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Profil
Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
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Archiv Juni 2011
30. Juni 2011
Kernschmelze
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 3
Der Banker und der Soziologe - Josef Ackermann und Ulrich Beck - sorgen sich um die Kernschmelze. Der Reiche - aus Frankfurt - meint, wenn die Staaten nicht weiter Geld in den Markt pumpen und die Banken von ihrem Riesengewinn nicht ein Bitzele zurüch reichen, gebe es eine Kernschmelze. Und der Denker - aus München oder so - meint, daß es die Atome selbst sind, die bei einer Kernschmelze dran glauben müssen - und nicht nur der Reaktor, von dem die Techniker sprechen.
Es ist offensichtlich - zwei gern gefragte und viel gehörte Herren reden metaphorisch über Dinge und verstehen weder die Sachlage noch die Bilder, die sie benutzen. Und trotzdem hört die Gesellschaft hin, zeigt das Zeug im Fernsehen, druckt es in Zeitungen für kluge Leser und sicher auch sonstwo.
Ich weiß jetzt, wo die Debatte über Bildung anfangen muss. Nicht unten in den Schulen, sondern oben in den Chefetagen undauf den Lehrstühlen. Wie wäre es mit einer simplen Klassenarbeit für Ackermann und Beck. Einfache Grundfragen des Lebens - zum Beispiel wie man Energie messen und speichern kann und wie man sicher weiß, daß Atome existieren und einen Kern haben. Ich wette, da hätte die Gesellschaft eine Menge Spaß, wenn sie das Abgegebene durchsieht.
Autor: Ernst Peter Fischer· 30.06.11 · 08:56 Uhr· 3 Kommentare
29. Juni 2011
Eine neue Welt
Kategorie: Kultur · Kommentare: 21
Ich möchte das ja gerne verstehen, "wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben und wie wir Kontrolle darüber zurückerlangen" können. Deshalb habe ich mir ja das Buch "Die Datenfresser" von Constanze Kurz und Frank Rieger gekauft, die beiden zum Chaos Computer Club gehören und in der FAZ schreiben. Was kann jetzt noch schief gehen, dachte ich. Lies das Buch und dann kennst du dich aus.
Denkste. Da wird offenbar eine neue Welt beschrieben, die sich mir entzieht. Ich lese und lese und verstehe nichts. Ein Beispiel: Die Autoren denken sich ein fiktives Jungunternehmen aus, das sie "MyBelovedPet.com" nennen und dessen Betreiber versuchen, die Marktführerschaft im Bereich der Haustier-Portale zu erringen.
Schon das verstehe ich nicht. Ich kann mir vorstellen, einen Laden für Tierfreunde zu gründen, aber ein Portal? Irgendetwas verschweigen die Autoren.
Dann geht es weiter, das heißt, es soll eine Nutzerprofilierung erstellt werden, deren technische Grundlage durch den Hinweis erläutert wird, daß es in einem ersten Schritt um die Verwendung kleiner Dateien im Browser des Plattform-Benutzers geht, die Cookies genannt werden.
An dieser Stelle verliere ich die Lust zu lesen. Wenn es so schwierig ist und keine einfache Sprache gibt, mir zu helfen, die Kontrolle über meine Daten zu bekommen, dann muss ich mich wohl vom Internet fern halten. Oder?
Oder ich halte mich an den Witz, in dem jemand sagt, "Ich habe von den Gefahren es Rauchens gelesen und dofort aufgehört - zu lesen".
Autor: Ernst Peter Fischer· 29.06.11 · 16:39 Uhr· 21 Kommentare
19. Juni 2011
Stuss aus Starnberg
Kategorie: Politik · Kommentare: 19
Es geht doch. Die FAZ, die sonst jeden Huster von Jürgen Haberman als bedeutenden Beitrag zum Verständnis des Abendlandes bewertet, hat sich erlaubt, das Gestammel des Philosophen aus Starnberg - wo die Schönen und Reichen wohnen - einmal zu kritisieren (FAZ vom 18.6.2011, S. 35). Vor vollem Auditorium Maximum hat JH in Berlin eine "europäische staatsbürgerliche Solidarität", eine "Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse" gefordert, und er hat kritisiert, daß Dinge hinter verschlossenen Türen entschieden werden. Also: Alle sollen am Starnberger See wohnen - im Garten des Philosophen am besten - und über Agrarfragen, Gentechnikeingaben, den Hindukusch, die Finanzkrise und mehr entscheiden. JH selbst hat zugegeben, von dem zuletzt genannten Thema nichts zu verstehen, was sofort die Unsinnigkeit des ganzen sich demokratisch gebenden Plans verdeutlicht. Blödsinn dieser Art stand und steht schon bei Friedrich Dürrenmatt, der jemanden in seinen "Physikern" sagen läßt, "Was alle angeht, müssen alle entscheiden." Nichts Neues also bei JH, außer daß er nicht bemerkt, was an dem Satz von FD fehlt. Er müsste heißen, "Was alle angeht, müssen alle verstehen, um darüber entscheiden zu können." JH hätte also einen Beitrag zur Lage liefern können, wenn er erklärend über Kernkraft, Energie und dergleichen Wissenschaftliches geredet hätte. Dann wären aber die Zuhörer weg geblieben und das Audimax leer. Das ist unser Problem - neben dem hilf- und nutzlosen Stuss aus Starnberg. Wir wollen entscheiden, ohne die Mühe des Verstehens auf uns zu nehmen. Wir wollen verändern, ohne zu verstehen. Dieses Übel hat bereits Marx propagiert. Wir müssen es nicht erneut als der Weisheit letzten Schluss vorgesetzt bekommen.
Autor: Ernst Peter Fischer· 19.06.11 · 18:18 Uhr· 19 Kommentare
17. Juni 2011
April im Sommer
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 6
Irgendwie ist es zu schwül für April, aber was heute (17.6.11) im Netz steht, klingt nach einem Aprilscherz der besonderen Art. Die Nachricht handelt von Craig Venter, dem Genmaverick, der der US-amerikanischen Defense Advanced Research Project Agency DARPA vorgeschlagen hat, "fragmented human genomes" in Richtung der Sterne zu schicken, wo sie "upon arrival" rekonstruiert werden könnten, was zu der ersten interstellaren Ziviligesellschaft führen könnte.
Venter ist ja nur nett. Er will den neuen Sternenbürgern die Probleme abnehmen, die mit den großen Entfernungen im Kosmos und damit mit den langen Reisezeiten auftauchen. Es dauert eben Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte, um Lichtjahre mit normaler Geschwindigkeit zu überwinden, aber der DNA machen solche Zeiträume sicher nichts aus. Wie Venter die Rekonstrukteure des Lebens ebenfalls dorthin bekommen will, erfahren wir aus der Meldung nicht. Aber das muss ihn nicht weiter bekümmern. Denn wenn seine Fragmente wo immer auch ankommen, wir er selbst längst über alle Berge sein. Man sieht erneut - alte Männer sind gefährlich, das sie keine Zukunft mehr haben.
Übrigens - wenn es eben "seine Fragmente" hieß, dann ist das so gemeint. Venter wird sicher dafür sorgen, daß die Fragmente seine eigene DNA enthalten. Alles andere spielt für ihn keine Rolle.
Autor: Ernst Peter Fischer· 17.06.11 · 18:37 Uhr· 6 Kommentare
09. Juni 2011
Offenbares Geheimnis
Kategorie: Kultur · Kommentare: 4
Da habe ich ein ganzes Buch über Irrtümer und Legenden in der Wissenschaft geschrieben - WARUM SPINAT NUR POPEYE STARK MACHT - und den schönen Satz von Goethe übersehen, der in seinen Maximen (Nr. 551) zu finden ist. Goethe schreibt ihn. nachdem er sich mit den Bewegungen der Wissenschaft beschäftigt hat und es ihn nach einer Betrachtung drängt. Sie fällt kurz aus: "Eines nur sei hier ausgesprochen: daß wir sogar anerkannte Irrtümer aus der Wissenschaft nicht loswerden. Die Ursache hiervon ist ein offenbares Geheimnis." Immerhin ist irren menschlich, wie die WIssenschaft selbst. Und so menschelt es in ihr eben durchgängig und hartnäckig. Gut zu wissen.
Autor: Ernst Peter Fischer· 09.06.11 · 14:48 Uhr· 4 Kommentare
08. Juni 2011
Die Bildung des Medienzars
Kategorie: Kultur · Kommentare: 3
Rupert Murdoch, der Leiter eines großen Medienimperiums, zu dem der Fernsehsender Fox gehört, der gezielt manipuliert, um Lügen über unbequeme Personen zu verbreiten, sorgt sich um Bildung (FAZ, 8.6.11, S. N5). Nicht um seine, sondern um unsere Bildung, die er gerne mit Hilfe von Informationstechniken verbesser will. Also - um einem Zehnjährigen die Bernoullischen Gleichungen beizubringen, schlägt Murdoch vor, sich die Flankenbälle von Roberto Carlos anzusehen. Und wo sieht man diese Flanken? Richtig, bei Fox, wo dann wahrscheinlich sofort ein Strahlemann auftaucht, der das Bild manipuliert, um den Einfluß von irgendwelchen physikalischen Parametern zu zeigen. Mit anderen Worten, Bildung kommt, wenn man nichts von der Welt selbst mehr wahrnimmt, sondern ihre mediale Manipulation erfährt. Welch ein Schwachsinn! Andere Vorschläge von Murdoch sind nicht besser. So sollen Schüler - über Murdochs Medien - Zugang zu dem Physiker Stephen Hawking bekommen. Wieso Hawking? Was versteht Murdoch denn davon? Wieso nicht Einstein? Und sollte man nicht lieber lesen, was große Leute zu sagen bzw. geschrieben haben? "Bildung ist das letzte Reservat" heißt der Aufsatz von Murdoch. Er will es offenbar erobern. Wie können wie uns dagegen wehren?
Autor: Ernst Peter Fischer· 08.06.11 · 10:17 Uhr· 3 Kommentare
07. Juni 2011
Nichts zu lachen - oder doch?
Kategorie: Kultur · Kommentare: 8
"Das Lachen der Thrakerin" - unter diesem Titel berichtet der Philosoph Hans Blumenberg von einer Magd (einer Thrakerin), die sich über den Begründer der Wissenschaft namensThales von Milet (um 500 BC) amüsiert, der beim nachdenklichen Betrachten der Sterne in einen Brunnen gefallen ist und nun Hilfe benötigt, um wieder auf die Beine zu kommen. So schön, so gut. Doch nun lese ich bei dem Philosophen Hans Georg Gadamer ("Lob der Theorie", Bibliothek Suhrkamp Band 828, S. 87), daß die Pointe der Geschichte ganz anders lautet. Tatsächlich war Thales in den Brunnen gestiegen, um die Sterne überhaupt beobachten zu können. Der Brunnen sozusagen als antike Version eines Fernrohres. Und als er der Thrakerin von seinen Entdeckungen berichtet hat, hat sie sich gefreut und gelacht. Wie schön, wenn man nicht über vermeintlich dumme Menschen, sondern wegen ihrer Einsichten lacht.
Autor: Ernst Peter Fischer· 07.06.11 · 08:06 Uhr· 8 Kommentare
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