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Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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15.03.10 · 18:27 Uhr

Lügner und Parasiten

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 10

Im SPIEGEL dieser Woche (11/2010) steht endlich, was Wissenschaftshistoriker schon länger wissen, daß Carl Friedrich von Weizsäcker unter den Nazis ein Bombenbauer werden wollte und entsprechende Patente angemeldet hat. Nach 1945 hat er in der Bundesrepublik Friedensforschung getrieben, ohne sich an sein früher Leben zu erinnern. Er ist zu den 1940er Jahren so oft befragt worden, daß das Verschweigen seiner Bombenpatente von 1941 als Lüge bezeichnet werden muss. So geht mir ein weiterer Held meiner Studententage verloren. Ein (ganz) anderer ist Martin Walser, der es in diesen Tagen für nötig hält, seine Tagebücher zu publizieren (und uns für dumm verkauft, indem er versichert, daß nie gewollt zu haben). In den Tagebüchern nennt Walser den Kritiker Marcel Reich-Ranicki "parasitär" - der Schriftsteller benutzt also ein Nazischimpfwort, und das einem Juden gegenüber, der das Warschauer Ghetto überlebt hat. Wie soll man einen Mann des Wortes nennen, der dies tut und nicht bedauert? Es gibt dafür einen Ausdruck.

 

Autor: Ernst Peter Fischer· 10 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

Kommentare (10)

Kommentar-Direktlink ka· 15.03.10 · 19:18 Uhr

...

Kommentar-Direktlink peder· 15.03.10 · 19:37 Uhr

"parasitär" = Nazischimpfwort?

Das war mir neu.

Kommentar-Direktlink Carsten· 15.03.10 · 20:57 Uhr

Es wurde von den Nazis benutzt - wie zahlreiche andere entmenschende Begriffe auch. Die Frage ist nur, ob jeder Begriff, mit dem die Nazis mal jemanden herabgewürdigt haben, seitdem verbannt ist aus jedem Sprachgebrauch.
Ganz ungeachtet der Tatsache, dass herabwürdigende Ausdrücke im Allgemeinen nicht von Stil und Anstand zeugen, halte ich das nämlich für verfehlt.

Kommentar-Direktlink martin k· 16.03.10 · 01:07 Uhr

aus jedem nicht, nur zur bezeichnung von Menschrngruppen im allgemeinen und überlebenden des Holocaust im besonderen sollte man ihn nicht nehmen.

Kommentar-Direktlink Geoman· 16.03.10 · 07:43 Uhr

Lieber Herr Fischer,

Sie wissen bereits seit einigen Jahren, dass ich Ihr Getue, mit dem Sie große Persönlichkeiten abstrafen, wenn nachträglich irgendetwas Negatives, das Sie bisher nicht wussten, über ihr Leben bekannt wird, überhaupt nicht schätze.

2006 habe Sie in Ihrer Kolumne "Im Gegenteil" in der Zeitung "Die Welt" mit dem Impetus der ungestümen Empörung mit folgender Überschrift vesehen:

"Max Weber hat sich aus dem Kreis der Wissenschaft herauskatapultiert".

vgl.: http://www.welt.de/print-welt/article177582/Max_Weber_hat_sich_aus_dem_Kreis_der_Wissenschaft_herauskatapultiert.html

Was hatte der berühmte Soziologe vebrochen? Es war bekannt geworden, dass er sich wie wohl so ziemlich jeder Wissenschaftler Ende des 19. Jahrhunderts in irgendeinem Werk rassistisch geäußert hat.

Kaum eine halbes Jahr später haben Sie selbigen Max Weber, den sie zurvor aus der Wissenschaftsgeschichte entfernen wollten, in einem anderen in der Zeitung "Die Welt" veröffentlichten Artikel als (positiven) Gewährsmann für ihre neue Botschaft zitiert:

"Nein", sage ich, und ein Grund findet sich bei Max Weber. Er schrieb 1919 über "Wissenschaft als Beruf": "Die Gedankengebilde der Wissenschaft sind ein hinterweltliches Reich von künstlichen Abstraktionen, die mit ihren dürren Händen Blut und Saft des Lebens einzufangen trachten, ohne es zu erhaschen."

vgl.: http://www.welt.de/print-welt/article221471/Hoffnungsfrohe_Neuronen.html

Was lernen wir daraus; Wenn Sie ein empörendes Spektakel anstimmen, dann wollen sie nicht ganz ernst genommen werden oder meinen Sie es nicht so ernst, zumindest nicht ernster als bis zu Ihrem nächsten Artikel. Das gilt bezüglich des Soziologen Max Weber wohl nicht anders als für den Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker!

Kommentar-Direktlink inga· 16.03.10 · 13:47 Uhr

@peder: Man lernt nie aus, gell?
@Carsten: Es geht nicht um das Wort "Parasit" alleine, sondern um den Kontext, in dem es gebraucht wird. In der Biologie wird dieser Begriff gebraucht, ohne dass Sie irgendwelche empörten Stimmen hören werden. Einen Menschen so zu benennen ist dagegen prinzipiell geschmacklos, zusammen mit dem historischen Kontext und der oben erwähnten Tatsache, dass Reich-Ranicki jüdischer Überlebender des Warschauer Ghettos ist, widerwärtig.
@Geoman: Diese rund 10 Zeilen sind ein "empörendes Spektakel"? Du liebe Güte. Mal ganz abgesehen davon, dass Sie vermutlich "empörtes Spektakel" meinten...

Kommentar-Direktlink Geoman· 16.03.10 · 14:17 Uhr

@inga

E.P. Fischer schrieb: "So geht mir ein weiterer Held meiner Studententage verloren."

Wenn das bei ihm mit dem Heldensterben so weitergeht, dann bleibt schlussendlich nur noch Herr Fischer selber als sein eigener Held über.


Zu Walser vielleicht noch Folgendes: Einige von seinen frühen Büchern bedeuten mir viel und einige habe ich nicht gelesen. Doch das, was er in den letzten Jahren so von sich gegeben hat, war zunehmend mit Altherrengeschwätz gewürzt. Er muss nicht mehr an seinem Ruhm arbeiten und sollte sich daher vielleicht besser an den Ufern seines geliebten Bodensees zur Ruhe setzen.

Mit dem Begriff "Parasit" sollte man im jüdischen Umfeld und insbesondere bei einem Überlebenden des Holocaust wirklich vorsichtig sein. Man sollte seine Verwendung aber auch nicht überwerten. Das Verhältnis zwischen Autor und Rezensent ist nunmal parasitär, wobei allerdings manchmal die Frage ist, wer der Wirt und wer der Parasit ist.

Kommentar-Direktlink Hilmar Steinhauer· 16.03.10 · 21:00 Uhr

Wie unwahrscheinlich ist es denn eigentlich, dass ein hochintelligenter Mensch wie Herr von Weizsäcker seine Meinung zum Thema Atomwaffen tatsächlich änderte? Wie aktiv hat er die Patente denn verschwiegen, dass man ihm da Vorsatz unterstellen müsste? Kann / muss man von Personen dieses Format verlangen, dass sie bei einer aktuellen Meinungsäußerung immer auch die dadurch "korrigierte" frühere Meinung nochmal hervorkramen, damit sie ihren Heldenstatus behalten dürfen?

Kommentar-Direktlink Jürgen Schönstein· 18.03.10 · 04:24 Uhr

v. Weizsäckers Rolle bei dem erfolglosen Versuch, eine Atombombe für das Nazi-Regime zu bauen, hat er nie verheimlicht (konnte er auch gar nicht). Geschönt? Vermutlich. Gelogen? Eher nicht. Und daran, dass er später ein glaubwürdiger und überzeugter Aromkriegsgegner war, ändert das auch nichts.

Kommentar-Direktlink miesepeter3· 18.03.10 · 13:42 Uhr

Auch Wissenschaftler dürfen mit der Zeit "klüger" werden. Eine Meinungsänderung ist auch für diesen Personenkreis zulässig und die Absicht, ein besserer Mensch zu werden ist eigentlich allen Menschen gestattet.

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