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Mit dem Mauerfall endete auch die Trennung zwischen den Wissenschaftlern in Ost und West. Nach 20 Jahren ist es nun an der Zeit, um Bilanz zu ziehen: Wie verlief der Prozess der Wieder- vereinigung in Forschung und Lehre? Welche Unterschiede bestanden eigentlich zwischen den beiden deutschen Wissenschaftssystemen? Wie denken die politischen Akteure und betroffenen Wissenschaftler heute?
Das sind einige der Leitfragen des Symposiums "Wissenschaft und Wiedervereinigung" (24./25.11.2009).
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18.11.09 · 13:00 Uhr
Wissenschaft und Wiedervereinigung: Wer bestimmte die Spielregeln?
1989/1990 stand die Wissenschaftspolitik plötzlich vor der Aufgabe ein gesamtdeutsches, zukunftstaugliches Wissenschaftssystem zu gestalten. Wie sollten die Weichenstellungen aussehen? Welche Strukturen galt es zu bewahren, welche Reformen waren notwendig?
Der Linguist Prof. Dr. Manfred Bierwisch war von 1957 bis 1991 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR, von 1992 bis 1998 war er Leiter der Max-Planck-Arbeitsgruppe 'Strukturelle Grammatik' und Professor für Linguistik an der HU Berlin. In diesem Gastbeitrag blickt Manfred Bierwisch auf die Entwicklung vor 20 Jahren zurück.
Die Meinungen über Verlauf und Ergebnis der Vereinigung der beiden deutschen Staaten sind geteilt, auch im Bereich der Wissenschaft. Unterschiede im Urteil hängen naturgemäß mit der eigenen Erfahrung zusammen. Viele Probleme sind inzwischen aus dem Blickfeld geraten oder durch die eingetretenen Entwicklungen überholt oder überlagert. Werden die Erfahrungen und Bewertungen bewusst gemacht, lassen sich, stark vereinfacht, zwei Pole der Meinungsbildung erkennen:
- Die Vereinigung ist vollzogen, und das ist gut so. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Wer das bestreitet oder damit nicht zurechtkommt, verklärt die Verhältnisse davor.
- Die Vereinigung ist auf Kosten von Wissenschaftlern und Institutionen der DDR vollzogen worden. Wenn sich das schon nicht korrigieren lässt, muss man es wenigstens benennen.
Von vornherein waren die Ausgangsbedingungen der (wissenschaftlichen) Wiedervereinigung asymmetrisch.
1. Die Bedingungen der Vereinigung waren - in der Wissenschaft wie in praktisch allen Bereichen - durch massive Asymmetrien bestimmt. Zu vereinigen waren ein großes und ein kleines Land, ein erfolgreiches und ein gescheitertes Gesellschaftssystem und Bevölkerungen mit sehr ungleichartigen Erfahrungen und Meinungen übereinander. Diese Asymmetrien waren eine nicht zu umgehende Tatsache. Die Entscheidung darüber, wie die Vereinigung zu geschehen hätte, lag natürlicherweise bei bundesdeutschen Institutionen. Das hatte zur Folge, dass sich die Vereinigung der Wissenschaft beider Länder als Ausdehnung oder Übertragung des Systems der alten auf die neuen Bundesländer vollzog.
2. Damit waren mindestens drei Arten von Konsequenzen vorgezeichnet:
- (a) Strukturen und Verfahren der Bundesrepublik wurden auf das Vereinigungsgebiet übertragen - mit allen Vorzügen und Begrenztheiten.
- (b) Innovationen waren unter diesen Umständen (mit marginalen Ausnahmen) nicht vorgesehen und praktisch auch gar nicht möglich.
- (c) Einrichtungen und Personal der DDR-Wissenschaft verschwanden, soweit sie den neuen Bedingungen nicht entsprachen.
Die alte Bundesrepublik gab die Spielregeln vor. Dazu gab es keine reale Alternative.
3. Die Spielregeln und Zielstellungen der angestrebten einheitlichen Wissenschaftslandschaft waren die der alten Bundesrepublik, ohne dass das hätte erörtert werden können, aber auch ohne dass es eine reale Alternative gegeben hätte. Das hatte, unbeschadet aller Umsicht, nicht nur Ungleichheiten im personellen Bereich zur Folge, sondern legte schon im Vorhinein ungleiche Ausgangsbedingungen fest. Hinterfragt wurden ja (zu recht) die Defizite der DDR-Hinterlassenschaft, nicht die der alten Bundesländer. Das Wort führten in allen damit befassten Gremien ganz selbstverständlich die Vertreter der alten Bundesländer. Auch wer davon nicht persönlich betroffen war, konnte nicht umhin, zu erfahren, dass die wissenschaftliche Elite der DDR mit ihren Verdiensten und unbestreitbaren Verfehlungen und Defiziten de facto ausgemustert war.
4. Der Vereinigungsprozess fand unter beträchtlichem Zeitdruck und mit hoher Intensität statt. Das war von den Akteuren und den Betroffenen der Veränderungen nicht zu beeinflussen. Abwägung der Voraussetzungen oder auch möglicher Alternativen war nur sehr beschränkt möglich. Sie hat auch im Nachhinein kaum stattgefunden. Etwaige Korrekturen einmal getroffener Entscheidungen wären auch schwer vorstellbar gewesen. Selbst Maßnahmen, die erkennbare Defizite hätten auffangen können und sollen - etwa in den Integrationsprogrammen für die Mitarbeiter aufgelöster Institutionen - sind praktisch im Sand verlaufen.
Spätere Strukturänderungen und Umdispositionen in den Hochschulen, (zum Beispiel der Curricula) haben nichts mit dem Einigungsprozess zu tun. Der weitere Entwicklungsgang auf der Basis der anfänglichen Weichenstellung ist weitgehend durch Gewöhnung an die entstandenen Bedingungen bestimmt, mit allen Vorteilen und Hindernissen.
Die DDR ist Geschichte, ihr Personal ist zu immer größeren Teilen in Rente.
5. Die noch immer keineswegs restlos verschwundenen Unterschiede der Ausgangsverhältnisse werden zunehmend randständig, sie werden eher eingeebnet als dass sie behoben würden. Mit dem natürlichen Generationenwechsel und der damit verbundenen Personalumschichtung werden sie obsolet und für die aktuellen Vorgänge uninteressant. Die DDR ist Geschichte, ihr Personal ist zu immer größeren Teilen in Rente.
--
In einem folgenden Beitrag nimmt Prof. Dr. Manfred Bierwisch die Sprachwissenschaften genauer unter die Lupe.
Autor: ScienceBlogs-Redaktion· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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