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Profil
Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
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Archiv Februar 2009
25. Februar 2009
Gene im Gespräch
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 1
In der jüngsten Ausgabe von NEW SCIENTIST (21.2.09) meditiert Stephen Strauss (S. 22) über unsere Unfähigkeit, Gene richtig zu erfassen. Es geht ihm um die Frage, ob unsere Metaphern stimmen - Blaupause? Blueprint? Alphabet des Lebens? Buch des Lebens? Strauss zeigt sich begeistert von dem Vorschlag seines Kollegen Trevor S. Rines, der das DNA Molekül als "web which spins the spider" charakterisiert hat - als Netz, das die Spinne umspinnt, wie man vielleicht übersetzten könnte.
Das Gute an dem Beitrag steckt in dem Hinweis, daß es keineswegs klar ist, wie Gene funktionieren, selbst wenn mehr und mehr DNA Sequenzen verfügbar werden. Offenbar können Gene sowohl das Leben in Gang halten als auch vom Leben in Gang gehalten werden. Was zugleich etwas formt und geformt wird, hätte Aristoteles einen Bewegten Beweger genannt. Auch nicht schlecht, wie ich finde.
Autor: Ernst Peter Fischer· 25.02.09 · 17:20 Uhr· 1 Kommentar
Wegweiser ohne Würde
Kategorie: Kultur · Kommentare: 1
Mein Philosophielehrer hat einige Intellektuelle einmal durch den Hinweis charakterisiert, daß sie nur Wegweiser seien, was konkret heißt, daß sie den gewiesenen Weg (meist der Tugend) nur weisen, aber nicht gehen. Sie schicken dauernd Leute in die Richtung, die sie selbst nur predigen, ohne jemals loszugehen.
In diesen Tagen lesen wir viel über den beklagenswerten Walter Jens, der dement ist und von dem wir wissen, daß er so nicht leben wollte. Seine Frau hat ihm versprochen, ihm dieses Leben zu ersparen (das für einen Rhetoriker kein Leben ist), und Jens hat in seinen Publikationen zum Ausdruck gebracht, daß er lieber sterben als so dahin vegetieren möchte. Und der Theologe Hans Küng weiß das und sitzt daneben.
Das heißt, die Ehefrau (und ihr Sohn) und der Theologe gehen den Weg nicht, den sie mit Walter Jens besprochen haben, den sie ihm versprochen haben und um den er gebettelt hat. Jetzt, wo der Weg zu beschreiten ist, verwandeln sich alle Beteiligten erneut in die ewigen Wegweiser, die uns erneut erklären wollen, wie schlau sie sind. Frau Jens teilt uns etwas von neuen Erfahrungen mit - so als ob jemand, der ein Leben lang Romane gelesen hat, davon überrascht sein müsste.
Die Wegweiser spielen ein erbärmliches Spiel. Diesmal bleiben aber nicht sie am Wegesrand zurück, sondern der Mann, dem sie Würde versprochen haben. Wir müssen bei einem unwürdigen Geschehen zuschauen.
Autor: Ernst Peter Fischer· 25.02.09 · 17:05 Uhr· 1 Kommentar
17. Februar 2009
Kultur im Keller
Kategorie: Kultur · Kommentare: 1
Es ist die dritte oder vierte Absage bzw. das fünfte oder sechste Bedauern. Man könne das leider nicht machen, nämlich klassische Texte der Naturwissenschaften edieren. Und so müssen bzw. sollen wir ohne Einstein, ohne Planck, ohne Born, ohne Heisenberg und ohne all die vielen anderen großen Stilisten der Naturforschung auskommen. Eine Ausnahme macht bestenfalls Darwin, aber das nur im Jubiläumsjahr und vielleicht nur, weil er Engländer ist. Wenn Darwin ein Deutscher gewesen wäre, hätten wir mehr an ihm zu meckern und würden ihn nicht lesen.
Auf jeden Fall verstecken wir eine Kultur - und es tun alle. Ich habe sie nämlich alle gefragt - Akademien, Verlage, Hochschulen, Journalisten (mit Editionen im Rücken), und andere mehr. Ich schlage deshalb vor, wir ersparen uns das Gerede über Bildung. Es ist offensichtlich, daß niemand an ihr interessiert ist - nur an den Boni, die man bekommt, wenn man vorher besondern dumm war. Unsere Kultur ist im Keller. Gut zu wissen, dann kann sie immerhin finden, wer sich dorthin begibt.
Autor: Ernst Peter Fischer· 17.02.09 · 08:23 Uhr· 1 Kommentar
08. Februar 2009
Darwins Weisheit
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 8
Ich bin für das Studium der Originale. Das geht bei den Naturwissenschaften furchtbar schlecht. Wo, bitte schön, ist eine gute Ausgabe von Texten von Max Born? Zur Zeit gibt es eine Ausnahme - Darwin. Und kaum liest man in seinen Briefen, wird man belohnt, wie es sich bei Kassikern gehört. Hier ein Zitat aus einem Brief vom 4. 9. 1850, wobei man wissen muss, daß Darwin zeitlebens ein kranker Mann war:
"Du spricht von Homöopathie, ein Gegenstand, der mich sogar noch wütender macht als Hellseherei. Hellseherei liegt so jenseits aller Glaubwürdigkeit, daß normale Fähigkeiten dabei ohnehin keine Rolle spielen, aber bei der Homöopathie kommen gesunder Menscherverstand und Beobachtung ins Spiel, und beides würde vor die Hunde gehen, wenn die unendlich winzigen Dosen irgendeine Wirkung hätten. Wie wahr ist doch eine Bemerkung ..., die ich neulich las, über die Nachweisbarkeit von Heilprozessen. [Es hieß], niemand weiß, was das Ergebnis wäre, wenn eine Erkrankung gar nicht behandelt würde. Das ist der Mastab, am dem die Homöopathie" zu messen ist."
Autor: Ernst Peter Fischer· 08.02.09 · 18:47 Uhr· 8 Kommentare
05. Februar 2009
Immer noch zwei Kulturen
Kategorie: Kultur
1995 ist das schöne und nach wie vor empfehlenswerte Buch von Elisabeth Emter erschienen, in dem es um "Literatur und Quantentheorie" ging, womit genauer "die Rezeption der modernen Physik in Schriften zur Literatur und Philosophie deutschsprachiger Autoren" zwischen 1925 und 1970 gemeint war. Das Verständnis der Atome im literarischen Zugriff - das ist deshalb wichtig, weil die ersten Atomphysiker der Meinung waren, daß sich nur in Bildern und Gleichnissen ausdrücken lasse, was sie da erkannt hätten (und mathematisch beherrschen). Es gab einige literarische Versuche - etwa den von Linus Reichlin, "Die Sehnsucht der Atome" in einem Roman zu erfassen. Aber es braucht mehr zu dem Thema, und so schaute ich gespannt auf einen Bericht über eine Marbacher Tagung, "die Schriftsteller und Philosophen des Atomzeitalters danach befragte, ob sie ihrer Zeit auf Augenhöhe und mit zeitgemäßen Begriffen gegenübergetreten sind" (FAZ vom 4.2.09). Die Antwort ist schlimm - man hat gar nicht erst versucht, auf Augenhöhe zu kommen, sondern gleich über Hiroshima gesprochen. Da braucht man nicht zu denken, da kann man sich gleich und leicht entrüsten und die Wissenschaft übergehen. Die Literatur hat erneut vor dem Atom versagt.
Autor: Ernst Peter Fischer· 05.02.09 · 16:42 Uhr· 0 Kommentare
Herz über Kopf
Kategorie: Kultur · Kommentare: 1
Ich habe mir eigentlich vorgenommen, keine Anmerkung zu aktuellen Debatten zu machen. Das bekommt bei Ungeübten rasch Stammtischniveau. Ich möchte aber eine Ausnahme für das Hin-und-Her über die antisemitischen Äußerungen aus der katholischen Kirche machen. Wir hören bis zum Überdruss, daß der Antisemitismus keinen Platz in den katholischen Reihen habe, während wir zugleich sehen, daß er ihn tatsächlich hat. Er wurde vom Papst sogar eigens wieder installiert - in Person des unsäglichen Holocausleugners, der in unserem SInne ja ein Verbrecher ist.
Die Lust der Katholiken, das Wort Antisemitismus zu benutzen, ist unerhört groß und ungebrochen. Das zeigt, daß sie im Herzen sind, was sie mit dem Kopf abzulehnen vermögen bzw. versuchen. Sie werten Herz über Kopf. Jedes Bekenntnis bzw. Gerede des Papstes oder seiner Leute bleibt ein Haufen Worte, die vom Kopf kontrolliert werden. Sie erreichen das Herz nicht. Deshalb werden sie ja so gerne und oft gesagt. Im Herzen bleibt etwas anderes zurück, etwas, was von Anfang an da war.
Autor: Ernst Peter Fischer· 05.02.09 · 16:18 Uhr· 1 Kommentar
04. Februar 2009
Noch ein Jubiläum
Kategorie: Kultur
Bei den vielen Jubiläen, die wir der Endziffer 9 verdanken - 1609 das Fernrohr, 1809 Darwins Geburt, 1909 die Einfhrung des "Gens" -, könnte es sein, daß wir übersehen, daß 1959 zum ersten Mal der Begriff der zwei Kulturen geprägt worden ist. Der britische Physiker und Poet Charles P. Snow ärgerte sich über die eingebildeten intellektuellen Literaten, die jeden auslachten, der Shakespeares Sonette nicht kannte, während sie es für überflüssig hielten, den 2. Hauptsatz der Thermodynamik zu kennen. Ich denke, daß es diese hochnäsigen Vertreter der Geisteswissenschaften immer noch gibt, daß ihnen aber längst ebenso überhebliche Repräsentanten der Naturwissenschaften gegenüber stehen. Die zwei Kulturen stehen sich fremder denn je gegenüber. Im Darwin-Jahr wird man das merken, denn Evolution lässt sich nur über die Kulturgrenzen verstehen. Wer über die Evolution des Menschen spricht, sollte den Mechanismus der Evolution ebenso verstehen wie die Schwierigkeit kennen, genau zu sagen, was Menschen sind. Die Zahl der Chromosomen reich da ebensowenig wie ein philosophierendes Gemurmel.
Autor: Ernst Peter Fischer· 04.02.09 · 19:29 Uhr· 0 Kommentare
Eine kleine Aufgabe für Philosophen
Kategorie: Kultur · Kommentare: 22
In der Schule lernen wir, daß Erkenntnis gelingt, wenn wir Begriff und Anschauung haben. Begriffe ohne Anschauung sind leer, und Anschauung ohne Begriffe ist blind, wie es der Königsberger Philosoph Immanuel Kant in seiner "Kritik der reinen Vernunft" notiert hat. So weit, so gut. Für Kant, der sein Leben lang bekanntlich nicht aus Königsberg hinausgekommen ist, finden die Anschauung und die Begriffsbildung daher ganz selbstverständlich am selben Ort statt. Nun ist genau diese Bedingung bei Darwin nicht erfüllt. Seine Anschauung der Natur hat in aller Welt und vor allem auf den Galapagosinseln stattgefunden. Seine Begriffe entstammen aber einer völlig anderen Welt, nämlich der Welt der englischen Industriegesellschaft im frühen 19. Jahrhundert, als die industrielle Revolution soweit fortgeschritten war, daß sie ihren Namen bekam (mehr dazu im erweiterten Text). Wenn wir jetzt zum Erkennen schreiten, können wir die fremden Welten einfach übergehen und die Vögel wie die Menschen verstehen. Und wenn ja - als die besseren oder schlechteren? Stammen wir von Affen oder die von uns ab?
Autor: Ernst Peter Fischer· 04.02.09 · 18:22 Uhr· 22 Kommentare
Nicht im Jahr der Anpassung
Kategorie: Kultur
Wir sind im Darwin-Jahr, und das Interesse der Medien ist erstaunlich, soweit es mich angeht. So viele Anfragen zu Interviews, Stellungnahmen und Beiträgen hat es selbst im Jahr der Doppelhelix (2003) nicht gegeben, als ich so stolz auf meine Biographie von James Watson war, die dann kaum jemand gekauft hat. Den 200sten Geburtstag des britischen Naturforschers am 12. Februar - also in einer guten Wochen - will keiner verpassen, und die fragenden Reporter sind gut vorbereitet - auch anders, als es 2003 war, als es schon mal passieren konnte, daß jemand annahm, mit der DNA seien die Erbgesetze entdeckt worden. Bei den vielen (guten) Gesprächen über Darwins Gedanke fällt nur auf, daß der Begriff gar nicht erwähnt wird, den auch Darwin im Titel seines Hauptwerks unterdrückt, obwohl er dahin gehört. Gemeint ist die Anpassung. Evolution handelt von der Anpassung der Arten, nicht vom Ursprung, wie Darwins Titel fälschlicherweisen verspricht. Aber über Anpassung will niemand etwas wissen. Das will niemand wissen - und angepaßt will wohl auch niemand sein.
Autor: Ernst Peter Fischer· 04.02.09 · 17:53 Uhr· 0 Kommentare
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