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Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Kommentare

Archiv Oktober 2010

25. Oktober 2010

Bildung und Moral

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 5

Ein Nachtrag zu den Lügenbaronen, also zu der Tatsache, daß unter den Nazis im Auswärtigen Amt gebildete und gut verdienende Menschen zu Mördern wurden. Da stellt sich allgemein die Frage, ob und wie Bildung vor Verbrechen schützen oder zum moralischen Verhalten führen kann. Wenn sie das nicht tut, kann einem Bildung eigentlich gestohlen bleiben.
Bei Aristoteles gibt es den Hinweis, daß es die Wahrnehmung meines Gegenübers ist, die als Quelle meiner Moral dient. Ich versetze mich in seine Position und leide für ihn und mit ihm - wenn ich wahrnehme und nicht nur abstrakt mit leeren Begriffen hantiere. Wahrnehmung heißt "aisthesis", und was Aristoteles sagt, kann man durch den Satz modernisieren, "Die Ästhetik ist die Mutter der Ethik" (Joseph Brodsky). Bildung ohne Erfahrung der Schönen - ohne Weltanschauung - bleibt ohne Moral. Das beamtete Leben im Auswärtigen Amt muss damals sehr hässlich gewesen sein. Und heute?


Autor: Ernst Peter Fischer· 25.10.10 · 10:55 Uhr· 5 Kommentare

Lügenbarone

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 7

In dieser Woche wird es amtlich - nicht nur Carl Friedrich von Weizsäcker hat uns belogen (über seine Plutoniumbomben), sondern auch sein Bruder Richard (Bundespräsident i.R.) und sein Vater Ernst, wobei diese Herren sogar so dreist waren, irgendetwas von Friedenspolitik hinter den vorderen verbrecherischen Reihen zu murmeln. Und die Gräfin Dönhof hat das alles mit Zähnen und Klauen verteidigt und sich dem Widerstand zugerechnet. Ich werde wütend, wenn ich das lese. So löst sich mein Glauben an die Politik auf, und das Vertrauen in die Demokratie kommt mir abhanden. Hoffentlich niemandem sonst.


Autor: Ernst Peter Fischer· 25.10.10 · 09:04 Uhr· 7 Kommentare

20. Oktober 2010

Genies

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 16

Amir Abo-Shaeer, Jessie Little Doe Baird, Kelly Benoit-Bird, Nicholas Benson, Drew Berry, Carlos D. Bustamante, Matthew Carter, David Cromer, John Dabiri, Shannon Lee Dawdy, Annette Gordon-Reed, Yiyun Li, Michal Lipson, Nervis Mavalvala, Jason Moran, Caron Padden, Jorge Pardo, Sebastian Ruth, Emmanuel Saez, David Simon, Dawn Song, Marla Spiwak, Elizabeth Turk - nie gehört? Das sind 23 Genies, die Ende September von der MacArthur Foundation in Chicago jeweils 500.000 US-Dollar bekommen haben - als "genius grant". Sie können mit dem Geld machen, was sie wollen, und sie haben es bekommen, weil sie außergewöhnlich kreativ waren und in Zukunft wohl ebenso außerordentlich kreativ weitermachen. Nur - warum hat man von diesen Genies noch weniger gehört als von den Nobelpreisträgern, die Anfang Oktober bekannt gegeben und jetzt schon wieder vergessen worden sind? Was ist nur los mit den Genies, dass wir sie nicht kennen? Die MacArthur Foundation vergibt ihre "Genie Grants" seit 1981. Über 800 Genies laufen seitdem hochbezahlt durch die Welt. Was machen die bloss den ganzen Tag? Könnte es sein, daß sie das Geld zählen?


Autor: Ernst Peter Fischer· 20.10.10 · 10:27 Uhr· 16 Kommentare

17. Oktober 2010

Die romantische Universität

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 58

Die Berliner Humboldt Universität feiert im Oktober 2010 ihr 200jähriges Bestehen, und so werden viele Festreden gehalten, in denen vielleicht auch der Name der Epoche vorkommt, mit dem die Jahre um 1810 charakterisiert werden - also Romantik. Romantik kann man als Gegenbewegung zur Aufklärung verstehen, die im 18. Jahrhundert mit Enzyklopädien den Eindruck erwecken wollte, fast alles zu wissen, weshalb man auch keine Universitäten mehr benötigte. Fachhochschule sollten reichen. Romantik setzte dageben, daß menschliches Denken und humane Kreativiät offen ist und Wissenschaft als Bildungsprozess nicht abgeschlossen werden kann. Und der Ort dieser Bildung ist die Universität. Die Universität verdanken wir aufgeklärten Menschen dem romantischen Einspruch gegen einen unsinnigen Anspruch der Aufklärung. Wir sollten uns diese Lust an der Romantik bewahren. Sie kennt mehr Möglichkeiten als die eine, die wir gerade als aktuelle Wirklichkeit erleben. Sie hält uns in bildender Bewegung. Vielleicht gibt es neben den "Fest"reden auch die "Lock(ere)"ansprache. Sie sollte mehr Spaß machen.


Autor: Ernst Peter Fischer· 17.10.10 · 17:15 Uhr· 58 Kommentare

M für Mist oder Mut oder Meins?

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 13

Ich habe keine Ahnung und eine große Bitte - es gibt immer wieder Kosmologen und andere Himmelsstürmer, die das Heil der Welt - die Lösung aller Rätsel - in der M-Theorie sehen. In der M-Theorie wird die Gravitationskraft mit den anderen Urkräften verknüpft, so lese ich, und dabei tauchen mehr Dimensionen auf, als wir kennen und als uns lieb sein kann. Ich verstehe weder die M-Mathematik noch die Motive der dazugehörigen Forscher. Ich habe aber eine Frage. Sie lautet, wo das M für steht? Mensch? Mathematik? Meister? München? Mailand? Mut? Mist? Mysteriös? Mach, was du willst? Mozart? Most? Marienbad? Möglichkeit? Ich vermute allerdings, daß M ein angelsächisches Wort abkürzt? Miracle? Master? Mark? Mister? Misery? Maize? Maize! Das würde mir gefallen. Oder heißt M einfach nur my bzw. meine - dann wäre das Universum Meine Theorie, My Theory. Und dann stimmt alles. I do it my way.


Autor: Ernst Peter Fischer· 17.10.10 · 13:44 Uhr· 13 Kommentare

Das Sarrazin Wunder

Kategorie: Kultur·Politik  ·  Kommentare: 8

Merkwürdig, merkwürdig - während im Feuilleton noch geschimpft wird und die klugen Köpfe in den Redaktionen noch einmal erläutern dürfen, wie viel besser als der Buchautor Sarrazin sie über das Biologische im Sozialen und das Biologistische im Geistigen Bescheid wissen, kommentiert dort niemand die Tatsache, daß die große Politik genau nachmacht, was Sarrazin vorschlägt. Was etwa aus dem Kanzleramt oder dem SPD-Parteizentrale zu hören ist, steht genauso bei Sarrazin, wobei anzunehmen ist, daß sich dort niemand Sorgen darüber macht, ob dies jemand merkt. Dazu müsste man das Buch über unsere Abschaffung schon lesen. Das schaffen viele aber nicht. Vielleicht sollte man das Lesen abschaffen, um die Chancengleichheit zu sichern. Im Fernsehen ist alles auch viel schöner und die Moderatoren grinsen so vergnügt. Ahnungslosigkeit macht lustig. Aber Vorsicht - das steht bei Sarrazin nicht. Der ist agiler.


Autor: Ernst Peter Fischer· 17.10.10 · 13:27 Uhr· 8 Kommentare

04. Oktober 2010

Widerspruch unerwünscht

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 3

Die FAZ - genauer: das Feuilleton - lässt nicht nach in ihrem/seinem Bemühen, uns die Schrecken des Internets vorzuführen und vor dem Niedergang unseres Denkens zu warnen. Zwar hat der zuständige Herausgeber bei dem Schreiberling dieser Zeilen vor Monaten einen Text erbeten, der versucht, dem Internet den an die Wand gemalten Schrecken zu nehmen, aber erschienen ist der erwünschte Widerspruch noch nicht, und er wird es wohl auch nicht mehr. Vielleicht ist er doch unerwünscht. Dafür wird heute (4.10.10) ziemlich ausführlich.ein Buch rezensiert, das im Original "In the Shallows" heißt und dessen deutscher Titel einen Bestseller kopiert: "Wer bin ich, wenn ich online bin, und was macht mein Gehirn so lange?". Der Autor, Nicholas Carr, unterscheidet an einer Stelle tatsächlich zwischen Menschen und ihrem Gehirn, wenn er bedauert, daß Taxifahrer keine Stadtpläne mehr auswendig lernen müssen und dafür ihren Navigator einschalten: "Die Taxifahrer wären von der harten Arbeit befreit", wie Carr anmerkt, um hinzuzufügen, daß sie zugleich aber auch einen positiven geistigen Effekt einbüßen würden, nämlich den, "ihr Gehirn wäre weniger interessant." Früher nannte man solche Sätze inhuman. Die FAZ lobt sie. Das Denken ändert sich wohl auch ohne Internet. Mir fällt dazu ein Spontispruch ein: "Sie wollen nur unser Bestes, aber das bekommen sie nicht."


Autor: Ernst Peter Fischer· 04.10.10 · 08:50 Uhr· 3 Kommentare

Anbetung gewünscht

Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 4

Heute beginnt die Woche, in der die Nobelpreistäger bekannt gegeben werden. Schön, daß man darauf gespannt ist. Aber auch Gelegenheit, die Frage zu stellen, warum die Laureaten des letzten Jahres weniger in Erinnerung geblieben sind als Schnee vom vergangenen Jahr auf den Strassen. Eine Antwort besteht darin, daß es nicht die Spur von Kritik an den Preisträgern gibt. Stockholm nennt Namen, und alle Medien verfallen in der Modus der Anbetung. Wir gehen in die Knie, neigen das Haupt und übersehen, was die ausgezeichneten Personen auszeichnet (und verstehen nichts von ihren Fähigkeiten und dem Grund für ihre Wahl). Wir verschenken mit dem Nobelpreis ein wunderbares Marketinginstrument, mit dem man Wissenschaft populär machen könnte. Wir werden auch in diesem Jahr Anfang Dezember, wenn die Preise veregeben werden, keinen der Namen mehr kennen, auf die wir jetzt so gespannt warten. Schade eigentlich.


Autor: Ernst Peter Fischer· 04.10.10 · 08:42 Uhr· 4 Kommentare

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