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14.01.10 · 06:00 Uhr
Umarmung der Gegenwart - Brauchen wir Autobiografien und Memoiren?
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 2
Bei der Beschäftigung mit autobiografischen Interviews oder Büchern mit Memoirenbe-standteilen wie bei Egon Krenz oder Günter Schabowski (siehe Beiträge "Zeittaucher" Januar 2010) stellt sich natürlich zunächst die grundsätzliche Frage, ob solche Selbstzeugnisse überhaupt als historische Quellen herangezogen werden dürfen und auf welche Weise.
Quellen für Sachinformationen
Konstruktivisten verneinen dies oft, da bekanntlich in den autobiografischen Zeugnissen viel geschönt, vergessen oder geklittert und gelogen wird. Am Beispiel der DDR-Geschichte wird allerdings deutlich, dass auch subjektiv-ideologische Zeugnisse wichtige Quellen für Sachinformationen und insbesondere das Innenleben von Personen der Zeitgeschichte sein können und miteinander verglichen werden müssen. Dabei sind unzählige Vergleichskategorien denkbar, zumal gerade über zahlreiche Ereignisse und Begebenheiten der friedlichen Revolution 1989 nur diese mündlichen „Zeitzeugenberichte" existieren und manche Akten bewusst bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 zerstört wurden.
Superzeitzeuge beeinflusst Geschichtstradierung
Die Person Günter Schabowskis beweist, wie aus einem „unbeabsichtigten Maueröffner" und 1990/1991 sozial völlig abgestiegenen Memoirenschreiber in unserer medialen Welt ein vielfach einsetzbarer „Allzweck-Zeitzeuge" werden konnte, der in den Augen seiner früheren SED-Kumpane nicht nur zum absoluten Verräter mutierte, sondern ebenso die öffentliche mediale Geschichtstradierung des stürmischen Herbstes 1989 und der weiteren Ereignisse 1990 maßgeblich beeinflusste und dabei als Person durchaus einen „positiven" Eindruck zu hinterlassen wusste. Dies zeigt insbesondere sein bisher letztes Fernsehinterview mit der ZDF-Journalistin Maybrit Illner als sichtbar Kranker am 5. November 2009 (siehe Youtube).
Nichts „Neues" ist trotzdem interessant
Zum Abschluss gilt es verschiedene Einordnungen vorzunehmen, aus denen auch ersichtlich wird, weshalb die besprochenen autobiografischen Berichte eine enorme Bedeutung haben. Der "allwissende Historiker" könnte nun noch einmal einwenden, dass sowohl Krenz als auch Schabowski „nichts Neues" zu sagen hatten. Doch dem ist entgegenzusetzen, dass gerade die neuen Publikationen und Interviews in ihrer aktualisierten, durch permanente Tradierung fortentwickelten Form die aktuelle (Medien-)Geschichtsschreibung maßgeblich beeinflussen. Neue Leser kennen zudem alte, teilweise nicht mehr erhältliche oder schwer zugängliche Publikationen nicht und haben dadurch ihren „ersten Kontakt" mit den zuletzt veröffentlichten Büchern oder Interviews, die sie wiederum beeinflussen.
Intentionen der Geschichtsschreibung in eigener Sache
Neben dem bei Krenz und Schabowski mutmaßlichen Motiv des Geld-Verdienes durch ihre Bücher gibt es große Unterschiede in der Intension und den Zielgruppen. Schabowski publiziert für alle, besonders für diejenigen, die keine Anhänger der DDR oder des Sozialismus allgemein sind oder waren. Sein Interview-Band ist demgemäß auch ein persönliches Vermächtnis, eine große Zusammenfassung seiner Bücher und Vorträge in den vergangenen 20 Jahren. Krenz dagegen versucht die Tradierung und ideologisierte Geschichtsschreibung für den inneren Kreis der noch immer existenten Kommunismus-Gläubigen durchzuführen, mit dem Ziel, durch seine Publikationen Zusammenhalt zu erzeugen, alte Lebensrealitäten zu pflegen und mögliche neue Generationen dialektisch mit seinen Möglichkeiten anzuleiten. In diesem Zusammenhang will er sich mehr als andere zur „geschichtlichen Quelle" entwickeln, auf die dann „Nachfolger" zurückgreifen können.
Brutaler Realist vs. DDR-Konservator
Schabowski erscheint vor allem durch seine Fernsehpräsenz als „brutaler Realist", dagegen kann Krenz die neuen „Realitäten" der Bundesrepublik nicht richtig realisieren und akzeptieren, zumal er sich bis in die Gegenwart ausschließlich in einem Dunstkreis von mental noch immer in der DDR lebenden Menschen bewegt. Beim Vergleich aller bisher erschienenen Arbeiten der beiden SED-Größen wird am Beispiel ihrer Überlieferung der Geschehnisse um die Absetzung Erich Honeckers und die spätere „Maueröffnung" am 9. November 1989 deutlich, wie sehr diese beiden subjektiv-vorbelasteten Autobiografen und teilweise als Zeitzeugen eingesetzten Geschichtsprotagonisten den Historiker als natürlichen Antagonisten und Wahrheitsdetektiv benötigen. Denn ihre „Tatsachenberichte" weichen mittlerweile erheblich voneinander ab.
Das hypothetisch „Gute" muss nicht richtig sein
Mehr dem Kapitalismus zugeneigte Geschichtsrezipienten könnten zurzeit hypothetisch durchaus die Sichtweisen von Schabowski als historische Wahrheit besser akzeptieren, weil er der DDR und dem Sozialismus vermeintlich „besser" abgeschworen hat. Alleine jedoch bei seiner Überlieferung des Mauerfalls ist ein großes Fragezeichen zu machen. Wenn man bei der Untersuchung des gescheiterten Konsolidierungsversuches der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands noch die zahlreichen Bücher des letzten SED-Ministerpräsidenten Hans Modrow zu Rate zieht, kommen plötzlich drei verschiedene Sichtweisen zu Tage, die die öffentliche Meinung und historische Wahrnehmung nicht nur in den neuen Bundesländern maßgeblich beeinflusst haben. Die Analyse von autobiografischen Berichten der Zeitgeschichte ist deshalb weiter voranzutreiben.
Autor: Christian Jung· 2 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (2)
Die folgenden beiden Zitate haben mich etwas irritiert:
sowie
Warum sollten Konstruktivisten autobiographische Zeugnisse verneinen? Zu den konstruktivistischen Richtungen, die ich kenne, würde das eher nicht passen -- im Gegenteil. Nur aus Neugier würden mich 1-2 Quellen interessieren in denen eine solche Auffassung dargelegt wird.
Das zweite Zitat vermittelt (in Verbindung mit dem ersten) den Eindruck, dass hier eine interne(?) Debatte unter Historikern angesprochen wird. Oder täuscht das?
@Bernd W.: Deine Fragen lassen aus meiner Sicht leicht beantworten.
Zitat 1: Bei theoretisch-konstruktivistischen Überlegungen zur Textproduktion könnte man den "Wahrheitsgehalt" von autobiografischen Berichten komplett anzweifeln, weshalb auch Zeitzeugen nicht für jeden eine ernstzunehmende Quellengattung darstellen. Ich teile diese Sichtweise nicht, gehe aber auch davon aus, dass sich Geschichte und ihre Rezeption immer aus verschiedenen Perspektiven und Wahrnehmungen determiniert, die nicht unbedingt bewusst konstruiert und verfälscht wurden. Siehe dazu auch meinen Beitrag "Rückwärts-Zeugen": http://www.scienceblogs.de/zeittaucher/2009/12/die-ruckwartszeugen.php
Zitat 2: Danke für den Hinweis. Ich habe die "allwissenden Historiker" mit Anführungszeichen versehen. Damit meine ich Personen, die alle Publikationen einer Person der Zeitgeschichte gelesen haben und dann natürlich behaupten können: Das ist nichts Neues. In diesem Zusammenhang wird aber vergessen, dass die meisten Rezipienten dieses Hintergrundwissen nicht haben. Beste Grüße CJ