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Dr. Benedikt Köhler (Soziologe) ist Director Digital Strategy & Research bei ethority GmbH & Co. KG und Forscher an der Universität der Bundeswehr München.
Jörg Blumtritt (Diplom-Statistiker) ist European Operations Officer bei Tremor Media Europe GmbH.
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Archiv Juli 2008
23. Juli 2008
Evolution visualisieren
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 2
Evolution, Intelligent Design oder Schöpfung. Eine lustige Debatte, die, zunächst rein Amerikanisch, mehr und mehr auch das alte Europa berührt.
Wie konnte es - fragt man sich als Kind der 70er Jahre - dazu kommen, dass die, als unumstößliches wissenschaftliches Erklärungsmodell zur Entstehung der Arten etablierte Evolutionstheorie plötzlich wieder in Frage gestellt wird?
Reicht etwa die Entdeckung der DNA nicht aus, den Streit endgültig zu schlichten?
Begeben wir uns zur Erörterung auf einen distanzierten Standpunkt und stellen uns die Frage: Was bedeutet Evolution?
Das heißt, was haben wir im Kopf, wenn der Begriff gebraucht wird?
Die Vorstellung einer Abfolge unterschiedlicher Spezies, angepasst an die zeitlich-örtlichen Umweltbedingungen, Selektionsdruck etc. - das sind die Mechaniken im Modell - der Bedeutung kommen wir nicht näher.
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Leider gehen die meisten Lehrbücher oder populärwissenschaftlichen Darstellungen auf die Frage nicht einmal ansatzweise ein. Typischer Weise wird die Evolution in diesem Diskurs zunächst visualisiert: Dargestellt finden wir eine mehr oder weniger historische Abfolge einiger Leitfossilien in Schichten, in Art einer trivialen Paläonthologie. Diese Darstellung vermittelt uns nichts, als die Zufälligkeit der Entwicklung der äußeren Erscheinungsformen der Lebewesen. Es ist eine positivistische Karikatur des Evolutionsmodells! Kein Wunder, dass den Skeptikern und Leugnern der Evolution mit solcher Darstellung Tür und Tor geöffnet werden.

Ein Zweite - vollends inhaltsfreie Visualisierung ist die "Evolutions-Uhr". Was sehen wir darauf? Wir können erschauern, wie lange es die Welt ohne Menschen gab. Toll. Natürlich kann einen diese Erkenntnis, wenn man sie so vorgeführt bekommt, auch Demut lehren - aber das ist doch genau die Aufgabe von Philosophie, speziell Ethik und insbesondere von Religion und Glaube! Und wenn wir schon offensichtlich in der Darstellung vom Wissenschaftlichen ins Ideologische Abrutschen ist es wieder kein Wunder, wenn uns ideologische Antworten gegeben werden.
Diese Visualisierungen des Modells werden also, meiner Ansicht nach, von den Kritikern der Evolutionstheorie keineswegs missverstanden. Es handelt sich um Teile eines normativen, nicht epistemologischen Diskurses.
Was also bedeutet Evolution? Es rollt sich etwas aus. Es findet eine Entwicklung statt, die einen Anfang hat und irgendwann ein Ende finden wird (?!).
Warum empfinden wir die Evolution als ein System des Fortschritts? Weil wir beobachten, dass die Anpassung der Lebewesen an ihre Umwelt zu immer feinerer Differenzierung und zur Ausbildung immer Komplexerer Lebensformen führt! Dadurch bekommt die Evolution ihren teleologischen Charakter. Dies wird, wie ich finde, in der Abbildung hier gut visualisiert:![]()
Den Bogen vom Ursprung, zum Ende des irdischen Lebens zu spannen, wurde vor einigen Jahren von einer Forschungsgruppe am Potsdam-Institut für Klimaforschung unternommen.
Aus einfachen Überlegungen über die Entwicklung der Sonneneinstrahlung und der daraus folgenden chemischen Zusammensetzung der Atmosphäre hat die Forschergruppe eine Visualisierung der Zusammenhänge abgeleitet, die mich auf besondere Weise beeindruckt hat:
zum ersten werden vier Größen in einer einzigen Grafik übersichtlich in Zusammenhang gebracht - ein Musterbeispiel multivariater Darstellung; zum zweiten aber liegt auf einmal der gesamte Weg allen irdischen Lebens vor uns: die einzelnen Wellen dramatischer Entwicklung, die zunehmende Herrschaft der komplexen Lebensformen und schließlich das Verschwinden, Stufe um Stufe, geologisch gesehen in relativ naher Zukunft. Dieses Bild unserer alten Erde ist rein deskriptiv. Die Inahlte sprechen für sich. Das Werden und Vergehen so vor Augen geführt eröffnet aber gerade durch ihre Nüchternheit, wie ich finde, eine wahrhaft erhabene Perspektive auf unseren Platz in der Welt (Abbildung aus Quelle: Journal Geophysical Research Letters. mit freundlicher Genemigung der Autorin Christine Bounama).
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Autor: Jörg Blumtritt· 23.07.08 · 11:47 Uhr· 2 Kommentare
11. Juli 2008
Ab in die Wikipedia!
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Naturwissenschaften · Kommentare: 3
Social Media heißt für mich: bevor man zu lange darüber diskutiert, ob und wie es funktionieren kann und welche Gefahren oder Grenzen Projekte wie Wikipedia haben, lieber das ganze einmal selbst ausprobieren. Deshalb haben wir vorgestern ein Wikipedia-Portal für einen bislang unterbelichteten Bereich der Wikipedia ins Leben gerufen - für die Statistik.
Da Social Media von der Partizipation leben, seid ihr jetzt dran. Zum freuen wir uns über Hinweise, was an dem Portal noch alles zu verbessern ist - entweder hier in die Kommentare oder direkt in die Portalbaustellen-Diskussionsseite. Oder am besten gleich selbst das Portal an Ort und Stelle verändern. Nicht nur virtueller Peer Review, sondern virtuelle Kollaboration. Außerdem benötigt das Portal noch sechs Befürworter und einen weiteren Betreuer, um in die echte Wikipedia aufgenommen zu werden. Momentan liegt es noch auf meiner Benutzerseite.
Außerdem ist uns bei dem Sammeln der Artikel aufgefallen, wie viel es noch in diesem Bereich zu tun gibt. Zwar sind zahlreiche Beiträge, gerade zu den unterschiedlichen Testverfahren und Verteilungen, technisch präzise formuliert. Aber von dem Anspruch der Allgemeinverständlichkeit sind diese noch meilenweit entfernt. So versteht nur jemand den Inhalt der Beiträge, der sowieso schon weiß, worum es geht. Das ist dann doch etwas zu selbstbezüglich. Mit dem Portal haben wir dann auch ein Werkzeug um gezielt Artikel gemeinsam zu verbessern - vorausgesetzt die Statistik-Community folgt uns ein paar Schritte in die Wikipedia.
Autor: Benedikt Köhler· 11.07.08 · 08:20 Uhr· 3 Kommentare
10. Juli 2008
Musik und Mathematik
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur · Kommentare: 11
Spätestens seit Pythagoras war klar, dass Musik nichts anderes als eine akustische Version von beliebig komplizierten Zahlenfolgen, -verhältnissen und Gleichungssystemen darstellt. Zahlen kann man visualisieren und zum Beispiel statistische Infografiken daraus generieren. Man kann sie aber auch hörbar machen. Im frühen 18. Jahrhundert war Johann Sebastian Bach der Meister im Einbetten mathematischer Figuren in seine Partituren, wenn auch sein Ziel nicht die Visualisierung mathematischer Zusammenhänge war, sondern vielmehr die Suche nach den harmonischen Wirkungen bestimmter Rechenregeln.
Der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler hat nun vor kurzem den ersten Band seines großen Werks Musik und Mathematik: "Band 1: Hellas. Teil 1: Aphrodite". Die Rezensenten sehen darin schon einen radikalen Versuch, die Geschichte der Entstehung der europäischen Zivilisation neu zu schreiben - und zwar aus dem Geiste der Musik. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich mich wirklich durch die 409 Seiten durcharbeiten möchte. Vielleicht hilft folgende sich an die Ästhetik der frühen Spielkonsolen anlehnende Visualisierung eines bekannten Bach-Werks weiter (wem das gefallen hat, für den gibt es hier noch viele weitere Visualisierungen dieser Art).
(via Twitter)
Autor: Benedikt Köhler· 10.07.08 · 14:50 Uhr· 11 Kommentare
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