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17.01.10 · 09:45 Uhr
Zeitgeschichte/Buchrezension: Die friedliche Revolution aus Sicht des Bürgerrechtlers
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften
Neubert, Ehrhart: Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90, Piper Verlag, München 2008; 520 S., 24,90 €.
Dem früheren evangelischen Pfarrer und Bürgerrechtler Ehrhart Neubert (* 1940) ist mit seinem Band „Unsere Revolution" eine auch für den historischen Laien lesenswerte und in ihrer Erzählweise einprägsame Darstellung gelungen. In dieser schildert er umfassend, immer wieder aufgelockert durch Gedichte, Fotografien, Erinnerungstexte und fast vergessene Begebenheiten mit Anekdotencharakter die Vorgeschichte und den Verlauf der friedlichen Revolution 1989/1990 in der DDR vom September 1989 bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990.
Das Buch eignet sich neben der Vertiefung der eigenen historischen Kenntnisse zudem zur Vorbereitung des Geschichtsunterrichts für die gymnasiale Oberstufe, weil in diesem chronologisch-knapp, aber trotzdem präzise, der Verlauf der Ereignisse beschrieben und wichtige Akteure und vor allem Institutionen des Widerstands gegen die SED-Diktatur in ihrer Endphase vorgestellt werden.
Widersprüchlicher Lebensweg wird verschwiegen
Die Schwäche des Bandes ergibt sich schon aus dem Titel, da Neubert als früherer Bürgerrechts-Akteur, Mitglied der Ost-CDU (1976-1984), Mitbegründer des „Demokratischen Aufbruchs" (1989-1990), Mitglied und Mitarbeiter von „Bündnis 90/Die Grünen" (1990-1996), Mitglied der CDU (seit 1996) und als Fachbereichsleiter in der Abteilung „Bildung und Forschung" beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (1997-2005) eine eigene, subjektive Sichtweise auf das dargestellte Geschehen hat. So wird seine für sich selbst postulierte Perspektive als distanzierter Beobachter unglaubwürdig, zumal Neubert darauf verzichtet, durch das Zurücknehmen seiner eigenen Person biografische Aspekte seines durch Widersprüche gekennzeichneten Lebensweges in die Arbeit aufzunehmen. So unterstützte der Verfasser wie viele andere Mitstreiter noch 1989 die Idee eines demokratischen Sozialismus, gab diese „Wende-Positionen" später aber komplett auf.
Stasi-Akten wurden aufbereitet
Außerdem verzichtet er in seiner ansonsten umfassenden Studie auf den Einbau und die Analyse autobiografischer Berichte von Mitgliedern der Bürgerrechtsbewegung in den vergangenen 20 Jahren und stützt nach eigenen Angaben seinen Quellenkorpus auf ihm zugängliche Akten des Ministeriums für Staatssicherheit, was ihm bei einer Qualifizierungsarbeit angekreidet worden wäre. Die Selbstsicht der Bürgerrechtler wäre jedoch ein wichtiger neuer Erkenntnispfad in der publizistischen Aufarbeitungsfülle und den zahlreichen Neuerscheinungen zur DDR-Geschichte gewesen.
Zweite Revolution in der Revolution
Bei der Auseinandersetzung mit dem „Revolutionsbegriff" für die Ereignisse 1989/1990 arbeitet er akribisch heraus, dass neben dem Fall der SED-Herrschaft und den Protesten auf der Straße im Herbst 1989, ab Januar 1990, beflügelt durch die Regierungen unter dem letzten SED-Ministerpräsidenten Hans Modrow und im Vorfeld der ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990, eine zweite Revolution in der Revolution einsetzte, die den in der Rückschau auch heute noch unglaublich raschen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik in Frieden und Freiheit am 3. Oktober 1990 ermöglichte.
Geschichte nicht vom Ende der DDR betrachten
In Anlehnung an Hannah Arendt sieht er die Ereignisse als friedliche „Rebellion gegen Gewalt und Chaos durch deren Eindämmung mithilfe von Vertrag und Recht". In diesem Zusammenhang sei allerdings die „teleologische Versuchung" groß, die Geschichte fälschlicherweise vom Ende der DDR aus zu betrachten und eine „Zwangsläufigkeit" bei den Ereignissen bis zur Wiedervereinigung anzunehmen. Aus diesem Grund konzentriert sich Neubert bei seiner Darstellung auf die „Machtfrage" in den Revolutionsmonaten und analysiert ausführlich am Beispiel der Geschehnisse um die Maueröffnung am 9. November 1989 den Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft und das Entstehen von neuen Machtzentren. Seine immer wieder auftauchenden Einsprengsel zur sozialistisch-bürokratischen, aber in der Gegenwart völlig unverständlichen DDR-Sprache („SED-Sklavensprache") und zur Witzkultur der „Wendezeit" („Warum gibt es in der DDR so viele Schlaglöcher? - Weil sie nicht exportiert werden können.") sind dabei für eine wissenschaftliche Abhandlung erfrischend ungewöhnlich. Die Sprache wird für Neubert zum „Medium mentaler und kognitiver Verarbeitung" und beschleunigte durch Enttabuisierungen die Abwicklung der DDR.
„Progression und Evolution der Revolution vollzogen sich in der Erweiterung des Sprachraums. Das kommunistische Projekt war von Anfang an eine Utopie, eine Fiktion, ein Phantasma. Der Wirklichkeitsverlust war der Grund von Krisen, führte aber nicht zum Zusammenbruch. Das System war am Ende, als ihm durch Sprache und von Sprechern eine Alternative entgegengestellt wurde." (S. 20)
In den Kapiteln „Es wird langsam zur Qual - wir brauchen im März die Wahl" und „Abwicklung der DDR und Wiedervereinigung" behandelt Ehrhart Neubert zum Abschluss ohne abschließendes Fazit sehr deskriptiv die letzten Monate der DDR. Dabei wird deutlich, dass die DDR-Bürgerrechtler und sonstigen Oppositionellen trotz großer, aber oftmals endloser Debatten in der Volkskammer langsam ihren Einfluss und ihre Revolutionsmacht verloren, um sofort von ostdeutsch-demokratischen und teilweise durch ihre Vergangenheit belasteten Berufspolitikern mit westdeutschen Sozialisationsvorbildern abgelöst und bedeutungslos zu werden.
Weiterlesen:
Umarmung der Gegenwart - Brauchen wir Autobiografien und Memoiren?
Autor: Christian Jung· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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