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Mit dem Mauerfall endete auch die Trennung zwischen den Wissenschaftlern in Ost und West. Nach 20 Jahren ist es nun an der Zeit, um Bilanz zu ziehen: Wie verlief der Prozess der Wieder- vereinigung in Forschung und Lehre? Welche Unterschiede bestanden eigentlich zwischen den beiden deutschen Wissenschaftssystemen? Wie denken die politischen Akteure und betroffenen Wissenschaftler heute?
Das sind einige der Leitfragen des Symposiums "Wissenschaft und Wiedervereinigung" (24./25.11.2009).
Letzte Einträge
- Über eine Erfolgsgeschichte, die Verlierer produzierte2 Kommentare· 26.11.09
- Operation am offenen Herzen: Die Herstellung eines gesamtdeutschen Wissenschaftssystems0 Kommentare· 25.11.09
- Wissenschaftliche Wiedervereinigung: Ein Erfolg mit Schönheitsfehlern0 Kommentare· 23.11.09
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Neues in der Kategorie Politik
26. November 2009
Über eine Erfolgsgeschichte, die Verlierer produzierte
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Politik · Kommentare: 2
Im Rückblick auf vergangene Ereignisse wird häufig von Siegern und Verlierern gesprochen, es werden Erfolge und Mißerfolge dargestellt oder andere (vermeintlich!) eindeutige Zuschreibungen vorgenommen. Dass die Sache so einfach nicht zu haben ist, wurde beim Symposium "Wissenschaft und Wiedervereinigung" immer wieder deutlich.
Der Blick auf die unterschiedliche Entwicklung einer jahrzehntelang geteilten Wissenschaftslandschaft, den Umbruch von 1989/1990 und die sich anschließenden Transformationsprozesse zeigte, dass die Einteilung in Sieger oder Verlierer zum Scheitern verurteilt ist. Aber wen konnte das ernstlich wundern? Schließlich hatte der Wissenschaftshistoriker Mitchell Ash in seiner Keynote am gestrigen Vormittag schon auf diese grundlegende Einsicht hingewiesen: "Zeitgeschichte ist aus einer Perspektive nicht zu haben."
Der Aufbau des gesamtdeutschen Wissenschaftssystems ist eine Erfolgsgeschichte. Eine Erfolgsgeschichte, die allerdings viele Verlierer produzierte.
Und um die Diskussion und Rekonstruktion dieser verschiedenen Perspektiven ging es eben bei dieser Veranstaltung im Berliner Akademiegebäude. Die Debatten während der 1 1/2 Tage waren lebhaft. Und es wurde deutlich, dass zwischen vielen Teilnehmern wirklicher Konsens über die (Be-)Deutung vieler Prozesse kaum herzustellen sein wird. Letztlich ließ sich allenfalls folgende These aufstellen, die wohl bei den allermeisten auf Zustimmung hoffen dürfte:
Die Gestaltung des gesamtdeutschen Wissenschaftssystems (die unter enormen Zeitdruck ablaufen musste und im mehrfachen Wortsinne beispiellos ist) ist eine Erfolgsgeschichte. Eine Erfolgsgeschichte, die allerdings (auf institutioneller und individueller Ebene) viele Verlierer produzierte.
Autor: Marc Scheloske· 26.11.09 · 10:15 Uhr· 2 Kommentare
25. November 2009
Operation am offenen Herzen: Die Herstellung eines gesamtdeutschen Wissenschaftssystems
Die Wiedervereinigung ist auch für die Wissenschaft ein riesiges Geschenk! Darüber war man sich zum gestrigen Auftakt des Symposiums "Wissenschaft und Wiedervereinigung" einig. Über die Frage jedoch, wie die Neugestaltung des gesamtdeutschen, intregrierten Wissenschaftssystems nach nunmehr 20 Jahren zu bewerten ist, ob man den Prozess als Erfolg oder Misserfolg einstufen muss, ob (und welche!) Sieger und Verlierer es gab, darüber gingen die Ansichten weit auseinander.

Für Wolfgang Thierse - und hier fand er breite Zustimmung im Plenum - steht jedenfalls fest: Für die Wissenschaft bedeutet die Wende von 1989/1990 eine "unerhörte Veränderung." Man müsse sich nur einmal vergegenwärtigen, wie die heutige Wissenschaftslandschaft aussehen würde, wenn es die DDR noch gäbe, dann werde offensichtlich, wie elementar die Veränderung sei, so Wolfgang Thierse, der den akademisch-universitären Umbruchprozess als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentralinstituts für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR aus nächster Nähe miterlebt hatte.
Neben Thierse saß Dagmar Schipanski auf dem Podium. Und auch sie konnte ganz unmittelbare Erfahrungen beisteuern. Und in ihrem Eingangsstatement stellte sie unmißverständlich fest, wie unvergleichlich die Ausgangsbedingungen der beiden deutschen Wissenschaftssysteme vor 20 Jahren war. Auf der einen Seite das freiheitliche Diskurssystem, auf der anderen - so erlebte es Schipanski - eine selbst in den technischen Disziplinen ideologisch geprägte Wissenschaftslandschaft. Das begann mit der Selektion der Akademiker vor dem Studium:
"Wir hatten keinen freien Zugang zum Studium. Der Zugang war rigide beschränkt." (Schipanski)
Und für die weitere akademische Karriere stellt Dagmar Schipanski klar:
"Nicht die Leistung allein war ausschlaggebend, sondern soziale Herkunft. Und ebenso entscheidenend: poltisches Wohlverhalten dem Staat gegenüber." (Schipanski)
Autor: Marc Scheloske· 25.11.09 · 08:45 Uhr· 0 Kommentare
23. November 2009
Wissenschaftliche Wiedervereinigung: Ein Erfolg mit Schönheitsfehlern
Kategorie: Politik
Die meisten Beobachter sind sich einig: es gab kaum eine realistische Alternative zur Art und Weise wie der wissenschaftliche Wiedervereinigungsprozeß ablief. Prof. Dr. Manfred Erhardt war einer der Akteure, die diesen Transformationsprozeß mitgestaltet haben. Der Jurist und Wissenschaftspolitiker war ab 1991 Berliner Wissenschaftssenator.
In diesem Gastbeitrag resümiert er den wissenschaftlichen Vereinigungsprozeß:
Berlin ist heute eine der führenden Wissenschaftsregionen. Beim Exzellenzwettbewerb standen sowohl HU als auch FU auf der Short-List, wobei Letztere gekürt wurde. Die BBAW ist im Verbund mit Leopoldina und Acatech zur National-Akademie erhoben worden. Die Kunst- und die Fachhochschulen spielen an der Spitze ihrer jeweiligen Liga. Der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof ist eine blühende Landschaft. Und die außeruniversitäre Forschung floriert in einer Qualität, Dichte und Breite, wie sonst nur noch in Bayern und Baden-Württemberg.
Ich halte deshalb an meiner schon 1993/94 verlautbarten Bewertung fest, wonach die Wissenschaft der Bereich ist, in dem die Wiedervereinigung vergleichsweise am besten und darüber hinaus erstaunlich rasch und gut gelungen ist.
Autor: ScienceBlogs-Redaktion· 23.11.09 · 18:00 Uhr· 0 Kommentare
19. November 2009
Sprachwissenschaft in der DDR: Erfolge und Erbfolge
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Politik · Kommentare: 1
In Wissenschaft und Forschung gab es teilweise erhebliche Unterschiede zwischen der BRD und der DDR; wobei dies in Abhängigkeit von einzelnen Disziplinen nochmals variierte. Die Situation in den Biowissenschaften stellte sich beispielsweise ganz anders dar, als in der Philosophie oder den Wirtschaftswissenschaften.
Der Linguist Prof. Dr. Manfred Bierwisch war von 1957 bis 1991 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR, von 1992 bis 1998 war er Leiter der Max-Planck-Arbeitsgruppe 'Strukturelle Grammatik' und Professor für Linguistik an der HU Berlin. In diesem Gastbeitrag skizziert Manfred Bierwisch, unter welchen Bedingungen die Sprachwissenschaften in der DDR agierten.
Diese ziemlich generellen Bemerkungen können durch den Blick auf ein einzelnes Fachgebiet und seine Geschichte in der DDR etwas konkretisiert werden. Solche Feststellungen sind natürlicherweise durch persönliche Erfahrungen geprägt und überdies für verschiedene Fachgebiete und Institutionen sehr unterschiedlich, jedenfalls nicht generalisierbar. Die hier für die Sprachwissenschaft zu machenden Anmerkungen könnten dennoch charakteristisch sein.
Zunächst ist zur Kenntnis zu nehmen, dass 1945 in der ersten Phase nach dem Ende des Krieges der Osten vielen als das bessere Deutschland galt. Die Rückkehrer aus der Emigration von Brecht und Bloch bis Anna Seghers und Hans Mayer haben die DDR - ungeachtet des noch völlig ungebrochenen Stalinismus - nicht nur als echte Alternative zur Bundesrepublik, sondern auch als Möglichkeit einer sozialistischen Gesellschaft verstanden. Das hat viele Entscheidungen geprägt und Realitäten geschaffen.
Für eine bestimmte Phase war die Linguistik in der DDR womöglich näher an der internationalen Entwicklung als die in der Bundesrepublik.
Der Bruch mit erstarrten oder kompromittierten Teilen der Tradition im Osten des Landes hat in manchen Bereichen neue Möglichkeiten eröffnet. In der Sprachwissenschaft sind, insbesondere durch Initiativen von Wolfgang Steinitz, Entwicklungen in Gang gekommen, die in der Bundesrepublik erst verzögert zum Zuge kamen. Für eine nicht sehr lange und keineswegs stabile Phase war die Linguistik in der DDR womöglich näher an der internationalen Entwicklung als die in der Bundesrepublik. Jedenfalls haben einige Anstöße der 50er Jahre Spuren erzeugt, die auch nach dem Ende der DDR noch wahrnehmbar sind. Solche Feststellungen sind mit gebührender Zurückhaltung zu treffen, sie sind sehr fachspezifisch und allenfalls in jeweiligen Einzelfällen auf andere Bereiche übertragbar.
Autor: ScienceBlogs-Redaktion· 19.11.09 · 14:00 Uhr· 1 Kommentar
18. November 2009
Wissenschaft und Wiedervereinigung: Wer bestimmte die Spielregeln?
1989/1990 stand die Wissenschaftspolitik plötzlich vor der Aufgabe ein gesamtdeutsches, zukunftstaugliches Wissenschaftssystem zu gestalten. Wie sollten die Weichenstellungen aussehen? Welche Strukturen galt es zu bewahren, welche Reformen waren notwendig?
Der Linguist Prof. Dr. Manfred Bierwisch war von 1957 bis 1991 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR, von 1992 bis 1998 war er Leiter der Max-Planck-Arbeitsgruppe 'Strukturelle Grammatik' und Professor für Linguistik an der HU Berlin. In diesem Gastbeitrag blickt Manfred Bierwisch auf die Entwicklung vor 20 Jahren zurück.
Die Meinungen über Verlauf und Ergebnis der Vereinigung der beiden deutschen Staaten sind geteilt, auch im Bereich der Wissenschaft. Unterschiede im Urteil hängen naturgemäß mit der eigenen Erfahrung zusammen. Viele Probleme sind inzwischen aus dem Blickfeld geraten oder durch die eingetretenen Entwicklungen überholt oder überlagert. Werden die Erfahrungen und Bewertungen bewusst gemacht, lassen sich, stark vereinfacht, zwei Pole der Meinungsbildung erkennen:
- Die Vereinigung ist vollzogen, und das ist gut so. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Wer das bestreitet oder damit nicht zurechtkommt, verklärt die Verhältnisse davor.
- Die Vereinigung ist auf Kosten von Wissenschaftlern und Institutionen der DDR vollzogen worden. Wenn sich das schon nicht korrigieren lässt, muss man es wenigstens benennen.
Autor: ScienceBlogs-Redaktion· 18.11.09 · 13:00 Uhr· 0 Kommentare
16. November 2009
Samuel Mitja Rapoport: Biowissenschaften im Zeichen von Forschungsplanung und Fortschrittsdenken in der DDR
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Medizin·Politik · Kommentare: 4
Wer sich mit der biomedizinischen Forschung der DDR beschäftigt, der stellt fest, dass man ab den 1960er Jahren - in überaus fortschrittlicher Weise - das Augenmerk auf Transdisziplinarität legte, ambitionierte Großprojekte startete und sich ausdrücklich am Diskurs der (westlichen) Scientific Community orientierte. Wesentlich dafür verantwortlich war der Biochemiker Samuel Mitja Rapoport.
Der Historiker Dr. Andreas Malycha skizziert die Bedeutung Rapoports und erklärt, weshalb sein ehrgeizigstes Projekt letztlich nicht erfolgreich war.*
Für die Profilierung und Wettbewerbsfähigkeit biowissenschaftlicher Forschungen in der DDR hat sich in besonderer Weise der Biochemiker Samuel Mitja Rapoport engagiert. Rapoport hat wie kein anderer die molekular- und zellbiologische Grundlagenforschung zu verschiedenen Anlässen immer wieder in das Zentrum biowissenschaftlicher Forschungsgramme gestellt und auf die praktische Bedeutung ihre Ergebnisse verwiesen. Die Erforschung molekularer Grundlagen der Lebensvorgänge beim Menschen, bei Tieren und Pflanzen, so versuchte er auch die SED-Führung unter Ulbricht in den 1960er Jahren zu überzeugen, habe entscheidende Bedeutung für die gesamte Entwicklung der menschlichen Gesellschaft.
Auch die politische Führung der DDR bemerkte, dass die molekularbiologische und biomedizinische Forschung international hinterhinkte.
Allerdings war - auch aus Gründen der zunehmenden internationalen Isolierung nach dem Mauerbau 1961 - die molekularbiologische und biomedizinische Forschung in der DDR der internationalen wissenschaftlichen Konkurrenz, insbesondere der amerikanischen schon damals nicht mehr gewachsen. Das wurde auch in den politischen Führungsinstanzen, erst recht in der innerwissenschaftlichen Kommunikation so wahrgenommen und mehrfach beklagt.
Daher unternahm Rapoport mit seinem nicht geringen Einfluss auf wissenschaftspolitische Grundsatzentscheidungen immer wieder Versuche, von der DDR-Regierung umfassende Förderprogramme für die biowissenschaftliche Grundlagenforschung und unkonventionelle Strukturentscheidungen im festgefügten Wissenschaftssystem mit seinem fünfjährigen Planungsmodus zu fordern. Als Referenzebene für die geplanten „Spitzenleistungen" biowissenschaftlicher Forschungen diente ihm keineswegs die Sowjetwissenschaft, wie dies beispielsweise noch in der Genetik der frühen 1950er üblich gewesen war, sondern die amerikanische Forschung mit ihrem innovativem Forschungsmodell.
Autor: ScienceBlogs-Redaktion· 16.11.09 · 09:00 Uhr· 4 Kommentare
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