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Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
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17.04.09 · 14:24 Uhr
Sprachkriege
Kategorie: Kultur · Kommentare: 11
Falls jemand meine Beiträge vermisst hat - ich habe einen langen Boxenstopp gemacht, wie meine Enkel gesagt haben, deren wochenlanger Besuch dafür verantwortlich war. Nun sind sie wieder weg, und eigentlich wollte ich über eine Bildungsinitiative schreiben, aber das kommt als nächstes an die Reihe, nachdem ich meinen Ärger über die Sprachkriege los geworden bin.
In den letzten Tagen waren wieder viele Gegner der Gentechnik aktiv, um zum Beispiel gegen Genmais zu sein. Was für ein furchtbares Wort - Genmais. So als ob es Mais ohne Gene gäbe.
Das ist ebenso unsinnig wie der Ausdruck vom Retortenbaby, das doch gar nicht einer Retorte entstammt, sondern normal im Mutterleib herangewachsen ist. Wie soll man zur Sache vordringen, wenn die Journalisten so mit der Sprache schludern? Wollen sie das, um nichts zur Sache sagen zu müssen? Es ist vieles so falsch an dem, was wir sagen, wenn es um das Leben geht. Das fängt schon an, bevor das Leben gezeugt wird bzw. wenn es nicht gezeugt werden soll. Dann nimmt eine Frau die Pille, wie man sagt, obwohl frau weiß, daß sie nicht eine, sondern viele Pillen nehmen muss. Warum gewinnen immer diejenigen die Sprachkriege, die nichts zu verlieren haben?
Das schlimmste Mißverstehen kommt durch das Wort MANIPULATION zustande. Damit meinen wir immer etwas Schlimmes. Dabei haben wir vergessen, was das Wort tatsächlich bedeutet, nämlich etwas in die eigenen Hände zu nehmen. Und dieses Tun - dieses Manipulieren - charakterisiert unsere Art. Menschen manipulieren, seit es sie gibt. Wir würden zugrunde gehen, wenn wir auf Manipulation verzichten. Vielleicht ist das ja das Ziel der Menschen, die der Wissenschaft heute vorwerfen, das zu können, was Menschen auszeichnet. Aber wenn die Wissenschaft untergeht, gehen sie mit, und zwar schneller, als sie denken. Wir müssen nicht weniger, sondern mehr manipulieren. Sonst gleitet uns das Leben aus den Händen, wie das Wort es sagt.
Autor: Ernst Peter Fischer· 11 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (11)
Haha, so sind Debatten, die sich an ungebildete Bevoelkerungsschichten richten eben. Beispiele gibts wie Sand am Meer. Man nehme nur den Begriff Killerspiele - sind das Spiele, die nur von Killern gespielt werden, welche, von denen man zum Killer wird, oder in denen man Killer spielt? Leider sind alle Begriffe sachlich falsch. Man will damit nur einen negativen Ersteindruck schaffen.
Heute auf BR5 etwa (aus dem Kopf): "Sagen Sie uns Ihre Meinung zu grüner Gentechnik. Diskutieren Sie mit über Genmais und Schweine."
Schweine haben schon mal gar nichts mit grüner Gentechnik zu tun und erst recht nicht Patente auf einen Gentest. Dann wären auch Brust-Krebsgentests, grüne Gentechnik.
Manchmal vermischen alle wirklich alles und wundern sich am Ende, dass keiner mehr etwas versteht. Desinformationsnachrichten.
Sprache spielt sich immer im Kopf ab. Bedeutungen von Worten ändern sich mit der Zeit ('ficken' bedeutete z.B. ursprünglich 'reiben' und vergleichbares). Wesentlich schlimmer finde ich zwanghafte Anglizismen, wie z.B. den Kaffee aus Togo. Künstliche Worte helfen auch nicht weiter, wenn Worte etabliert sind; der 'Zerknalltreibling' hatte gegen den 'Motor' nie eine Chance und eine 'Putzfrau (-hilfe)' wird durch 'Raumpfleger (in)' auch nicht plötzlich geadelt. Ansonsten warte ich noch auf so etwas wie: 'Liebe Männer und liebe Männinnen'.
Als Vertreter der Zunft (Journalist), die das wahrscheinlich verbockt hat, bin ich immer etwas hin- und hergerissen. Einerseits ist gerade dieses Beispiel haarsträubend und absurd. Andererseits kenne ich natürlich den Grund: Die Suche nach möglichst kurzen, knackigen Begriffen, die den Lesefluss nicht stören. Das soll keine Entschuldigung sein, sondern nur eine Erklärung.
Aber mal entgegnet. Wie könnte denn eine angemessene, aber ebenso kurze, knackige Alternative aussehen, die sachlich aber richtig ist (Ganz so kurz kann es nicht werden, weil "Gen" natürlich schon so verdammt kurz ist...)?
Vorschläge?
"gentechnisch verbesserter Mais"
;-)
Den Ausdruck verwendet der Miersch in Diskussionen.
(Ich weiß, dass der zu lang ist und auch eine Wertung enthält.)
Die Wertung find ich auch unpassend.
Neutraler wäre "gentechnisch veränderter Mais". Aber bau das mal in eine Überschrift ...
Gentechmais wäre vielleicht eine Option.
Hightechmais
Biotechmais
Biotechmais ist ja klasse ;-), Der ist zugleich "Bio" wie auch Gentech.
Hightech würde die Hersteller sicher auch gerne nehmen. "Normal" gezüchteter Mais wäre dann "Lowtechmais".
Diesem Eintrag, Herr Fischer, kann ich nur zustimmen. Zumal es wahrscheinlich gar nicht darum geht, ob wir manipulieren wollen oder nicht wollen. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind wir allein im Treffen der Wahl eigentlich schon je Manipulatoren. Insofern gilt wohl auch dieses bekannte Wort: In der Gefahr wächst das Rettende nach - uns aus den Händen.
S.S.T., wie wärs mit "Liebe Mütter und Mütterinnen". Das soll meinem Schwager zufolge mal eine Frauenbeauftragte in einer Art Begrüßungsansprache gebracht haben - auch wenn ich mir das nicht so recht vorstellen kann.
@ Christian A.
Erinnert an Lübke, (angebl.?): Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger.
Sprache ist nun mal nicht logisch, oder sind 'Babynahrung' und 'Fleischnahrung' fast das gleiche? Ersatzweise 'Babymilch'/ 'Muttermilch'
Noch unübersichtlicher wird es bei verballhornten Worten wie 'todschick' (= tout chic) oder 'Hals- und Beinbruch' (= Hatslokhe und Brokhe = Glück und Segen), und wenn dann noch die eingewanderten Begriffe aus dem Rotwelschen (u.a. Bock, Kohldampf, Polente) hinzukommen, kann man an einem inneren Sinn der Sprache schon zweifeln.