauptfigur tatsächlich als "durchaus liebenswertte Figur" dargestellt?
Natürlich nicht. Oder je nachdem...

MFG
Wb

Author Profile Page Thilo Kuessner· 28.04.10 · 14:59 Uhr

@ Wb: Allgemeinplätze helfen selten weiter. Es ging mir darum, ob die Darstellung historisch korrekt ist. Wenn das geklärt ist, können Sie DANACH über die Bewertung diskutieren.

Kommentar-Direktlink Wb· 28.04.10 · 15:04 Uhr

Die Darstellung mag "historikerseits irgendwie" korrekt sein, es scheint um die Wertung zu gehen, schauen Sie sich den Film doch gerne einfach mal an.

Author Profile Page Thilo Kuessner· 28.04.10 · 15:21 Uhr

Nein, es geht um die historische Korrektheit der Darstellung. Im Artikel werden über die Vorgeschichte des Films eine Reihe von Behauptungen aufgestellt, die jedenfalls dem verbreiteten Geschichtsbild widersprechen. Die Frage ist, auf welchen Quellen und welchen belastbaren Fakten diese Darstellung beruht.

Kommentar-Direktlink Ralph Höger· 29.04.10 · 23:21 Uhr

Ich möchte mich als Autor des Artikels kurz zu der aufgeworfenen Frage beim Film "Jud Süß" äußern. Was habe ich geschrieben?

"Nichtsdestotrotz gelang es ihm, die Schärfe und Grausamkeit des vorgelegten Drehbuchs ein wenig abzumildern und den Juden Süß als durchaus liebenswerte Figur darzustellen. Der Propagandaminister war darüber so erbost, dass er den Film nach Harlans Fertigstellung nochmals komplett überarbeiten ließ."


- Ich hebe vor: "nochmals komplett überarbeiten ließ." - Das heißt der ursprüngliche Film, wie ihn Harlan (möglicherweise - das sagen jedenfalls Buchlohs Quellen) intendiert, gedreht und geschnitten hat existiert nicht mehr. Er wurde nochmals überarbeitet. Daraus folgt, dass man nicht mehr mit absoluter Bestimmtheit sagen kann, wie Harlan die Rolle Süß' in seinem (unüberarbeitendem) Orginial dargestellt hat.

Eine Argument für Buchlohs These findet sichauf Seite 94, ein Zitat von Paul Henckel (Zeugenaussage am 8.4.1950):" Marian hat zweifellos unter der Suggestivkraft des Regisseurs Harlan die Rolle des Jud Süß so sympathisch wie möglich dargestellt. Es fiel nicht viel auf die Figur des Juden, während die Gegenseite, der Herzog, von Heinrich George 'als ein hochfürstliches Schwein dargestellt', alles andere als sympathisch wirkte."

Eine weiteres Zitat, das Buchloh anbringt - wie beim ersten auf die unüberarbeitete Version bezogen (S.99): "Goebbels schrie Harlan und auch Hippler an, ob sie ihn hätten täuschen wollen oder ob sie nur 'so dumm und instinktlos seien'. 'Der kleinste Parteigenosse würde erkennen, dass der Jud Süß fast die einzige sympathische Rolle sei" (Quelle: Landgerichtsurteil vom 29.4.1950, S.32, in Julius Bab-Archiv, Bab 516, Akademie der Künste Archiv Berlin)

Wie stichhaltig die Quellen sind, wie nah sie der Realität kommen, mag ich als Rezensent, dessen Spezialgebiet nicht auf NS-Filmen liegt, nicht zu beurteilen. Ich möchte nur klarstellen, dass Buchloh diese Sicht vertritt.


Kommentar-Direktlink Wb· 29.04.10 · 23:49 Uhr

Das "sehr anregende Buch mit der überzeugenden Quellenarbeit" hat sicherlich auch die Zitate aus Goebbels Tagebuch beinhaltet, die nicht auf eine bei Goebbels Unzufriedenheit bewirkende Renitzenz des Regisseurs schliessen lassen?

Paul Henckel (Schauspieler, "Feuerzangenbowle") u.a. werden natürlich nach dem Krieg vor Gericht, es ging hier um einiges, dazu geneigt gewesen sein "Jud Süss" inkl. Regisseur in ein besseres Licht zu stellen, oder?

Author Profile Page Thilo Kuessner· 30.04.10 · 00:53 Uhr

Wie stichhaltig die Quellen sind, wie nah sie der Realität kommen, mag ich als Rezensent, dessen Spezialgebiet nicht auf NS-Filmen liegt, nicht zu beurteilen. Ich möchte nur klarstellen, dass Buchloh diese Sicht vertritt.

Man erlebt ja in letzter Zeit immer häufiger, vor allem in Fernsehsendungen von Guido Knopp, wie Nachkommen bzw. Verwandte historischer Persönlichkeiten sich im Fernsehen äußern dürfen über Ereignisse, die sie gar nicht selbst erlebt haben. Man erfährt dort offensichtlich die Darstellung der Ereignisse, wie sie in der Familie weitergegeben wurde - und die stimmt, um es mal zurückhaltend zu formulieren, sicherlich nicht immer mit der Wirklichkeit überein.

Solche in Familien überlieferten (Selbst-)darstellungen mögen ja durchaus interessant sein, man sollte sie aber nicht mit der Wirklichkeit verwechseln und vor allem sollte man sie nicht als wissenschaftliche Arbeiten verkaufen.

Das Buch ist Teilprojekt einer Familienchronik, die die Autorin über ihre (d.h. Harlans) Familie schreibt. Das heißt nicht automatisch, daß das Buch voreingenommen oder inhaltlich falsch sein muß, aber jedenfalls sollte man solche Behauptungen nicht einfach ungeprüft als Tatsachen übernehmen - eine kritische Quellenprüfung wäre sicher angebracht.

Konkret: Sie behaupten oben im Artikel und eben auch noch mal im Kommentar:

der ursprüngliche Film, wie ihn Harlan (möglicherweise - das sagen jedenfalls Buchlohs Quellen) intendiert, gedreht und geschnitten hat existiert nicht mehr. Er wurde nochmals überarbeitet. Daraus folgt, dass man nicht mehr mit absoluter Bestimmtheit sagen kann, wie Harlan die Rolle Süß' in seinem (unüberarbeitendem) Orginial dargestellt hat.

Worauf fußt diese Behauptung? Ist das nur die Darstellung, die in der Familie Harlan-Buchloh kursiert oder gibt es für diese Behauptung tatsächliche Anhaltspunkte?

In der Wikipedia wird aus Goebbels' Tagebuch zitiert: "„Mit Harlan und Müller den Jud-Süß-Film besprochen. Harlan, der die Regie führen soll, hat da eine Menge neuer Ideen. Er überarbeitet das Drehbuch nochmal.“ (5.12.1939) und „… Besonders der Jud-Süß-Film ist nun von Harlan großartig umgearbeitet worden …“ (15.12.1939)
Das klingt doch eher so, daß der Film von Harlan selbst nach Goebbels Wünschen umgearbeitet wurde.

Author Profile Page Thilo Kuessner· 30.04.10 · 00:56 Uhr

Zu dem Landgerichtsurteil: auf welchen Quellen bzw. wessen Zeugenaussagen beruht dieses?

Kommentar-Direktlink Ralph Höger· 30.04.10 · 13:46 Uhr

Bei dem Landgerichtsurteil sehe ich ebenfalls Schwierigkeiten. Buchloh hat in den Anmerkungen nur die Seitenzahl angegeben, nicht aber die eigentlichen Aussagen abgedruckt. Damit lässt sich nicht immer nachprüfen woher die Aussagen stammen, da nicht alle Aussagen als Faksimiles von Buchloh abgedruckt wurden. Insgesamt ist das Problem bei der Aufarbeitung dieser Geschichte, dass fast alle Aussagen /Quellen von Harlan selbst, Verwandten, Bekannten oder Kollegen im Umfeld der Familie Harlan stammten. Bei manchen Personen wie Julius Bab, der selbst Jude war und 1939 in die USA emigrierte, stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit meines Erachtens weniger. Problem ist da nur, dass Bab eben nicht anwesend / vor Ort war und

Vor Ort waren nur die Darsteller, wie zB. Paul Henckel oder Ferdinand Marian, die nach dem Krieg mehr oder weniger in dem selben Boot wie Harlan saßen. Überzeugend ist die Quellenarbeit, meiner Meinung nach in dem Sinne, dass das Material, das vorhanden war, erschöpfend aufgearbeitet und wiedergeben wurde. Die kritische Durchleuchtung der Motive der Aussagenden scheint aber, da gebe ich Ihnen Recht, von Buchloh nicht in ausreichendem Maße durchgeführt worden zu sein. Dass die Autorin selbst Mitglied der Harlan Familie ist, macht die Sache nicht einfacher.

Interessant wäre sich die Prozessakten anzuschauen und abzugleichen, wie die Richter damals zu ihrem Freispruch gelangten. Ein Vergleich mit Frank Noacks Monographie wäre sicherlich auch sinnvoll. - Womit wir bei dem breiteren Forschungsdiskurs wären, den ich mir wünsche und der hoffentlich von dem Kinostart des Spielfilms vorangetrieben wird.

Kommentar-Direktlink Wb· 01.05.10 · 01:43 Uhr

Die Frage bzgl. der Goebbels-Tagebücher war noch offen, Herr Höger.

Ansonsten, auch bei offensichtlich parteiischer Ausrichtung einer Autorin erwartet hier niemand eine ausserhistorische Begutachtung. Dieser Eindruck sollte keinesfalls erweckt werden, dennoch scheint der Regisseur, haben Sie den Film gesehen?, hier ein wenig zu gut wegzukommen; ebenso auch die Mesch.., äh, Familie. ;-)

MFG
Wb

PS: "Und das Schlimmste, dass der, der es gemacht hat, nicht verstanden hat, zu was er gerufen worden ist ..." - höhö

Kommentar-Direktlink Ralph Höger· 01.05.10 · 09:54 Uhr


Die Umbearbeitung auf die Goebbels in den o.g. Zitaten Bezug nimmt, beziehen sich auf die Erstellung des Drehbuchs, also bevor der Film überhaupt gedreht worden ist.
Die Zitate sind folgendermaßen bei Buchloh eingebettet (S.84):
"Ende November 1939, während einer Besprechung bei der Terra wurde Harlan von Dr. Brauer als der neue Regisseur vorgestellt. Wenig später, am 5. Dezember 1939, hatte er bereits ein Gespräch mit Goebbels und Möller über das zu erstellende Drehbuch. Goebbels notierte: "Mit Harlan und Möller den Jud Süßfilm besprochen. Harlan, der die Regie führen soll, hat da eine Menge neuer Ideen. Er überarbeitet das Drehbuch nochmal." Zehn Tage später am 15. Dezember 1939, lobte er die von Harlan inzwischen vorgenommene Umarbeitung: "Manuskripte zum Presse- und Süßfilm studiert. Gut geworden. Besonders der Jud Süßfilm ist nun von Harlan großartig umgearbeitet worden. Das wird der antisemitsche Film werden."

Diese Umbearbeitung des Drehbuchs, um es verfilmbar zu machen, war 1940 beendet.
Die aufgezwungenen Änderungen durch Goebbels, nach dessen Sicht des Films, wurden erst nach Drehende (Juni 1940) vorgenommen. Buchloh schreibt dazu (S.100):

"Offensichtlich hatte Goebbels die Auswirkungen der von Harlan vorgenommenen Umarbeitung des ersten Drehbuchs nicht richtig eingeschätzt und wollte mit seinen Ausfällen gegen ihn den Gästen, von denen er annehmen musste, dass sie Hitler Bericht erstatten würden, demonstrieren, dass er nicht für die 'Verwässerung' des Themas verantwortlich sei. Jedenfalls entsprachen die Erwartungen, die er an den Film geknüpft hatte, so wenig der von Harlan vorgenommenen Inszenierung, dass er die bereits angekündigte Uraufführung kurzfristig absagte und sofort mit den Änderungen begann."

Author Profile Page Thilo Kuessner· 01.05.10 · 10:35 Uhr

Wie gesagt, das ist Buchloh's Darstellung. Kommt denn diese erneute Überarbeitung des fertigen Films in Goebbels' Tagebüchern vor und wie wird sie dort bewertet?

Kommentar-Direktlink Ralph Höger· 01.05.10 · 15:15 Uhr

Hmmm. Goebbels' Tagebücher gehören nun wirklich nicht zu meiner Bettlektüre. Buchloh hat, glaube ich, auch keine direktes Zitat mehr von Goebbels in diesem Zusammehang gebracht, sondern nur Zeugenaussagen, die bestätigen was Goebbels gesagt habe.

Ich kann hier im Grunde nur Buchlohs Thesen wiedergeben, das ist eigentlich auch mein Job bei der Rezension gewesen. In Zukunft, lese ich heraus, wären ein paar Anführungszeichen und Konjunktive ganz sinnvoll, sodass das deutlicher wird.

Author Profile Page Thilo Kuessner· 01.05.10 · 20:19 Uhr

Um zu erfahren, wie es tatsächlich war, sind Goebbels' Tagebücher sicher ein brauchbareres Zeitdokument als Zeugenaussagen aus Entnazifizierungsprozessen nach dem Krieg.
In letzteren war offensichtlich jeder bestrebt, positive Aspekte herauszukehren und Zeugen haben sicherlich oft einfach deshalb positiv ausgesagt, weil sie mit den Beschuldigten ja später noch zusammenarbeiten mußten und wollten (und zum Teil sicher auch, weil sie selbst verstrickt waren.)
Im Gegensatz zu nach dem Krieg erstellten Zeugenaussagen sind zeitnahe Tagebucheinträge offensichtlich die glaubwürdigere Quelle - wenn Goebbels in seinem Tagebuch äußert, daß er mit jemandes Arbeit zufrieden ist, dann wird das (aus seiner Sicht) sicher auch so gewesen sein.


Im übrigen geht es nicht um Anführungszeichen und Konjunktive, sondern darum, daß gleich im 3.Satz des Artikels behauptet wird, Harlan sei das Opfer von Diffamierungen und Pressekampagnen (von wem eigentlich?) gewesen.

Kommentar-Direktlink Wb· 02.05.10 · 05:22 Uhr

... daß gleich im 3.Satz des Artikels behauptet wird, Harlan sei das Opfer von Diffamierungen und Pressekampagnen (von wem eigentlich?) gewesen.
Bei diesem "3.Satz" schien es sich um eine ungünstige Formulierung [1] zu handeln Allerdings setzt sich die Sicht auf Veit Harlan als Opfer im weiteren Verlauf des Artikels durch, der Autor scheint mit der Sichtweise der Familie Harlan (man beachte auch die unselige Äusserung [2] des Sohnes im Interview (1.Video)) teilweise konform zu gehen - vgl. auch "Infolge eines breiten Medienechos und einer aufgebrachten Öffentlichkeit, die zum Boykott der neuen Harlan-Filme aufrief und ihn diffamierte".

Es mag sein, dass Harlan nicht immer von der Presse fair beurteilt worden ist, aber - wir erinnern uns, Presse, 4.Macht, Regulativ und so - der Freispruch bei dem Entnazifizierungsprozess, Veit Harlan darf objektiv sicherlich als ganz bes. Nazi-Verbrecher gesehen werden, muss falsch gewesen sein.

Der Artikel wirkt ein wenig bizarr (um das Wort revisionistisch zu meiden :).

[1] "Hier sind vor allem Harlans Entnazifizierungsprozesse, sich anschließenden Diffamierungen und Pressekampagnen zu nennen, die objektiv aufbereitet werden."
[2] "Und das Schlimmste, dass der, der es gemacht hat, nicht verstanden hat, zu was er gerufen worden ist ..."

Kommentar-Direktlink Wb· 02.05.10 · 05:48 Uhr

PS:
Der Webbaer erlaubt sich noch anzumerken, dass die Argumentation der Familie Harlan, die einerseits in Richtung "Er verstand nicht was er tat." geht und anderseits den Widerstand Harlans zitiert, nicht zusammenpasst.

Der Widerstand Harlans belegt nur, dass Harlan wusste was er tat.

Bemerkenswert vielleicht noch, dass sich Harlan 1933 zum Nationalsozialismus bekannt hat und seine jüdische Ex-Frau 1943 in einem KZ ermordet worden ist.

Zuletzt!, der Wb nimmt gerade noch Folgendes zK (1.Video, Enkeltochter):
"Ich gehör zu einer Familie, die halt durch die NS-Zeit völlig gespalten worden ist in Täter und Opfer."
Kann das ("Opfer"??) jemand einordnen?

MFG
Wb

Kommentar-Direktlink eallendo· 04.05.10 · 11:48 Uhr

Liebe Kommentatoren,

Aufgrund der sehr angeregten Diskussion, möchte ich an dieser Stelle auf den erst kürzlich erschienen Film "Jud Süß - Film ohne Gewissen" des Regisseurs Oskar Roehler verweisen, der auf der Berlinale vorgstellt worden ist. Auch er musste sich dem Vorurteil stellen, historische Fakten im filmischen Format verharmlost haben. "Jud Süß - Film ohne Gewissen", das möchte ich an dieser Stelle hervorheben, hat seine Tücken. Ich würde mich freuen, wenn die Autoren der obigen Kommentare sich mit dieser Art Geschichtsbewältigung auseinandersetzten, um die Gelegneheit zu nutzen, die Möglichkeiten und Grenzen einer Aufbereitung zu reflektieren.
Herzliche Grüße

Author Profile Page Thilo Kuessner· 04.05.10 · 13:18 Uhr

Ich würde mich freuen, wenn die Autoren der obigen Kommentare sich mit dieser Art Geschichtsbewältigung auseinandersetzten, um die Gelegenheit zu nutzen, die Möglichkeiten und Grenzen einer Aufbereitung zu reflektieren.

Was meinen sie konkret?

Der Film ist ja noch nicht in den Kinos - was ich im verlinkten Spiegel-Artikel gelesen habe, hört sich aber nicht nach Verharmlosung an:

So erzählt Roehlers "Jud Süß" die Geschichte eines Täters [gemeint ist Marian, TK], der sich zunächst sogar für einen Wohltäter hält. Doch nach und nach wird er gezwungen, sich der Wirklichkeit zu stellen. Er wird so oft mit seiner Tat konfrontiert, bis er schließlich merkt, dass sie ein Verbrechen war. Bis nach Auschwitz führt Marian in Roehlers Film die PR-Tournee der Nazis. Dort wird ihm bewusst, dass sein Porträt eines Juden die KZ-Wächter zum Töten aufgeilt, dass er selbst einer der vielen Massenmörder ist.

[...]

in der Schlussszene des Films, liegt Marian, der mit seinem Wagen auf einer Landstraße verunglückt ist, im Todeskampf. Zwei Polizisten erreichen den Unfallort. "Ich bin nur ... e armer Jud", stößt Marian mit letzter Kraft hervor. Doch der Schauspieler war kein Jude. "Ich hab 'Jud' verstanden", sagt der erste Polizist zweifelnd. Und der zweite entgegnet: "Gibt's denn noch Juden in Deutschland?"

Natürlich geben Spielfilme nie 1:1 die Wirklichkeit wieder, dieses Faß müssen wir hier sicher nicht aufmachen.

Ob das Buch von Frau Buchloh historische Fakten verharmlost, müssen diejenigen beurteilen, die es gelesen haben. Bemerkungen wie

Zum Schluss geht die Autorin auf die Ereignisse nach 1945 ein. Hier sind vor allem Harlans Entnazifizierungsprozesse, sich anschließenden Diffamierungen und Pressekampagnen zu nennen, die objektiv aufbereitet werden.

sind aber (zumal ja im Vagen bleibt, um welche Vorwürfe und 'Diffamierungen' es eigentlich geht) ein offensichtlicher Versuch, den Täter zum eigentlichen Opfer (von wem eigentlich?) zu machen.

Kommentar-Direktlink Wb· 04.05.10 · 13:32 Uhr

Auch er musste sich dem Vorurteil stellen, historische Fakten im filmischen Format verharmlost haben. "Jud Süß - Film ohne Gewissen", das möchte ich an dieser Stelle hervorheben, hat seine Tücken.
Haben Sie den Film gesehen, gab es hierzu bereits eine Debatte, wie ging die aus? Wo sehen Sie Parallelen zum "Vorurteil", das es auch bzgl., äh - Wie genau meinen Sie das eigentlich? - im Kontext dieses Artikels I.E. gibt?

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