Blog durchsuchen
Profil

Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Kommentare

Archiv Mai 2009

28. Mai 2009

Der Ort der Sterne und der Menschen

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 2

Er wurde zum Mann des 20. Jahrhunderts gewählt, und seine Berühmtheit begann kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Gemeint ist Albert Einstein. 1919 haben britische Forscher eine Sonnenfinsternis ausgenutzt, um Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie zu bestätigen, was die Zeitungen mit der Überschrift meldeten, "Die Sterne sind nicht da, wo sie zu sein scheinen". Sie fügten hinzu, daß sich niemand zu beunruhigen braucht - aber das sollten wir vielleicht doch tun. Nicht wegen des wahren Ortes der Sterne, sondern weil auch 90 Jahre nach der Bestätigung von Einsteins Weltgeometrie die überwiegende Zahl der Menschen keine Ahnung hat, was das für den Ort bedeutet, an dem sie leben. Gemeint ist das Weltall. Einstein hat ihm eine humane Dimension gegeben, und niemand dankt ihm dafür. Das Menschliche an Einsteins Kosmos besteht darin, daß er endlich und unbegrenzt zugleich ist. Das Endlich nimmt uns die Angst vor einer unendlichen Leere, und das Unbegrenzte lässt uns frei sein. Wer Einstein verinnerlicht, bekommt religiöse Gefühle. Den Messungen sei Dank.


Autor: Ernst Peter Fischer· 28.05.09 · 11:53 Uhr· 2 Kommentare

Zu viele Namen

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 1

Wer Wissenschaftsgeschichte unterrichtet, wird das Problem bemerken, daß viele Kinder der Forschung sehr viele Namen haben und immer ´mal wieder neue annehmen. In der Hirnforschung wechseln Areale ihre Nummern, in der Chemie konnte man sich lange nicht auf die Bezeichnung von Molekülen einigen, und das sind nur zwei Beispiele. Nun erleben wir tagesaktuell, wie sich die Wissenschaft unfähig zeigt, einen Namen zu finden und zu nutzen. Die (deutsche) Schweinegrippe heißt in Frankreich "la Grippe A", die WHO spricht von "influenza A (H1N1)", wohl um endgültig Laien abzuschrecken, in Holland redet man noch von der "Mexican flu", während die Mexikaner selbst sich mit "la epidemia" begnügen. Man hat den Eindruck, daß die Namen schneller mutieren als die Viren, was doppelt beunruhigt. Zum einen hat niemand verstanden (und gar nicht angesprochen), daß das Grippevirus die Forschung vor Riesenrätsel stellt, und zum zweiten gewinnt man den Eindruck, daß es in der Epidemiologie so zugeht wie in der Politik. Was wir gesagt bekommen, dient nur der Beruhigung. Gerade das bereitet aber die Panik vor. Wenn sie dann ausbricht, die Pandemie, wird das Virus erneut einen neuen Namen bekommen - "Terminator" zum Beispiel, wie das Magazin Science vorschlägt (Ausgabe vom 15. Mai, S. 871). Dann wissen alle, was los ist.


Autor: Ernst Peter Fischer· 28.05.09 · 11:39 Uhr· 1 Kommentar

20. Mai 2009

Prochlorococcus

Kategorie: Naturwissenschaften

Manchmal liest man eine Überschrift - "Mikrobielle Ozeanographie" zum Beispiel - und denkt sofort, das brauchst du nicht zu lesen, das willst du gar nicht wissen. Dann blättert man doch einmal in den so titulierten Seiten, die NATURE jetzt publiziert (Ausgabe vom 14.05.2009) - und schon hängt man fest. Wie wenig wissen wir von dem Leben im Ozean, aus dem wir doch vermutlich gekommen sind. In den wässrigen Tiefen der Biosphäre wimmelt tausendmal mehr Leben, als die Forscher bislang vermuteten (und wie wird die Zahl in 10 Jahren aussehen?). Und wie winzig kann das Leben sein. Das Bakterium Prochlorococcus misst rund einen Mikrometer, ist dafür aber so häufig vertreten, daß es zu dem am weitesten verbreiteten photosynthetischen Organismen gehört und maßgeblich zur Kohlenstofffixierung auf unserem Planeten beiträgt. Wohin die Wissenschaftler bei der Betrachtung der Mikroben im Ozean schauen - sie finden immer etwas Neues. Und die Biologie ist wieder bei ihrer Lieblingsbeschäftigung der letzten Jahrzehnte - sie versorgt uns mit Daten, die niemand versteht. Wir staunen und staunen - aber wenn wir nur staunen, werden wir uns eines Tages wundern.


Autor: Ernst Peter Fischer· 20.05.09 · 13:48 Uhr· 0 Kommentare

15. Mai 2009

Das Gelächter der Götter

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 1

Psychologen haben sich selbst ein neues Arbeitsfeld geschaffen, indem sie der Angst, ausgelacht zu werden, einen bombastischen Namen gegeben haben: Gelotophobie. Das klingt zwar ein wenig nach Angst vor ilalienischer Eiscreme, wird aber höchst wissenschaftlich untersucht. 10% der Menschen sollen unter Gelotophobie leiden, wie man hört, ohne daß man erfährt, was dagegen zu tun ist. Vielleicht hilft dafür der Blick auf zwei Männer, die als Vorbilder dienen können: Albert Einstein und Wernher von Braun:
Einstein hatte bekanntlich beim Aufstellen seiner Theorien Angst vor dem Gelächter der Götter, ohne daß ihn dies am Nachsinnen gehindert hätte. Merke: Wenn das Gelächter von oben kommt, kann man sich damit abfinden. Wie man reagiert, wenn das Gelächter von unten kommt, hat von Braun vorgeführt. Bei der ersten Vorstellung seiner Ideen über den Flug zum Mond wurde gelacht. Als man ihn fragte, wie er damit zuecht gekommen sei, hat er geantwortet, er habe sich diese Leute in Unterhosen vorgestellt. Zum Glück hat er dabei nicht gelacht.


Autor: Ernst Peter Fischer· 15.05.09 · 14:34 Uhr· 1 Kommentar

13. Mai 2009

Der Snow vom vergangenen Jahr

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 3

"Die zwei Kulturen", die ich im letzten Eintrag angesprochen habe, wirken sich bis heute auf eine für jeden spürbare Weise aus. Bei C.P. Snows Vorlesung im Jahre 1959 ging es um Shakespeares Sonette und den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, wobei für unsere Zwecke hier wichtig ist, daß das poetische Werk mit einer Person verbunden ist und das wissenschaftliche Theorem nicht. Genau so unterscheiden sich Kunst und Wissenschaft - Kunstwerke stammen von Künstlern, deren Namen man kennt, wissenschaftliche Theorien kommen anonym als Masse zustande. Die Verachtung der einen Kultur ist vorgegeben, wenn sie überhaupt als Kultur eingestuft wird. Wir kümmern uns viel zu wenig um die Menschen, die Wissenschaft machen, und ich vermute, daß sich diese Verachtung rächen wird. "Wissenschaft ohne Kunst ist unmenschlich", heißt es bei Raymond Chandler schon 1938, und "Kunst ohne Wissenschaft ist lächerlich." Die zweite Feststellung können wir überleben. Die erste nicht.


Autor: Ernst Peter Fischer· 13.05.09 · 09:16 Uhr· 3 Kommentare

Kein Snow von gestern

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 2

1959 hielt das britische Multitalent Charles Percy Snow einen Vortrag, den er "The Two Cultures" nannte und in dem er auf die literarisch gebildeten Snobs aus Cambridge schimpfte, die meinten, die Nase rümpfen zu können, wenn jemand nach dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik fragte. Es reichte, so meinten sie, sich mit Shakespeare auszukennen. So ist sie bis heute, unsere Bildungsschicht, die nach wie vor die Schultern zuckt, wenn das physikalische Thema kommt, während sie überheblich jeden meidet, der bei Shakespeare ahnungslos reagiert. Der Name "Snow" gibt populären Vertretern der Geisteswissenschaften die Gelegenheit, kalauernd zu verkünden, daß sei doch Snow von gestern, und viele merken dabei nicht, daß eigentlich "der Schnee vom vergangenen Jahr" gemeint ist, was erstens poetischer klingt und zweitens überhaupt erst sinnvoll wird. Lassen wir den Aspekt und fragen, ob die Unterscheidung in zwei Kulturen noch aktuell ist. In aller Kürze lautet die Antwort leider "Ja", wie jeder merkt, der etwa als Genetiker einen Kunsthistoriker fragt, wie Formen entstehen. Daß es eine Kunst der Gene geben muss, um die Gestalten des Lebens hervorzubringen, wollen Geisteswissenschaftler nicht wissen. Das stört doch nur ihr Ruhe.


Autor: Ernst Peter Fischer· 13.05.09 · 08:58 Uhr· 2 Kommentare

05. Mai 2009

Grips und Chips

Kategorie: Naturwissenschaften·Technik  ·  Kommentare: 1

Mein Vater hat mich einmal mit der Frage geärgert, "Was ist flüssiger als Wasser?". Nachdem mein Rumraten nichts gebracht hatte, sagte er, "Deine Bitte um mehr Taschengeld - die ist überflüssig."
Überflüssig - das soll die Suche mit Hilfe von Google werden, wie einige Fachleute der Computerbranche möchten, die dabei sind, den Maschinen Semantik beizubringen. Das heißt, die Chips sollen nicht nur Zeichen erkennen, sondern darüber hinaus verstehen könne, was die Zeichen bedeuten.
Semantik galt bislang als uneinnehmbare Hochburg der Sprache, die mit Grips funktioniert, wobei der Twist darin besteht, daß niemand eine Ahnung hat, wie das Gehirn zum Beispiel einer Szene Bedeutung entnimmt. Wenn ein rotes Gebilde sich rasch auf mich zubewegt - wie erkennt das Gehirn, daß dies Gefahr bedeutet?
Die Zahl der Ankündigungen von semantischen Maschinen nimmt zwar zu, aber noch war nicht zu erfahren, wie die Programmierer ihrer Hardware beigebracht haben, Bedeutungen aus Zeichen zu generieren. Das ist sicher am Anfang der Entwicklung noch ein Betriebsgeheimnis. Hoffentlich ändert sich das zum Ende hin. Sonst wird Google nicht flüssiger als Wasser. Ob ein Chip einmal genug Grips haben wird, um sich an dem Wortspiel zu erfreuen?


Autor: Ernst Peter Fischer· 05.05.09 · 13:20 Uhr· 1 Kommentar

02. Mai 2009

Ich liebe es

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 3

Nein - es geht nicht um das etwas andere Restaurant, sondern um etwas ganz anderes, nämlich um das Verstehen einer wissenschaftlchen Leistung. Gemeint ist die Entwicklung des Lasers, der im kommenden Jahr seinen 50. Geburtstag feiern kann. Da kann man sich schon einmal für die Frage interessieren, wie denn der Laser in die Welt gekommen ist, und wer sich oberflächlich an die 1950er JAhre und ihren Kalten Krieg erinnert, denkt sofort an militärische Vorgaben. Das stimmt nur am (finanziellen) Rande. Der wesentliche Antrieb zu der Physik, die am Ende den Laser produzierte, dessen Basisgedanke bei Einstein vor dem Ersten Weltkrieg zu finden ist, erweist sich als höchst privat und persönlich. Man findet ihn in der bereits 1999 erschienenen Autobiographie von Charles Townes ("How the Laser happened"), in der der Autor von "molekularen Freunden" spricht und dem Leser klarmacht, daß es im Laufe eines Forscherlebens passieren kann, daß man anfängt, seine Gegenstände zu lieben. Bei Townes war es das Ammoniakmolekül, dem er immer näher kommen wollte und dem er deshalb sein wissenschaftliches Leben hingab. Er liebte es - und wir werden davon noch lange profitieren.


Autor: Ernst Peter Fischer· 02.05.09 · 14:32 Uhr· 3 Kommentare

Moden in der Wissenschaft

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 4

Als ich ein kleiner Junge war und die ersten Nachrichten über die Wissenschaft bekam, dachte ich nicht nur, daß sei alles richtig, ich dachte auch, daß sei immer so. Wissenschaft richtete sich nicht nach Moden, dachte ich, und so kann man sich irren. Wissenschaft steckt voller Moden, wie mir immer klarer wird und wie sich an der breiter werdenden Verwendung von Genen oder genetischen Programmen zeigen lässt.
Wie sehr die Präsentation des Wissens - und damit die Wahrheit der Wissenschaft - von zeitbedingten Entwicklungen abhängt, macht der Kunsthistoriker Horst Bredekamp in einem Interview deutlich, das in dem Band DAS TECHNISCHE BILD abgedruckt ist (Akademie Verlag, 2008, S. 42). Dort erinnert Bredekamp zunächst an die Tatsache, daß wir die berühmte erste Darstelllung der Doppelhelix aus dem Jahre 1953 einer Künstlerin verdanken, und er betont dann, daß sie sich an den damals allgegenwärtigen Mobiles von Alexander Calder orientiert habe. Weiter macht Bredekamp deutlich, daß es die bunten Bilder des chaotischen Apfelmännchens ohne die Erfahrung der psychedelischen Plattencover der 1968er Jahre gar nicht gegeben hätte.
Damit ist klar - Wissenschaft unterliegt der Mode. Bleibt die Frage, wie sie selbst zu einer wird.


Autor: Ernst Peter Fischer· 02.05.09 · 14:19 Uhr· 4 Kommentare

ScienceBlogs.com

mehr auf www.scienceblogs.com »