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18.04.10 · 01:00 Uhr
Mittelmäßiger Führer zu deutschen Jakobswegen (Buchrezension)
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften
Wengel, Tassilo: Jakobswege in Deutschland: Unterwegs auf 10 berühmten Pilgerpfaden, Bruckmann, München 2010.
Von Gina Fuhrich (Universität Heidelberg)
Seit dem vor fünf Jahren erschienenen Buch „Ich bin dann mal weg - Meine Reise auf dem Jakobsweg" des Komikers Hape Kerkeling häufen sich die Publikationen rund um den „Camino". In seinem im März 2010 publizierten Reiseführer „Jakobswege in Deutschland" beschreibt Tassilo Wengel eine Auswahl von Pilgerwegen innerhalb Deutschlands. In einem kurzen historischen Überblick beschreibt er anfangs die Tradition der Jakobspilger und ihrer Reisen. Anschließend werden zehn von Wengel ausgewählte Pilgerwege vorgestellt: die Via Baltica und Regia, der Brandenburgische sowie der Münchner Jakobsweg, der Pilgerweg von Magdeburg nach Bonn und von Wuppertal nach Aachen, der Jakobsweg von Marburg nach Köln, der Pilgerweg von Köln nach Trier, der Jakobsweg im Taubertal sowie in Bayerisch Schwaben. Abschließend werden noch weitere Pilgerwege dargelegt, allerdings nur in Kurzfassung.
Informative Karte für erste Informationen
Zu den jeweiligen Hauptrouten gibt es weitere historische Hintergrundinformationen, Hinweise für Übernachtungsmöglichkeiten und zahlreiche Angaben zu Sehenswürdigkeiten in den verschiedenen Regionen. Im vorderen Klappendeckel befindet sich zudem eine Karte der Pilgerwege in Gesamtdeutschland und zu jedem Beginn einer neuen Wegbeschreibung wird jeweils ein lokaler Kartenausschnitt abgedruckt. In kleinen Informationskästen werden außerdem zusätzliche Angaben zu jeder Region oder einem bestimmten Bauwerk angegeben und zu jeder Hauptstrecke werden noch weitere Alternativwege beschrieben.
Pilgerrouten in Deutschland werden vorgestellt
Zusammen mit einigen anderen Reiseführern unterscheidet sich dieser von den klassischen Jakobswegreiseführern, da er speziell ausschließlich Wege in Deutschland beschreibt, die erst in den vergangenen 30 Jahren wieder entdeckt oder teilweise rekonstruiert wurden. Santiago de Compostela ist hier nicht mehr das Ziel, sondern kleinere innerdeutsche Etappen und Ziele. Damit knüpft der Autor an die aktuelle Diskussion um Jakobswege in Deutschland an und beantwortet die Frage folglich für sich positiv, obwohl er auf diese Diskussion nicht eingeht. Somit steht die Idee von Pilgern im Vordergrund und nicht das traditionell religiöse Ziel. Die meisten Reiseführer, die sich mit den Jakobswegen befassen, enthalten zwar auch einige deutsche Jakobswege, aber enden immer an dem vorgesehenen Ziel des Jakobwegs in Santiago de Compostela am Grab des Apostels Jakobus.
Historischer Blickwinkel kommt zu kurz
In diesen Führern spielt die mittelalterliche Tradition und die weit zurückreichende Geschichte der Jakobspilger eine bedeutende Rolle. Tassilo Wengel hat folglich einen anderen Blickwinkel, keinen rein historischen, auf diese Pilgerfahrt und für ihn sind auch nicht nur rein religiöse Motivationen für eine solche Reise ausschlaggebend, sondern ebenso die Nähe zur Natur oder die Selbstfindung.
Stimmungsvolle Bilder und mittelmäßige Informationen
Insgesamt besticht das Buch durch viele stimmungsvolle Bilder. Allerdings sind die Grenzen des Reiseführers deutlich zu erkennen. Geschichtliche Gegebenheiten, Rituale und Traditionen auf der Pilgerreise sind leider nur knapp abgehandelt und oftmals sehr oberflächig. Es wird häufig auf viele nicht religiöse Sehenswürdigkeiten wie Naturschutzgebiete hingewiesen. Ebenso gibt es keine andere ausgearbeitete Philosophie oder Motivation für eine Pilgerreise neben der Religion. So geht der Autor zum Beispiel nicht ausführlich auf die Renaissance der Pilgerfahrten in den 1970er-Jahren, ihre Entwicklung und die Anlegung neuer Pilgerwege ein. Einige historische Formulierungen sind zudem wenig gelungen formuliert oder teilweise aus dem Zusammenhang gerissen. Der Reiseführer ist deshalb nur mäßig informativ, da konkrete Tipps und Hinweise wie Essensmöglichkeiten zu den einzelnen Routen spärlich vorhanden sind. Ein weiteres Manko ist, dass der Autor nicht alle Wege selbst gepilgert ist und deshalb Literaturverweise zu anderen Reiseführern meistens von nur einem Verlag gibt.
Kurzbeschreibung des Verlages:
Auf den Spuren der Jakobspilger zu wandern, bietet Entspannung für Körper und Seele und eine hautnahe Begegnung mit Geschichte und Kultur. Lernen Sie die zehn schönsten deutschen Jakobswege kennen - von der Via Baltica im Norden bis zum Münchner Jakobsweg im Süden. Sie alle machen Lust, auf den Spuren der früheren Jakobspilger zu wandeln und dabei die Kunstschätze am Wege, aber auch die Schönheit der Natur zu genießen. Inklusive Infoteil mit komprimierter Etappenbeschreibung und allen wichtigen Drumherum-Infos.
Über den Autor:
Tassilo Wengel, geb. 1943 in Zwickau, Ausbildung zum Dipl.Gartenbau-Ingenieur. Seit 1980 als freier Bild- und Textjournalist für Zeitschriften- und Buchverlage tätig. Sein besonderes Interesse gilt dem Wandern und Reisen. Ziele sind Norddeutschland sowie Gebirgsregionen, wobei Kulturgeschichte, die Gartenkunst und die alpine Pflanzenwelt seine Schwerpunkte sind. Veröffentlichung mehrerer Wander- und Radführer.
Autor: Christian Jung· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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